Die Gleichstellung der Geschlechter.

Niemand wird der excentrischen Ansicht einiger Physiologen beistimmen,
dass der männliche wie der weibliche Organismus nur ein Appendix der
bezüglichen Fortpflanzungswerkzeuge, ein zur Sicherstellung ihrer
Funktionen unentbehrlicher Hülfsapparat sei; aber dennoch liegt in
dieser Uebertreibung eine Wahrheit, die von allen Denjenigen übersehen
wird, welche für Gleichheit der Geschlechter schwärmen. In dem
physiologischen Geschlechtscharakter des Mannes und Weibes ist nicht
nur ein Unterschied, sondern geradezu ein Gegensatz anzuerkennen,
und dieser auf keine Weise aus der Welt zu schaffende Gegensatz ist
bestimmend für das gesammte natürliche und geistige Leben der Menschen.
Dieser Gegensatz ist derjenige von Aktivität und Passivität, von
Begehren und Gewähren, Werben und Umworbensein; er besteht nicht nur
in der Gesellschaft der Unverheiratheten, sondern setzt sich auch
im ehelichen Leben fort. Ein Mann von geschlechtlicher Passivität
erscheint als ein hinter seiner natürlichen Aufgabe zurückbleibender,
unmännlicher Mann; ein Weib von geschlechtlicher Aktivität erscheint
als ein ihre Sphäre überschreitendes, unweibliches Weib. Wären beide
aktiv, so würde das Geschlechtsleben alle übrigen Seiten des Lebens
überwuchern; wären beide passiv, so würde der Naturzweck nicht mehr
hinlänglich gesichert sein. Darum erscheint es als eine teleologische
Einrichtung der Natur, dass das eine Geschlecht seinem normalen
Instinkte nach aktiv, das andere passiv ist, und es heisst die
Zweckmässigkeit dieser Natureinrichtung verkennen, wenn man dem einen
oder dem andern Geschlechte aus seiner Naturanlage einen Vorwurf macht,
oder wenn man dahin strebt, die socialen Folgen und Erscheinungsformen
dieses Gegensatzes künstlich abzustumpfen und auszugleichen. Wenn
dieses Bestreben in weiterem Umfange von Erfolg gekrönt wäre, so müsste
es das männliche Geschlecht unmännlich, oder das weibliche unweiblich
machen, oder beides zugleich in gewissem Grade, und die üblen Folgen
für die Erhaltung der Bevölkerung könnten nicht lange ausbleiben.

Wäre der Mann nicht begehrend, so hätte das Weib nichts zu gewähren,
was dem Manne werthvoll schiene, so hörte damit auch die Macht des
weiblichen Geschlechts über das männliche auf. Denn diese Macht beruht
lediglich darauf, dass das Weib etwas zu gewähren hat, was der Mann
begehrt, und dass die geschlechtliche Passivität dem Weibe das Versagen
leichter macht, als dem Manne das Entsagen. Diese Macht ist aber
auch so gross, dass überall und in allen Völkern die thatsächliche
Beherrschung des männlichen Geschlechts durch das weibliche trotz
des äusseren Scheines vom Gegentheil die Regel bildet; das durch sie
hergestellte Verhältniss überdauert gewohnheitsmässig die Periode der
geschlechtlichen Bethätigung und drückt dem ganzen socialen Leben sein
Siegel auf. So lange man diese auf dem Geschlechtsgegensatz beruhende
geheime Uebermacht des weiblichen Geschlechts nicht brechen kann,
muss als nothwendiges Gegengewicht gegen dieselbe eine rechtliche
Vorherrschaft des männlichen Geschlechts aufrecht erhalten werden, um
das Gleichgewicht nur einigermassen wieder herzustellen. Gelänge es
dagegen den Vorkämpfern für Geschlechtergleichstellung, alle Vorrechte
der Männer in Staat und Gesellschaft, in Recht und Sitte zu beseitigen,
so würde damit eine Periode der reinen Weiberherrschaft inaugurirt
werden, wie nicht die Geschichte, nur die Sage sie bisher kennt.
Die Schwärmerei für abstrakte Gleichstellung schlägt also praktisch
mit Nothwendigkeit in ihr Gegentheil um, weil sie die wirksamsten
Thatsachen ignorirt, sofern dieselben sich der Regelung durch
gesetzliche Schablonen entziehen.

Erst in zweiter Reihe kommt die Erwägung in Betracht, dass die
Gefühlsmässigkeit des weiblichen Handelns, welche in der Familie und
der Geselligkeit so wohl am Platze ist, schlechterdings ungeeignet
ist zur Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten, in denen es auf
Alleinherrschaft der Vernunft ankommt. Gerechtigkeit und Billigkeit
würde nach dem Eintritt der Frauen ins öffentliche Leben noch weit
weniger anzutreffen sein, als jetzt, dagegen würde der Nepotismus
und die Intriguenwirthschaft noch mehr Boden gewinnen, und das ganze
öffentliche Leben würde sich immer mehr zu dem vermittelungslosen
Gegensatz zwischen einem pfäffisch gegängelten Gefühlskonservatismus
und einem demagogisch verhetzten, fanatischen Radikalismus zuspitzen.
Statt einer Stimme würde jede Frau über zwei verfügen, es sei denn,
dass ihr Mann bereit wäre, den häuslichen Frieden und das Familienglück
seiner politischen Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. In allen
katholischen Ländern wäre der Sieg der klerikalen Partei besiegelt und
für die Dauer gesichert, und die Gesammtheit der unter ultramontanen
Ministerien stehenden, d. h. von Rom aus geleiteten Staaten würden
eine Macht darstellen, die ausreichte, den allmählichen Triumph des
jesuitischen Papstthums auf der ganzen Erde zu verbürgen; Niemand hätte
also mehr Anlass auf politische Gleichstellung der Frauen hinzuwirken,
als die Ultramontanen, und für Niemand arbeiten die Vorkämpfer der
Frauen-Emancipation in höherem Maasse als für die katholische Kirche.

Weil die Fortpflanzungsfunktion, die vom Manne nur gelegentlich und
nebenbei ausgeübt wird, ohne ihn in seinem sonstigen Berufe zu hindern,
dem Weibe die schwersten Lasten auferlegt und als der Höhepunkt
und Angelpunkt des weiblichen Lebens erscheint, darum ist auch der
weibliche Organismus in weit höherem Grade als der männliche auf diese
Funktion hin veranlagt und durchgebildet, und findet in ihr seinen
Schwerpunkt, wie der männliche in den Funktionen des Gehirns und der
willkürlichen Muskeln. Ein Maass an körperlicher oder geistiger Arbeit,
das der männliche Organismus ganz wohl ohne Nachtheil verträgt, richtet
den weiblichen Organismus bald zu Grunde, oder nutzt ihn wenigstens
in viel kürzerer Zeit ab. Schwere körperliche Arbeit konsumirt die
weibliche Leistungskraft viel rascher, als die männliche, führt zu
vorzeitigem Alter und Erschöpfung, setzt die Widerstandsfähigkeit
gegen Krankheitseinflüsse herab und kürzt durch alles dies die
Lebensdauer ab. Noch weit schädlicher wirkt angestrengte geistige
Arbeit auf den weiblichen Organismus, denn das weibliche Gehirn und
Nervensystem verträgt lange nicht soviel, wie das männliche, weshalb
schon die Erziehung und geistige Ausbildung beider Geschlechter stets
eine verschiedene bleiben muss. Am ehesten verträgt der weibliche
Körper eine Berufsthätigkeit, in welcher leichte körperliche und
leichte geistige Arbeit gemischt ist, und dem Körper nur mässige
Bewegung zugemuthet wird. Diese Berufsarten (Schneiderei, Gärtnerei,
Kleinhandel, Küche und Hauswirthschaft, Kinder- und Krankenpflege)
sind aber doch zu beschränkt, um jemals eine Gleichstellung des Lohnes
der weiblichen Arbeit mit der männlichen zu ermöglichen. Selbst bei
dem Klassenunterricht kleinerer Kinder nutzt die weibliche Lehrkraft
sich soviel schneller ab, dass die Ersparnisse am Lehrergehalt durch
Mehrbelastung des Pensionsfonds in Folge früherer Pensionirung
aufgewogen werden. Das weibliche Geschlecht bleibt darum in der
Hauptsache — und ganz besonders in den die Kultur tragenden und
fördernden Gesellschaftsschichten — doch immer auf die Ernährung durch
die Arbeit des männlichen angewiesen, wofür seine sociale Gegenleistung
in der Hauswirthschaft, Fortpflanzung und Kinderpflege besteht.

Auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Sitte ist die Schwärmerei für
Gleichstellung und gleiche Beurtheilung der Geschlechter nicht minder
verkehrt, wie auf demjenigen der Politik und der Berufsarbeit. Entweder
gehen die Emancipationsbestrebungen dahin, dass auch dem Weibe alles
erlaubt sein müsse, was dem Manne von der Sitte gestattet ist —
dann führen sie zu einer alles Familienleben zerrüttenden und das
Volkswohl untergrabenden Libertinage; oder der Gleichheitsformalismus
tritt moralisirend auf und verbietet dem Manne jede Freiheit, die dem
Weibe durch die Sitte versagt ist, dann führt er zu einem lächerlichen
Rigorismus, welcher der Natur Unmögliches zumuthet und den Rückschlag
in sein Gegentheil oder in heuchlerischen Pharisäismus unvermeidlich
macht.

Nur in einem Punkte ist die Forderung, dass der Mann ebensowenig
Freiheit haben dürfe, wie die Frau unbedingt zuzugeben, nämlich in
der monogamischen Ehe, deren Wesen gleiche Treue von beiden Seiten
und gleiche sittliche Beherrschung etwaiger instinktiver Velleitäten
zur Untreue erheischt. Aber selbst hier bleibt die Wahrheit bestehen,
dass die Verletzung der Treue von Seiten des Mannes und von Seiten
der Frau einen ganz verschiedenen Grad der Missbilligung hervorruft,
weil sie ganz verschiedene sociale Folgen nach sich zieht, weil die
eine sich ausserhalb, die andere innerhalb der Familie vollzieht, weil
die eine das Verhältniss der Kinder zu den Eltern und Geschwistern
unberührt lässt, die andere es völlig zerstört oder doch durch Zweifel
untergräbt. Der Mann einer notorisch untreuen Frau hat nur die Wahl,
entweder Vaterpflichten gegen untergeschobene Bastarde zu üben, oder
seine eigenen Kinder durch Scheidung mutterlos zu machen; kann er
die Untreue nicht juridisch beweisen, so bleibt ihm nicht einmal
diese Wahl, sondern er muss sich der empörenden Nothwendigkeit fügen,
Kindern, die er nicht für die seinigen halten kann, Kindesrechte
gegen sich einzuräumen. Schon der blosse Verdacht vergiftet das
Familienleben, weil es immer das eigene Nest ist, das die etwaige
Untreue der Frau beschmutzt. Dagegen lässt die Untreue des Mannes, weil
sie ausserhalb des Kreises der Familie fällt, den Familienstand und
die Stellung der Frau als Mutter und Hausherrin intakt, wenn sie auch
den Rechten und Gefühlen der letzteren eine moralische, und möglicher
Weise auch dem Familienwohlstand eine materielle Schädigung zufügt.
Darum hat die gekränkte Frau freie Wahl, ob sie unversöhnlich auf ihrem
formellen Recht der Scheidung bestehen, oder ob sie vergeben und ihren
Kindern das gemeinsame Familienleben erhalten will; das Vergeben ist
ohne Beeinträchtigung ihrer Würde möglich, was bei dem gekränkten Manne
nicht der Fall ist, und darum hat allein die Frau das Vorrecht, sich
mit der göttlichen Milde des Verzeihens zu schmücken, welche den Mann
in gleicher Lage verächtlich macht.

Viel durchgreifender, als in der ehelichen Treue sind die aus dem
Geschlechtsgegensatz abfliessenden Unterschiede in Bezug auf das
Leben vor der Ehe. Ein Mann, welcher gegen das geschlechtliche
Vorleben des zu wählenden Weibes gleichgültig ist (wie gewisse
spekulative Heirathsannoncen es verkünden) macht sich verächtlich;
ein Weib dagegen, welches ohne Zweifel an der Ehrenhaftigkeit eines
Bewerbers daran Anstoss nimmt, dass er schon vor der Bewerbung um
sie geschlechtlich aktiv war, macht sich lächerlich (so z. B. die
Heldin in Björnson’s Schauspiel: „Der Handschuh“). Wäre der Mann
nicht geschlechtlich aktiv, so würde er sich an der Freundschaft mit
Frauen genügen lassen, und höchstens noch aus äusserlichen, nicht
zur Sache selbst gehörigen Motiven zur Ehe sich entschliessen; jedes
feinfühlige Weib sträubt sich aber mit Recht dagegen, bloss aus
solchen äusseren Motiven zur Ehe begehrt zu werden. Kann also das
Weib nur bei einem seiner Natur nach geschlechtlich aktiven Mann
erwarten, um ihrer selbst willen geheirathet zu werden, so ist es
eine naturwidrige und unverständige Forderung, dass diese Aktivität
bis zur Bekanntschaft mit ihr habe latent bleiben und erst bei ihrem
Anblick erwachen sollen. Umgekehrt dagegen hat der Mann das Recht,
ein weibliches, das heisst geschlechtlich passives Weib in seiner
Erkorenen vorauszusetzen, mit anderen Worten eine Jungfrau, die auf
den Mann ihrer Wahl gewartet hat, um sich von ihm aus dem träumenden
Schlummer zum wachen Liebesleben wecken zu lassen. Es liegt der höchste
Reiz für das männliche Liebeswerben darin, ein noch unbeschriebenes
Blatt vorzufinden, in das er seine Schriftzüge eingraben kann, eine
noch reine Passivität, d. h. eine noch potentielle Gegenliebe, die
er erst durch seine Aktivität zur Aktualität erhebt. Darum gilt die
Jungfräulichkeit der Braut als selbstverständliche, stillschweigende
Voraussetzung der Eheschliessung, und jede Täuschung über dieselbe
als gesetzlicher Ehescheidungsgrund, ebensogut wie Ehebruch. Wollte
man aber dem entsprechend auch die Jungfräulichkeit der Bewerber zur
Bedingung gültiger Ehen machen, so würden in der Hauptsache nur noch
solche Männer legitime Familien gründen, deren physiologischer Defekt
die Fortpflanzung ihrer Naturanlage nicht wünschenswerth macht, und es
würde durch die Zuchtwahl mehrerer Generationen bei schnell abnehmender
Bevölkerung eine Sorte von Männern producirt werden, die gar nicht mehr
an Verheirathung denkt.

Ein Mädchen, das sein Lebensglück ihrem Bewerber anzuvertrauen im
Begriff steht, thut freilich wohl, alle thatsächlichen Anhaltspunkte
in Betracht zu ziehen, welche zur Erschliessung seines Charakters
beitragen können, und zu solchen gehört zweifellos in erster Reihe
die Art seines Verhaltens gegen andere Frauen, zu denen er bereits
in Beziehung gestanden hat; aber es kommt dabei nicht sowohl auf die
Thatsache an, dass er schon vorher andere Verhältnisse angeknüpft
hatte, als vielmehr darauf, wie er sich in denselben benommen hat,
und vor allen Dingen, wodurch dieselben gelöst worden sind. Einen als
schuldigen Theil geschiedenen Ehemann zu heirathen, ist mindestens ein
Wagniss, über dessen üblen Ausfall sich kein Weib nachher beklagen
kann. Auch bei Vermeidung jeder Unehrenhaftigkeit treten oft genug die
bedenklichsten Charakterzüge, wie Leichtsinn, Selbstsucht, Genusssucht,
Rücksichtslosigkeit, Unverträglichkeit, Hartherzigkeit, Undankbarkeit,
Frivolität u. s. w. zu Tage, welche jedes besonnene Mädchen davon
abschrecken müssen, sich einem solchen Charakter anzuvertrauen. Aber
es ist dies offenbar etwas ganz anderes, als die Forderung, dass der
Mann keine andern Verhältnisse angeknüpft haben solle, und darf mit ihr
nicht verwechselt werden. War das Verhalten desselben vorwurfsfrei, so
bietet vielmehr ein so in den Prüfungen des Lebens bewährter Bewerber
eine ungleich grössere Bürgschaft als ein gleichaltriger Unerprobter.
Wenn es auch zweifelhaft sein mag, ob der Mann zwei Frauen zugleich
wahrhaft lieben könne, so ist es doch unzweifelhaft, dass er mehrere
nach einander mit ganzem und vollem Herzen lieben könne, und die
Behauptung, dass nur Eine Liebe die wahre sei, ist eine unstatthafte
Verallgemeinerung eines für die weibliche Empfindungsweise wahren
Satzes auf den Menschen als solchen.

Der Organismus des Mannes bleibt davon völlig unberührt, wenn derselbe
aus einem Junggesellen zum Gatten und Vater wird; er empfängt nichts
zu dem Seinigen hinzu und wird durch das, was er giebt, nicht ärmer.
Das Weib hingegen verhält sich nicht gebend, sondern empfangend
und tritt dadurch in ein ganz neues physiologisches Lebensstadium,
das ihren Organismus bis in seine kleinsten Theile alterirt. Eine
Mutter hat überdiess Monate lange mit einem zweiten Organismus in
Blutaustausch gelebt, dessen Blutbereitung nur zur Hälfte durch die
ererbten mütterlichen, zur andern Hälfte durch die ererbten väterlichen
Eigenschaften bestimmt war, sie hat also ihre Gewebe theilweise mit
einem Blute ernährt, das zur Hälfte durch ihren Gatten bestimmt war,
und hat dadurch Eigenschaften des letzteren in gewissem Grade in
sich aufgenommen, welche zwar in ihr latent bleiben, desto mehr aber
in Kindern einer späteren Ehe wieder zu Tage treten können (was man
ungenau so ausdrückt, dass diese Einflüsse in ganz besonderem Maasse
auf die Fortpflanzungssphäre wirken). Der Gatte einer Wittwe findet
also kein unbeschriebenes Blatt mehr vor, sondern einen in gewissem
Grade durch seinen Vorgänger mitbestimmten Organismus, mit dessen
Vererbungstendenzen die seinigen erst den Kampf aufzunehmen haben.
Ein Weib giebt sich demnach in der That ihrem Gatten mit Seele +und
Leib+ hin, ein Mann seiner Gattin bloss mit der Seele, und mit dem
Leibe nur insofern, als er die Verpflichtung übernimmt, für sie mit
zu arbeiten. Mit diesem physiologischen Unterschiede der Rückwirkung
der Ehe auf beide Geschlechter hängt der Gegensatz im Instinkt beider
Geschlechter auf das engste zusammen. So lange die Schwärmer für
Gleichstellung der Geschlechter jenen physiologischen Unterschied
nicht wegdekretiren können, werden sie vergeblich an dem Gegensatz der
Instinkte rütteln und werden mit einer beide Unterschiede ignorirenden
socialen Gleichmacherei nur widernatürliche Zerrbilder liefern, die an
ihrer inneren Absurdität scheitern.

Hiermit soll keineswegs auf die Wiederverheirathung der Wittwen ein
Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser
Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird,
des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder
geschiedene Frau, oder eine solche, die nicht selbst in der Erziehung
ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die
allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise
gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen,
insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht
durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der
Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und
wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben,
nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen.
Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht
von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich
darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den
er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche
persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt
hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat
sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen,
kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin
erzogenen und gezähmten Mann bekommt.

Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal
Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der
erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung
der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn
sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare,
die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken
ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl
bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität
aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der
Duft von den Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das
Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den
Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl
treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone
empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so
entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor
der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht
breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe
ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft.

Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch
schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche
das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume
greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen
Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen
tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume
den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und
noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle
Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte
kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem
ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen
fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden
Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und
einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur
dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe
stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und
Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen
Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen
oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, d. h. mit dem
Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe
Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor
der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit,
in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen
werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine
gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie
ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der
Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher
Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen
Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit
dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von
vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit
ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein.

Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und
bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und
liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische
Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele
für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit
schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der
Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren
Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte
Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von
Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften
sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen
den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem
realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die
phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis
zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit der
letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut,
die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu
wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen
ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses
Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte
Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf
Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben,
so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit
hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine
Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und
womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben,
sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“
Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der
stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten
Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift.
Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines
Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde
der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen,
die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen
Männern reizend zu finden.

Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede
des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich
ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden
beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung
und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten
Reize zur Verehelichung, d. h. zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten
der nächsten Generation, aufhören würden, und damit der Kulturprocess
den schwersten Schaden leiden würde.

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