Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit.

Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht
wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich
selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne,
Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu
spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich
sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie
es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien
die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und
beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben
vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine
Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen
gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist.

Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne
davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger
Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit
schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher
schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der
Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt,
auf welche er durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er
wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen.
Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich
nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er
sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird
der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch
unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern
selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen
vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung,
die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs
zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie
ihn missgönnen und beneiden.

Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres
Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen
besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen
gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem
Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie
erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung
glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben
besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden
doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem
missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner
Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil
behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer
vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und
vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt
werden. So legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen
erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht
verdienen.

Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich
befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den
unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten
Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein
„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich
zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich
derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen
können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient,
doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre
ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle
menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt
dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie
mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und
still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem
Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die
Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen,
durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für
die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie
in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein
Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor
dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu
retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es
nicht gegen die Belästigungen zu Hause.

Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn
sie konstatirt haben, dass der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht;
aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen
gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten
wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der
Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen
Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und
Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen
Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich
zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch
Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums
facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit
haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus
Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen
eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen;
wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige
Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb
wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, z. B. durch
fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der
Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der
Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden
Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen
nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter
denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen,
selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so
viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten,
was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu
machen.

Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt
sich noch über den mündlichen hinaus auf den brieflichen. Der
widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im
umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des
sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private
Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem
Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus
den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er
sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in
Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz
auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die
Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens
bitter empfinden.

Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen
verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall — sein
sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und
der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand
ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und
Stichworte (wie z. B. Grillparzer während eines ganzen langen Lebens
ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen
von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht
zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm
nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch,
die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen
und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen.
Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm
begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in
der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf
hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne
(man denke z. B. an Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der
Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit
auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser
Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser
eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare
Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe
geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher
Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und
deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist
ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten
erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige
Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und
Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem
eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber
auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem
Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das
mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit
und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der
Welt fühlen.

Ist der Berühmte ein ausübender Künstler, dessen Leistungen zugleich
dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine
Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht
viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und
kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel
ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie
dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig
Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss
der Autor riskiren, dass sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von
ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf
nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt.
Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst
eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter
der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte
Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein
hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach
seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich
an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (z.
B. Homer), oder ob er, wie z. B. bei dem Nibelungenliede, namenlos an
den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten, für
seinen +Namen+ nach Nachruhm zu streben, von dem man selber gar nichts
hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle Jubiläen
rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit ebenso
strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen, also des
Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte in Empfang
nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und echter Ruhm,
so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den Zeitströmungen
entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen falschen Ruhm
geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen des wahren
Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt verdienten,
mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche Verwickelung
des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler oder
Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen
möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke
an Goethes Werther, Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und
ähnliche Beispiele).

Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst,
für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens
den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu
streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du
seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst.
Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen
Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre
überhaupt auf, nach +Ruhm+ zu trachten, und trachte statt dessen +nach
werthvollen Leistungen+, ganz unbekümmert darum, ob und wann denselben
die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge.