Nachklänge des „tollen“ Jahres. Das rote Album.

Bevor ich weitergehe, muß ich hier einige Worte über die ureigene
Persönlichkeit meiner Mutter vorausschicken, weil ohne einen Blick auf
ihr Gesamtbild die einzelnen Züge ihres Wesens, wie sie bruchstückartig
aus diesen Blättern hervortreten, nimmermehr richtig verstanden werden
könnten. Sie wiederzugeben ganz so, wie sie war, ist ein Wagnis. Kein
Bild ist leichter zu verzeichnen als das ihre. So ausgeprägt sind ihre
Züge, so urpersönlich — ein einziger zu stark gezogener Strich, eine
vergröbernde Linie, und das Edelste und Seltenste, was es gab, kann
zum Zerrbild werden. Und nicht nur die Hand, die das Bild zeichnet,
muß ganz leicht und sicher sein, es kommt auch auf das Auge an, das es
auffassen soll. Wer gewohnt ist, in Schablonen zu denken, findet für
das nur einmal Vorhandene keinen Platz in seiner Vorstellung. Es gab
Philisterseelen, die in diesem unbegreiflichen Wesen nichts sahen als
ein Wunderliches kleines Frauchen, das wenig auf seinen Anzug hielt und
keine „gute Hausfrau“ war. Für mich und alle, die sie wahrhaft kannten,
ist sie immer das außerordentlichste menschliche Ereignis gewesen.

Wir waren so fest verwachsen, daß mein Gedächtnis ihre eigene Kindheit
mit umschließt, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Ich sehe sie, wie
sie als Oberstentöchterchen in Ludwigsburg aus ihrem großen Garten, der
an das Militärgefängnis stieß, das schönste Obst ihrer Bäume durch die
vergitterten Fenster heimlich den Sträflingen zuwarf, voll frühzeitiger
Empörung, daß es Menschen gab, die man der Freiheit beraubte. Wie die
Gefangenen erfinderisch lange Schnüre herabließen, woran die Kleine
ganze Würste, Kuchenstücke und was sie Gutes in Küche und Keller finden
konnte, festband und so die erste rebellische Freude genoß, Gedrückten
beizustehen. Ein andermal schwebt sie mir vor, wie sie ihre Ferientage
bei dem „Tantele“ zubringen durfte, der einzigen bürgerlichen
Verwandten, die sie besaß und in deren Hause ihr am wohlsten war,
weil es da ganz einfach zuging und sie tun und lassen durfte, was sie
wollte. Ihr erstes war dann, alle Hüllen von sich zu werfen und ihr
Sommerkleidchen auf den bloßen Leib anzuziehen, was ja viel kühler war,
denn sie sah nicht ein, warum der Mensch so viele Umstände mit seinen
Kleidern macht. In seligem Mutwillen zog sie die langen, ungeknüpften
„Kreuzbänder“ ihrer Schuhe durch den Straßenkot, glücklich, daß
keine Gouvernante da war, sie zur Ordnung zu rufen, und daß kein
Bedienter, der hinter ihr ging, sie an die Ungleichheit menschlicher
Lose erinnerte. In diesen kleinen Zügen waren schon die Grundlinien
ihres Wesens angedeutet: ihr tätiges Mitgefühl für die Bedrängten und
Schwachen, der angeborene kommunistische Zug und der Rousseausche Drang
nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur. Wie sie dann im Jahre 1848
mit ihrer bevorrechteten Kaste brach, um auf die Seite des Volkes zu
treten, habe ich in meiner Hermann-Kurz-Biographie erzählt.

Die unbegreiflichsten Gegensätze waren in diesem Menschenbilde zu
einer so einfachen und bruchlosen Ganzheit zusammengeschweißt, daß
man sich in aller Welt vergeblich nach einer ähnlichen Erscheinung
umsehen würde. Von sehr altem Adel, mit allen Vorteilen einer
verfeinerten Erziehung ausgestattet und doch so ursprünglich in dunkler
Triebhaftigkeit! Diese Triebhaftigkeit aber gänzlich abgewandt vom
Ich, was doch der Natur des Trieblebens zu widersprechen scheint!
Was andere sich als sittlichen Sieg abringen müssen, der selbstlose
Entschluß, das war bei ihr das Angeborene und kam jeder Zeit als
Naturgewalt aus ihrem Innern. Wenn ich mich umsehe, wem ich sie
vergleichen könnte, so finde ich nur _eine_ Gestalt, die ihr ähnelt,
den Poverello von Assisi, der wie sie im Elemente des Liebesfeuers
lebte und die freiwillige Armut zu seiner Braut gewählt hatte. Sein
Sonnenhymnus hätte ganz ebenso jauchzend aus ihrer Seele brechen
können. Auch in dem starken tierischen Magnetismus, der von ihr
ausströmte, muß ihr der heilige Franziskus geglichen haben, denn um
beide drängte sich die Kreatur liebe- und hilfesuchend. Kinder und
Tiere waren nicht aus meines Mütterleins Nähe zu bringen. Auch das
Irrationale und Plötzliche, das zum Wesen der Heiligen mit gehört, war
ihr in oft erschreckendem Maße eigen.

Eine unerhört glückliche Körperbeschaffenheit kam ihren inneren Anlagen
zu Hilfe. Sie hatte nahezu gar keine Bedürfnisse; Hitze und Kälte,
Hunger und Durst wie auch der Mangel an Schlaf drangen ihr kaum ins
Bewußtsein. Sie aß kein Fleisch, außer in den sehr seltenen Fällen
eines plötzlichen Nachlasses, und auch dann nur einen Bissen, denn
das Schlachten der Tiere gehörte zu den Dingen, die ihr die schöne
Gotteserde verdüsterten. Mitunter lebte sie lange Zeit überhaupt nur
von ein wenig Milch mit Weißbrot. Ihr kleiner, immer in Bewegung
befindlicher Körper kannte keine Müdigkeit noch Erschlaffung. Fünf
Kinder hatte sie an der Brust genährt, alle weit über die übliche Zeit
hinaus, und ihre Kraft war dadurch nicht im mindesten geschwächt. Es
gab Zeiten übermenschlicher Leistung in ihrem Leben, als sie ihren
todkranken Jüngsten in seinen wiederkehrenden Leidenskrisen pflegte,
Zeiten, wo sie des Nachts nicht aus den Kleidern kam, ihm heitere
Märchen und Geschichten erzählte, auch frei erfand, mit der Todesnot
im Herzen, und doch am Tage ganz frisch wieder ins Geschirr ihrer
häuslichen Pflichten ging. Was auch die vielgequälte Seele leiden
mochte, der Körper nahm keinen Teil daran, er blieb schlechterdings
unverwüstlich. Dabei hatte sie die Gabe, an jedem Orte, zu jeder Zeit
und in jeder Stellung rasch ein wenig im voraus schlafen zu können;
waren es auch nur Minuten, so erwachte sie doch immer neugestärkt. Sie
rollte sich dabei ganz in sich zusammen und brauchte nicht mehr Raum
als ein fünfjähriges Kind. Aber sie schlief dann stets mit Willen; vom
Schlummer überwältigt habe ich sie nie gesehen. Ruhe und Gemächlichkeit
widerstrebten ihrer Natur, beim ersten Morgenschein fuhr sie aus dem
Bette und ging gleich an irgendeine Beschäftigung oder, wenn wir auf
dem Lande lebten, hinaus ins Freie, denn der Sonnenaufgang war ihre
Andachtsstunde. Bequem auf einem Stuhl zu sitzen, war ihr unerträglich.
Sie saß immer irgendwo schwebend auf einer Kante wie ein eben
herzugeflogener Vogel. Am liebsten aber kauerte sie, klein und leicht
wie sie war, auf einem Schemel oder am Boden.

Ihr Gesicht hatte, ohne schön zu sein, etwas unruhig Fesselndes bei
überstarkem Glanz der Augen, wozu auch das schimmernde Weiße viel
beitrug. Aber erst im höheren Alter bekamen ihre Züge die ergreifende
Harmonie und großartige Einfachheit, in der sich dann ihr gereiftes
Wesen wunderbar ausdrückte. Durch die Schnelligkeit ihres Ganges
fiel sie noch als Achtzigerin auf, dabei waren ihre Hände immer ein
wenig voraus, wie im steten Begriff zu helfen und zu geben. Alles
ging ihr zu langsam, beim Anziehen fuhr sie noch im höchsten Alter
immer mit beiden Armen zugleich ins Kleid. All diese äußere Hast war
aber frei von Nervosität und Zerfahrenheit. Man konnte sie bei der
ungeheuren Raschheit ihres Wesens einem jener hinjagenden Wirbelwinde
vergleichen, in deren Innerem eine vollkommene Windstille herrscht.
Ihre Gelassenheit war so groß, daß sie ihre unzähligen Briefe immer
im Tohuwabohu der Kinderstube schrieb. Auch wenn andere währenddessen
mit ihr sprachen, ließ sie sich nicht aus ihrem Gedankengang bringen.
Sie brauchte zum Schreiben nur eine Tischecke und eine von den Kindern
geliehene Feder. Denn sie besaß gar nichts Eigenes, nicht einmal
Schreibzeug. Und die Ströme Wassers, mit denen sie uns täglich abflößte
— ein in bürgerlichen Häusern damals noch wenig gepflegter Brauch –,
waren die einzige Erinnerung an die aristokratische Lebenshaltung ihres
Elternhauses, die sie mit in die Ehe herübernahm.

Ihre Unempfindlichkeit gegen Geräusch hatte die Folge, daß sie von mir
denselben Gleichmut verlangte, und das war mir eine große Pein. Nicht
nur meine Lernaufgaben, sondern auch meine Übersetzungen, die schon in
den Druck gingen, mußte ich unter ganz ähnlichen Bedingungen an einer
Tischecke zuwege bringen, mit einer Feder, deren Alleinbesitz mir nicht
zustand. So oft ich mich mit Schreibgerät versorgte, immer verschwand
es in der Schultasche der Brüder, die ihrerseits auch nicht besser
gestellt waren, denn jegliches Ding ging von Hand zu Hand, und ein
jeder suchte immerzu das seinige oder was er dafür hielt; mit Ausnahme
des Erstgeborenen, dessen kleine Habe unantastbar war. Wären die Kinder
nicht alle gut geartet gewesen, so hätte es beständigen Streit um das
Mein und Dein geben müssen; so gab es nur ein beständiges ärgerliches
Suchen und Fragen bei großem Zeitverlust. Und ähnlich ging es mit
allen anderen beweglichen Gegenständen auch. Am meisten war mein armes
Mütterlein selbst geplagt, denn das Objekt, das sich von ihr allzutief
verachtet fühlte, verfolgte sie mit unersättlicher Rachgier, so daß sie
selbst, die gute Josephine und ich, die wir ihr beistanden, viel Kraft
in diesem sieglosen Kriege verschwendeten. Aber eine andere Hausordnung
einzuführen, bei der jegliches Ding an seinem Platz geblieben wäre,
widerstrebte ihr durchaus.

Ich erinnere mich, daß um jene Zeit in einer Kammer mehrere ganz
gewaltige Ballen feinster, handgewebter Leinwand lagen; sie stammten
noch von meiner Großmutter Brunnow, die sie jahraus, jahrein für den
Brautschatz ihrer Marie hatte weben lassen. Die schönen Tafeldamaste
und Bettlinnen wurden ebenso wie das kostbare Kristall vorzugsweise
zu Geschenken verwendet, wenn etwa eine der jüngeren Freundinnen sich
verlobte, oder zu Vergütungen für geleistete Dienste. Nun war es unter
den Geschwistern ganz üblich, daß, wenn einer des Morgens sein Handtuch
nicht fand, weil der andere es benützt und in den Winkel geworfen
hatte, der Geschädigte, statt um ein neues zu bitten, einfach zur
Schere griff, um sich von dem Leinwandballen ein beliebiges Stück
abzuschneiden, das er ohne Umstände in Gebrauch nahm. Mein Mütterlein
verwehrte es nicht, sie half wohl selber mit, wenn gerade der Schlüssel
zum Wäscheschrank verlegt war. Als ich ihr nun eines Tages den
Vorschlag machte, mich die abgeschnittenen Stücke einsäumen zu lassen,
wie ich es anderwärts gesehen hatte, weil es dann hübscher aussehen
und länger halten würde, ließ sie mich ärgerlich an, ich solle mein
Herz nicht an solchen Kleinkram hängen, sondern froh sein, daß ich mich
geistig beschäftigen dürfe. Zugeben muß ich heute, daß die Handtücher
jetzt doch zerrissen wären und daß die geistigen Werte, die sie uns
gab, festen Bestand hatten. Aber damals machte es mich oft traurig,
daß sich gar kein Austrag zwischen den höheren Aufgaben und der Welt
des Irdischen finden ließ. Und wenn ich gar einmal, von einem Besuch
bei auswärtigen Freunden heimkommend, eine dort gefundene Ordnung
oder Verbesserung im eigenen Hause einführen wollte, so konnte sie
ernstlich böse werden und mir drohen, sie würde mich niemals wieder
in fremde Häuser gehen lassen. Sie pflegte dann in ihrer drastischen
Weise zu klagen, daß ich meine Gaben nur hätte, um dümmer zu sein
als das dümmste Frauenzimmer. In solchen Fällen stieß ich sogar auf
den Widerstand Josephinens, die in ihrem eigenen Tun noch immer so
pünktlich und geordnet war, wie sie es im Brunnowschen Hause gelernt
hatte, die aber mit solcher Leidenschaft an ihrer Herrin hing, daß sie
nur mit ihren Augen sehen konnte. Ganz mit mir zufrieden wurde mein
gutes Mütterlein erst, wenn ich endlich, nach vergeblicher Bemühung,
Ordnung zu stiften, entmutigt die Arme sinken ließ. Dann saß man
wieder inmitten des häuslichen Durcheinanders, das einen nichts mehr
anging, weltentrückt wie die indischen Weisen unter ihrem Urwaldbaum,
und sie redete zu mir über das Woher und Wohin, vor allem über das
Warum des Lebens. Denn in dieses zuckende, rastlose Flämmchen war ein
ganz stiller, einsamer Denker eingeschlossen, der immerzu über die
letzten Geheimnisse grübeln mußte. Die materialistische Weltauffassung,
die damals der Philosophie den Boden wegnahm, befriedigte sie im
Innern keineswegs. Das Rätsel des Todes machte ihr lebenslang zu
schaffen. Sie prüfte unablässig alles Für und Wider der Gründe für
ein Fortleben. Natürlich kam sie niemals zu einem Schluß, und es hing
ganz von ihrer augenblicklichen inneren Verfassung ab, ob sie mehr
dem Ja oder dem Nein zuneigte. Daß sie glühend das Ja ersehnte, um
ihre Liebe noch über das Erdenleben hinaus zu betätigen, war für sie
doch kein Grund, ihr Denken nach ihren Wünschen einzustellen. Sie
erzählte mir oft, daß sie sich einmal mit einer Bekannten, Frau H. aus
Eßlingen, das Wort gegeben hatte, welche vor der anderen stürbe, die
wolle der Überlebenden ein Zeichen geben. Frau H. starb, und in einer
der nächsten Nächte sah meine Mutter sie am Ende eines langen Ganges
vorübergehen und ihr zunicken. Sie verstand gleich, was das Nicken
bedeute, aber beim Erwachen erwachte auch der Zweifel. Weshalb sollte
mir Frau H. erscheinen, sagte sie, und meine Mutter nicht, die mich
so unendlich geliebt hat? Denn auch ihre Mutter hatte ihr ein solches
Versprechen gegeben, und sie hatte nach ihrem Tode bestimmt auf eine
Erscheinung gewartet. Als sie in der Nacht an ihrem Bette plötzlich ein
Licht aufblitzen sah, dachte sie: das ist sie! Und lag mit klopfendem
Herzen regungslos, um das Licht nicht zu verscheuchen, das immer um sie
blieb und bald da, bald dort erschien. Aber am Morgen sah sie einen
toten Leuchtkäfer auf dem Gesimse liegen und wartete fortan nicht
mehr. Seit dieser Enttäuschung lehnte sie alle Mystik entschieden
ab, wiewohl ein mystischer Zug unter dem Grunde ihres Bewußtseins
lag. Sie hatte auch prophetische Träume, die sich seltsamerweise
meist auf Nebensächliches bezogen, wie verlegte Gegenstände, deren
Versteck ihr der Traum zeigte. Bisweilen hatten aber diese Träume auch
bedeutenderen Inhalt, und einen davon werde ich an einer späteren
Stelle erzählen. Es gab übrigens noch einen anderen geheimnisvollen
Punkt in ihrem Seelenleben, über den sie sich nur selten und mit
größter Zurückhaltung äußerte. Sie sagte mir nämlich wiederholt auf
ganz verschiedenen Altersstufen, daß sie ein Dämonium wie das des
Sokrates habe, das mitunter sehr nachdrücklich und stets in abmahnender
oder mißbilligender Weise zu ihr spreche. Mehr erfuhr ich nicht und
fragte auch nicht weiter, um eine solche Gabe, die bei ihrem Ungestüm
gewiß wohltätig war, nicht durch Beschreien zu stören. Ich weiß aber,
daß sie sich auch zu anderen andeutungsweise über die Sache geäußert
hat.

Ich hatte damals für ihre immer wiederkehrende faustische Klage, „daß
wir nichts wissen können“, wenig Sinn. Die Tatsache unseres Hierseins
war mir noch so neu und merkwürdig, daß ich nicht nach dem Woher und
Wohin und am allerwenigsten nach dem Warum fragte. Dagegen liebte ich
es, ihre Philosophie durch ganz spitzfindige Fragen zu bedrängen, wie
diese: „Gesetzt, Papa hätte eine andere Frau genommen und besäße von
ihr eine Tochter, du aber hättest einen anderen Mann und gleichfalls
eine Tochter von ihm, welche von den beiden Töchtern wäre dann ich?“
— Närrchen, dann wärest du eben überhaupt nicht vorhanden. — Das war
mir nicht vorstellbar. — Vielleicht wäre ich zweimal da, jedesmal mit
einer falschen Hälfte verbunden? — Aber Kind, du redest ja den reinen
Unsinn. — Oder wären die zwei vielleicht meine Schwestern? — Das
wollte sie eher gelten lassen. — Aber Mama, wenn ich gar nicht bin,
wie kann ich dann Schwestern haben?! — Die philosophische Untersuchung
endigte zuletzt, wie philosophische Untersuchungen immer enden sollten,
mit einem Lachen.

Gänzlich unberührt vom häuslichen Wirrwarr lag des Vaters
Studierzimmer. Dort waltete ich in seiner Abwesenheit ganz allein als
Hüterin des Tempelfriedens. Schon in seinen frühen Ehejahren hatte
er sich’s ausbedungen, daß keine Hand in häuslicher Absicht sein
Schreibpult berühre (er arbeitete immer stehend), bis seine Tochter
daran heraufgewachsen sei. Sobald meine Größe es erlaubte, trat ich
mein tägliches Amt an, das Pult zu säubern und die Studierlampe in
Ordnung zu halten. Es war dies so ziemlich die einzige häusliche
Verrichtung, zu der ich überhaupt zugelassen wurde. Die wenigen Male,
die ich sie gedankenlos versäumte, blieben mir schwer auf der Seele,
denn daß er beim Nachhausekommen schweigend und ohne ein Wort des
Vorwurfs nach dem Petroleumkännchen griff, hinterließ mir einen viel
tieferen Eindruck, als es der schärfste Tadel vermocht hätte.

Wer nun aber aus der Gleichgültigkeit meiner Mutter gegen die äußeren
Lebensbedingungen schließen wollte, sie sei meinem Vater auch eine
schlechte Geldverwalterin gewesen, der würde gröblich irren. Fast
ohne Mittel fünf Kinder aufzuziehen, zu ernähren, zu kleiden, war
oft eine nahezu unlösbare Aufgabe; sie hat sie dennoch gelöst,
still, selbstverständlich, in höchster Würde, und, was mehr ist: in
unerschöpflicher Freudigkeit. Das Glück, an seiner Seite zu leben,
vergütete ihr jede Beschwerde. Ich erinnere mich nicht, daß es uns
Kindern je am Nötigen gefehlt hätte. Auch kleine Freuden und Erholungen
wurden uns nie versagt; wer zu kurz kam, war immer nur sie selbst.
Daneben hatte sie die offenste Hand für alle Bedürftigen; sie wartete
nie ab, daß ein Armer sie auf der Straße ansprach, sondern schlich
ihm nach, bis sie ihm unbeobachtet geben konnte. Ein Apotheker in
Tübingen erzählte mir, daß er oft als Kind am väterlichen Ladentisch
mitangesehen habe, wie sie sich leise an irgendeine arme Frau
herandrängte, um ihr verstohlen ein Geldstück in die Hand zu stecken,
was niemand wahrnahm als der Dreikäsehoch, der die Welt von unten sah.
Und sie hatte wahrlich nichts übrig, jede Gabe mußte durch vermehrtes
Sparen ausgeglichen werden. Auch war sie immerzu häuslich tätig.
Während sie dem einen Knaben die Hose flickte, nahm sie mit dem anderen
seine Schulaufgaben durch, und wenn es nottat, griff sie im Haushalt
auch beim Gröbsten zu, denn sie hielt dafür, daß keine Art von Arbeit
schände. Nur die Hände ihrer Tochter sollten kein gemeines Geschäft
verrichten; hier hatte der Demokratismus eine Lücke. Nicht einmal einen
Kochlöffel zu berühren war mir erlaubt, so sehr ich bat, mich in der
Küche mitbetätigen zu dürfen, denn ich trug immer eine ungestillte
Sehnsucht nach Beschäftigung mit stofflichen Dingen in mir herum.

Am hellsten glänzten die Wirtschaftskünste meiner Mutter, wenn
plötzlich unerwartete Gäste erschienen, was bei der noch allgemein
verbreiteten altschwäbischen Gastlichkeit leicht geschah. Unser
Raum war so beschränkt, daß kaum die Familie selber Platz hatte,
von Gastzimmer mit Gastbett keine Rede. Aber im Nu war ein Lager
bereit, der Tisch wurde gedeckt, Josephine buk und brotzelte in der
Küche, und es herrschte eitel Freude im Hause. Wie gut es den Gästen
gefiel, bewiesen sie dadurch, daß sie häufig wochenlang blieben. Dies
ging zumeist auf meine Kosten, denn ich mußte, da die Knaben nicht
in der Ordnung gestört werden durften, alsdann mein Bett mit allen
Bequemlichkeiten opfern. Mitunter fand ich nicht einmal mehr auf
einem Kanapee Zuflucht, sondern mußte mich mit zusammengestellten
Stühlen begnügen, die, wenn man sich bewegte, auseinanderfuhren und
die daraufgelegten Kissen zu Boden gleiten ließen. Es kam selten vor,
daß ich einmal längere Zeit im ungestörten Besitze meines Bettes
blieb. Darüber durfte kein Wort verloren werden, Mama gab ja auch das
ihrige her. Freilich war auch der Gewinn auf meiner Seite, denn die
Besuche, besonders die von weither zugereisten, brachten neues Leben
und Weltweite mit, wonach ich dürstete. In solchen Zeiten hatte dann
das Lernen und alle geregelte Tätigkeit ein Ende: der Brauch verlangte,
daß wenigstens die weiblichen Glieder des Hauses sich völlig den Gästen
widmeten.

Unter den kometenartigen Erscheinungen, die vorübergehend in unserem
Hause auftauchten, strahlte besonders Frau Hedwig Wilhelmi, eine
Freundin meiner beiden Eltern, die in Granada lebte. Sie war eine
blendende, geistig angeregte Persönlichkeit von sehr freiem und
rauschendem Auftreten, leidenschaftlich der materialistischen Richtung
eines Vogt und Büchner ergeben, daneben auch literarisch angehaucht,
kurz nach ihrem ganzen Wesen eine in der damaligen Frauenwelt unerhörte
Ausnahme. In ihren späteren Lebensjahren machte sie sich in Deutschland
und Amerika durch sozialistische Propaganda bekannt, stieß mit den
Ausnahmegesetzen zusammen und erlitt Gefängnis, Verfolgung und Ungemach
aller Art, wodurch ihr Wesen herber und ihre Haltung schroffer wurde.
Aber gern rufe ich mir ihr Bild zurück, wie sie in meine Kindheit trat,
die bewegliche Gestalt, den feinen, etwas hart geschnittenen Kopf mit
den sprechenden Augen, von kurzen braunen Locken kühn umflattert, die
unvermeidliche Zigarre zwischen den Zähnen. Das Rauchen war an einer
Frau damals noch etwas sehr Auffallendes, doch es ging ihr so hin,
weil man in Deutschland glaubte, sie habe das in Spanien gelernt, die
Spanier dagegen es für einen deutschen Brauch hielten. Ich kann sie mir
gar nicht anders vorstellen als in einem Kreise von Herren sitzend,
deren sie immer eine Anzahl um sich haben mußte, rauchend, trinkend,
disputierend.

Bei ihrem ersten Besuch in Tübingen, bald nach unserem Einzug,
brachte sie auch ihr etwa sechsjähriges Töchterchen Berta mit, einen
bildschönen, ganz andalusisch aussehenden Krauskopf mit Quecksilber
in den Adern. Wie die dunkeläugige Kleine im spanischen Zigeuneranzug
ihren Fandango tanzte und kastagnettenklappernd durch die Zimmer
raste, glaubte man sich unmittelbar in den Süden versetzt. Als die
spanischen Gäste zum erstenmal im Hause schliefen, wartete ihrer eine
Überraschung, an die man sich später oft mit Heiterkeit erinnerte.
Mitten in der Nacht fuhr Hedwig laut schreiend aus dem Bette, weil
sich etwas Eiskaltes, Glattes unter der Decke um ihre Glieder gewunden
hatte. Es waren Edgars Ringelnattern, die sich auch an dem festlichen
Ereignis beteiligen wollten und auf unerklärliche Weise aus ihrem
Behältnis entwichen waren, um den Gast nächtlicherweile zu umstricken.
Doch Hedwig war eine starkgeistige Frau und gab sich nach Feststellung
der Tatsache schnell zufrieden; sie hatte in ihrem Leben gefährlichere
Abenteuer bestanden als dieses. Ich hörte immer selig zu, wenn sie
von ihren kühnen Ritten in der Sierra Nevada oder von stürmischen
Meerfahrten im Golf von Biscaya erzählte, denn das waren Dinge, die ich
auch für mich selber ersehnte.

Hedwig war sich einer besonderen Macht über junge Menschenherzen
bewußt und übte sie auch gern an Kindern. Wir hingen alle mit
leidenschaftlicher Bewunderung an ihr. Ich war stolz, wenn ich an
ihrer Seite ausgehen durfte, denn wer hatte einen so schönen Gast
wie wir! Es gefiel mir unendlich, daß sie sich im Gegensatz zu den
schwäbischen Frauen so jugendlich und elegant kleidete. Jene schlangen,
sobald sie verheiratet waren, ein grobfädiges, schwarzseidenes Netz um
die Haare, trugen um die Schultern einen ins Dreieck gelegten Schal
und gaben damit zu verstehen, daß sie fortan auf jeden Männerblick
verzichteten. Hedwig brachte jedesmal einen Koffer voll Pariser Kleider
mit. Ihr damaliges Bild schwebt mir mit einer Riesenkrinoline vor, in
grasgrünem Kleid vom neuesten Schnitt nebst Pariser Hütchen, worauf ein
grüner Papagei thronte, von einem langen, ebenso grünen Kreppschleier
umflattert. Ein kleines grünseidenes Knickschirmchen gab dieser
Schöpfung in Grün die letzte Weihe. Ob die grüne Pracht mir heute noch
ebensogut gefallen würde, weiß ich nicht, damals schien sie mir der
Gipfel des Geschmacks und der Schönheit, und ich wünschte mir lebhaft,
dermaleinst, wenn ich groß sein würde, einen ebenso langen und ebenso
grünen Schleier auf dem Hute zu tragen.




Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs
Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des
Morgens ein, um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen
Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und
Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht
bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses
Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für
mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste,
zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden
bei ihr Verständnis und Teilnahme — unsere Josephine pflegte sie
schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee
in Fouqués Zauberring — und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte,
gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas
geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes
Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein;
wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war
meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches
Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man
nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht;
trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger
in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele
aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist;
das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte
ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches,
Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe
Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere
ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo —
ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen — mit brennender Neugier
verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem
er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte,
spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich
dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals
angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine
früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die
Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur
ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen,
mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines
Lehrbuchs — eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht –,
sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der
Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vorliebe,
er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen
Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren
wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen
der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen
Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die
schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das
Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren,
ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein
etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen
Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen
den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl
damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen
des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen.
Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich
der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr
angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“,
seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß
die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern
nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden sind, nahm ihnen für
sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen
Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen
Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er
das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der
so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen
Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen
Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch
erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man
beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur,
auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen,
die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal
verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von
irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las,
bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie
mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei
entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr
klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der
anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief
immer gleich wieder mit ihr davon.

Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne
messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten
Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden
waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings
namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an
Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der
Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde
er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser
arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde
zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte
ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und
flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe
schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s
nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit
possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet
am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren,
mitzulachen.

Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten,
wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der
tollste Nachklang des Jahres 1848.

Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der
überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt
habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer
heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und
tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor
der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als
das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch
röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es
der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie
überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil
ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken,
als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung
beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser,
den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein
fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen
Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt
würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine
achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn,
zu der er geboren war, und er konnte lange Zeit nicht einmal die
bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen
erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke
Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn
Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger
Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen
mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“,
eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er
sich auch literarisch bekannt gemacht.

In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den
Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand,
in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren
Jugendtagen schon verschollene Weise:

Wenn die Fürsten fragen:
Lebt der Hecker noch?
Sollt ihr ihnen sagen:
Hecker, der lebt hoch!
Aber nicht am Galgen,
Nicht an einem Strick,
Sondern an der Spitze
Deutscher Republik.

Ein Proletarier schrieb:

Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben
soll, so will ich es eben dun:

I ka’ keine Versle mache,
I verstand et selle Sache,
Drum ruf i mit wildem Blick:
Hurra hoch die Rebolik.

Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte
sich durch den kurzen Spruch:

Hecker, Struwe, Ziz und Blum,
Kommt und bringt die Breißen um!

Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein
Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung:
Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit
erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen?
(Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja!

Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In
mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem
Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald
im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem
Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson,
und in der blutrünstigen Tragödie „Der Tyrann“ stirbt sie als
freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten
Handwerksburschen auf der Barrikade.

Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es
auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in
Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein
Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei
weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen
konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der
Ausdruck einer Zeitstimmung war.