Moderne Unsitten

1. Der Blumenluxus.

Der Strauss, den ich gepflücket,
Grüsse Dich viel tausend Mal!
Ich habe mich oft gebücket
Ach, wohl ein tausend Mal,
Und ihn an’s Herz gedrücket
Viel hundert tausend Mal.

+Goethe.+

Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen,
sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine
symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet
damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch,
sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen;
wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch
aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung
ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der
Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf
den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die
beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf
Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das
Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken
der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man
eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass
man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu
sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und
gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die
Theure zu zieren.

Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie
ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen
Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen
tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein
ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner
Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo
die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung
hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur
da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem
Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede
kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von
der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert
damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit
Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche
Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als
die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane
Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in
ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was
man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten
gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr
sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth
des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld
ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte,
welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet,
sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende
Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe ist der
Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium
affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches
und der aufgewandten Mühe proportional ist.

Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders
als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des
Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen
Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren.
Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz
verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen
bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte
Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind,
und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger
und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter.
Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab,
als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth
derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je
anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint,
je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die
Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern
auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung
der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt
nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering
ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des
Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen
Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden
kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth
eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur
durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen
von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der
Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und
Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das
Beschenken mit Vasen, Nippsachen u. dgl. etwas einwenden kann, wenn die
Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte
das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll
arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern u. s. w.; aber es müssen dann
eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen u. dgl. schenken
dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss
für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth
für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht
fällt.

Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten;
man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf
Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen,
und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble
Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt,
der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein
Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage
mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt,
wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen
überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem
Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und
die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden
Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus,
die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu
werden, dass die Sitten, aus denen diese Ausschreitungen hervorgehen,
selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit
wird, die bessernde Hand anzulegen.

Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er
sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die
Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen,
oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen
schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei
der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag
ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s
Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch
Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem
Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen
anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen.
Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt
wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz
wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die
Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz
wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare
Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die
Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der
Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige
Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz
für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.

So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur
Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene
feineren Bedenken schweigen, welche sofort in ihr Recht treten, wo
die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt
so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm
und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter
Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, — ein noch
lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist.
Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter,
verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem
das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen
und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose
am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht
schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat
und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des
Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die
Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht
eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen
Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet
hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den
unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen.
Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen
die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte
Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im
Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen
gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das
Herz verletzt.

Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet
wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese,
Feld und Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat,
oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz
sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer
aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am
schönsten ist, d. h. in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren
naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im
Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu
bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei,
einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht
gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus
Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen
Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch
zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt,
dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter
verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des
vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung
und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da
feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.

2. Das Rauchen.

Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum
Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von
rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche
Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb
darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und
den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren
Jünglinge wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher
Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass
im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen
Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz
der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es
schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu
rauchen.

Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und
anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese
Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu
vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher
unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus
gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten,
sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege)
leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen
aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein
eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche
Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben,
kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen
Nachahmungstriebes.

Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über
ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen
Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen
mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der
Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese
Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich
Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls
ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen-
und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.

Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein
werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee,
Kaffee, Cacao u. s. w. besitzen in diesen Reizmittel genug, als
dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte.
Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der
Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden
nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich
viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.

Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit
ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer
Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen
kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss;
die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung
(Spinalirritation, Amblyopie u. s. w.) sind aber zum Theil noch so
wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug
von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.

Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen
Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte
beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur
die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen
dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten
Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen
Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter
gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des
Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.

Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des
Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch nicht der physiologische
Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an
anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.

Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens
wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine
Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine
Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern
zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn
einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die
Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem
jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.

Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks
beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung
der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die
jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von
Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu
dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also
ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde
die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören
des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.

Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls
allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe
durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen,
denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies
Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und
Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach
Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine Steuer
bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.

Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch
von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich
erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen
würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden
Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die
erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen
die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend
werden könnte.

Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr
in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise,
insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um
erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen
desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken
trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das
Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde,
ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.

3. Die Politik und die Jugend.

Ein Hauptunglück der Zeit nach d. J. 48 in Deutschland ist das
Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern
politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen,
gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder
Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche
an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen
auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit erschöpfter und
erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur
weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um
sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung
zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik
den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische
Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit
des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an
socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit
zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit
der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille
des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben
aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen
und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der
Reformationszeit der konfessionelle Hader.

Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten
Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung
und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen
erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen,
und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde
das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier
und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.

Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren
politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für
die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten,
wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis
24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur
in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen
gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also
etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre
Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits
das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten
verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt
verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so
versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie
unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica
bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die
Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen
Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch
vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt
haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige
politische Urtheilsbildung erst möglich wird.

4. Puder und Schminke.

Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der
nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und
Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle
sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und
Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur,
der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu
heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten
schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober.
Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten
kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle
Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum eintönigen
Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel
zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen
Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt,
gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und
Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht
sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben
spielen will.

Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die
„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn
an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und
Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen
Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher
als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.

Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der
Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass
in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und
Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des
Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth
thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist
eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer
Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem
Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im
vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem
der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung
von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die
socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur
liefern sollte.