Was sollen wir essen?

In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich
von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät
stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als
es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen
Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe,
rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer
religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem
Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig
genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.

Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen
zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen
Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung
unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise
auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des
Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen
von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine
bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost
angewiesenen katzenartigen Raubthieren. Das menschliche Gebiss
ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen
und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur
den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein
Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des
Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin,
dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen
Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren
zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass
die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb
verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den
schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger
zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen
zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der
Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt
auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung
zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach
pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.

Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich
bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung
und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer
Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist,
wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher
Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei
vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst
bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt;
in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung
erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige
Assimilation aus vegetabilischer Kost zu vollziehen. Der äquatorialen
Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von
Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren
Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von
höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran
etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in
gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier
nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer
Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder
der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen.
Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des
Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive
Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung
hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem
gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein
Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.

Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als
zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter,
Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen.
Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem
stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche
und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr
schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren
„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch
ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es
scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die
durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich
durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben.
Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein
beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich
war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf
reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person
als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird
doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des
Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen
empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden
je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen
des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz
ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche
weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie
gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen
des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch
physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage
können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft
perverse Instinkte sein.

Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in
gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit
der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, d. h. so, dass der
grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der
kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.

Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern
der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt,
wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus
erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren
Thieren überkam, auf den achten Theil rohen Fleisches berechnet ist,
der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den
Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht
der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn
die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.

Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-,
noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den
Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht
der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich
der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte
Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und
Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den
Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“,
als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu
sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so
wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im
Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt
geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen
Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er +das+
Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu
proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss
er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein
widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt
sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache,
dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle
Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man
sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im
Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen,
aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem
Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so
ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche
nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die
Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder
auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der
Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten
für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit
des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf
einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis
jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die
menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des
Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht
zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls
diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der
seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen.
Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die
menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft
sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch
durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns
bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst
deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den
naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.

Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung
+rationeller+ sei, d. h. dem Menschen mehr Vortheile oder weniger
Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten
liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige zu
halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur
im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den
Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen
bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb
kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals
das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste
Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits
etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer
Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und
steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen
Bedürfnissen modelt.

Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im
Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache
als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen,
dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten
Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger
gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost
unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt,
dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand
befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung
des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist,
sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen,
weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in
Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch
die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze
der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei
manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und
dass in solchen Fällen die Betreffenden den Uebergang zur reinen
Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene
Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger
weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass
in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten
Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der
durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der
Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse
Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche
Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so
ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das
demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren,
so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei
überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die
vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in
naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung
von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden u. s. w.) gesucht werden, welche
mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen
sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden
zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung
zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter
völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa
eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe,
gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der
Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines
Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses
Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der
Betreffende eine hinreichend gute Verdauung hat, um erheblich mehr
essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der
richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen
Pflanzenkost lag.

Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie
diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine
Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über
diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die
Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen,
dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich,
die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung
der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer
an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die
Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese.

Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische
Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es
ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen
Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr
durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische
Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass
der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten
Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung
der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen
Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin,
dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen
chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei
der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere
Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional
der bei normaler Verdauung assimilirbaren Quote desselben +abzüglich+
desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent der bei der
Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom Organismus
vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der Verdauung
wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen gleiche
Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter, der
anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer
Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; d. h. die
Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je
weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch
übrig und verfügbar hat.

Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen
Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen
Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische
Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die
Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen
Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht
ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten
der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil
schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens
mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit
Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und
benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches
Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich
geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für
einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich
als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost
sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch
schwerverdaulicher als diese, so dass die vegetarianische Behauptung,
dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht
widerspricht.

Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut
gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann,
ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von
ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den
Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber,
die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe
Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide
ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt
und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh
Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische
Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich
beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der
Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders
auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man
jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die
Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter,
Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck
ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie
gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel
gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben,
und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem
Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass
ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit
„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos
ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch von
Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen
ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen
Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden
Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker
stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an
Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer
sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als
gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das
Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken,
so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel
hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich
bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln
war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er
gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die
gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des
Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises,
dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als
die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden
Theilen als missglückt gelten.

Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf
den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell
sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem
Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat,
dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer,
dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen
und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der
ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass
nichts so sehr den Neid der Armen erregt, als die Fleischtöpfe der
Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, d. h. dass die sociale
Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies
spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe
die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht
nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch
wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu
Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern
sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits
würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus
diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es
nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende
Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn
der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen
und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem
Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“
ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der
Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der
vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel
in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst
eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe.

Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in
einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht
bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht
wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne
Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles
Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker
werden, von dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren
müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich
einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es
heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint,
dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter,
unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen,
unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz,
passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und
dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben
(Somnambulismus u. dergl.) sind, welche durch dieselben begünstigt
werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens,
wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag
Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen
an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte,
insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt.
Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk
auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet
auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse
Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über
die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche
religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch
mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in
sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen
realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben
der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen
Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus
befangen sind.

Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie
naturgemäss; sie ist vielmehr ebenso kulturwidrig wie naturwidrig.
Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus
durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine
angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas
zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist;
wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman,
wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität
ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht
der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und
könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung
anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur
auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt
aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein,
welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt
wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und
Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein
Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die
Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses
inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung
jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die
Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als
solchen bekämpft.

Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus
Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen
und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist
aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine
zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische
Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost
die allein naturgemässe und rationelle Diät ist, richtig, so müsste
die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von
lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell
sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des
Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit
verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen
herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst,
dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder
vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die
näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere
Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem
ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da
die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger
schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren
Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten
und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen
diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht
von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen
seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist
inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter
dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom
Vegetarianismus unterscheiden.

Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten
Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, d. h. dem Kannibalismus,
gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens
zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil
es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche
Volksmeinung, dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht
ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein
Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere
Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber
nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das
Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich
zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese
Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen
Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den
übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den
übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven
Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus
letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen
denen man zu wählen hat.

Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und
anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber
zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen
Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, d.
h. lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime
und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch
Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind,
und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht
mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon
abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche
Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen
Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen
beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen
Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes
Thier frisst ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen
(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren
von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das
Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob
die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder
Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des
Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen
Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an
und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns
durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs
vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht
schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene
Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite
der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der
Inhumanität des Fleischgenusses zu reden.

Dass die Jagd ein inhumanes Handwerk ist, kann gar nicht bestritten
werden; denn ihre Art, zu tödten, ist bei Treibjagden grausam,
immer unsicher und oft qualvoll für verwundetes und entkommenes
Wild. Die Jagd ist aber in den Kulturländern ohnehin auf den
Aussterbeetat gesetzt, und auch bei uns, wo der Grundadel sie noch
künstlich als Ueberbleibsel aus roheren Zeiten kultivirt, ist doch
der Procentsatz des gejagten Wildes ein sehr kleiner unter allem
getödteten Vieh. Dass auch das Schlächterhandwerk noch nicht auf der
Höhe unserer heutigen Humanitätsanforderungen steht und in dieser
Richtung verbesserungsbedürftig ist, kann man ebenso zugeben und
nur wünschen, dass der Vegetarianismus an diesen beiden Punkten die
berechtigten Thierschutzbestrebungen unterstütze. Der Einwurf, dass das
Schlächterhandwerk verroht, fällt weg, wenn nur noch mit zweckmässigen
Schlachtmasken geschlachtet, und eventuell das Eintreiben des Stiftes
von einer durch blossen Fingerdruck auszulösenden mechanischen Kraft
bewirkt wird; zu entbehren ist jedes Schlächterhandwerk auch dann
nicht, wenn man das Fleisch der getödteten Thiere wegwirft, so lange
überhaupt noch Zuchtvieh gehalten wird. Wenn man nun annähme, dass
nur Zuchtvieh zur Verzehrung gelangte, das auf rationelle Weise
geschlachtet wäre, so könnte eine Inhumanität nicht mehr zugegeben
werden. Sterben müsste ja jedes Schlachtthier doch einmal, und wenn
der Mensch ihm einen Tod bereitet, der schneller und schmerzloser
als der natürliche ist, so ist das eher eine positive Humanität zu
nennen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichteten und statt dessen
Milch und deren Ableitungsprodukte genössen, so würde man mindestens
ebensoviel Vieh wie jetzt züchten müssen, müsste aber, falls man das
Schlachten für inhuman hielte, für die nicht mehr milchenden Kühe
Alterversorgungsanstalten und für alle männlichen Kälber Asyle anlegen,
in denen sie bis zu ihrem natürlichen Tode zwecklos verpflegt würden.
Wenn dagegen alle Menschen zur reinen Pflanzenkost übergingen, so würde
gar kein Vieh mehr gezüchtet werden; nach der üblichen optimistischen
Auffassung muss es aber ein positiver Gewinn für die Lustbilance der
Welt sein, dass der Mensch im allgemeinen Kampf ums Dasein Thieren das
Leben gönnt, die sich bis zu ihrem schnellen schmerzlosen Tode des
Lebens freuen können, und selbst vom pessimistischen Standpunkt aus
würde man einen Menschheitsbeschluss, die Hausthierrassen gänzlich
auszurotten, mindestens nicht seiner Humanität wegen rühmen können.
Wenn man übrigens ohne Milchkühe nicht auskommt und vernünftigerweise
die ausgedienten Milchkühe und die männlichen Kälber nicht zwecklos
weiter füttern kann, sondern schlechterdings tödten muss, so ist
nicht abzusehen, warum man deren Fleisch fortwerfen soll, statt es zu
verzehren. Solange man ferner noch Wollschafe hält, gilt das nämliche
für den zu reichlichen Nachwuchs der Schafherden. Damit ist aber ein
Zustand als human und vernünftig anerkannt, der ganz mit dem heute
bestehenden zusammenfällt, und das Princip des Mitleids hat damit
jedes auch nur scheinbare Recht zum Mitsprechen in der Ernährungsfrage
eingebüsst.

Der Versuch, die Inhumanität des Fleischgenusses mit objektiven
Gründen nachzuweisen, ist hiernach als gescheitert zu betrachten und
es bleibt dem Vegetarianismus nur die letzte Zuflucht offen, sich auf
das Gefühl zu berufen. Wenn jemand erklärt, es sei gegen sein Gefühl,
das Fleisch von einem Thier zu essen, nicht nur von einem solchen, das
er lebend geliebt oder doch lebend gekannt oder gar selbst getödtet
hat, sondern auch von einem solchen, das er nicht gekannt hat und das
von einem anderen getödtet ist, so ist darüber nicht zu streiten,
und man kann jedem seine Gefühle und die Berücksichtigung derselben
gönnen, so lange er dadurch anderen nicht unbequem, also namentlich
gegen anders Fühlende nicht intolerant und agressiv wird. Niemand
wird einem Tischnachbarn Braten aufdrängen, wenn derselbe erklärt,
der Fleischgenuss widerstrebe seinem Gefühl; wenn mir aber mein
vegetarianischer Nachbar vorwirft, mein Fleischessen sei inhumaner,
barbarischer Kannibalismus, so weise ich ihn mit der Entgegnung zurück,
sein vegetarianisches Gefühl sei eine verschrobene, zimperliche
Sentimentalität ohne objektive Begründung.