Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte

Noch einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner
guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der
Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir
erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem
Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung
zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als
akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte
verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde
mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom
Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten,
nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht
ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der
ein Mann von Welt war, kam meinen Wünschen aufs artigste entgegen. So
saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit,
daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello
des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf
die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an
meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem
er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen
plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und
Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man
denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit
einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in
Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern,
die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein
erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich
warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie
an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte
dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo
es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die
noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit
aufgehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner
Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.

Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen
seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich
ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit
sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer
Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine
Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die
Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal
sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück
Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang
verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst
die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben.
Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht
übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren,
einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich
ablehnte.

Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat
mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben
im Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in
wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß
sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht
käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das
ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte
mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das
lange Reitkleid über den Arm geschlagen — man trug damals noch die
tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr
gefährlich waren –, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand
ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner
höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte.
Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr
Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. — Heut können wir was
erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte,
das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter
heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das
Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken
zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben,
allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und ich spürte
gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er
sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle
auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so
war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die
Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße
unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des
Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein
Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den
Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine
Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe
an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte
ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales
natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer
Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem
Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase,
bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause
schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken
Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten,
auch war mein linker Arm von der Anspannung so verschwollen, daß er
vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch
hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte,
die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie
auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar
erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges
Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.

Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron
Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein
Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter
Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers
wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte.
Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in
den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“
wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine
feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte
sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie
er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging — und die
Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!

Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner.

Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was
freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische
Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und
Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil
das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den
es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen
„Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen
Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde
anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch,
was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht.
Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von
dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last
und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich
willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein
sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an
ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen.
Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den
Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es sich
sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich
Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer
des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend,
bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab
er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang
klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der
weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich
mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen,
halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer
mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf
seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr
nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein
Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen
Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die
Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren
Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme
Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der
wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle
Not, im Gemeinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz
zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten
zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich;
diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des
Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal
aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die
neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens
keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber
trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann
mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der
Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung
seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich
über viele Kränkungen.




Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich
gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis
gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen.
Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen
Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an
keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern,
und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge
darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch
aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“
Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm
und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse
und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von
mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger
verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen
zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die
gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine
Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen
Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen
Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des
damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.

Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich
in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen
Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen
sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne
Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach
der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens
an _einem_ Tag der Woche, und wäre es auch nur für _eine_ Stunde, das
Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht
zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer
und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren
meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen
Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich
als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die
Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung
vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge
Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere
sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht
der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der
Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht
hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen.
Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und
sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! — zu deutsch: Wo
hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? — zuzurufen. Es war
einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine
lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht
ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf
ganz zu verlassen.

Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender
Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen
Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war
dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen,
daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen
und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen
konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich
hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet
und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir
dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden
Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die
Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich
getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen
nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred,
die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange
Freundschaft hineinzuwachsen. Und an unseres Balde Krankenbett waren
die beiden Mediziner nützlicher als ich.

Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen
den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte,
hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe
seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich
in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich
war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder
Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte
dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte,
rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er,
daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des
Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit
dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm
schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif
erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer
aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn
niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb;
ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne
des kranken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den
Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie
auf diesen Weg gekommen.

Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen
aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf
hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel
Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels
blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer
geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta
ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend
Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit
leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in
mein neues Leben hinein.

Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine
Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und,
vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen
wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen
spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten
Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine
seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von
einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte,
dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den
Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein
Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich
aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine
Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde.
Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit
ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie
toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.