Die Wohnungsfrage

Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande,
speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut
noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in
der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn,
in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr.
Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten
eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf
seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines
Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der
Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte
der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer
Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so
wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige
Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er
ist also z. B. um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien
gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist.
Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage
meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich
ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig
ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien
zu arbeiten hat.

Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter
des nördlichen Europas hervor, der durch seine Berufsarbeit,
wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche
Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten
oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische
Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die
Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich
von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind
die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander
verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume,
erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau,
beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer
der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten
ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt;
am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer,
Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise
benutzt werden.

Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer
zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird
immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart,
welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige
Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein
Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel
in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die
Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen
Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute
Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar
nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“
Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter
„gute Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei,
dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende
Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine
ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische
Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.

Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur
die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer
Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen
wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst
dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation
verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen.
Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann
die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine
aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl
das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem
Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen,
wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose
Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss,
so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben
anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in
der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher
von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in
denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf
suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen
Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.

So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch
keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache
Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende
unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und
mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen.
Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden
Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift
dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten
neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft
werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche
Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den
Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen
mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen
davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern
aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht
unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und
im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei
offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher
eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss
leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen
Gefahren.

Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit
böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden
frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen
zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon
und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung,
hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach
über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch
kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser
Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten
Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die
Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in
Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt.
Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge
in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben
zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er
die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung
herausreisst.

Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres
stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar
und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht
einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen
wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es
führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen
Verhältnisse es gestatten.

Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich
bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder
herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den
Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die
journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft
auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem
täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit
gethan zu haben.

Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs
überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und
bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und
bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische
Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder
wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen
mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande
sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der
Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige
scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz
des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im
heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub
des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört
nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein
stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die
Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen
des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich
die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man
am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der
inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der
Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten
„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der
Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn-
und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was
diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich
in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder
bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht,
die gestellte Forderung zu verwirklichen.

Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist
ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder
ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne
Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie
des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen;
die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet
praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden
Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und
festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz
gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst
ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn
sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines
Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth
entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen
Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung
der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den
Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung
an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche
Verhältniss.

Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser
baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die
Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit
in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung
der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben
mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser
baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung
grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel
theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge
erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es
unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite
wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen
am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen,
trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund
liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei
Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume
von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation
beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben
von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden
Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch
rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut
wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern
derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der
Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen
unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone
anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und
Aussterben der Gärten.

Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den
letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich
desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen
und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie
konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie
sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften
aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei
Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei
Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue
Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren
und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in
ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite
zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist
nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht
ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer
auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor
retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler
zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in
verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig,
in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im
Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen,
dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten
zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung
erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und
welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit
aufdrängen wird.

Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen
wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren
Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben
gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.

Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis,
dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer
ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind.
Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern
eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen
einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel,
eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am
auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder,
der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese
Reisekosten spart.

Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen
Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich
vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde
Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das
Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das
Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert
und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger
werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern
fortwährend kleine abgelassen werden.

Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer
Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile
für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die
Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der
unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so
dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer
werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.

Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen,
dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer
Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune
näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige
Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel
zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter
Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.