Die Ueberbürdung der Schuljugend.

Es darf als unbestreitbar gelten, dass heute von den Schülern mehr
häusliche Arbeiten verlangt werden als vor einem Menschenalter, und
dass trotzdem von dem Durchschnitt der Schüler weniger geleistet
wird, so dass die Procentzahl der Nichtversetzten in jeder Klasse
beträchtlich gegen früher gewachsen ist. Die statistische Ermittelung,
ob die Jugend jetzt in durchschnittlich schlechterem Gesundheitszustand
als vor einem Menschenalter die Schule verlässt, ist unausführbar;
aber auch wenn dieses Resultat festzustellen wäre, könnte man doch
einwenden, dass es durch andre Ursachen als die gestiegene Arbeitslast
bedingt oder doch mitbedingt sei. Wichtiger scheint mir die wachsende
Abneigung der Jugend gegen die Schule als Zeugniss dafür, dass letztere
mehr und mehr zu einer krafterschöpfenden Drillanstalt geworden und
mehr und mehr ihren Beruf, zur geistigen Freudigkeit und Frische
anzuregen, verfehlt. Nur der Begabte, der zugleich sich kein Gewissen
daraus macht, sich durchzuschwindeln, kommt ohne leiblichen Schaden
davon, nimmt aber dafür die Gewöhnung an Umgehung der obliegenden
Pflichten als bedauerliche Mitgift in’s Leben mit. Die Verfügung des
preussischen Unterrichtsministeriums vom März 1882 drängt zwar auf
Beschränkung der Unterrichtsziele und namentlich des Memorirstoffs,
aber bis jetzt, wie es scheint, in der Hauptsache vergeblich. Es dürfte
deshalb nicht überflüssig sein, wenn Laien ihre Stimmen erheben, um
nicht blos über die Thatsache zu klagen, sondern auch auf die Ursachen
und die Wege zur Abhülfe hinzuweisen.

Die genannte Centralverfügung weist auf die gegenwärtig in Aufnahme
gekommene fachmässige Vorbildung der Lehrer als auf eine Hauptquelle
der gesteigerten Ansprüche hin; aber es ist psychologisch unmöglich,
durch einfache Verfügungen Abhülfe zu schaffen, so lange die
Schulbehörden erklären, sich nicht auf den Standpunkt stellen zu
können, dass nur auf wenige Unterrichtsgegenstände Werth gelegt wird,
wie es der Geh. Oberregierungsrath Bonitz bei der Debatte über den
Cultusetat im preussischen Abgeordnetenhause gethan hat. Ich behaupte,
dass +nur+ Lateinisch und Griechisch Hauptgegenstände in dem Sinne
sind, dass eine entschiedene Unreife in einem derselben ein Hinderniss
der Versetzung sein darf und muss. Dagegen ist es ganz gleichgültig,
ob ein Schüler der Quarta sicher im elementaren Rechnen ist, oder
ob ein Schüler der Tertia Genügendes in der Geometrie leistet; wenn
er mathematische Anlage hat, so holt er das in den oberen Klassen
mit spielender Leichtigkeit ganz unvermerkt durch den mathematischen
Unterricht nach, und wenn er solche nicht hat, wie thatsächlich etwa
zwei Drittel der Menschen sie nicht haben, so ist es eine unbillige
Härte, ihm wegen solchen Mangels seine Carriere zu verderben und seinen
Eltern schwere Opfer aufzuerlegen. Was der mathematische Unterricht
in den letzten drei Jahren bei Unbefähigten überhaupt leisten kann,
den Hinweis auf die Strenge der mathematischen Beweisführung, das
leistet er auch dann, wenn das Auswendiglernen dieser Beweise und die
Fertigkeit im Aufgabenlösen unbefriedigend erscheint.

Ebenso verkehrt ist es, die deutsche Grammatik in den unteren oder den
deutschen Aufsatz in den oberen Klassen zu einem für die Versetzung
massgebenden Hauptgegenstand aufzubauschen, während letzterer bei der
Abgangsprüfung allerdings als solcher gelten muss. Der Mangel an
deutscher Grammatik wird später durch den Ueberfluss an lateinischer
und griechischer ausreichend ersetzt; die Entwickelung des Stils aber
tritt meist plötzlich und stossweise bei Erlangung einer gewissen
Geistesreife ein, und die Unzulänglichkeit des Stils in Sekunda ist
kein Hinderniss dafür, dass der Betreffende in Prima den besten Aufsatz
der Klasse liefert. Das Französische kann auf dem Gymnasium niemals
eine besondere Wichtigkeit beanspruchen, theils deshalb nicht, weil
die ihm zugetheilte Stundenzahl thatsächlich zu gering ist, um etwas
Ordentliches darin verlangen zu können, theils deshalb nicht, weil es
in keinem Gegenstande leichter und gebotener ist, sich durch Lektüre,
Conversationsstunden u. s. w. nach Abgang von der Schule fortzubilden,
als in diesem, also grade hier die Mängel der Schulbildung am ehesten
nachgeholt und ausgeglichen werden können, wozu nach der Schulzeit
weit eher Musse zu finden ist als während derselben. Die Fächer,
welche hauptsächlich das Gedächtniss in Anspruch nehmen (Geschichte,
Geographie, Naturkunde) verlangen am allerwenigsten den Fortbau auf
einem in den vorhergehenden Klassen gelegten Grunde; man kann bei ihnen
anfangen, wo man will, und hat bis zur Abgangsprüfung doch alles in
den unteren und mittleren Klassen Gelernte wieder spurlos vergessen.
Der Physikunterricht der obersten Klassen endlich besitzt seinen Werth
lediglich in dem Hinweis auf den strengen Kausalzusammenhang der
Naturprocesse und auf das Wesen der experimentellen Induction; dieser
Zweck muss durch die Theilnahme am Unterricht selbst erreicht werden,
und es kommt gar nicht darauf an, wie viel von dem mitgetheilten
Wissensstoff im Gedächtniss behalten wird. Die Entlastung von
Memorirstoff sollte vor allen Dingen beim Religionsunterricht beginnen,
insbesondere bei demjenigen der bereits Confirmirten; nichts wird von
den christlichen Abiturienten als eine drückendere Härte empfunden,
als dass sie zu allen sonstigen Wiederholungen hinzu sich noch mit dem
Auswendiglernen von Katechismus und Kirchenliedern plagen müssen, von
dem ihre jüdischen Mitschüler befreit sind.

Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er sich für alle
Unterrichtsgegenstände gleichmässig interessiren soll; jeder aber
wird durch Anlage und Neigung auf gewisse Nebenfächer hingewiesen
sein, in denen er schon durch die blosse Theilnahme am Unterricht gut
beschlagen ist. Das gerade verleidet unserer Jugend die Schule, dass
ein gleiches Interesse für Alles von ihr verlangt wird, wobei aber für
das Meiste ein bloss erzwungenes Interesse herauskommt. Wer in Latein
und Griechisch Befriedigendes leistet, der sollte unbedenklich versetzt
werden, wofern nur die Leistungen in allen Nebenfächern sich zu einem
befriedigenden Gesammtergebniss kompensiren, also ein Minus der einen
durch ein Plus der andern gedeckt wird; wer aber in Latein, Griechisch,
deutschem Aufsatz und Mathematik genügt, der müsste versetzt werden,
auch wenn er in allen anderen Fächern nicht genügt, und das Urtheil
über die Fertigkeiten dürfte auch nicht den allergeringsten Einfluss
auf die Versetzung haben.

Nach ähnlichen Grundsätzen wurde in meiner Jugend in den mir bekannten
Schulen thatsächlich verfahren, und die Endresultate waren bessere
als heute, wo trotz aller Erschwerung des Schulgangs und trotz
der vermehrten häuslichen Aufgaben die Leistungen in den beiden
Hauptgegenständen des Gymnasiums im Sinken sind. Früher, wo der
häusliche Fleiss sich in der Hauptsache auf Latein und Griechisch
beschränkte, und Jeder die seiner Neigung nicht entsprechenden
Unterrichtsstunden ungestraft zur Abspannung seiner Aufmerksamkeit,
d. h. zur Erholung und Kräftigung derselben für die nächsten Stunden
benutzen konnte, da wurde weit mehr gelernt, als jetzt, wo die multa
das multum unmöglich machen, und die gesteigerte Intensität des
Unterrichts in allen Stunden ohne Ausnahme (theilweise in Verbindung
mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts) die durchschnittliche
Aufnahmefähigkeit der Schüler für den gesammten Unterricht herabsetzt.

Dass es wirklich die Steigerung der Ansprüche in den Nebenfächern
ist, welche die Leistungsfähigkeit der Schüler herabsetzt und sowohl
direkt wie indirekt zu einer das Uebel nur noch verschlimmernden
Vermehrung der häuslichen Arbeiten zwingt, das sieht man am besten an
einem Vergleich zwischen Gymnasium und Realschule; die letztere hat
mehr Schulstunden und mehr häusliche Arbeiten als das erstere, und
trotzdem leistet sie noch weniger als dieses, weil ihr in noch weit
höherem Grade die Koncentration auf wenige Hauptfächer fehlt. Fragt man
aber, wodurch die Schulbehörden zu einer Steigerung ihrer Ansprüche
in den Nebenfächern der Gymnasien gegen früher gedrängt worden sind,
und wodurch sie in dieser falschen Stellung festgehalten werden, so
ist es offenbar der Zug der Zeit nach Verstärkung der Bildung in den
Realwissenschaften, d. h. eine falsche Anticipation der realistischen
Fachbildung durch die Schule als allgemeine Bildungsanstalt, oder
mit anderen Worten eine fehlerhafte Koncurrenz der Gymnasien mit
dem Lehrziel der Oberrealschulen und Realgymnasien, welche eben als
verschiedene Grade der Verquickung von allgemeinen Bildungsschulen mit
Fachschulen zu charakterisiren sind. Die Schulbehörden haben nur den
Fehler begangen, dem Andrängen nach vermehrter Berücksichtigung der
Realwissenschaften auf den Gymnasien zu sehr nachzugeben, und zwar
nicht sowohl in Vermehrung der Stundenzahl, als vielmehr in Steigerung
der Anforderungen an die Schüler. Die sich jetzt am lautesten über die
Ueberbürdung beklagen, sind gerade diejenigen, welche die Regierung
in die falsche Position gedrängt haben und auf diesem Wege immer
weiter drängen möchten; gelänge es dieser Richtung, die alten Sprachen
im Gymnasium zu Gunsten der Realwissenschaften noch erheblich zu
beschränken, d. h. das Gymnasium der Realschule ähnlicher zu machen,
so würde damit die Ueberbürdung der Gymnasialjugend noch über die der
jetzigen Realjugend hinauswachsen, weil die alten Sprachen doch immer
Hauptgegenstände würden bleiben müssen, während sie schon auf dem
jetzigen Realgymnasium in den oberen Klassen nur noch ein Nebenfach
darstellen.

So lange die öffentliche Meinung diesen letzten Grund der Ueberbürdung
nicht erkennt und ihren Einfluss auf die Schulbehörden nicht in
umgekehrter Richtung wie bisher geltend macht, so lange werden
alle Palliativmittel sich als wirkungslos erweisen; erst wenn die
Schulbehörden ihr Aufsichtspersonal dahin instruiren, bei den
Versetzungs- und Abgangsprüfungen nur den Hauptgegenständen Wichtigkeit
beizumessen, bei den Nebenfächern aber der Individualität der Schüler
volle Rechnung zu tragen, erst dann werden die Lehrer der Nebenfächer
aufhören können, sich der Versetzung eines in ihrem Fache nicht
genügenden Schülers zu widersetzen. Dann wird wieder mehr Freiheit für
Lehrer und Schüler und mit ihr mehr Freudigkeit und Liebe zur Arbeit
in die Schule ihren Einzug halten, die jetzt durch den Anspruch, das
Klassenziel von allen zu versetzenden Schülern erreicht zu sehen, mehr
und mehr einer mechanischen Drillthätigkeit gewichen ist. Es wird sehr
wohl möglich sein, die Klassenziele in den Nebenfächern sogar auf der
Höhe zu erhalten, auf welche sie durch die fachmässig gebildeten Lehrer
hinaufgeschraubt sind, sobald man nur darauf verzichtet, alle Schüler
dieses Ziel erreichen zu sehen. Dann werden die Schüler allerdings
nicht mehr mit so einförmig gleichmässiger Bildung wie jetzt die Schule
verlassen, sondern der eine mehr in diesen, der andere mehr in jenen
Fächern gebildet, alle aber mit einem gegen jetzt erhöhten geistigen
Niveau und mit unzerstörter Geistesfrische und Lernfreudigkeit. —

Unter solchen Voraussetzungen allein wird es auch möglich sein,
die häuslichen Arbeiten auf das zu beschränken, worüber sie aus
idealem Gesichtspunkt nicht hinausgreifen sollten: auf Vorbereitung
und Wiederholung. Man hat sich zwar gegenwärtig allgemein daran
gewöhnt, die häuslichen Arbeiten als eine unentbehrliche Ergänzung
des Schulunterrichts anzusehen, aber ich halte diesen Gesichtspunkt
für entschieden falsch, und meine, dass dessen Falschheit Jedem
ohne Weiteres einleuchten müsste, wenn nicht die Gewöhnung an das
Gegentheil als an den normalen Zustand die Unbefangenheit des Urtheils
aufhöbe. Die Schule ist dazu da, um der Jugend die nöthige allgemeine
Bildung einzupflanzen, und wenn sie sich dazu unfähig erklärt ohne
Zuhülfenahme des Hauses, so beweist sie damit nur, dass entweder in
ihrer Organisation ein Fehler steckt, oder dass die Lehrer die ihnen
obliegende Aufgabe theilweise auf das Haus abzuwälzen bequemer finden.

Zehn Stunden Handarbeit findet man heute bereits zuviel und steuert
auf den achtstündigen Normalarbeitstag für alle Arbeiter hin; sollte
da nicht achtstündige Arbeitszeit für die Kopfarbeit Erwachsener
erst recht als unüberschreitbares Maximum gelten, und sollten nicht
drei Viertel dieses Quantums die allerhöchste, aus hygienischen
Rücksichten an jugendliche, unreife Gehirne zu stellende Zumuthung
sein? Dieses Maximum wird aber mit 34-38 Wochenstunden (in Gymnasien
und Realgymnasien) thatsächlich erreicht und die hinzutretende
Inanspruchnahme für häusliche Arbeiten ist eine auf keine Weise zu
rechtfertigende Ueberanspannung. Es hat weit schädlichere Folgen,
wenn man bei geistiger, als wenn man bei körperlicher Arbeit die
gesundheitlich zulässige Grenze überschreitet; während aber der Staat
den jugendlichen Fabrikarbeitern durch gesetzliche Beschränkungen der
Arbeitszeit ohne Rücksicht auf die dadurch herbeigeführte Verringerung
des Familieneinkommens seine Fürsorge widmet, stützt er sich darauf,
dass Schulmännerkonferenzen eine 3-3½-stündige häusliche Arbeitszeit
neben 36 wöchentlichen Schulstunden für keine Ueberbürdung der
reiferen Jugend erklären, anstatt darin den Wahrspruch einer bei der
Angelegenheit dringlichst interessirten +Partei+ zu erblicken. Die
Schulmänner haben ohne Zweifel das Interesse, die Arbeitsleistung
der Schule, d. h. ihre eigene Arbeitsleistung durch Mitanspannung
des Hauses zu erleichtern; das Haus aber hat um so mehr Grund,
diesem Uebergriff zu wehren, als derselbe eben so unpädagogisch
wie gesundheitswidrig ist, und wenn die fehlerhafte Organisation
der Schule, die Unfähigkeit zur selbstständigen Erfüllung ihrer
Aufgabe, bis zu einem gewissen Grade als Entschuldigungsgrund für
diesen Uebergriff gelten kann, so liegt darin eine um so stärkere
Aufforderung, an diese fehlerhafte Organisation die bessernde Hand zu
legen.

Die häuslichen Arbeiten sind unpädagogisch. Mit diesem Satz bin ich
sicher, den allgemeinen Widerspruch hervorzurufen, weil die Schulmänner
das Publikum seit Generationen an die entgegengesetzte Ansicht zu
gewöhnen gewusst haben. Als Grund wird angeführt, dass durch die
häuslichen Arbeiten die Jugend zu +selbstständigem Arbeiten+ angeleitet
werde. Unter „selbstständigem Arbeiten“ kann man zweierlei verstehen:
erstens das Studium selbstgewählter Wissenszweige und die Bearbeitung
selbstgewählter Aufgaben, und zweitens die zwangsweise Lösung
gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch und erleichternden Verkehr
mit dritten Personen. Der erste Zweck stellt eine Ausnahme dar, denn
er passt bekanntlich nicht für die Schule im Ganzen, sondern nur für
die reifste Stufe der Schuljugend, und für diese halte auch ich die
Privatlektüre und die freiwilligen Arbeiten für höchst wünschenswerth.
Aber bei der jetzigen Erschöpfung der Schüler hören die sogenannten
freiwilligen Arbeiten ganz auf, oder sie werden selbst wieder zu
unfreiwilligen häuslichen Arbeiten mit einem gewissen Spielraum in
der Wahl der Gegenstände; in beiden Fällen geht ihr pädagogischer
Werth als Gewöhnungsmittel an Spontaneität der Arbeit verloren. Nur
besonders begabte und zugleich intensiv strebsame Köpfe können trotz
der Ueberbürdung die Kraft und Frische behalten, mit Privatstudien
ihren persönlichen Neigungen zu folgen; bei der Mehrzahl aller Schüler
bewirkt das heutige System der häuslichen Arbeit erfahrungsmässig nicht
die Lust zu selbstständigen Arbeiten, sondern bloss den Ekel vor aller
Geistesarbeit, einen so gründlichen und dauerhaften Ekel, dass er nach
der Erholung der ersten Studiensemester beim Biere nur noch durch den
Zwang des Brotstudiums überwunden zu werden pflegt. Der Erfolg spricht
also entschieden gegen die pädagogisch richtige Wahl des Mittels zum
Zweck; die Unzweckmässigkeit desselben ist aber auch deductiv zu
erweisen.

Der eigentliche, regelmässige und allgemeine Zweck der häuslichen
Arbeiten im gewöhnlichen Sinne des Worts kann nur der zweitgenannte
sein: die zwangsweise Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch
und erleichternden Verkehr mit dritten Personen. Dass dieser Zweck
durch Klausurarbeiten in der Schule wirklich erreicht werden kann und
thatsächlich erreicht wird, ist zweifellos; dass er +nur+ durch
häusliche Arbeiten erreicht werden könne, ist also völlig unhaltbar,
vielmehr sind solche für diesen Zweck ganz überflüssig, wofern nur die
Schule einen genügenden Theil ihrer Zeit auf Klausurarbeiten verwendet.
Dass aber dieser Zweck überhaupt durch häusliche Arbeiten erreicht
werden könne, ist von zwei Voraussetzungen, die beide bei der Mehrzahl
der Schüler offenbare Fictionen sind, abhängig: erstens dass die
Arbeiten wirklich zu Hause gefertigt, und zweitens, dass sie ohne Hülfe
dritter Personen und ohne unerlaubte Hülfsmittel gefertigt werden.

Bekanntlich wird ein Theil der weniger kontrolirten Arbeiten gar nicht,
ein anderer Theil in der Schule (theils in Zwischenstunden, theils
in weniger scharf kontrolirten Schulstunden), ein dritter Theil mit
fremder Hülfe, ein vierter vermittelst unerlaubter Hülfsmittel (älteren
Klassenheften, gedruckten Uebersetzungen u. s. w.) gemacht; in allen
diesen Fällen wird der Zweck der häuslichen Arbeiten, und zwar nicht
nur der pädagogische, sondern auch der Lehrzweck verfehlt, und an seine
Stelle tritt die unpädagogische Gewöhnung der Schüler an Unredlichkeit,
Täuschung, Schwindeleien und Umgehung der obliegenden Pflichten. Je
mehr der Unterricht den Charakter schablonenhafter Dressur annimmt,
desto leichter sind die älteren Klassenhefte zu missbrauchen; je
besser und billiger die sogenannten Eselsbrücken werden, desto
nutzloser werden die Präparationen, da die allein werthvolle Uebung
im selbstständigen Konstruiren der Sätze dabei wegfällt. Je höher
die Anforderungen der Schule an die häuslichen Arbeitsleistungen in
allen Fächern gespannt werden, desto stärker wird der Anreiz, aus
naturgemässem Selbsterhaltungstriebe oder aus berechtigter Nothwehr
gegen die Ueberbürdung solche sich darbietende Erleichterungsmittel zu
brauchen, desto mehr wirkt die Schule als direkte Verführerin auch der
gewissenhafteren Schüler zum Betrug, desto tiefer sinken naturgemäss
die durchschnittlichen Klassenleistungen, weil das Unterrichtssystem
auf Voraussetzungen fusst, die nicht erfüllt werden. Was aber die
persönliche Selbstständigkeit der Schüler bei der Anfertigung
häuslicher Arbeiten betrifft, so ist dieselbe schon da aufgehoben, wo
mehrere Schüler sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen; sie wird in
ihr striktes Gegentheil verwandelt, wo die Schule, wie es oft genug
vorkommt, bei Schülern von nicht besonderer Fassungskraft geradezu auf
die unterstützende Mitwirkung des Hauses rechnet. Am widersinnigsten
sind die häuslichen Arbeiten in der Mathematik, da sie erfahrungsmässig
doch nur von ganz Wenigen selbstständig gelöst, von den Uebrigen aber
bloss abgeschrieben oder mit fremder Hülfe gefertigt werden.

Der begabte Schüler, der in den Schulstunden allein genug lernt zur
Erreichung des Klassenziels, ist sachlich im Rechte, wenn er die für
ihn überflüssige Plage der häuslichen Arbeiten geschickt umgeht; der
unbegabte gewissenhafte wird unter ihrer Last erdrückt und verfehlt
entweder das Ziel der Schule oder kommt gebrochen an Geist und Körper
aus ihr hervor; der unbegabte gewissenlose wird zum Schwindel verleitet
und verfehlt das Ziel, weil es von seinesgleichen ohne gewissenhafte
Erfüllung aller Anforderungen nicht zu erreichen ist; die mittleren
Köpfe schlagen sich zur Noth durch, verlassen aber endlich mit
gerechtem Groll, mit Ueberdruss und Bitterkeit die Schule. Die Lehrer
werden durch die Kontrole der Unredlichkeit in einen beständigen Krieg
mit den Schülern hineingedrängt, an dessen Stelle bei dem Mangel
häuslicher Arbeit sofort die wohlthuendste Eintracht träte; auch werden
sie durch Beurtheilung der Schüler nach dem häuslichen Fleiss in eine
falsche Richtung hin, und von der allein massgebenden Beurtheilung nach
den Leistungen abgelenkt.

Angenommen, es wäre von den jetzigen Schulstunden keine einzige
disponibel zu machen, um die Anfertigung der deutschen und
fremdsprachlichen Aufsätze und mathematischen Arbeiten aus dem Hause in
die Schule zu verlegen, so wäre es immer noch besser, einen Nachmittag
in jeder Woche mit zwei Stunden zur Anfertigung dieser Arbeiten unter
Klausur anzusetzen, als den jetzigen unpädagogischen Standpunkt
zu belassen; ebenso müsste ein grösserer Theil der Lektürestunden
zu kursorischer Lektüre ohne Präparation verwandt werden, um den
Schaden der jetzt allgemein üblichen Präparation mit Uebersetzung
einigermassen wieder gut zu machen. Erst mit der Verlegung der Aufsätze
und mathematischen Aufgaben unter Schulaufsicht würde die Beurtheilung
derselben zu dem, was sie doch sein soll, zu einem Massstabe für
die Leistungen des Schülers, und erst mit ihr würde der bei der
häuslichen Anfertigung verfehlte pädagogische Zweck der Gewöhnung an
selbstständiges Arbeiten wirklich erreicht werden.

Jedenfalls darf der jetzige Zustand nicht länger fortbestehn: entweder
muss die Zahl der Schulstunden beträchtlich verringert werden, oder die
Schule muss in der Hauptsache ohne Zuhülfenahme der häuslichen Arbeiten
ihre Aufgabe erfüllen, und es ist nicht schwer zu sehen, welches
dieser beiden Ziele mehr Aussichten für praktische Verwirklichung
bietet. Aber die durchaus gebotene Entlastung der Schüler, mag man sie
nun anstreben auf welchem der beiden Wege man wolle, setzt immer als
Bedingung ihrer Möglichkeit voraus, dass die Nebenfächer wieder wie
früher wirklich als +Neben+fächer behandelt werden und aufhören, für
die Versetzungs- oder Abgangs-Reife einen mitbestimmenden Einfluss zu
besitzen.

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