Das Philosophie-Studium an den Universitäten

Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material
zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung
in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden
Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die
Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen
so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne
Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und
fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die
Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus
demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen
Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu
der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth
behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und
Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter
von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen
der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden
Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des
engeren Faches, z. B. der Mathematik, hört die Möglichkeit der
Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen
Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich
in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften
arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium
kleinkrämerischer Detailnotizen aus.

Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an.
Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa
ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen,
das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel
Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben
Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit
übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen
die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde
Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium
eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz
enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht
gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden
letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert
so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade
erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums,
Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen
wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der
Chinesen, Juden und Muhamedaner.

Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und
die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen
sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der
Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche
Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass
Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck,
sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber
bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich
zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren
Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den
Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem
grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren
mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur
weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das
Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der
Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil
ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen
Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und
singulären Erfahrung verloren gegangen ist.

Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur
in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für
alle Künste, hat die Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt,
wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von
dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck
zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten
Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche
Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein
Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo
die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau
von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben.

Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher
Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite
eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen
Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie
in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie
führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der
Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften
aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen,
so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder
Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, d. h. jede
Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth
gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt
schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die
höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu
beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese
ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit
die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
Einzelwissenschaften begriffen werden, vor allen Dingen erst wieder
alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein
der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin
der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften,
nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen
Erkenntnisssystems eingeräumt werden.

So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener
Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse
mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur
jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird
die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften
in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie
als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich;
die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung
bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein
Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird
ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der
Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse
im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals
anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein
müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die
unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande,
die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das
einheitliche System der Erkenntniss zu fördern.

Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die
allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so
grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener
sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun
gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je
zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin
auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es
gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der
Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu
umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder
auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt
möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung
zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit
die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und
geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen
könnte.

Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie
in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten
Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den
Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter
der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt
tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der
Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der
Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist,
doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete
phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth
ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die
Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen,
so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren
der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen
nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest
von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem
gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat.

Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur
zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar
nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung
unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen,
ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und
verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer
unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls
sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen
Sensualisten und Positivisten begnügen; d. h. sie plagen sich
ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst
überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig
schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil
sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der
heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die
Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu
philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem
sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem,
geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter
ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten
Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind
mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu
keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen
zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die
philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern
bewunderungswürdig waren, in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie
entsprechenden Weise umzubilden.

Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen
der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und
dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung
und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht
das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die
Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen
Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der
Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen
Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen
kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu
Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die
meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es
ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium
herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von
demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der
Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört
hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien
zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört,
obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar
kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder
Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen.

Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche
und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine
Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es
sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium,
sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres Bildungsganges
aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen
Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören
eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist
Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit
dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch
zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit
principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das
man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann
nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden
Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das
Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches
Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des
Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen,
Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch
philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher
weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu
hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur
die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch
unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs
dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist
man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung
in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange
Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss
der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit
Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist
deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der
Philosophie durch den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs
ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass
das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen
wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung
der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des
Besuchsattestes erspart wird.

Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das
wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu
werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten,
Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von
Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der
philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist?
Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie
zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst
man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse
als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in
der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht
auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse
Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das
Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter
und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder
Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit
bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen.
Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie
den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja
die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter
allen Akademikern zu sein!

Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen, wenn ich behaupte,
dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden
hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie
jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph,
wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte,
ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein
Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die
Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings,
Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt
hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses
Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle
bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige
metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse.
Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären,
ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt
ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht),
kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein,
von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im
günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was
aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat
hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen
und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im
ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss
angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand
die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften,
damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu
thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene
Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen Universitätsprofessoren
in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so
hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives
philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische
Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines
philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er
dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle
bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen
guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich
genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern
womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den
gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb
empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht
zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er
ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die
kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr
spekulativen Partien.

Diese Regeln sind nicht von mir aufgestellt, sondern sie sind unter
der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den
Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam
beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken
kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der
Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die
Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche
Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der
eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt
aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt
durch das unfehlbare Absprechen und die zur Schau getragene Verachtung
von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private
Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich
davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen,
wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen.
Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90-95% der Fall ist, kein
philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit
einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die
Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder
aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die
Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht,
ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen
Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung
mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem
philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird.
Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass
die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden
sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun
aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden
stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet
und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen
Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich
hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken.

Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen
Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum
Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig.
Entweder muss man mindestens vier Semester hindurch ein Kolleg mit
mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie
z. B. Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die
Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche
sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes
Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu
kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem
Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten
zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche
Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch
die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen
schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung,
wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine
aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die
Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen.

Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft,
so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern,
für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie
die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben
aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse
(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben
ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem
Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt.
Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen
Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener
werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird,
und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen
Staatsprüfungen der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall
dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich
sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der
Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum
allmählich wieder steigen.

Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge
hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur
erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar
Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren
waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer
akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur
Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung
der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und
Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten
(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen
philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen
bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der
Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2-6
officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit
die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche
Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der
zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu
verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten
Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der
Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel
mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht
mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“
heruntergekommen ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den
Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle
der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb
ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht
einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen.

Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen
Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen
ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache
leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen
(d. h. aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker)
zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der
staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf
auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung,
zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen
fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu
einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind.
Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz
aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und
philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so
wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie
nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr
genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger
deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und
mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der
Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile
gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation
das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu
gelangen, ihren philosophischen Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo
er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei
den grössten unter den deutschen Philosophen.

Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung
über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand
ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören
(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber
dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob
namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten
werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer
völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu
machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an
die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser
Reform getrennte Buchführung zu halten, d. h. die Befriedigung ihrer
philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der
Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen,
vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu
denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem
Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium
der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur
obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem
und echt deutschem Geiste zu erfüllen.

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