Unsere Stellung zu den Thieren

Die Thiere sind mit uns gleichen Geschlechts, wenn auch nicht gleicher
Art, unsere Vettern älterer Linie, gleichviel ob man in diesem
Ausdruck nur ein Bild oder die treffende Bezeichnung einer wirklichen
genealogischen Verwandtschaft sehen will. Sie sind nach gleichem
Grundtypus gebaut, und ihr natürliches Leben verläuft in den gleichen
natürlichen Verrichtungen wie das unsrige; aber auch ihr Seelenleben
zeigt dieselben Grundfunktionen (Vorstellung und Wille nebst Gefühl),
denselben Widerstreit zwischen Selbstsucht und socialen Instinkten,
und dieselbe geistige Grundanlage für Geberden- und Wortsprache,
wie die relative Verständnissfähigkeit aller höheren Thiere für die
menschliche Wortsprache und die Fähigkeit einiger zur Nachahmung
keineswegs unverstandener Worte beweist. Der Unterschied zwischen
Thier und Mensch ist nur ein solcher des Grades; er wird nur dadurch
scheinbar zu einem Unterschiede der Art, dass alle Säugethiere ausser
dem Menschen stumm sind und darum in ihrem geistigen Leben auch nur
mit stummen Menschen verglichen werden dürfen. Ein Stummer, der nicht
künstlich und mühsam zum Verständniss und Gebrauch der Schriftsprache
erzogen ist, findet sich ebenso wie das Thier auf unartikulirte
Laute und Geberden beschränkt; sein Denken ist allemal anschaulicher
als dasjenige Redender von sonst gleicher Bildungsstufe, aber es
entbehrt doch nicht der Begriffe, wenn es sie auch nicht mit Worten
bezeichnen kann, und vollzieht ebensogut eine logische Verknüpfung der
(anschaulichen und begrifflichen) Vorstellungen wie dasjenige Redender.
In demselben Sinne können wir auch dem anschaulichen Vorstellungsleben
der Thiere weder Begriffe noch logische Verknüpfung der Vorstellungen,
d. h. eigentliches Denken, absprechen, so dass man hier vergeblich
eine scharfe Grenzlinie zwischen Mensch und Thier sucht. Nur weil
die Menschen allmählich eine Wortsprache ausgebildet und den so
entwickelten Wortsprachsinn auf ihre Nachkommen vererbt haben, sind
stumme Menschen soviel bildungsfähiger als Thiere, denen sie sonst auch
der Art nach gleich stehen würden, wogegen der blödsinnige Mensch tief
unter dem normalen Thiere steht.

Dass wir zu den Thieren in moralischen Beziehungen stehen, ist
hiernach zweifellos; die sittliche Verpflichtung, Niemanden zu
verletzen, vielmehr jedem nach Kräften zu helfen, bezieht sich
auf alle empfindenden Lebewesen ohne Ausnahme, gleichviel ob man
dieselben als Mitgeschöpfe desselben Herrgotts, als Kinder desselben
Vaters im Himmel, als natürliche Vettern älterer Linie, oder als
objektive Erscheinungen desselben Einen Weltwesens betrachtet. Die
moralischen Beziehungen des Menschen zu den Thieren bestehen auch
unabhängig davon, ob das einzelne Thier seinerseits zu einer mehr
oder minder vollkommenen oder unvollkommenen Auffassung dieser
Beziehungen im Stande ist, und ob es fähig und gewillt ist, die
Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft des Menschen zu erwidern; das
wäre eine traurige Sorte von Moralität, die von der Gegenseitigkeit
der Leistungen abhängig gemacht würde, und nur da gäbe, wo sie auf
Entgelt oder Lohn von der andern Seite hoffen dürfte. Damit ist aber
nicht ausgeschlossen, dass die moralischen Beziehungen befestigt und
mit reicherem Inhalt erfüllt werden, wo beide Theile zu einander
in ein gemüthliches Verhältniss oder in ein stillschweigendes
Vertragsverhältniss gegenseitiger Leistungen eintreten; denn in solchem
Falle würde das einfache Unrecht einer Verletzung durch Verwickelung
mit Untreue, Undank, Unbilligkeit u. s. w. erschwert. Diese Erschwerung
tritt auch dann ein, wenn die Thiere kein Bewusstsein davon haben, dass
sie dem Menschen durch ihren erzwungenen Gehorsam Dienste leisten; es
genügt, dass der Mensch die Dienste der Thiere annimmt, beziehungsweise
erzwingt, um ihn zu den entsprechenden billigen Gegenleistungen
moralisch zu verpflichten.

Das Thier ist somit moralisches Rechtssubjekt, d. h. das Subjekt
derjenigen moralischen Forderungs-Rechte, welche den moralischen
Pflichten des Menschen ihm gegenüber korrespondiren, und deren
Verletzung für den Menschen ein moralisches Unrecht ist; dagegen kann
der Mensch an das Thier keine höheren moralischen Ansprüche stellen,
als insoweit dessen Fassungsvermögen ihm das Verständniss seiner
moralischen Beziehungen zum Menschen gestattet, hat aber dafür das
moralische Befugniss-Recht, das Thier zwangsweise zu den ihm dienlichen
Leistungen zu verwenden.

Alle bisherigen Rechtssysteme lassen als juridische Rechtssubjekte nur
menschliche Individuen oder statutenmässig festgestellte menschliche
Zwecke (moralische Personen) zu. Es ist kein begrifflicher Grund
abzusehen, warum ein Rechtssystem nicht auch Thiere als juridische
Rechtssubjekte zulassen sollte, da doch blödsinnige Menschen als solche
gelten. Es ist aber ein Missverständniss des Unterschiedes zwischen
moralischen und juridischen Rechten und Pflichten, zu behaupten, dass
von Rechtswegen (d. h. aus dem Gesichtspunkt eines eingebildeten
und seinem eigenen Begriff widersprechenden Naturrechts oder
Vernunftrechts) eigentlich die Thiere auch juridische Rechtssubjekte
sein müssten. Das juridische Recht ist immer positiv, d. h. historisch,
und kann seiner Natur nach immer nur einen Theil der Sphäre des
moralischen Rechts umfassen; welche Theile der Sphäre des moralischen
Rechts in das juridische Rechtssystem, d. h. in die positive
Rechtsordnung durch die Gesetzgebung aufzunehmen seien, kann niemals
selbst wieder von juridischen Erwägungen abhängen, sondern nur durch
Rücksichten der Zweckmässigkeit und Opportunität bedingt sein.

Dass aber ein dringendes Bedürfniss aus Zweckmässigkeitsgründen
bestände, durch Gesetzgebung die juridische Rechtsfähigkeit der Thiere
in unser Rechtssystem einzuführen, das ist entschieden zu bestreiten.
Vor allem würde die Lage der Thiere durch eine solche Aenderung ihrer
formalen Stellung zur Rechtsordnung inhaltlich gar nicht berührt
werden, da ihre Rechte doch immer nur durch Vertretung von Menschen
würden wahrgenommen werden können, wie sie es jetzt nöthigen Falls auch
schon werden (wenn z. B. eine alte Dame eine Summe für die Pensionirung
ihres Lieblingshundes ausgesetzt hat). Die einzige wünschenswerthe
Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Thiere ist die, dass Rohheit
oder Bosheit in deren Behandlung nicht bloss straffällig sein muss,
wenn sie öffentliches Aergerniss giebt, sondern auch, wenn sie als
eine insgeheim erfolgte, oder als eine vor zustimmenden Zuschauern
stattgehabte nachgewiesen werden kann. Diese Abänderung hat aber mit
der Erhebung der Thiere zu juridischen Rechtssubjekten gar nichts zu
thun, denn die Gemeingefährlichkeit des in solcher Handlungsweise
sich offenbarenden Charakters genügt für sich allein schon, um
den Staat in diesem Falle ähnlich wie bei anderen Verbrechen, wo
keinem Rechtssubjekt ein Unrecht geschieht, an seine Pflicht des
Schutzes der Gesellschaft durch rechtzeitige Bekämpfung derartiger
gemeingefährlicher Charaktereigenschaften zu erinnern.

Unser juridisches Verhältniss zu den Thieren ist somit nur indirekter
Art; unser Rechtssystem zieht die moralischen Beziehungen der Menschen
zu den Thieren nur so weit in seine Sphäre, als die Interessen der
+menschlichen Gesellschaft+ durch dieselben berührt werden, zu deren
Sicherstellung und Schutze die Rechtsordnung allein errichtet ist.
Es ist also unrichtig, unser juridisches Verhältniss zu den Thieren
darum als ein direktes aufzufassen, weil unser moralisches Verhältniss
zu denselben ein solches ist; es ist aber auch ebenso unrichtig, die
Unmittelbarkeit des letzteren darum zu bezweifeln oder zu bestreiten,
weil das erstere ein bloss mittelbares ist. Wir haben nicht deshalb
uns der Verletzung der Thiere zu enthalten, weil eine solche unsrer
Menschenwürde nicht gemäss, oder unserem pflichtmässigen Streben nach
Selbstvervollkommnung hinderlich, oder von anderweitigen ungünstigen
Rückwirkungen auf den Handelnden und die menschliche Gesellschaft
sein würde, sondern zuerst und vor allem deshalb, weil wir das
moralische Recht jedes empfindenden Lebewesens ohne Ansehen von Stand
oder Person, also auch ohne Ansehen von Rasse, Species und Genus zu
respektiren haben. Diese Achtung vor allen lebendigen und fühlenden
Mitgeschöpfen (mag man sie nun auf die Achtung vor dem Schöpferwillen
oder auf die Wesenseinheit der verschiedenen Erscheinungsindividuen
gründen) ist einfach eine Forderung der (moralischen) Gerechtigkeit;
denn „Gerechtigkeit“ besagt in letzter Instanz nichts andres als die
Anerkennung der „Gleichgültigkeit des empfindenden Subjekts“.[4]

Wie die moralischen Beziehungen unter Menschen, so müssen
auch diejenigen zwischen Thier und Mensch vor allem auf dem
unerschütterlichen Grunde der (moralischen) Gerechtigkeit ruhen; nur
aus diesem rationalistischen Moralprincip ist eine deutliche und
scharf bestimmte Grenzlinie des Verhaltens abzuleiten, nicht aus den
schwankenden Principien der Gefühlsmoral. Letztere sind unentbehrlich,
theils um die Motivationskraft des gerechten Verhaltens zu verstärken,
theils um innerhalb des von der Gerechtigkeit gelassenen Spielraums
dem positiven Wohlwollen zur Geltung zu verhelfen; aber sich selbst
überlassen sind sie gerade die stärksten Verführer zu ungerechtem und
unbilligem Verhalten, und es ist ganz unmöglich, die Gerechtigkeit
aus einem einzelnen Gefühlsmoralprincip (z. B. dem Mitleid) oder aus
der Summe derselben abzuleiten. Wer sich in seinem Verhalten zu den
Thieren von der Gerechtigkeit leiten lässt, der wird so wie so, ob er
mitleidig ist oder nicht, dem Thiere nichts Unbilliges zumuthen oder
zufügen, und das Mitleid käme bei ihm nutzlos hintennach gehinkt,
wenn es mitsprechen wollte; wer aber sich von dem Mitleid, der
Gutmüthigkeit und Weichherzigkeit bestimmen lässt, der wird in seinem
Verhalten nur durch Zufall mit den Forderungen der Gerechtigkeit
gelegentlich übereinstimmen, und oft genug dieselben verletzen. Wenn
der weichherzige Thierfreund eine arme Familie keuchend einen schwer
belasteten Handwagen ziehen und schieben sieht, so neigt er stets dazu,
sich zum Anwalt des mitangespannten überbürdeten Hundes aufzuwerfen und
zu Gunsten desselben die überbürdeten Menschen noch mehr zu überbürden;
er vergisst dabei nur, dass der gut behandelte Familienhund es als sein
Recht und seine Ehre betrachtet, sich mit seinen Herren mitzuplagen,
und dass die Menschen bei ihrer scheinbar freiwilligen Quälerei oft
weit mehr unter der Geissel eines zwingenden Schicksals stehen und weit
schwerer unter diesem harten Zwange leiden, als das vom Menschen zur
Arbeit gezwungene Thier. So lange die Menschen noch im Schweisse ihres
Angesichts ihr Brod verdienen und zeitweilig über ihre Kräfte sich
anstrengen müssen, wird es eine Ungerechtigkeit bleiben, ihnen jede
auch nur zeitweilige Ueberanstrengung der Arbeitsthiere zu verwehren.
Eine Ueberanstrengung der Arbeitsthiere aus unzureichenden Gründen
ist dagegen ebenso ungerecht wie unvernünftig und bedarf zu ihrer
Verurtheilung nicht erst des Mitleids.

Das Mitleid ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert: insoweit es
Unlust ist, drängt es ebensosehr dazu, den Anblick der Gelegenheiten
seiner Entstehung durch Ausweichen zu meiden als diejenigen
abzustellen, deren Anblick man auf keine Weise aus dem Wege gehen
kann; soweit es aber ein Gefühl ist, das dazu anlockt, seine Anlässe
aufzusuchen, ist es ein Lustgefühl und als solches verleitet
es zugleich dazu, die zu bemitleidenden Leiden nicht nur nicht
abzustellen, sondern geradezu erst recht herbeizuführen. Das Mitleid
ist der Grausamkeitswollust eng verwandt, und es ist ganz irrthümlich
zu glauben, dass Giftmischer oder Thierquäler aus Passion kein Mitleid
mit ihren Opfern empfinden, da sie ohne eine starke Emotion des
Mitgefühls gar keine so starke Lust aus dem fremden Leid schöpfen
könnten. Deshalb geht man fehl, wenn man glaubt, den passionirten
Thierquäler durch Erweckung seines Mitleids von seiner verworfenen
Neigung abbringen zu können; erst wenn man ihn nöthigt, sich selbst als
das von einem andern in gleicher Weise gequälte Wesen vorzustellen und
durch diese Vorstellung sein Gerechtigkeitsgefühl zur Reaktion bringt,
wird man hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen. Denn selbst von einem
andern gequält zu werden, empfindet jeder als ein angethanes Unrecht,
so dass es nur der Abstraktion von der Individualität des Gequälten und
des Quälers bedarf, um das Unrecht auch bei der Umkehrung einzusehen.

Auf der andern Seite schiesst das Mitleid mit den Thieren über das
Ziel hinweg, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob wir uns mit
denselben im Kriegs- oder Friedenszustande befinden. Nun befindet
sich aber die Menschheit mit allen Thierarten im Kriegszustande,
denen gegenüber sie sich im Kampfe ums Dasein zu behaupten hat, und
nur mit denjenigen im Friedenszustande, welche im Kampf ums Dasein
mit der übrigen Thierwelt entweder helfende Bundesgenossen oder doch
wenigstens Neutrale sind. Die Religion des Mitleids, der Buddhismus,
verlangt, dass man sich ruhig von Tigern fressen, von Giftschlangen
und Scorpionen stechen, von Läusen peinigen lässt, wenn man kein
Mittel besitzt, sich ihnen auf friedlichem Wege zu entziehen,
stempelt aber die Tödtung eines dieser Thiere zu einem todeswürdigen
Verbrechen, durch das man allen sonst etwa erworbenen Anspruch auf
Heiligkeit wieder einbüsst. Die Absurdität dieser Folgerung zeigt die
Unhaltbarkeit des Princips, von dem sie richtig abgeleitet ist.

Der Kampf ums Dasein ist nicht minder ein Krieg aufs Messer, wo er ein
indirekter, d. h. Wettbewerb um die Mittel des Lebens ist; deshalb ist
es ebensosehr eine Existenzfrage für die Menschheit, dass sie das Wild
und die Schmarotzer des Feldes und Hauses (Mäuse, Ratten, Ameisen) bis
zur Vernichtung bekämpft. Jedes Stück Nahrungsmittel, dessen sich ein
Thier bemächtigt, obwohl es zur Ernährung eines Menschen hätte dienen
können, verschlimmert die Situation der auf der Hungergrenze lebenden
Glieder der Menschheit; jedes Mitleid auf diesem Gebiet opfert einen
Menschen, um ein Thier zu retten, wenn sich auch der dabei geopferte
Mensch nicht mit dem Finger zeigen lässt. Aus diesem Gesichtspunkt ist
jeder Luxus in der Erhaltung überflüssiger Thiere mit Nahrungsmitteln,
die für Menschen hätten dienen können, ein Unrecht an der Menschheit;
dabei ist es gleichgültig, ob die betreffenden Nahrungsmittel den
Menschen direkt oder indirekt, d. h. durch Ernährung von nützlichen
Thieren hätten dienen können. Nicht als unnütz dürfen solche Thiere
gerechnet werden, welche der Belehrung (in zoologischen Gärten) oder
der Befriedigung von Gemüthsbedürfnissen dienen (Stubenhunde, -Katzen,
-Vögel etc.); noch weniger sind es die Thiere, welche dem Menschen
bei der Jagd, beim Kampf gegen Schmarotzer, bei der Bewachung seines
Eigenthums, bei seiner Ortsbewegung oder seinen sonstigen Arbeiten
Beistand leisten, oder welche zur Produktion von Nahrungsmitteln und
Bekleidungsstoffen gezüchtet werden. Aber auch solche Thierarten
müssen in ihrer Vermehrung so weit beschränkt werden, dass ihre
Zahl nicht über die zum Nutzen des Menschen erforderliche Grösse
hinauswächst, weil der Ueberschuss zu den überflüssigen Verzehrern von
Nahrungsmitteln gehören würde.

Der Kampf gegen die schädlichen und unnützen Thierarten so wie
derjenige gegen eine schädliche Vermehrung der relativ nützlichen
Thierarten ist eine Pflicht des Menschen gegen die Menschheit; da die
Menschheit höhere sittliche und Kulturaufgaben zu lösen hat als das
Thierreich, so steht auch die Pflicht gegen die Menschheit der Pflicht
gegen die Thiere voran, und die mitleidige Gutmüthigkeit, welche sich
im gegebenen Falle nicht zur Tödtung der Thiere entschliessen kann, ist
ebenso unsittlich wie die Weichherzigkeit eines Familienvaters, der
seinen Kindern das Brod wegnimmt, um es dem an seiner Thüre bettelnden
arbeitsscheuen Landstreicher zu reichen, oder wie die Empfindsamkeit
einer alten Jungfer, die ihren fetten Mops mit Braten und Zuckerbrod
füttert, während ihre Dienstboten sich mit Kochfleisch und Schwarzbrod
begnügen müssen.

Jede Gattung im Naturhaushalt braucht einen Regulator, der ihr
Ueberwuchern verhindert; einer der wichtigsten dieser Regulatoren
ist der Mensch und seine bezüglichen Pflichten im Naturhaushalt
sind um so ausgedehnter und dringlicher geworden, je mehr er die
übrigen Regulatoren (die Raubthiere) von der Erde verdrängt hat. Wenn
er jetzt, wo er in Kulturländern für die meisten Arten grösserer
pflanzenfressender und allesfressender Thiere sich zum einzigen
Regulator gemacht hat, sich durch mitleidige Regungen abhalten lässt,
seines Amtes zu walten, so verletzt er nicht nur seine Pflichten gegen
die Menschheit sondern auch seine Pflichten gegen die gesetzmässige
Ordnung des irdischen Naturhaushaltes und die Erhaltung ihres
Gleichgewichts. Ueberall wo es an regulirenden Raubthieren fehlt,
führt solche Sentimentalität sich sehr bald praktisch ad absurdum, wie
die Frösche der Abderiten beweisen, oder die 49 Katzen, welche der
gemüthvolle junge Dichter ein Jahr nach seinem Verbot der Tödtung des
ersten Wurfes besass. So gelangt die Sentimentalität gegen die Thiere
gar leicht dazu, sich lächerlich zu machen, nämlich überall da, wo zwar
ihre absurden Konsequenzen in die Anschauung fallen, wo aber nicht ihre
indirekte Schädlichkeit und principielle Unsittlichkeit zum Bewusstsein
kommt (deren Ernsthaftigkeit den komischen Eindruck der ersteren
verhindern würde).

Die empfindsame Weichherzigkeit ist in sittlicher Hinsicht eine höchst
bedenkliche Eigenschaft[5], und man darf sich darum auch nicht wundern,
wenn man diesen ihren bedenklichen Charakter auch in ihrem Einfluss auf
unsre Verhältnisse zu den Thieren bestätigt findet. Ueberall wo man
einem Menschen begegnet, der sich durch übermässige Zärtlichkeit und
ostentative Weichherzigkeit gegen Thiere auszeichnet, ist der Verdacht
gerechtfertigt, dass man es mit einem Individuum zu thun habe, welches
für seinen Mitmenschen nicht viel übrig hat und welches die aus seiner
mangelhaften Pflichterfüllung gegen letztere auf seinen Charakter zu
ziehenden Schlussfolgerungen durch ein Uebermaass von Rücksichtnahme
und Wohlthätigkeit gegen die Thiere vor sich selbst, oder auch nur
vor Andern, zu entkräften sucht. Oft ist es nur das instinktive
Streben nach einer Herstellung des sittlichen Gleichgewichts, was
die zu wenig Gerechtigkeit in sich fühlenden Menschen dahin drängt,
ein übertriebenes Gewicht auf ihr „gutes Herz“ zu legen; oft ist es
geradezu die Lieblosigkeit des angeborenen Charakters, welche zum
Gegengewicht gegen den unklar gefühlten Mangel, zu einer gewaltsamen
Pflege des Mitleids und der Barmherzigkeit führt; nicht selten aber
ist es gradezu der Menschenhass und die Missachtung des eignen
Geschlechts, welche gleichsam eine gewaltsame Zusammendrängung aller
verfügbaren Gefühlswärme in das Verhältniss zu den Thieren zur Folge
hat. Die versauerte alte Jungfer, der verbitterte Misanthrop, der
Menschenverächter auf dem Throne, der kalt-grausame Ketzerrichter,
der blutdürstige Revolutionsheld, das sind die Typen, bei denen die
Ueberzärtlichkeit für die Thiere ihren Gipfel zu erreichen pflegt.

Wer sein Verhältniss zu den Thieren aus dem Gesichtspunkt der
Gerechtigkeit regelt, der wird auch dann die Inferiorität des Thieres
niemals vergessen, wenn er mit einem bestimmten thierischen Individuum
in ein engeres Freundschaftsverhältniss tritt; nur ein solcher wird
fähig sein, dem Thiere die grösste Wohlthat angedeihen zu lassen,
welche der Mensch ihm erweisen kann: die Erziehung, während das gute
Herz nur zu verziehen, d. h. zu verderben versteht. Wer sich zu den
Thieren nicht hingezogen fühlt und sich damit begnügt, ihnen kein
Unrecht zu thun, der kann darum doch das warmherzigste und wackerste
Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein; wer aber für die Thiere
eine empfindsame Ueberzärtlichkeit entwickelt, dessen Charakter möge
man nicht minder mit Misstrauen begegnen wie einem, der sie zu seinem
Vergnügen martert. Freilich können auch traurige Erfahrungen und
unverschuldetes Unglück den Menschen zur Vereinsamung geführt haben,
und einem solchen wird man es gerne gönnen, wenn sein verödetes Herz
die letzte Zuflucht zu der Thierwelt nimmt; aber in der Regel liegt der
gemüthlichen Vereinsamung eine Schuld zu Grunde, eine Missachtung und
Nichterfüllung der Ansprüche, welche die menschliche Gesellschaft an
jedes ihrer Glieder zu stellen berechtigt ist.

Die vorstehenden Bemerkungen dürften genügen zum Erweise, dass das
Mitleid kein brauchbares Princip zur Feststellung der ethischen
Grenzlinie des Verhaltens gegen die Thiere ist, dass vielmehr diese
Grenzlinie nur durch die Gerechtigkeit gezogen werden kann, welche
dem Thiere giebt, was des Thieres ist, aber auch dem Menschen giebt,
was des Menschen ist, und welche die Pflichten gegen die Menschheit
und den Naturhaushalt der Erde als die höheren im Vergleich mit den
Pflichten gegen die Thiere anerkennt. Wir alle ohne Ausnahme sind nicht
nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, den Kampf ums Dasein der
Menschheit gegen die Thierwelt mitzukämpfen, also die schädlichen und
unnützen Mitbewerber um die irdischen Bedingungen des Lebens zu tödten;
wir sind aber ebenso verpflichtet, bei diesem Kampfe jede unnütze Härte
und Grausamkeit zu vermeiden. Das nämliche gilt für unsre Benutzung
der Thiere zur Förderung der menschlichen Kulturzwecke, sowohl was
die Verwendung thierischer Arbeitskraft, also auch was die Förderung
der Wissenschaft und Heilkunst durch Anstellung von Experimenten
anbetrifft.

Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rang als exakte Wissenschaft
wesentlich durch die experimentelle Grundlage ihres induktiven
Verfahrens gewonnen, und kann das Experiment nicht aufgeben, ohne
vom Range einer exakten Wissenschaft wieder herunter zu steigen. Nun
können Experimente über physiologische und pathologische Processe nur
an lebenden Körpern gewonnen werden, und jeder Arzt muss fortwährend
an seinen Patienten experimentiren. Jedes neue Heilmittel, jedes
neue Gift, jeder neu entdeckte chemische Stoff muss auf seine
physiologische Wirkung am lebenden Körper experimentell geprüft werden,
jede neue kühne chirurgische Operation muss ein Mal zum ersten Mal
an einem lebenden Organismus versucht werden. Die Erforschung der
Krankheitsursachen, insbesondere der organischen Krankheitsträger kann
nur durch ausgedehnte Impfversuche mit den Züchtigungsergebnissen der
Reinkulturen fortschreiten; die Ergründung der Funktionen verschiedener
Theile des centralen Nervensystems kann nur durch experimentelle
Eingriffe in den normalen Lebensprocess gefördert werden. Oft genug
schon hat die Begeisterung für den Fortschritt der Wissenschaft junge
Aerzte dahin geführt, an sich selbst solche Versuche anzustellen, die
manchmal mit dem Leben bezahlt wurden; den Steinschnitt verdanken
wir einem französischen Arzte, der vom König die Erlaubniss erhielt,
einen zum Tode verurtheilten, steinleidenden Verbrecher zum ersten
Versuchsobjekt zu nehmen.

Solche physiologischen Versuche können für ihre Objekte mit gar
keinen oder geringfügigen Unbequemlichkeiten verbunden sein (wie
z. B. manche Fütterungsversuche); sie können äusserst lästig sein,
ohne dass irgend ein Eingriff in den Organismus stattfindet (z. B.
die dauernde Einsperrung in eine enge Glasglocke zur Bestimmung der
Ausathmungsgase); sie können endlich schweres Siechthum und mehr
oder minder sichern Tod herbeiführen (wie z. B. die Impfungsversuche
mit Krankheitsträgern, oder die quantitative Feststellung der
Giftwirkungen). Wer irgend mit der modernen Physiologie, Pathologie und
Medicin vertraut ist, der weiss, dass die Zukunft dieser Wissenschaften
ganz und gar von einer rationellen Fortführung solcher Versuche, und
zwar im ausgedehntesten Maassstabe abhängt; wer einer andern Ansicht
huldigt, befindet sich im Widerspruch mit der erdrückenden Mehrheit
der Vertreter jener Fächer. Selbst dann, wenn die entgegengesetzte
Ansicht, dass alle Thierversuche überflüssig und nutzlos für die
Wissenschaft seien, im Rechte wäre, und selbst dann, wenn es gelänge,
die gesetzgeberischen Konsequenzen dieser Ansicht zu ziehen, d. h.
alle Thierversuche zu verbieten, würde doch dieses Verbot wirkungslos
sein; die Forscher, welche oft genug muthig genug sind, an sich selbst
gewagte Versuche anzustellen, würden heimlich die Thierversuche um
so eifriger fortsetzen, als ihnen eventuell von Seiten einer nach
ihrer Meinung unvernünftigen Gesetzgebung das Martyrium zu Ehren der
Wissenschaft in Aussicht stände.

Anstatt den alten Grundsatz „fiat experimentum in corpore vili“
der Thierwelt gegenüber ausser Kraft setzen zu wollen, sollte man
vielmehr ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht rathsam und
geboten sei, Verbrecher als corpora vilia zu benutzen; d. h. den zur
Todesstrafe Verurtheilten freizustellen, ob sie statt der Hinrichtung
ein lebensgefährliches Experiment an sich vornehmen lassen wollen,
und den zu geringeren Strafen Verurtheilten anheimzugeben, ob sie
ihre Strafe durch Preisgebung zu mehr oder weniger schmerzhaften
und quälenden Versuchen abbüssen wollen. Die Wissenschaft und die
Gefängnissverwaltungen würden davon gleichmässig Vortheil, das Recht
und das Publikum keinen Nachtheil haben, und den Verbrechern würde
nichts geschehen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Ein solches Gesetz
würde mit einem Schlage alle sentimentalen Klagen über ungerechte
Behandlung der Thiere durch die Naturforscher gegenstandlos machen,
indem sie dem Thierversuch den Menschenversuch anreihte; denn wenn man
den Thieren nichts anthun dürfte, wozu man nicht ihre Zustimmung vorher
eingeholt hätte, so dürfte man sie auch nicht gegen ihren Willen tödten
oder zu Arbeiten anhalten.

Dass keine Gesetzgebung im Stande ist, Missbräuche zu verhüten,
liegt ebenso auf der Hand, wie dass eine Sache um so mehr dem
Missbrauch ausgesetzt ist, je edler und je wichtiger sie ist. Die
beste und wirksamste Vorkehrung gegen missbräuchliche Behandlung
der Thierversuche liegt in einer sorgfältigen Unterweisung der
Studierenden über die zweckmässige technische Anstellung derselben,
über ihre Leistungsfähigkeit und Tragweite; das gesetzliche Verbot,
die Thierversuche in die Lehrvorträge aufzunehmen, würde nur die
entgegengesetzte Wirkung haben, d. h. der unverständigen und
ungeschickten Pfuscherei auf diesem Gebiete Vorschub leisten. Die
inhaltliche Erwägung, ob der eventuelle Nutzen bestimmter Versuche
wichtig genug ist, um die den Versuchsthieren zugefügten Leiden
zu rechtfertigen, liegt selbstverständlich ganz ausserhalb der
gesetzgeberischen und richterlichen Zuständigkeit und kann nur durch
Sachverständige festgestellt werden, d. h. sie muss letzten Endes doch
dem Takt und Gewissen der in ihren Fachkreisen tonangebenden Forscher
anheimgestellt bleiben. Die öffentliche Meinung hat die Aufgabe,
durch ihre Stimme das Gewissen der Forscher in dieser Richtung zu
schärfen und ihren Takt zu verfeinern; sie kann aber diese Aufgabe
nicht schlechter erfüllen, als wenn sie das Kind mit dem Bade
ausschüttet und durch ihren Unverstand die Forscher an den Gedanken
gewöhnt, dass sie sich um die jedenfalls unmögliche Zufriedenstellung
einer irregeleiteten öffentlichen Meinung überhaupt nicht mehr zu
bekümmern brauchen. Das jetzt so beliebte Schlagwort „Vivisektion“
benutzt das Grauen der meisten Laien vor dem chirurgischen Messer
und dem fliessenden Blut als Schreckgespenst zur Verwirrung der
Urtheilsfähigkeit; nur der kleinste Theil der Thierversuche bedient
sich chirurgischer Eingriffe, und diese brauchen gar nicht besonders
schmerzhaft zu sein und sind mindestens durchschnittlich nicht
diejenigen unter den Thierversuchen, welche mit den schwersten Leiden
für die Objekte verknüpft sind.

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