Die preussische Schulreform von 1882

Durch die Circularverfügung des preussischen Unterrichtsministeriums
vom 31. März 1882 (Berlin bei W. Hertz), welche das Ergebniss
langjähriger behördlicher Erwägungen und Konferenzen darstellt, dürfte
für längere Zeit in unserem höheren Schulwesen ein stabiler Zustand
geschaffen sein, der erst nach Einsammlung langjähriger weiterer
Erfahrungen die Hoffnung auf weitergehende Reformen offen lässt. Es
liegt mir deshalb nahe, das bisher Erreichte mit den Forderungen zu
vergleichen, welche ich im Jahre 1875 in meiner Schrift: „Zur Reform
des höheren Schulwesens“ aufgestellt und begründet hatte.

Ich hatte dort eine mässige Aenderung des Gymnasiallehrplans zu
Gunsten der Realwissenschaften und des Französischen verlangt, ferner
eine officielle Anerkennung des Werthes der lateinlosen Realschulen
mit neunjährigem Kursus, die ich nicht als höhere allgemeine
Bildungsanstalten sondern als Mittelschulen (höhere Bürgerschulen) mit
angehängter Fachschule von dreijähriger Lehrdauer betrachte, und hatte
endlich gewünscht, dass die vorhandenen Realschulen mit Latein entweder
in reorganisirte Gymnasien oder in lateinlose Realschulen umgewandelt
würden. Diese Wünsche sind durch die fragliche Ministerialverfügung,
wo nicht erfüllt, doch ihrer Erfüllung näher gerückt. Wie die
Unterrichtsordnung von 1859 zum ersten Male die Realschulen mit
Latein officiell recipirte und einen Normallehrplan für dieselben
aufstellte, so sind jetzt die lateinlosen Realschulen mit neunjähriger
Lehrdauer officiell recipirt und mit einem Normallehrplan ausgestattet
worden; im Gymnasiallehrplan ist eine ausreichende Verstärkung
der Realwissenschaften und eine allerdings nicht ausreichende des
Französischen auf Kosten des Lateinischen angeordnet, und in dem
bisherigen Realschullehrplan ist durch Verstärkung des Lateinischen
auf Kosten der Naturwissenschaften wenigstens eine Annäherung an das
Gymnasium erzielt worden. Die Verfügung unterscheidet nunmehr folgende
Arten von Schulen: Gymnasien, Realgymnasien, (früher Realschulen
erster Ordnung), Oberrealschulen (früher neunklassige Gewerbe-
und Handelsschulen), Progymnasien, Realprogymnasien, Realschulen
(eigentlich Oberprorealschulen), alle drei mit siebenjähriger
Lehrdauer, und endlich höhere Bürgerschulen, d. h. sechsklassige
Schulen ohne Latein mit Französisch und Englisch, deren Lehrplan
sich von demjenigen der „Realschulen“ fast nur durch das Fehlen der
obersten Klasse unterscheidet, die aber eine in sich abgeschlossene
Bildung geben sollen. Betrachtet man die „Oberrealschulen“ als mittlere
Schulen mit aufgesetzter dreiklassiger Fachschule, so fällt der
innere Unterschied zwischen Oberrealschulen, Realschulen und höheren
Bürgerschulen fort und es bleibt nur die äussere Differenz in der
Lehrdauer bestehen.

Wenn schon in Bezug auf die Recipirung der „Oberrealschule“ und
in Bezug auf die gegenseitige Annäherung des Gymnasiums und
„Realgymnasiums“ die neueste Verfügung als ein wichtiger Fortschritt
in der Entwickelung unseres Unterrichtswesens angesehen werden darf,
so kann man auch den Geist, in welchem die beigegebenen Erläuterungen
abgefasst sind, nur mit Freuden begrüssen. Ueberall wird auf
Beschränkung im Lehrstoff, namentlich im Memorirstoff, gedrungen,
und vor mechanischer Beurtheilung der Schüler nach dem Ausfall der
schriftlichen Klassenarbeiten gewarnt; die übermässige Anspannung
der Schüler, besonders durch häusliche Arbeiten, wird nicht mit
Unrecht grossentheils auf eine Ueberspannung der Lehrziele der Schule
zurückgeführt, die zumeist aus der specialistischen Vorbildung der
Lehrer entspringt.

Was nun zunächst die Veränderungen im Gymnasiallehrplan betrifft,
so hat den äusseren Anstoss zu denselben der Wunsch gegeben, die
Entschliessung der Eltern über die Laufbahn ihrer Söhne um ein Jahr
hinauszuschieben; d. h. das Gymnasium und die bisherige Realschule
erster Ordnung haben durch Verlegung des Beginns des griechischen
Unterrichts nach Tertia eine nahezu übereinstimmende Quarta erhalten,
so dass die Wahl zwischen beiden Schulen erst mit dem Eintritt in die
Tertia erforderlich wird. Das Griechische würde dabei nichts verlieren,
wenn in allen mittleren und oberen Klassen sieben Wochenstunden
statt der bisherigen sechs für dasselbe angesetzt wären; es würde
dann vielmehr durch Koncentration des Unterrichts und Vermehrung der
Lektürestunden in Obersekunda und Prima geradezu gewinnen. Leider ist
aber die Zahl von sieben Stunden nur für Tertia und Secunda angesetzt,
während man es in Prima bei sechs Stunden belassen hat, von denen eine
nach wie vor (trotz des Wegfalls des griechischen Examenscriptums) den
Extemporalien und der grammatischen Repetition gewidmet bleiben soll.
In diesem Punkte ist die Veränderung unbedingt eine Verschlechterung,
ebenso wie in der Vermehrung des geographischen und geschichtlichen
Unterrichts in den drei untersten Klassen um je eine Stunde.

Ueber Unzulänglichkeit der geographischen und geschichtlichen Bildung
ist noch wenig Klage geführt, und wo eine solche bestände, würde eine
Vermehrung des Memorirstoffes in den untersten Klassen sich doch als
erfolglos erweisen, um auf sechs bis neun Jahr später das Wissen des
Abiturienten zu erhöhen. Dagegen kann die formale Bildung des Geistes
durch grammatische Schulung in den Unterklassen nicht gründlich genug
genommen werden, und so lange die lateinische Sprache diejenige ist, an
deren Grammatik diese Schulung vollzogen wird, kann dem lateinischen
Unterricht in den Unterklassen kaum eine zu hohe Stundenzahl überwiesen
werden. Es wäre deshalb wünschenswerth, diese Aenderung rückgängig
zu machen, d. h. dem Lateinischen die zu Gunsten der Geographie
und Biographien abgenommene Wochenstunde zurückzugeben. Geschähe
dies, so würde auch das Lateinische gegen solchen Zuwachs von drei
Jahres-Wochenstunden in den Unterklassen ohne Nachtheil einen Verlust
von zwei Jahres-Wochenstunden in Prima ertragen können, mit denen das
Griechische auf seinen bisherigen Stand zu ergänzen wäre.

Für den französischen Unterricht hatte ich von Quarta bis Prima die
Erhöhung der Wochenstunden von zwei auf drei verlangt; statt dessen ist
nur in Quarta die Erhöhung von zwei auf fünf erfolgt. Nimmt man an,
dass letztere einer Vermehrung in Quarta und Tertia von zwei auf drei
gleichkommt, so bliebe noch solche in Secunda und Prima zu wünschen
übrig, und zwar zu Gunsten einer Ersetzung des lateinischen Aufsatzes
durch den französischen. Die „Circularverfügung“ gibt zu, dass es
gegenwärtig ein unerreichbares Ziel wäre, den lateinischen Aufsatz zum
Ausdruck für die Gedanken der Schüler machen zu wollen, und beschränkt
denselben auf den durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreis und
Wortschatz (S. 20). Aber auch innerhalb dieser Beschränkung wird die
auf den lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe nur noch bei
einer mehr als mittleren Lehrkraft fruchtbar zu machen sein, während
die gleiche Zeit und Mühe, auf den französischen Aufsatz verwendet,
viel reichere Früchte tragen muss. Das Mindeste, was als Postulat
festgehalten werden muss, ist das, dass den Gymnasien je nach den
ihnen zur Verfügung stehenden Lehrkräften freigestellt wird, entweder
den lateinischen, oder den französischen Aufsatz zu pflegen, und im
letzteren Falle in Secunda und Prima eine lateinische Wochenstunde an
das Französische abzugeben.

Die Verstärkung des mathematischen Unterrichts ist in genügender
Weise erfolgt. In Secunda und Prima sind ihm vier Stunden wöchentlich
gesichert, und wenn die Stundenzahl in Tertia bei drei belassen ist,
so ist zum Ersatz dafür in Quinta und Quarta je eine Wochenstunde mehr
angesetzt. Da nunmehr der geometrische Unterricht schon in Quarta
beginnt, und in Quinta durch geometrisches Zeichnen vorbereitet wird,
so kann derselbe in Tertia und Untersecunda entsprechend beschränkt,
und dadurch die nöthige Zeit für gründlichere Durcharbeitung der
arithmetischen und algebraischen Klassenpensa gewonnen werden (S.
24-25). Dass die Stunde für geometrisches Zeichnen in Quinta durch
Verminderung der Religionsstunden von drei auf zwei gewonnen worden
ist, kann nur gebilligt werden, da zwei wöchentliche Religionsstunden
in allen Klassen der höheren Schulen ausreichend genannt werden müssen.

Der naturwissenschaftliche Unterricht litt bisher darunter, dass
ihm in Sekunda nur eine Stunde zugewiesen war, und es war deshalb
gerechtfertigt, ihm die zweite Stunde auf Kosten des Lateinischen
zuzutheilen. Die Naturkunde, deren Unterricht bisher in Quarta eine
Unterbrechung erlitt, in dieser Klasse ebenfalls mit zwei Stunden
auszustatten, dazu lag eigentlich kein Bedürfniss vor; man hat indessen
einer starken Zeitströmung Rechnung getragen, indem man von den sechs
durch Wegfall des Griechischen verfügbar werdenden Stunden zwei der
Naturkunde zuwies (wie drei dem Französischen und eine der Geometrie).

Im Grossen und Ganzen verfolgt die neueste Reform des
Gymnasiallehrplanes den rechten Weg, wenngleich die Beeinträchtigung
des Griechischen — mag sie an sich unerheblich scheinen — sehr zu
bedauern bleibt und früher oder später wieder gut gemacht werden muss.
Das wichtigste Merkmal der Reform ist, dass das Gymnasium wieder um
einen Schritt weiter geführt ist in der Abstreifung des Charakters
als „lateinische Schule“; die Einbusse von neun Jahres-Wochenstunden
wird die Leistungen im Lateinisch-Schreiben nothwendig immer mehr
herabsetzen, so dass in etwa einem Jahrzehnt nach der Verfügung die
Unhaltbarkeit des lateinischen Aufsatzes immer einleuchtender werden
muss. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, denselben durch den
französischen Aufsatz zu ersetzen, und das Griechische wieder in seine
ungeschmälerten Rechte einzusetzen.

Gehen wir nun zu dem Lehrplan des „Realgymnasiums“ über, so fällt
zunächst in die Augen, dass in demselben das Lateinische zehn
Jahres-Wochenstunden gewonnen hat, wie es im Gymnasiallehrplan deren
neun verloren hat. Die Differenz der lateinischen Jahres-Wochenstunden
zwischen Gymnasium und „Realgymnasium“, welche bisher 42 betrug, und
gegenwärtig auf 23 verringert ist, würde auf 18 sinken, wenn für die
drei untersten Klassen völlige Uebereinstimmung durch Uebertragung
des Gymnasiallehrplans auf die „Realgymnasien“ hergestellt würde;
warum diese Konformität nicht schon hergestellt ist, obwohl die
Versetzung der Schüler aus der einen Art von Anstalt in die gleichen
Klassen der anderen stattfinden soll, ist mir unerfindlich. Ebenso
wunderlich erscheint die Differenz im Geschichtsunterricht, wonach das
Gymnasium von den vier obersten Jahreskursen zwei, das Realgymnasium
deren nur einen der alten Geschichte widmet; das sieht so aus, als
sollte die Geschichte des Alterthums nicht zu den „Realwissenschaften“
gerechnet werden. Die gegenwärtige Zahl lateinischer Stunden, nämlich
sechs in Tertia und fünf in Sekunda und Prima, dürfte in der That
ausreichen, um auf Grund hinlänglicher grammatischer Schulung eine
fruchtbare Lektüre lateinischer Klassiker zu ermöglichen; da aber die
einseitige lateinische Lektüre ohne Ergänzung durch die griechische
nicht ausreicht, dem Geiste eine klassisch humanistische Bildung zu
gewähren (wie die griechische Lektüre allein es allerdings vermöchte),
so kann auch der revidirte Lehrplan der Realschule erster Ordnung
die Verleihung des Namens „Realgymnasium“ keineswegs rechtfertigen.
Jedenfalls ist anzuerkennen, dass auch diese Reform mit ihrer
Verstärkung des altsprachlichen Unterrichts bei gleichzeitiger
Ausscheidung der organischen Chemie und Beschränkung der Mineralogie
und der Mathematik (in Quarta und Tertia) sich auf dem rechten Wege
befindet und als vorläufige Abschlagszahlung, als Verwirklichung
des augenblicklich Erreichbaren mit Dank hinzunehmen ist. Zu
bedauern bleibt neben der Ungleichmässigkeit des Lehrplans in den
drei untersten Klassen der Uebelstand, dass die „Realgymnasiasten“
noch immer mit zwei Wochenstunden mehr belastet sind, als die
Gymnasiasten, was jedenfalls einer späteren Abstellung bedarf, da
die Gesammtleistungen der Realgymnasien keinesfalls eine stärkere
Inanspruchnahme des Schülers rechtfertigen.

So lange zwischen reformirtem Gymnasium und Oberrealschule noch
als dritte Gattung das „Realgymnasium“ besteht, so lange wird auch
das Streben der Realgymnasien dauern, die an ihre Abgangsprüfung
geknüpften Berechtigungen zu erweitern. Ohne das Gewicht der einer
solchen Erweiterung entgegenstehenden Bedenken zu unterschätzen,
wird man doch auch die Naturgemässheit eines solchen Strebens
anerkennen, und wird unter Beibehalt der bisherigen Bestimmungen den
Realabiturienten wenigstens für den nachträglichen Erwerb der an die
Gymnasialabgangsprüfung geknüpften Berechtigungen die möglichsten
Erleichterungen gönnen. Bis jetzt muss in solchem Falle eine
Nachprüfung im Lateinischen, Griechischen und in der alten Geschichte
abgelegt werden; es wäre nicht mehr als billig, die gegenwärtig sehr
verringerten Mehrleistungen des Gymnasiums im Lateinischen durch die
des Realgymnasiums im Französischen und Englischen als kompensirt
anzusehen, ebenso die Nachprüfung in der alten Geschichte fallen zu
lassen und ausschliesslich diejenige im Griechischen aufrecht zu
erhalten.