Der Bücher Noth

Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung
ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für
ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und
Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen
Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner
Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner
wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction
Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England
zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl
hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden
werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen
Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig
in Betracht kommen.

In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche
Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in
Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen
und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch
der wirklich werthvollen wissenschaftlichen Bücher, die nicht gerade
Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer
geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in
Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger
zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum
mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug,
dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches
überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit
und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene
Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft
und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen
Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher
nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert,
während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum
Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im
Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als
diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und
die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger
klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.

Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und
schöner Literatur in Folgendem:

1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit,
dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur,
welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche,
die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.

2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an
Wissenschaft, Kunst u. s. w. in den Hintergrund und die zerstreuende
und aufreibende Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in
Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.

3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende
Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer
immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut,
während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen
Büchern aufkommen lässt.

4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der
Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt
und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger
erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises,
weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.

5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch
billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke,
populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche
Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt;
meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben
erschöpft.

6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der
eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben,
durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane,
meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre
wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt.

7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack
und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt
auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als
eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen gilt und in ein
Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird.

Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der
Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der
politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre
Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf
fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt
und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter
Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis
der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der
Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s
Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen
staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem
Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das
Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für
die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur
ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken
lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von
den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die
Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die
Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen.
Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum
Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier
gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste
der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern
abgenommen werden.

Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit
den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen
zu ersparen, wenn es keine Bemühungen des Distributeurs
(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch
Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung
in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die
wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher
freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition
wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen
Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem
Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung
von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete.
Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim
Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl
möglich sein, und nur die +unverlangten+ Büchersendungen zur Ansicht
würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden
Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des
Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch
die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen.
So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen
vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel
durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der
Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene
Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen
sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger
Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer
nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der
Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu
sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter
für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu zahlen. Soll
der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung
des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine
Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen,
d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für
Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits
mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder
Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr
für Auskunftsertheilung (etwa 5-10 Pfennig) begnügen. Ein solcher
Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den
lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa
die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen
in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers
hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein
hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende
Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf
eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus
den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des
Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an
das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth
wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung
kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden,
das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die
gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte.

Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und
Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend
muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz
dieser Lektüre ihre Seele verkauft, d. h. auf die gründliche und
allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber
müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit
einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein
nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der
gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den
Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit
zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig
Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre
verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen
Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern.
Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die
Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten
auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch
fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je
zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten,
je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je
mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer
sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen
bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar
um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr
sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und
die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu
registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus
kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu
erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur
hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste
Mann nicht unterlassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten
persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der
nationalen Kultur sich verjüngt, d. h. zu den Originalwerken der
Forscher, Denker und Dichter.