Russische Freunde

Unterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem
Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer
ersten Liebe an sich hatte.

In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer
Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den
zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern
mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren
Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer
an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus,
teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene
Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den
frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel
geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten
Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal
zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp
Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten,
und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken.
Aber wem? — Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor
der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein
leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter
Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und
alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa
Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt,
eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und
schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches
Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur
seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich
fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war
bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich,
was für den Knappen der Ritterschlag.

Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben
alten Waldwirtschaft, wo Frau Lächler, die philosophische Wirtin,
uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da
erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen
großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen
siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich
sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen
nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige
dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse
als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich
allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus
an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen,
die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen
altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite,
wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse
bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste
Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch
so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen,
vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten,
sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches
Widerspiel. Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es
schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen.
Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der
leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der
Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner
Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie
ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das
kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm
jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen
Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber
so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig
war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres
Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte
seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor,
um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging,
wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt,
der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier
„Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die
Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz der ihm erwiesenen Ehre
hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange
es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über
Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte
seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines
Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual.

Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders
ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich
begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur
über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde
war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht.
Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine
immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir
seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so
stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese
Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte
und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer
stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und
den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem
bürgerlich hergebrachten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu
erweitern suchte.

An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen
Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch
nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch
der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen,
wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres
Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und
der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine
und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei
Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von
seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem
seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur
Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons,
nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später
seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte
gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und
ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden
wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im
Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesellschaftsspiele, bei
denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch
Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte
komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen,
worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe
Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die
ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen
Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit
ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften
nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer
und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der
reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen
plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen
Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen,
selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu
widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner
Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine
Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus
verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken.
Dafür wandte sich ein andermal der Groll gegen ihn, wenn er sich z.
B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht
leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien
dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen
seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und
er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten
mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren,
zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und
her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er
das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von
seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte
ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich
zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem
fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen
pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die
Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen
mit Schokoladenguß mit. Ja — und du? hieß es dann. Sie behauptete
jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle
wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste,
und diese Törtchen waren besonders fein. Deshalb aß sie nie eins,
sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere
essen zu sehen.

Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu
gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als
angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch
eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder
sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama
war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs.
Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals
bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur
Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren,
nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit
unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne
Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen
konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien,
sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um
dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen
und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen
gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre
kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine
Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die
Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben,
damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund,
der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es
war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen
Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit
unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter
diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als
Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet
mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken
hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt.
Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür
wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand
es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon
auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich
auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine
Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein
Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die ganze Germania, schrieb
sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder
ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister
in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer
Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und
Sallustübersetzungen.

Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau.
Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen,
den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes,
lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem
Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem
großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur
Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in
ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen
Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den
Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur,
geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand
fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein
förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele
ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich dann beim Kehraus schadlos.
Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der
Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war.
Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf.
Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch
hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen
Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer
den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen.
Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und
Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber
doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da
man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster
Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend
kränzebeladen und freudensatt — denn sie genoß meine Jugendfreuden
fast mehr als ich selber — nach Hause fuhren, holten uns Ernst und
Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen
behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen
Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin
schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelungenstil
aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten
bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang,
eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum
Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein
späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher
Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf
durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten
ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe
doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden
schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten
fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der
Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort.

Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg
allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen
nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch
auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden
Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon
Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich
am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu
erlangen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen
Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der
Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber,
an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend
die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge,
die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein
altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen
über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei
jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer
Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im
Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche
Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder
im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite
offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte
Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt
von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten.
Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt
sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein.
Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen teilen,
damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache
und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der
andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und
entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und
Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten
sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und
Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück
mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit
der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras
essen mögt! — Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen
am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her
waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu
stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen
Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu
reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum
Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch
allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von
dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche
Stadt in fremden Händen zu wissen. In der Dunkelheit kehrten sie über
die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück;
der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder
Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien
Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken
Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten.

Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich
im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien
zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem
Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich
unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von
der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten
Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über
die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu
erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja,
jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden.

Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere
Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft
aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigenheiten hatte es
dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen
seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen
Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch
Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam,
half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich
noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei
einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten
geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo!
— Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist
mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund
der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte
er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine
kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn,
dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte
dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war
und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie
noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er
gut aufgelegt war.

Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt
in dem Freundschaftsbund, der sein Glück gewesen war, allmählich
zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter
hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals,
sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine
Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt
sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit
der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald
fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und
Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der
guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen.
Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu
verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen
Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder
Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er
fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe.
Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches
Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er
machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er
kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich,
zwischen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht
wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann _hast_ du
gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer.

Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig
im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil
er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere
sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten
Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und
fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und
doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war
jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor
Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß
er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein
Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte.
Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener
Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise
es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen
aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen
Flüssigkeit. Er merkte nichts und hat nie von dem Tausch erfahren. Die
Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes
Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis,
dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so
schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so
recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund
mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche
Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte
seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals
Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber
mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie
mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer
Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten
Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut;
sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die
Liebe.

Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem
der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte
jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der
Gedanke, daß der erste beste mit einer Verbeugung an seine Schwester
herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß
ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief,
und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken
ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim
Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom
Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen,
daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht
hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es
wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen,
jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn
Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern
unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger
Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem
Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen,
und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm
halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich
zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren.




Sein schmerzlicher Bruch mit Mohl wurde äußerlich durch die Familie
verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder
mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar
abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden
gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich
für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte.
Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir
endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in
Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk
nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand
und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten
weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie
selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen
worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen
Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den
schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen
zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine
Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und
Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen
Bäckerladen flüchteten, der schnell geschlossen werden mußte. Die
Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir
wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau
in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder
hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem
Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas
anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete.

Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie
entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere
Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung
kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die
älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu
rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben.
Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam
zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein
Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren
auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg
Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone
wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren
Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur
daß Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem
aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel
verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig
da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch
immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch
nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt
Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln,
was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder
Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles
beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf.

Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche
Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln
an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen
überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt.
Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte
sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren
grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der
berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und
erzählte von ihren galanten Beziehungen zu der vornehmen Damenwelt von
Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um
mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen
— aber nur durchs Schlüsselloch!

*

Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging,
wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im
Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky
aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt
aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß
ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen
gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und
wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre
ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre
Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu
können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren
Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so
stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit
im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die
mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für
die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir
zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als
sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers
von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache
zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten,
in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier
nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu
über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen
ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß
mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr
den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen
Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen.
Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit
meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her
russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer:
ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der
Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der
das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr
auch keine große Freude machen zu wollen. Der Unterricht, den sie mir
gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete
sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden
Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen
Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit
mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit
in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte.
Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus
Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen
als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge
nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde
geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen
Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im
Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen
Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht
in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich
glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den
geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel,
wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne
Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir meine Mittel
erst später) meine Sätze baute — häufig zur großen Heiterkeit der
Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht
das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um
mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur
zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit
Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür
blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie
hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der
Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt
von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen
und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich
durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein
von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann
die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause
aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen
lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter
Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte.