Ein französischer Revolutionär

Zu Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr.
Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt
war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß
ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen
Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre
doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just
schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe.
1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris
betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen
waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig
Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war
damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon
Vaillants Äußeres bezeichnete den ganzen Menschen: mittelgroße, hagere
Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die
bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen,
in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch
Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine
Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten
Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt
und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus
zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung
völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben
an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem
Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener
besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete
Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des
Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte
schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen
helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er
nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution
von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch
das Proletariat erneuert und mit Niederhaltung der bevorrechteten
Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der
Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein
Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt
ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb — er
trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel,
und sozialwirtschaftliche Studien –, hatten vor allem den Zweck, der
Partei zu dienen.

Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und
ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution
den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser
verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft
seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen,
charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres
kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr
ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der
Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose,
zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein
Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit
für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen Hausfreund
die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters,
aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach
Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer
künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah
alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt
hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er
auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken
Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der
Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme…

Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der
des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens
hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist
in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher
Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den
Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit
meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren
Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit
im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an
die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln genäht
werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur
bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz
besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter
zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem
Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch
belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er
sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des
Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte
er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer
sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes
Vitriol in den Adern.

Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar
den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er
übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch
auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere
Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe
für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg
ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose
Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten
Anlaß zu einem kleinen scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich
einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel
zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es
meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen
war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er
sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs
Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste
Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen
und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein
Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la
grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur
Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten
Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf
altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.

Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen
Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit
der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die
treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in
dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen
hatte. Aber aus vergötternder Mutterliebe zwang sie sich so zu
denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch
dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen
gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die
Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit
entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei
der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach
Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes
Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so
fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein
späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab
um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der
beiden Mütter aufrechterhalten.

Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war
voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das
ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals
gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung,
aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis
von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den
„Volksstaat“, wollte die soziale Frage lösen und sang in den
feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es
dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie
hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich
aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf
die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf
die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt
doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes
auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen
Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in
dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem
besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß
von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich
heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit
ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat,
in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu
erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie
begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu
modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell
so weit, daß sie ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte
sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der
künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur,
und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame
Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge
mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück,
der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der
Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle
Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im
Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang
tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal
errichtet.

In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen
humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon,
Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen
Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem
neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung
sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen
werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant
dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Freilich müssen Frauen
hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, —
was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß,
weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern.
Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.

— — — Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich
mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh
gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt.
Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus
dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge,
die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch
hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander
den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste
Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein
andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem
Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese
Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie
gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären
sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche
Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die
ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder
feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so
gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend
stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den
Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und
Fülle der Falten ersetzte.

Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu
verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen
heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine
Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend
Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere
Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen
Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige
Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine
kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen
in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte:
Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa
bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten
sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr
festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem
Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die
Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern,
die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe
neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern
nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen
waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu
dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche
Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht.
Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den
Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer
in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel
betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig
sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden
Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je
eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das
eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei
schon hinter mir.




Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von
Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere
Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster
Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal
Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger
Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener
Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß
ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel
des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat
einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen
Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener
Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach
seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von
seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen,
die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen
Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich
allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit
und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal
mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu
tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für
den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden
Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon
vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr
geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern
von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er
mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich
an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr
zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen
zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen,
die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo.
Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen
eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte,
wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem
Gespräch und der Arbeit geteilt saß. — Meine größte Schwierigkeit aber
war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre
damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten
ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten
übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines
heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie
darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele
fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und
leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht
die meinigen waren.

So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große,
außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb
nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu
suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere
gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch
und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin
geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr
Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die
Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben
ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ
die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder
wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie
gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen?
Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich
unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub
auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte,
mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie
man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer
Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich
ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie
zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall
der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das
keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem
schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn
je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie
der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese
Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl
der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin
über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich
Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten
Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist
er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah
ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser
Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten
Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem
Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer
von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang
bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn
für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig
entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die
größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau
das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche
Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und
nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung
des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem
Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den
Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das
Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!