Vorwort

Das vorliegende Buch bildet gewissermaßen eine Fortsetzung und
Ergänzung der Lebensgeschichte meines Vaters und die Überleitung zu
den „Florentinischen Erinnerungen“, in denen ich die Charakterbilder
meiner verstorbenen Brüder einzeln gezeichnet habe. Da ich bei der
Niederschrift der genannten Bücher nicht daran dachte, auch einmal
die eigene Entwicklung zu erzählen, sind in beiden gelegentlich Dinge
vorweggenommen, die hier mit größerer Ausführlichkeit behandelt
sein wollten. Doch bin ich hierin nur dem Gesetz des Gedächtnisses
gefolgt, das gleichfalls die Ereignisse nicht am langen Faden aufreiht,
sondern das Zusammengehörige, auch wenn es zeitlich getrennt ist,
aneinanderknüpft.

Natürlich kann das Bild, das ich von meiner damaligen Umwelt gebe,
kein vollständiges sein. Es haben wertvolle Menschen meinen Jugendweg
gekreuzt, deren hier keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die
Wahl der eingeführten Personen bestimmt sich einzig nach ihrem Einfluß
auf meinen Werdegang. Und ein solcher Einfluß hängt ja weit weniger von
der wirklichen Bedeutung einer Persönlichkeit ab als von dem Zeitpunkt,
wo unsere Lebenswege sich schneiden.

Auch wundere man sich nicht, wenn man in meinen Erinnerungen Größtes
und Kleinstes, Völkergeschicke und Jugendeseleien, große Männer und
kleine Mädchen bunt beisammen findet. In meinem Jugendgarten wuchsen
alle Gewächse Gottes, große und kleine, einheimische und fremde, wild
durcheinander. Da gab es himmelstrebende Zedern, wundersame Orchideen,
seltene Rosenarten, daneben lustige Bauernblumen und allerhand
blühendes Unkraut. Ich pflücke mit vollen Händen, was ich noch erraffen
kann. Freilich mußte ich manche lockende Blume nachträglich wieder
aus dem Strauß werfen, weil mir persönliche Rücksichten Zurückhaltung
auferlegen. Und was die großen Männer betrifft, so nehmen sie die Nähe
der kleinen Mädchen nicht übel; ja sie hätten, als sie lebten, die Welt
ohne diese Nähe um vieles weniger anziehend gefunden.

Isolde Kurz.

Lebensmorgen.

Es hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich seinen eigenen Anfängen
nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die
ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen
umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung,
in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck
zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht
Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt
als mit uns im Gegensatz befindlich geben.

Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste
Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat
eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes
Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich
hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich
schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung
war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad
war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang
war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der
Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es
müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen
sein, jedoch sind sie auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins
hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein
auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens
herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen — die
Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen — und ich setzte
durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie
trug mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien
und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie
war bei der gleichnamigen Heldin des „Weihnachtsfundes“, den mein
Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte
auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad
Liebenzell, wo meine Eltern den Sommer verbrachten.

Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war,
mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich
einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes
Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und
hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört
hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen,
daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und
sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar
einer der Schwarzen — es war, wie ich später erfuhr, der Vater des
Mädchens — sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im
ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter
straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir
das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut
verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im
ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst
sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber
wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich
nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein
wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem
meine größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon
entwickelterer Verstand.

Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in
den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger Freude für Streuzucker
ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere
Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte
mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der
sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen
Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In
einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief
sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich
immer ängstlicher und flehender mein „Mamele, komm lunter“. Dieses
starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes
Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne,
wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte
sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe
für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein
fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub,
während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause
führte, wo erst der lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir
den Frieden wiedergab.

Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige
Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie
mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in
einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit
Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes
Backwerk, eine sogenannte „Seele“, selber vom Tisch langen. Eines
Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man
ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr
schwermütig und erklärte immerzu: ’s Herzele will was und ’s Herzele
kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu
befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein
Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere Seelen
verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende,
daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der
Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren
Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele
reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: ’s Herzele will
noch mehr.

In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem
Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte
und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es
verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle
tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen
Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue
Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so
zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte
während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen,
mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte
er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir
waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama,
die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und
andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also
politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte
ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt
gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der
abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen
durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte mit
mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang
entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er
den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für
einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und
in der Verdoppelung der Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes
und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder
geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch
wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß
ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere,
die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den
Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt,
der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine
Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges
Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt
den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den
Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen
die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu
erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das
Ding benamsen, da mir das widerwärtige Wort, das ich ganz leicht
hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete
also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte
„das Ding“ verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen
Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar
giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man
mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte
Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt,
um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich
besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? — Es war rund
und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun
endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das
war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun.
Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die
Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen
Namen vergnügt in Empfang nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich
seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie
vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste
Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will.

Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine
Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil
meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum
noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten
war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er
war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und
fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen
Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und
Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das
ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie
bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der
Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich
auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen
einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt.
Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich
immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so
oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen
Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen
war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht aufgegangen.
Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur,
aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen.
Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen
in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige
Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen
große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe
geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit
Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem
Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir
natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im
Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete,
da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran
ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht
entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den
Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb
sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt
hatten.

Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon
nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes
Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings
hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur
Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in
die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ
mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben
und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem
vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche
Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“,
die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und
verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches
Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor,
daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen
zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“
nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die
mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist
auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die
vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.

Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in
unsere Obereßlinger Tage hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie
sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die
unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie
ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur
von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein
allmählich zum Menschen ward.

Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe — o daß
sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken.
Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug
einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei
auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war,
wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste
Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen
Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit
mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb
eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte
ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen
durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch
Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal
durch Gewalt war es ihm je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen.
Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie
vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund
schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches
Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als
ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten,
entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen
Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn
das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte,
erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die
um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein
Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem
größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren
eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das
Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so
zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem
Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er
nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich
mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern
hereinkamen, verkroch ich mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger
Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich
hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle
Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir
geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht
die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn
daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit
zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung
verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß
inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des
Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig,
um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der
ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf
Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft,
wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher
Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur
Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch
wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von
jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein
ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies,
kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe
erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.

Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit
Riesenschritten vor sich ging — Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins,
die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber
zu –, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange
nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr
und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer
Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher
von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft
erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder
unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu
füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns
eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten
unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein,
von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu,
aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch.
sagen, der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war
ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß
wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in
diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.

Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das
Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es
war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um
unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch
beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch.
und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant
gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte
nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war
es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn
die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt,
wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd
in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich,
wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe
hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten
zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte,
war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen
und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben
meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren
auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell
einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig
beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich
diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das
ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos
gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die
Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III.
zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik
nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast
ebenso leichtgläubig. — Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet
sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß
du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi
fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.

Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde
jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei
Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche.
Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein
zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging
auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort
war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich
wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur
geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei
verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt
waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch
unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war,
Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre
Dienste hinterlassen.

Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus
unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte — auch die Furcht, eines
meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch
nichts wußte –, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen
wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen
Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen
Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine
Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem
Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich
jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie
gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich
aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche
Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in
festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht
im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der
Schornsteinfahrt zu überführen.

Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen
pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche
Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben
aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war
der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde
an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon
viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen
Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer
irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen
mußte — vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht,
daß die „Springerlein“ Wodans Roß bedeuten –, das herrlichste
Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit
den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit
befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten
Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein
goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen
Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu
künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die
Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem
Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn
wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach?
Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte,
während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu
springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten!
— Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des
Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen
Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten
seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So
herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der
Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie
jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem
Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.

An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister
mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll
Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur
nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände
ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen
dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte
Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit
goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und
was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit
vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind
aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. — Wenn ich meine
seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus
jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst
ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel
über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen
war die Sandbank, auf die politische Verfemung und literarisches
Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte
dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die
dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah
anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und
seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel-
und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das
Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch
all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten,
mit denen ich in Beziehung trat.

Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir
zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt
erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten
mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir
bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr
aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an
diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit
des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald
zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der
Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein
erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt
kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im
Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst
keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen
Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche
Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend.
Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen
Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten
sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine
Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte,
sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze
Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete
ihm auch gerne meine Zeit.

Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich
zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in
Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel
eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten.
Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder sonst ein Zufall
war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte
in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt.
Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten
Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz
nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht,
das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich
rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine
Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern
muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben!
— Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor
mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben
auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern
hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns
noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit
nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte
oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß
ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare
Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen
Empfindungen zugänglicher sein als die reifgewordene Jugend, die im
unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den
Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.




In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich
sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer
vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen,
der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich
peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem
im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die
Leute auf den Kirchhof gingen. — Was ist eine Leiche? fragte ich mit
Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang
mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch.
Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte
gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und
solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken
bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter:
Ist es wahr, daß Menschen sterben? — Wer hat dir das gesagt? — Die
Christine. — Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten
hatte. — Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange
nicht erfahren sollen. Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die
Menschen sterben. — Aber doch nicht alle, Mama? — Ja, Kind, alle. —
Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war
aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. — Aber doch du nicht,
Mama? — Ich auch, Kind. Alle. — Aber der Papa doch nicht? — Auch der
Papa. — Also vielleicht auch ich? — Auch du, aber erst in langer,
langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. — Und man kann gar nichts
dagegen tun? Es muß kommen? — Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber
jetzt noch lange nicht.

Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach,
war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer
Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen
mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein
plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie
dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht
eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich
zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft
über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten
erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder
Tag bringt mich dem letzten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das
Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich
sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand
kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber —
dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen,
engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des
Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich
aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam,
Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde
trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor,
und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten
im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem — es wird doch
einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber
eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich
Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von
Verwesung an.

Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir
die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und
überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste
Lesefutter, und gewiß nicht immer auf das dunkle Geheimnis hin
gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem
Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und
Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die
Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen.
Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die
Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja
auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen
Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten,
damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole.

Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu
stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug
vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu
geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt,
ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit
dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich
sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn
entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade
im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule
fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die
ich zuerst eine gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter
unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb.
Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren
leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische
ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese
Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie
sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr
natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und
verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht
und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins
Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge
des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der
Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten
sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen
beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:

Was man nicht deklinieren kann,
Das sieht man als ein Neutrum an, usw.

So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir
übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine
Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar gereimte
Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen
Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf
hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den
Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln
halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen
Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und
Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden,
an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln,
in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter
Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um
dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche
Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders
stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo
ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl.
In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein
beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder
eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und
wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen.
Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wildes Gesicht, das
ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden
bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte
sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern
schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau,
daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war.
Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin
wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem
befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut
hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich
war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken,
in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen
kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.

In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen.
Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen
Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag
die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer
genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über
nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten
mit der Familie teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen
frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und
hoheitsvoll über den Hintergrund.

O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die
reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um
die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen.
Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den
Schillerschen Versen:

Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
Flechtet auch blaue Zyanen hinein —

an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot
der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen
Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die
Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch
eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an.
Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. „Die
Götter Griechenlands“, „Die Klage der Ceres“, „Kassandra“ und vor
allem „Das Siegesfest“ waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger
Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt
bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht wie
„Das Ideal“ und „Das Leben“ war mir schon in meiner Frühzeit völlig
geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich
noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches
Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es
nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein
unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete
mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte
nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen
labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem
mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, bemerkte
ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis
hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als
sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in
die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen
Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor
allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis
seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine
so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise
mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöpfer, sondern nur ihr
Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir
aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig
lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände
gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich
blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit
allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber
übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen
gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir
die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose
Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen.
Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die
Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm
und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem
Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn
er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig
brüllte „wie zehntausend Männer“. Dieser schöne Knabe, der sich selber
Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite
Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen; nach
einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende
Wildheit und Unart befallen. Von Feld und Wiesen brachte er aus dem
Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die
unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie
nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken
konnte.

Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von
Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in
unser wildes Spiel. Es war ein zartes, kleines, äußerst wohlerzogenes
Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns „dreckeln“ zu
dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man
immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die
heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die
Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog
Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen
ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies
hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr
aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst
du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres
Hauses dafür.) — Kannst du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? — Sie
bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell
die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er
die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton
von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck
in die Bohnen fiel.

Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares
zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von
Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal
die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner
immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die
Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft
unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und umzuwerfen suchte.
Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen,
an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder
wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in
der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte
er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte
Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der
vierjährige Erwin fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine
Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen;
das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren
lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde
er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter
und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen
Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen
und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach
und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung,
daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was
sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir
älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren
markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch
schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter
ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus,
wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen
Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen
stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren
Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes
vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in
der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen
mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond
verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht.

In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden
Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm
dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in
der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene
philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen
Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der
ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt.
Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den
Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten,
ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung
eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag
sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands.
Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um
Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in
die Betrachtung eines großen erhabenen Seins zu versenken. Natürlich
nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten,
nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht.
Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins, war mir schon
von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige
Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten
brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug
ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr
gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein
die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes
Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und
im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer
würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem
Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob
wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört hätten. Ich
verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf
dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns
einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen
unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu
erzählen habe; unserer Josephine dürften wir nichts davon sagen,
weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur
Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber
mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte
einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen
Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und
der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug.
Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. — Warum,
warum ließ er sich das alles gefallen? — Geohrfeigt, gepeitscht! Ein
Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen
empörte sich unser Gefühl.

Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trine stellt in seinem „Neubau des
Lebens“ die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter
Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser
Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem
Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte,
geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte.
Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die
arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich
machen wollte. Sie schalt, wir schalten wieder, und es entspann sich
eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage
unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter
sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt
die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft
ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich
ging wie gewöhnlich zur Mutter und verlangte Rechenschaft über den
gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu
jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde
sie über das alles mit mir reden.

Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage
nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige
Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt
absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner
Zeitgenossen kennt. Aber _ein_ Gutes war doch dabei: daß mir später die
unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt
von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die
frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben.

Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages
rückte die ländliche Jugend mit Stecken und Steinen bewaffnet vor
unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen
von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen
waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen.
Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen
aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die
Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür
vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor soviel
Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein
Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit
einem großen Stecken auf unseren schmächtigen, aber tapferen Führer
los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe
kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die
gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit
Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus
zurück.