Vorfrühling

Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis
getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet
wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige
geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da
zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche,
sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im
Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili
sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und
an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich,
nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange
Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war
ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie
gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst.
Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen
Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in
unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein
paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres
Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide
nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft
fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre
durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und
Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf
der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns
zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine
Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch
das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm
recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis.
Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der
Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht
nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften
ein so großes Hindernis bilden.

Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit
scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den
halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der
Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel
mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder
aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten
Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks
herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte
nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte
Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht,
daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht
zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie
sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem
Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht
zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.

Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen
Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit
den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern —
und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines
Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land
der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von
Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten,
da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt
worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich
in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer
vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal
ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir
außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen
großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.

Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer
benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste
Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein
ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches
war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an
ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine
gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte,
taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes
bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken.
Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große
verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische
Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere
Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres
immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll
Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre
mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere
Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren
immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war
es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.

Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin
meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie
verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte
niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt
erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen.
Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus
Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand
gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen
Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise
begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem
Umfang ausdehnte. Die Vielgeschmähte war jedoch nicht ganz vom Übel.
Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe
für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch
kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit
ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune
sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann
häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese
auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es
genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen,
man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen,
ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht
nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili
zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst — denn es war
eine solche –, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und
sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten.

Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein
stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil
ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre
Welt und fand da genug des Neuen, mich ganz Berauschenden. Lili hatte
schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten
teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten
Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von
Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die
Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor
dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle
meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem
ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte
ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern.
Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr
nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in
dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit,
die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem
man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis
Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie
an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den
tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir
aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst,
das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere
Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.

Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das
liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte.
Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und
die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte
nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie
die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser
lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili
gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr
sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte,
war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte
er völlig.

Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten
Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin
eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der
einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen
beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und
sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen
suchte. Mit einem einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche
mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann
wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen
zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als
die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser
Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen
stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von
den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen
Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.

Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums.
Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten
die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die
naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger
von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die
eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft
ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die
niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir
in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie,
und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasisten immer in deiner
Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind,
und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber _das_
kannst du nicht von mir verlangen.

Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und
beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein.
Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte
sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich
jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis
Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der
eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt
vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig
Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses
herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich
hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle,
stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel
überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte
schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen,
die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als
Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von
klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles,
was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für
mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel
und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und
Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich
ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich
noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich
auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung
zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der
Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte,
mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner
Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan,
und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter,
schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah;
die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen
kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir
gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den
Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns
beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.

Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid
gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland
hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die
Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine
Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir
vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an
und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit
Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor
dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen,
daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner
nicht zu schämen habe.

Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel
in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht.
In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich
nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer
aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich,
um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das
blasse, geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten
nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich
gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein
davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die
Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie
das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen
metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes,
Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs
allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich.
Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf
die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit
Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen
begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht
hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte
nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist
Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte,
und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe.
In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf
steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig schmuckloser
Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten
wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese
quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge
Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen
machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des
Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten
Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge
der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen
sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem
Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese
Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die
sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen
hatten.

Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber
ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen
immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen
Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh
verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal
mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die
uns befreundete Familie empfing die reizende Braut mit offenen
Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat
sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein
leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es
war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen
Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen
geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium
war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen
Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich
ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte,
um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere
vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der
Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein
mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem
Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir
kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit,
ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze
männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir
schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem
so liebenswerten Geschlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes,
innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie
die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf
aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei,
jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn
ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in
solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten
Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der
viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen
als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht
irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens
mißdeute.

Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich
der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten,
die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf
geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes
Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie
jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von
ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem
Scheitel auftürmte, bald mein Haar in griechische Knoten wand oder
gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen
„Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein
Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der
Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns
beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir
vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf,
aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein
Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht
sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich
gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein,
das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst
verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir
lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s
nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da
kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen
für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten
Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel
erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen
allmählich seltener, und was zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor
Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene
Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte,
den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich
ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte
ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen
kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit
und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und
genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren
Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst
in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen
all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und
zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten
zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und
wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht
in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in
jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen,
die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem
bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegenständen ein
weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz
aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher,
als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein
Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig
verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es
war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten
jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den
Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und
Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines
Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen
Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser
kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine Schwester!
— — —

Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als
ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein.
Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder
mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen
sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg,
von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit
entspränge. Am liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem
leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst
gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe
aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und
plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis,
gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich
desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst
aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so
erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste
Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt
hat es wieder den höchsten Grad erreicht. — Aber nie konnte ich sie
bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen,
schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der
die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals
handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten
grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich
vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich
zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es
war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß zwei halbwüchsige Jungen,
denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber
Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das
Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das
Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit
ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete
sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt
ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und
wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden!
Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen
Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein
Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle
Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie
hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen
gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der
Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur
die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße
der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem
stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und
wir wieder alle heil in unseren Betten.




Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der
auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl
ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des
Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung,
wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte
Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen
unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße
Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen
nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu
bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte
es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden
Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich
die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der
Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten
von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich
in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch
öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund
für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein
Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeitlang fernblieb.
Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die
Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte
ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne
Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden,
das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der
letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der
Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle
von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen
Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt,
aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die
Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall,
daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete
sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte
sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel
längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von
dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon
die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten
Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien,
schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen Anfang ich
über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen
tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig
nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer
Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing
ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich
vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden
Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets
beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein
auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich
befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel
schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber
hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den
hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun,
um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich
begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame
gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie
so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen
wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte,
zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel oder das gerade
Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so
recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich
abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar,
dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man
unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete
sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des
Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war
unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie
zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich
selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren
Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich
hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne,
und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres,
sorgloseres Kinderlachen hören.

Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß
gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die
Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte
dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte
für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem Werte sein.
Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen
schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine
Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in
den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von
vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf,
sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt
des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für
ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war.
Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch
ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die
Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder
Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft
versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe
fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich
an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie
selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß
unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele
gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen
besser gedient ist als mit Reden, solcherlei Ausgleichspolitik
beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der
Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich
es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine
Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm
meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel
Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich
alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus
erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es
als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein
sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu
predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung
vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.