Der 10. Oktober

Während die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum
irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte
sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich
sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders
als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen
zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit
gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind,
er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen
Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge
selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung
des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater
mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens.
Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich geistig nicht so viel von
ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre.
Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast
mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren
Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht
aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu
wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von
dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den
Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut
waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan!
Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg
nicht finden, und den Brüdern ging es, wie sie mir später gestanden,
ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es
plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und
hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf
und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren
Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun
fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig
Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen.
Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel,
würde mir erst im späteren Leben richtig aufgegangen sein, hätte das
ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über
das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der
Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem
Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang
mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber
noch nicht erfahren hatte.

Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die
Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es
kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken
Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer
geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich
wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern
zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater
aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in
Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen.
Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige
Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des
Gehirns verursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte
er nur mich um sich haben, weil er bei mir die Ruhe fand, die seinen
Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende
Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei
erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter
dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen
allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um
ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten
weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu
bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht
mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte
in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von
welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der
verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne
Abschied hinwegnahm.

Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen,
unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich
mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich
später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes
Weinen ausbrechen sah, so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht
eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt
vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von
der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn
des Wortes nicht _fassen_, und dieses Unvermögen verursachte eine
schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim
atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem
Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort „tot“, das ich mir
innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und
das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht
zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir
das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in
dem das tiefe Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht,
aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das
Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen,
das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte,
als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen
Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren
um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm
ertötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden,
aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn
gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet
hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und
dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper
geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für
das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche
Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte
ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als
der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie
wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden.

In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig
neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren
Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die
jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich
eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters
Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst
aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst
nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie sagen.
War’s heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod
nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag
über ihrem ganzen Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten
ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem
Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht,
das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche
Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden
Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um
Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen
galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was
sie den Ältesten hatte genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es
war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht
immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann.

Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt
über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen
redete, als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der
ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit
Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen
waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten Werke
heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und
Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874
übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung
mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama
und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe,
die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J.
Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten.
Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden
schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr
heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit
ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der
angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande
meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag war im voraus bestimmt. Der
leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße
von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei
jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob
sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern
und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles
still blieb, trat ich selbst mit einem Bildhauer in Unterhandlung. Und
nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein
bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte
sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein
auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem
Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend.
Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran
freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich
gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber
der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft
wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig
überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich
sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte
führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen
konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte,
deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig
war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes,
ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er
sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht.
Die Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches.
Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen,
schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte
Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz:

Die weißen Flocken fallen dicht
Auf Dach und Mauern;
Ich drück ins’ Kissen mein Gesicht
Mit Schauern.

An einen Schläfer denk’ ich, hart
Im steinigen Bette.
Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt
Die Stätte.

Im engen Schreine hingestreckt,
Ruht er verborgen,
Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt
Kein Morgen.

Und um sein kaltes Kissen, weh,
Die Winde blasen,
Mit weißem Linnen deckt der Schnee
Den Rasen.

Mich schauert und die Ruh’ ist fort
In nächtiger Stunde,
Denk’ ich an jenen Schläfer dort
Im Grunde.




In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte
meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar
in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er
sagte. Ich nannte ihn bei mir den „Anderen“ und meinte mitunter
seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des
Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte
mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn
suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde
Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie
man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden
durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg
in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon
ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue
Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an
einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in
sehr schwerer Zeit zart und hilfreich zur Seite gestanden und der
in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich
niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für
ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht
zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben
werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu
meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes
Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von
innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf
damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich
selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in
den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in
einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und
glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend,
keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts
zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine
halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da
war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem
herwich wie der Horizont.

Edgar lebte unter dessen mit Inbrunst den Tag, von dem er keine
Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder
den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit
Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen,
als ahnte er, daß seine Zeit knapper bemessen sei. Doch hatte diese
Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend
gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual
waren ihm nur andere Formen der Freude und ebenso willkommen. Dabei
war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand,
so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch
nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit
in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich
sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe
unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem
Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar empfinden war auch
in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren
uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu
ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses,
nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl
hätte mir die reife Männlichkeit eines viel älteren Bruders getan!
So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber
häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der
Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als
die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu
begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen
und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal
verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem
Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht
führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das
Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort,
worin die Worte standen:

Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen?
Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt?
Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen
Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt.

Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte
nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine
allmähliche Wandlung am allerwenigsten. Für mich hatte er immer noch
viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen
Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch seine
Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so
ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin
der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck
durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um
in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von
den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie
Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten,
denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff
gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung
erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung
aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn
mit einundzwanzig Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen
Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere
Studierende zu Schülern hatte.