Umzug nach Kirchheim

In unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen
unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen
Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes
und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir
Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem
etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen
Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen
hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig
oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden
war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des
Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer,
der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten
Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung
vom Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese
Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war
verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten
auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta
und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten.
Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob
er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter
irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten
Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der
düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine
Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte
wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen
hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger
Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in
dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche
Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar
äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte
heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur
ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und
auch die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich
mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten
tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal
ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem
langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat,
der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein
seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute
gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich
zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein.

— — Nun sehe ich mich selbst mit Mutter und Geschwistern zusamt
Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und
anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein
flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen
in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer
nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem
Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo
Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses,
verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden
Stadtwohnung landeten, wo wir Kinder wie eingesperrte Vögel im
Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns
unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl
erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu
einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und
Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen
Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle
Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber
als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der
Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen
meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach,
plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber
rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser,
und in beiden konnte man baden.

Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der
Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern
einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen
Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich
werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich
nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar abgestellt ist.
Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte
mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich
auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts
ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte
nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die
lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir
so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte
gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im
Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall
hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen
Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit
ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich
keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer
wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende
Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher
italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern
fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in
Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der
Vater wies auf deutsches Volkstum hin und huldigte auf Sparziergängen
dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte.
Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und
mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit
den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie
bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine
tiefsinnige Ergänzung zu diesen.

Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer
Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten
verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte
nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr
so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben
den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben
aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das
Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte
Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von
dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot
vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie
bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich
mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betätigen; sie hatte keine
Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines
Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa,
teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart
erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater,
der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre
Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen
ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher
lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie
mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar
gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende
eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er
neckend im gleichen Versmaß darunter:

Und zappelnd und verzweifelnd eilen
Zum letzten Zug die letzten Zeilen.

So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem
ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind
erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch
eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter
der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin
Menschen und Dinge wenig kannte und mehr in der Idee als in der
Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos.
Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre
Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis
sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse,
sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein
Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über
ihre dichterischen Versuche:

Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe
an.




Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der
inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd:
Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe,
sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr,
wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten
Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße
duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war
sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette.

Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im
Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt
haben. Wenn Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten,
so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte
„Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers[1] Nichte, so genannt nach
meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die
Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen,
auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe
mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und
wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine
mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und
eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher
berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden.

Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie
lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich
mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine
Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja
gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der
zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte
auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war
schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu
deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie
einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der
jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als
man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die
Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen
Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen
mit ihrer Weisheit.

Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber
unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und
Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell,
dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann
ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von
meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei
der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war
ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz
von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den
Schulkindern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der
Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder
mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese,
dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich
plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser
Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser
grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das
nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann
aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes
Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete?

Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus
München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund
Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle
binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln
würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges
Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein
gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich
die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich
noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging
in einem beständigen Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland
versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines
Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung,
den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen
trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den
Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so
verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser
Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität
antrat.

[1] Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von ihm unter
dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ eingeführt.
Damals Pfarrer in Klein-Eislingen.