Die heutige Geselligkeit

1. Die Geselligkeit im Hause.

Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen,
d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den
Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die
meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause,
also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6
diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von
der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die
Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um
7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen
Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung
der Tageszeiten fortschreiten kann. Schon bei uns machen sich die
unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der
Geselligkeit.

Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den
Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden
sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf
die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten
passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden,
wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die
Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt
bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit
wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von
der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine
Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend
nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend
und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es
früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag
als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche
Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein
Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer
empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem
Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst
kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9
verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen,
so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr
Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen.
Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer
allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die man nur trägt,
weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.

In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit
nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der
Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren,
indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt,
d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird
zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer
sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische
Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens
abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit
nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber
die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das
Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der
Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte
geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen
und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit
vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander,
wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden
ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich
vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu
setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt
ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein
Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die
hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen
liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht
mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten
Nebenmahlzeit schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in
die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines
überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche
Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt
vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.

Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“
bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen
und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die
Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige
Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf
einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.

Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu
fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder
den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften
einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart
zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als
unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen
Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn
es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger
Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass
man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein
übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit
des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche
Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch
auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche
nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.

2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.

In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren
Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie
verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit
an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin
dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv
eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche
Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für
die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern
entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch
eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen
beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden,
dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen
Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die
besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen
Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden
wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die
Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite
durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden
dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung
der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren,
enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen
Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser
dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu,
dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer
Weise gestiegen war, welche es dem Mittelstand fast unmöglich machte,
häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die
häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz
auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative
„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende
Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen
hat.

So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem
demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge
unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der
Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den
angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen
Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht
hat. Beides muss leider verneint werden.

Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie
die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen
noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine
scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau,
welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht,
wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen.
Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit
der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie
im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat
nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu
suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die
Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene
Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein,
so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des Hauses und in der
täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den
Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst
entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden.
Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt
und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern,
so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie
dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die
frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen
Lebens sittlich geschädigt.

Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer
pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr
in Kaffeekränzchen u. s. w. eine gewisse Schadloshaltung zu suchen;
aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser
Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen
Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen
sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung
und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem,
die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das
Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch
schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur
der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem
gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und
veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen
Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles
Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der
ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen
zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Befriedigung
des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit
Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der
geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung
gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen
und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten
und verfeinertsten Genussfähigkeit.

Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich
zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung
der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter
besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch,
Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein
Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen!
Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel
das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz
allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel
und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den
unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den
modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen
Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch
enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch
ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften
einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede
mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der
eignen Gruppe.

Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben
an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht
und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls
etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche
Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige
Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau
erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der
Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben,
als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder
mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte
Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und
Bedienung hätten gestatten können.

Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich
der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie
trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder
kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels
in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren
Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb
nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt
und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der
vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo
der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung,
dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig
überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in
letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes
zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes
einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der
Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und
bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen
und steigern. Man wage doch nur, seinen Gästen dasselbe zu bieten,
was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der
ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt.
Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete
Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht;
sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen
zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens
in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit
Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche
Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene
Kneipe zurückkehren.

Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener
sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen
Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem
Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem
Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit
gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der
sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die
Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der
Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung
abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden.
Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und
unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die
Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen
rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere
Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den
Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu
dürfen.

Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden
Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem
Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch
in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für
die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer
Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus
Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im
Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem
sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft
erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst
sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung
steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen,
und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit.
Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben
des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung
als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der
Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für
den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale
für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut
wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird
sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen
früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter
ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene
Familiengeselligkeit suchen.

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