Der Somnambulismus

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Die Erscheinungen des Somnambulismus sind von altersher bekannt, nicht
nur diejenigen eines in Nervenkrankheiten spontan eintretenden, sondern
auch diejenigen eines durch verschiedene Mittel z. B. betäubende
Dämpfe, Schwindeldrehungen, Fasten, Fixiren eines nahen Blick-Punktes
u. s. w. hervorgerufenen Somnambulismus. Die Seltenheit des spontanen
Somnambulismus, die schädlichen Folgen des künstlich hervorgerufenen
für den Organismus, die Verquickung des Somnambulismus mit allerlei
Aberglauben und Mysticismus und die Schwierigkeiten einer Erklärung
der Erscheinungen auf Grund der herrschenden materialistischen
Naturanschauung haben jedoch bis vor ganz kurzer Zeit davon
abgeschreckt, dieses Erscheinungs-Gebiet auf exakte Weise zu studiren.
Die von der Pariser Akademie von 1825-1831 niedergesetzte Kommission
gelangte nicht über die Konstatirung der Thatsachen hinaus, und selbst
diese gerieth bald wieder in Vergessenheit oder wurde gar (durch
Verwechselung mit dem Kommissionsbericht von 1784) in ihr Gegentheil
entstellt. Erst das Aufsehen, welches die öffentlichen Schaustellungen
des Magnetiseurs Hansen erregten, veranlassten einige deutsche
Physiologen (insbesondere Heidenhayn), der Sache näher zu treten, und
wenigstens die körperlichen Phänomene des Hypnotismus ausser Zweifel
zu stellen. Bald darauf wurden von Preyer die Braid’schen Versuche
und Schriften neu an’s Licht gezogen, welche einen durch Fixiren
heller Punkte und ähnliche Mittel (also nicht durch einen Magnetiseur)
hervorgerufenen Hypnotismus behandeln.

Während die deutschen Gelehrten in den letzten Jahren sich kaum noch
mit dem Gegenstande zu beschäftigen scheinen, hat er neuerdings in
Frankreich zu sehr eingehenden und interessanten Untersuchungen
geführt. So war z. B. Charcot der erste, welcher eine scharfe
Unterscheidung zwischen den drei Hauptstufen des Hypnotismus oder
Somnambulismus (der lethargischen, kataleptischen und im engeren Sinne
somnambulen) einführte und die Symptomenkomplexe dieser drei Stufen
genau definirte.[12] Diese Unterscheidung dürfte auch dann ihren
Werth behalten, wenn man anerkennt, dass die Grenzen zwischen den
drei Stufen keineswegs feste sind und öfters ein Ineinanderschieben
und Durcheinanderfliessen der Symptome stattfinde. Zugleich
veröffentlichte der Pariser Neurologe Richet seine langjährigen
Erfahrungen, nach welchen die deutschen Physiologen im Unrecht
sind, wenn sie die Action eines Magnetiseurs in allen Fällen für
illusorisch erklären, weil sie für Erzeugung von Hypnotismus bei
vielen Personen entbehrlich ist. Richet behauptet, dass seine
magnetisirende Thätigkeit auf jeden Organismus, auch den stärksten,
eine Einwirkung hinterlasse, die sich mindestens in einer Steigerung
der Empfänglichkeit für künftige Versuche kundgibt, und dass er sich
getraue, in einer aufeinanderfolgenden Reihe von Sitzungen schliesslich
jedes Individuum ohne Ausnahme in einen somnambulen Zustand zu
versetzen; er behauptet ferner, dass der durch magnetische Striche
hervorgerufene Somnambulismus sich von dem durch Fixiren naher Punkte
hervorgerufenen dadurch unterscheide, dass im ersteren die psychischen
Erscheinungen, in letzterem die körperlichen (Lethargie, Katalepsie
u. s. w.) vorwiegen. Ausserdem sind von Bernheim, Binet und Féré
Liébault, Beaunis u. a. m. ausgedehnte Versuchsreihen mit Somnambulen
vorgenommen worden, welche zu manchen neuen Aufschlüssen geführt haben,
insbesondere in Bezug auf die Uebertragung der Aktivität aus einer
Hirnhälfte in die andere und in Bezug auf die Umkehr der Zustände in
ihre polaren Gegensätze, z. B. Aktivität in Lähmung, und Lähmung in
Aktivität und die Erscheinungen des ausschliesslichen Rapports einer
Somnambulen zu einem bestimmten Experimentator[13]. Die deutschen
Physiologen haben sich bisher weit mehr auf das Studium der in den
niederen Graden des Hypnotismus vorwiegenden körperlichen Erscheinungen
beschränkt, während die Franzosen bereits dem psychischen Phänomen des
eigentlichen Somnambulismus näher getreten sind, ohne jedoch das Gebiet
des Wunderbaren mehr als zu streifen. Die interessantesten Probleme
harren deshalb bis jetzt ihrer wissenschaftlichen Behandlung, und sind
nur erörtert von Mystikern und Popularphilosophen, welche kein Bedenken
getragen haben, die phantastischen Personifikationen somnambuler
Traumbilder als Realitäten aus einer anderen Welt gelten zu lassen.

Carl du Prel hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, die
psychischen Probleme des Somnambulismus im Zusammenhang zu bearbeiten,
wobei er sich von allem spiritistischen Aberglauben als von unlogischen
Hypothesen vollständig freihält (S. 210, 434, vgl. 115, 186, 300),
und sogar das Gebiet des eigentlichen Hellsehens vorläufig bei Seite
lässt, um es einem besonderen Werk vorzubehalten. Durch den Titel[14]
braucht sich also Niemand abschrecken zu lassen, denn der Verfasser
erklärt ausdrücklich, dass es mystische Erscheinungen im eigentlichen
Sinne gar nicht gibt, und Manches uns nur heute noch mystisch vorkommt
(S. 386, 204). Gleichwohl kann ich den Titel nicht zweckmässig finden,
weil ich nicht wie du Prel im Somnambulismus die „Grundform aller
Mystik“ (399, 497) und in der Mystik nicht „das magische Verhalten des
Menschen zu sich selbst“ (444) erkennen kann; ich verstehe vielmehr
unter Mystik das gefühlsmässige Sicheinswissen des Menschen mit dem
Absoluten, und sehe in der praktischen Pflege des Somnambulismus durch
einen grossen Theil der religiösen Mystiker nur eine Verirrung, die auf
einem Verkennen der eigentlichen Natur und Bedeutung des Somnambulismus
beruht. Ich meine deshalb, der richtigere Titel des du Prel’schen
Buches hätte lauten müssen: „Der Somnambulismus in seiner Bedeutung
für Psychologie und Metaphysik.“ In der That wäre dieser Titel
erschöpfend, denn was aus den Erscheinungsgebieten des gewöhnlichen
Traumes und des wachen Gedächtnisses herangezogen ist, dient doch nur
zum Vergleich und zur Erläuterung der somnambulen Erlebnisse.

Auch du Prel nimmt als erwiesen an, dass Hypnotismus und Mesmerismus
(oder thierischer Magnetismus) keineswegs sich deckende Begriffe
von gleichem Umfang sind (155), und dass es irrthümlich ist, den
hypnotischen oder somnambulen Zustand lediglich auf Vorgänge im
Wahrnehmungs- oder Vorstellungsprocess des Versuchsobjekts zurückführen
zu wollen. Zum Beweise führt er an, dass auch Schlafende, welche
von den mit ihnen vorgenommenen Manipulationen nichts wissen, in
Somnambulismus versetzt werden können und dass sogar der Schlaf die
magnetische Einwirkung erleichtert (39-40); ferner, dass auch die
Mimosa pudica ebenso durch Mesmerisiren wie durch Chloroformiren
unempfindlich gemacht werden kann (156). Ich möchte hinzufügen,
dass wir die dynamische Aktivität der Magnetiseure auch aus anderen
Wirkungen kennen, z. B. aus den lokalen Einwirkungen auf menschliche
Körpertheile, welche für die Hautempfindungen denjenigen einer
schwachen Elektrisirmaschine gleichen, ferner auf das Elektroskop
und die Magnetnadel, und dass in einem sensitiven Nervensystem schon
Electricitäten von minimaler Spannung starke Abänderungen in der
Vertheilung der Innervationsintensität hervorrufen, wie die Versuche
an Hysterischen mit halbseitiger Anästhesie des Körpers beweisen.[15]
Dass auch der Stahlmagnet gewaltige Einwirkungen auf die Vertheilung
der Innervationsenergie in den Centralorganen ausübt, ist durch die
oben angeführten Versuche von Binet und Féré erwiesen, veränderte
Anwendungsarten werden ohne Zweifel noch andre Verschiebungen der
Innervationsenergie kennen lehren und damit dem Verständniss der Art
und Weise, wie der Einfluss des Magnetiseurs die gleiche Wirkung
hervorbringt, näher führen. Es ist anzunehmen, dass jeder Mensch in
irgend welchem Grade die Fähigkeit, andere zu magnetisiren, besitzt,
dass aber die Herrschaft über dieselbe nur durch Uebung zu gewinnen
ist, weil diese Fähigkeit nicht in dem Organ der bewussten Willkür
ihren Sitz hat, sondern nur indirekt durch Impulse des bewussten
Willens in anderen niederen Centralorganen aufgelöst wird. Damit stimmt
überein, dass Somnambule, deren Willkürorgan ausser Funktion gesetzt
ist, eine besonders starke Fähigkeit zum Magnetisiren Dritter, ja sogar
ihres Magnetiseurs gewinnen, auch wenn sie dieselben im wachen Zustand
nicht besitzen oder beherrschen (274). Es ist ferner zu beachten, dass
fortdauernde Bethätigung der magnetischen Kraft den Menschen angreift
und entkräftet (250), woraus folgt, dass der Magnetiseur wirklich
organische Kraft bei seiner Thätigkeit konsumirt. Es ist endlich zu
berücksichtigen, dass die elektrischen Apparate der Zitter-Rochen und
-Aale nur Gruppen von Ganglienzellen sind, und dass jede Ganglienzelle
in irgend welchem Maasse die Eigenschaft besitzen muss, welche hier
durch Differenzirung ausgebildet ist.

Ob das im thierischen Magnetismus wirksame dynamische Agens mit
einer der uns bekannten Naturkräfte identisch ist, oder ob es
eine noch unerforschte neue Proteus-Gestalt der einheitlichen
Naturkraft ist, welche bloss elektrische, magnetische, thermische und
nervenphysiologische +Begleit+erscheinungen hervorruft, das dürfte
vorläufig schwer zu entscheiden sein, doch neige ich der letzteren
Auffassung zu, so dass der Bezeichnung „thierischer Magnetismus“
oder „organische Electricität“ nur ein uneigentlicher Sinn beiwohnt.
Ebenso vorsichtig wie in der Gleichsetzung der mesmerischen Funktion
mit physikalischen Kräften muss man aber auch sein, sie mit besser
bekannten organischen psychischen oder gar metaphysischen Potenzen
zu identificiren, wie wenn z. B. du Prel sie mit der Naturheilkraft
gleichsetzt (239), wozu die etwaigen heilsamen Nebenwirkungen der durch
sie hervorgerufenen somnambulen Zustände noch lange keine Berechtigung
geben.

Du Prel hat sich in diesem Punkte, wie leider in manchen andern, durch
Schopenhauers Ansichten bestimmen lassen, von welchem Denker seine
gesammte Weltanschauung mehr als von irgend einem andern abhängig ist.
Schopenhauer nimmt an[16], dass der Somnambulismus nur ein tiefer und
vollkommener Schlaf sei, dass er deshalb heilsamer als der gewöhnliche
Schlaf sei und von der Naturheilkraft absichtlich herbeigeführt
werde. Er glaubt ferner, dass Wahrträume auch im gewöhnlichen tiefen
Schlafe häufig sind, und der Somnambulismus nur diese Wahrträume
offenbare. Alle scheinbaren Sinneswahrnehmungen der Somnambulen hält
er für Wahrträume, welche die Vermittelung der Sinneswerkzeuge nur
vorspiegeln. In Bezug auf die physiologische Erklärung des somnambulen
Zustandes verwirft er mit triftigen Gründen die Annahme, dass das
Gangliensystem an Stelle des Gehirns funktionire, und hält an der
Unentbehrlichkeit der Gehirnfunktion fest, worin ihm du Prel leider
nicht gefolgt ist; seine Theorie einer Umkehrung der Richtung der
Gehirnfunktion durch Rollentausch der grauen und weissen Substanz ist
dagegen physiologisch ganz unhaltbar und ist auch von keiner Seite
vertheidigt worden.

So wenig der Somnambulismus mit dem gewöhnlichen Schlaf zu verwechseln
ist, ebenso wenig ist er, wie du Prel meint (173), ein tieferer Schlaf
als der gewöhnliche, d. h. bloss graduell von demselben verschieden.
Obschon Uebergangsformen zwischen beiden stattfinden und einige
Merkmale ihnen gemeinsam sind, sind sie doch specifisch verschieden; in
manchen Beziehungen erscheint der Schlaf als Zwischenzustand zwischen
Somnambulismus und Wachen, in andern erscheint der Somnambulismus als
Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen. Du Prel, welcher nur die
erstere, und Wirth (40), welcher nur die letztere Ansicht gelten lässt,
haben daher Beide Recht und Unrecht. Der somnambule +Traum+ erscheint
in der That gegenüber dem gewöhnlichen als ein +gesteigerter+ Traum,
aber der somnambule +Schlaf+ gleicht mehr dem Verhalten im +wachen+
Zustande als im gewöhnlichen Schlaf.

Das gewöhnliche Traumbewusstsein ist durch eine bessere
Erinnerungsbrücke mit dem wachen Bewusstsein verbunden als das
somnambule und kann zwischen diesen beiden als verknüpfendes Mitglied
eintreten. Je näher das somnambule Traumbewusstsein dem gewöhnlichen
Traume steht, desto leichter reichen Erinnerungen aus demselben
in’s wache Bewusstsein hinüber; je mehr es sich in sich vertieft,
desto schwerer wird die Erinnerung an seinen Inhalt, am schwersten
beim „Hochschlaf“, der nur durch das verknüpfende Mittelglied des
gewöhnlichen Somnambulismus mit dem wachen Bewusstsein verbunden
werden kann. Je mehr sich der Somnambulismus steigert, desto mehr
steigern sich die Eigenthümlichkeiten, welche das Traumbewusstsein
von dem wachen Bewusstsein unterscheiden: die Passivität des Willens,
die Sinnlichkeit und Bildlichkeit der Vorstellungen, die Stärke der
unwillkürlichen Phantasiethätigkeit, die Neigung zu dramatischer
Spaltung des Ich, der Mangel an Besonnenheit und zielbewusster
Stetigkeit, die Hyperästhesie des Gedächtnisses, die damit
zusammenhängende Geschwindigkeit des Vorstellungswechsels, und endlich
die Sensitivität des Gefühlslebens für natürliche Vorgänge innerhalb
und ausserhalb des eigenen Organismus.

Andererseits aber steigern sich auch einige solche Merkmale, durch
welche das wache Leben sich vom Schlaf unterscheidet, erstens die
Fähigkeit, vermittelst der Sinneswerkzeuge von der Aussenwelt Eindrücke
zu empfangen und auf diese Eindrücke mit Reden und Handlungen
sinngemäss zu reagiren, zweitens die Eigenthümlichkeit, dass die
Erlebnisse der Zeitabschnitte des somnambulen Lebens wie diejenigen des
wachen Lebens durch ihren Erinnerungszusammenhang ein geschlossenes
Ganzes bilden, während die Träume der verschiedenen Nächte der Regel
nach zusammenhangslose Bruchstücke bleiben und nur ausnahmsweise mit
vereinzelten Erinnerungen ineinander übergreifen, und drittens der
Umstand, dass die das somnambule Bewusstsein vermittelnden Theile des
Centralnervensystems ebenso wie die das wache Bewusstsein vermittelnden
der zeitweiligen Ruhe durch Schlaf bedürfen, wie der Wechsel von Schlaf
und Wachen bei einem Wochen und Monate lang anhaltenden Somnambulismus
beweist (332).

Wenn eine Somnambule ihren häuslichen Verrichtungen obliegt, oder
gar eine Rolle auf der Bühne tadellos durchführt, so wird Niemand
bezweifeln, dass ihr Zustand dem Wachen ähnlicher ist, als dem Schlaf,
trotzdem sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass der
Zustand ihres Bewusstseins in vielen Punkten als ein gesteigerter oder
vertiefter Traumzustand zu betrachten ist. Beim Somnambulismus wird die
Aehnlichkeit mit dem Wachen, beim Schlaf die Unähnlichkeit mit dem
Wachen um so grösser, je tiefer er wird; je weniger tief Somnambulismus
und Schlaf sind, desto ähnlicher sehen sie sich beide; je tiefer
sie werden, d. h. je mehr sie ihre eigenartige specifische Natur
hervorkehren, desto verschiedener und entgegengesetzter erscheinen sie.
Der niedrigste Grad des Hypnotismus zeigt vollkommene Lethargie, also
gar keinen Verkehr mit der Aussenwelt wie der Schlaf; erst im zweiten
Grade, im kataleptischen Stadium öffnet sich das Ohr und die niedern
Sinne, und erst im dritten Stadium, dem im engeren Sinne somnambulen,
öffnen sich auch die Augen und beginnt jener vollständige Verkehr mit
der Aussenwelt, der auf den ersten Anblick vom Verhalten einer wachen
Person nicht zu unterscheiden ist.

Der Schlaf hingegen wird dem Somnambulismus nur dann ähnlicher,
wenn er im Begriff ist, in denselben überzugehen, z. B. in dem
Sprechen und Handeln der Schlafenden; aber der sich selbst treu
bleibende ruhige und tiefe Schlaf kennt solche Extravaganzen
nicht, die schon einem gestörten Gleichgewicht des Nervensystems
entspringen, wie der Somnambulismus auch. Es ist gleichgiltig ob, wie
du Prel meint, der tiefe, oder, wie ich meine, der leichte Schlaf
mehr dazu neigt, unruhig zu werden, d. h. in Uebergangsformen zum
Somnambulismus hineinzugerathen, da man in beiden Fällen es schon mit
zusammengesetzten Erscheinungen aus verschiedenen Gebieten zu thun
hat; und ebenso gleichgiltig ist es für die hier behandelte Frage, ob
der tiefe ruhige Schlaf traumlos ist oder nicht, ob mit anderen Worten
nicht bloss das wache und das somnambule Bewusstsein im Schlafe Ruhe
und Erholung geniesst, sondern die Bewusstseinsfunktion schlechthin.
Letzteres kann wegen der beim Erwachen abreissenden Erinnerung
niemals direkt konstatirt werden (43); du Prel’s indirekter Beweis
für die Behauptung beruht aber auf einem Cirkelschluss, insofern er
aus der vorausgesetzten Richtigkeit des Satzes folgert, dass auch
der Somnambulismus im Wesentlichen nur ein vertiefter Schlaf sei,
und hieraus dann wieder nach Analogie zurückschliesst, dass auch im
natürlichen Schlaf ebenso wie im Somnambulismus das Erwachen des
Traumbewusstseins proportional der Tiefe des Schlafes sein müsse
(427, 32, 37). Nach meiner Ansicht hingegen wird schon durch das
Ruhebedürfniss des somnambulen Bewusstseins und dessen Befriedigung im
Schlafe zur Genüge erwiesen, dass auch die das somnambule Bewusstsein
vermittelnden Theile des Centralnervensystems im tiefen Schlafe ruhen,
so dass die dessen etwaige Träume vermittelnden Partien jedenfalls noch
unterhalb der ersteren gesucht werden müssten.

Worauf es hier ankommt, ist nur, zu konstatiren, dass der natürliche
Schlaf ein gesunder normaler, für Wache und Somnambule gleich
unentbehrlicher Erholungszustand, der Somnambulismus aber ein abnormer,
pathologischer, schlechthin entbehrlicher Zustand ist, dass ferner der
reine Schlaf mit wachsender Vertiefung den Schläfer immer mehr von
der Aussenwelt abschliesst, der Somnambulismus dagegen mit wachsender
Vertiefung den Somnambulen in eine dem wachen Zustand immer ähnlicher
werdende sinnlich vermittelte Wechselbeziehung zur Aussenwelt setzt.
Dies genügt, um einen +specifischen Unterschied+ beider Zustände
festzustellen, und den Streit über die Stellung zwischen Wachen, Schlaf
und Somnambulismus zu einem nebensächlichen zu machen.

Ausser der Verwandtschaft des Somnambulismus mit dem wachen Zustand
und dem gewöhnlichen Traum ist noch diejenige mit der Narkose und mit
Nerven- und Geisteskrankheiten zu beachten. Die Narkotisirung durch
Chloroform und Aether stimmt darin mit dem Somnambulismus überein,
dass eine von der Peripherie nach dem Centrum fortschreitende Analgesie
(Unempfindlichkeit für Schmerz) und scheinbar auch Anästhesie eintritt,
dass das wache Bewusstsein schwindet und unwillkürliche Träume sich
entfalten; ein ähnlicher Zustand der Analgesie trat auch bei den
höchsten Graden der Folter manchmal ein, der dann der Hülfe des
Teufels zugeschrieben wurde. Bei der Morphium- und Haschisch-Narkose
ist die Analgesie weniger ausgesprochen, dafür aber das Traumleben
gesteigert; insbesondere das Haschisch erzeugt eine Hyperästhesie
des Gedächtnisses und eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufes,
welche mit den gleichen Erscheinungen des somnambulen Traumlebens
viel Aehnlichkeit hat. Alle Narkosen unterscheiden sich aber dadurch
vom Somnambulismus, dass in ihnen für gewöhnlich und unter Ausschluss
eines gleichzeitig eintretenden Somnambulismus der Verkehr mit der
Aussenwelt abgeschnitten ist; nur eine unvollständige Narkose, welche
noch einen Rest des wachen Bewusstseins übrig lässt, macht solchen
Verkehr möglich. Auf der Verwandtschaft dieser narkotischen Zustände
mit dem Somnambulismus beruht es, dass in nervösen Organisationen,
die zum Somnambulismus neigen, derselbe durch narkotische Mittel
hervorgerufen werden kann (Pythia, Hexenfahrten u. s. w.). Die Menge
von Chloroform, die Jemand zur Narkose braucht, ist zugleich ein
Gradmesser seiner Empfänglichkeit für magnetische Hypnotisirung, und
die Blutbeschaffenheit eines hungernden Organismus erleichtert in
gleichem Masse die Narkose wie das Magnetisiren und den spontanen
Eintritt von Uebergangsformen zwischen Traum und Somnambulismus.

Von den pathologischen Zuständen des Nervensystems bietet sich
zunächst die konstitutionelle Sensitivität zum Vergleich dar. Während
„Sensibilität“ die Reizempfänglichkeit der Empfindungsnerven
bezeichnet, insoweit sie auf einem feinen Bau der Endorgane
(Sinneswerkzeuge) beruht, bedeutet das Wort „Sensitivität“ eine
abnorme Reizempfänglichkeit, welche nicht auf der Verfeinerung der
Sinneswerkzeuge, sondern auf der Hyperästhesie der Empfindungsnerven
und der ihre Eindrücke verarbeitenden Centralorgane beruht. Es giebt
abnorme Naturen, welche bei vollem Tagesbewusstsein die unglaublichsten
Dinge wahrnehmen, sowohl Vorgänge in ihrem eigenen Organismus, als
dynamische Einflüsse der Umgebung, z. B. das Vorhandensein einer
Katze im Zimmer, oder gewisse Krankheiten anwesender Personen, oder
die relativen elektrochemischen Werthe einer Reihe von eingewickelten
Stoffen. Es mag sein, dass eine gewisse Beschaffenheit des
Nervensystems für alle Arten von Empfindungen die Reizempfänglichkeit
erhöht; aber es ist doch durchaus nicht nöthig, dass die Sensitivität
für Gefühls-, Geruchs-, Gehörs- und Gesichtsempfindungen immer Hand
in Hand gehen, oder gar den gleichen Grad von Steigerung aufweisen
muss. Die Thatsache, dass Sensitivität auch in dem gewöhnlichen wachen
Bewusstseinszustand vorkommt, lässt erkennen, dass, wenn auch die
abnormen Bewusstseinszustände (wie Traum, Somnambulismus, Irrsinn etc.)
häufig mit Schwellenverschiebung verbunden auftreten, doch dieses
Symptom weder ausreichend zu ihrer Charakterisirung heissen, noch als
ausreichende Ursache ihres Eintritts angesehen werden kann.

Der Somnambulismus zeigt eine Sensitivität insbesondere für
Empfindungen des Gemeingefühls (122, 141), zum Theil auch für
solche des Geruchs und Geschmacks (246, 389), wogegen das Gehör
unverändert zu bleiben scheint und die Reizempfänglichkeit für
Gesichtswahrnehmungen noch im zweiten, kataleptischen Stadium ganz
aufgehoben ist und erst im dritten, somnambulen Stadium zugleich
mit der nun auffällig erhöhten Hautempfindlichkeit wieder erwacht.
Es ist also im Somnambulismus die Empfindungsschwelle der niedern
Sinne emporgeschraubt, die der höheren theils unverändert, theils
heruntergerückt, theils gesteigert, und es ist demnach ebenso ungenau
von einer Herabsetzung der Empfindungsschwelle im Allgemeinen, wie von
einem Geschlossensein der äusseren Sinne oder einem vom Sinnesapparat
unabhängigen Bewusstsein in diesem Zustand zu reden (146, 441). Eine
Verschiebung der Empfindungsschwelle findet zwar statt, aber für
verschiedene Sinneswahrnehmungen in ungleichem Maasse und zum Theil
sogar in entgegengesetztem Sinne, und keine Art von Sinneswahrnehmungen
fehlt im eigentlich somnambulen Stadium des Hypnotismus ganz, weder die
Tastempfindungen, welche zur Wahrung des Gleichgewichtes unentbehrlich
sind, noch die Gesichtseindrücke, ohne welche ein Somnambuler sich
in einer ihm unbekannten Umgebung unmöglich mit Sicherheit bewegen
könnte. Eine Somnambule mit geöffneten Augen liest auf Befehl ein
ihr vorgehaltenes Buch fliessend vor, während sie bei geschlossenen
Augen auf den gleichen Befehl nur unverständliche Worte murmelt. Die
Behauptung, dass sie nicht mit den geöffneten Augen, sondern etwa mit
dem Sonnengeflecht läse, stünde logisch auf gleicher Stufe mit der,
dass sie die Worte nicht mit dem Kehlkopf und der Zunge bilde, sondern
mit dem Magen. Manche Somnambulen sind im Stande, mikroskopische
Photographien mit blossem Auge zu erkennen, oder ein ihnen abgekehrtes
Buch aus der Spiegelung im Auge des Magnetiseurs zu lesen; dies alles
setzt eine hochgradige Steigerung der Gesichtsschärfe voraus. Auf
den Einfall, dass eine Somnambule mit fest zugedrückten Ohren nicht
mehr mit dem Gehörorgan die Worte des vor ihr stehenden Magnetiseurs
vernehme, konnte Schopenhauer nur darum kommen,[17] weil er nicht
daran dachte, sich durch den Versuch zu überzeugen, dass man mit fest
zugedrückten und verstopften Ohren noch ziemlich ebenso gut hört,
wie mit offenen; für die leisesten Worte des, wenn auch entfernt
stehenden Magnetiseurs kann ausserdem in dem Gehör der Somnambulen
eine hochgradig verschärfte Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden sein,
während gleichzeitig für laute Gespräche der nicht mit ihr in Rapport
stehenden Anwesenden Taubheit zu bestehen scheint. Das Vorkommen
des Hellsehens wird selbst bei hoch gesteigertem Somnambulismus
immer nur als sporadischer Ausnahmefall anzusehen sein, aber nicht
als ein fortdauernder Zustand, aus dem +alle+ anscheinenden
Sinneswahrnehmungen zu erklären wären.

Der psychologische Unterschied zwischen Sensitivität und Somnambulismus
ist nicht in der Ungleichmässigkeit der Schwellenverschiebung für
verschiedene Sinne, sondern darin zu sehen, dass die gewöhnliche
Sensitivität auf ein waches, die somnambule auf ein träumendes
Bewusstsein trifft, und dass in Folge dessen der Sensitive seine
Sinneseindrücke von Phantasiebildern unterscheiden kann, der Somnambule
nicht. Daher kommt es, dass der Somnambule Phantasiebilder von
Sinneseindrücken, welche durch Ideenassociation aus Empfindungen ganz
anderer Sinnesgebiete entstanden sind, für reale Sinneswahrnehmungen
hält (z. B. das Phantasiegebild eines Wohlgeschmacks oder einer
Amputation, die der Magnetiseur ihm bloss einredet, oder die Bilder von
Gestalten und Stimmen, die nur Personifikationen oder Symbolisirungen
organischer Gefühlsreize sind), während energische Sinneseindrücke,
die zu dem momentanen Inhalt seines Traumbewusstseins keine Beziehung
haben, von diesem gar nicht appercipirt werden (z. B. eine wirklich
stattfindende Operation, oder ein intensiv schmeckender Stoff auf
der Zunge, oder die den geöffneten Augen sich darbietende Umgebung).
Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit der Sensitivität macht es
erklärlich, dass wiederholter Somnambulismus das Nervensystem sensitiv
macht, d. h. einen geringeren Grad der somnambulen Sensitivität
als dauernden Zustand zurücklässt. Die Sensitivität ist aber ein
pathologischer, bei Unwohlsein sich steigernder (223) Zustand, der für
unser praktisches Leben mit den grössten Unannehmlichkeiten verknüpft
ist (197), und häufig mit einer Schwächung des Gedächtnisses Hand in
Hand geht (310), also ein Zustand dessen Herbeiführung und Steigerung
sorgfältig zu vermeiden ist.

Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit Hysterie, Epilepsie,
Katalepsie, Ohnmacht, Starrsucht, Scheintod, Todeskampf,
Fieberdelirien, Veitstanz und den verschiedenen Arten des Irrsinns
zeigt eine Anzahl sich kreuzender Symptome; alle schwereren
Erkrankungen des Nervensystems disponiren zum spontanen Eintritt und
zur Empfänglichkeit für die künstliche Erzeugung des Somnambulismus,
wie umgekehrt ein häufiges Hervorrufen des somnambulen Zustandes
künstliche Hysterie erzeugt (nach Richet), den Geist und Körper
zerrüttet und zu allen Arten von Nervenleiden prädisponirt.

So lange ein Nervenleiden besteht, gelingt es dem Magnetiseur mit
Leichtigkeit, den Somnambulismus hervorzurufen; schreitet aber
die Genesung fort, so wird das Magnetisiren des Rekonvalescenten
immer schwieriger (239), bleibt aber in Folge der Gewöhnung des
Organismus immer noch leichter, als es vor Eintritt der Krankheit
war. Das weibliche Geschlecht, das bei seinem geringeren Uebergewicht
des Grosshirns über das sonstige Centralnervensystem leichter
zu decentralisirender Desorganisation des letzteren, d. h. zu
Nervenleiden, hinneigt, ist auch mehr prädisponirt für das Auftreten
von natürlichem und die Herbeiführung von künstlichem Somnambulismus,
insbesondere der höheren Grade derselben.

Die Gleichheit der körperlichen Symptome bei Katalepsie und
Somnambulismus ist in die Augen springend; der Tonus der Muskeln
genügt, um jede einem Gliede gegebene Stellung zu behaupten,
ohne dass Krampfzustände vorhanden sind (Wachstarre). Aber der
Unterschied zwischen Katalepsie, Starrsucht, Scheintod einerseits
und Somnambulismus andererseits ist ebenso in die Augen fallend:
die Bewegungslosigkeit dort und die automatenartige Beweglichkeit
nach Anleitung des unwillkürlichen Inhalts des Traumbewusstseins
hier. Die automatische, traumgeleitete Beweglichkeit ist dagegen
im Veitstanz vorhanden, sobald die gewöhnlichen Krämpfe sich zu
ekstatischen Konvulsionen ausbilden, und die Geschichte der religiösen
Verirrungen zeigt in allen Ländern und Glaubenskreisen ähnliche Bilder
solcher ansteckenden Zustände, wie sie auch in Fällen des spontanen
Somnambulismus häufig beobachtet werden. Manche Theoretiker des
Somnambulismus sind soweit gegangen, eine Menge Formen der schweren
Nerven- und Geisteskrankheiten für regellose Formen des Somnambulismus
zu erklären (243, 266, 366); wenn dies richtig wäre, so würde der
pathologische Charakter des Somnambulismus in ein noch helleres Licht
dadurch gestellt, als wenn, wie ich annehme, in vielen Fällen bloss
eine Verquickung somnambuler Zustände mit anderen verwandten Störungen
des nervösen Gleichgewichts stattfindet.

Gehen wir zu den psychischen Symptomen über, so zeigt sich die
Hyperästhesie der Erinnerung nicht nur im Somnambulismus und dem
gewöhnlichen Traum, sondern auch in Fieberdelirien, in manchen
Fällen der Hysterie, des Irrsinns, der Incubationsperiode mancher
Gehirnkrankheiten und im Todeskampf. Wenn eine Somnambule die
Aufschriften der Strassenschilder aus dem Heimatsort ihrer Jugend
angeben kann, wenn sie einmal Gelesenes wörtlich hersagt, wenn
sie die lateinischen oder griechischen Recitationen oder die
Violinübungen früherer Stubennachbarn nachahmend wiederholt, so
finden diese Leistungen eines hyperästhetischen Gedächtnisses
ihre Analogien in den gleichen Erscheinungen bei Fiebernden oder
Irrsinnigen, und hier wie dort stellt sich leicht die Täuschung ein,
dass Reproduktionen aus dem Gedächtniss, die man nicht als solche
erkennt, unmittelbare Neuproductionen seien, so dass dann leicht die
Reproductionen vergangener Ereignisse, an welche die Erinnerung (d.
h. Wiedererkennung) fehlt, als Weissagungen auf die Zukunft gedeutet
werden können.

Hand in Hand mit der Hyperästhesie der Erinnerung geht nicht selten
eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufs; wahrscheinlich sind beide,
die Erleichterung und die Beschleunigung des Vorstellungswechsels
durch Ideenassociation, koordinirte Wirkungen derselben Ursache, einer
Hyperästhesie des funktionirenden Organs (Gehirntheils). Wie die Zeit
des Gehirnreflexes zwischen Empfindung und motorischer Reaktion, so ist
auch die durchschnittliche Zeit, die vom Auftauchen einer Vorstellung
bis zum Hervorrufen der folgenden durch Ideenassociation verstreicht,
bei jedem Individuum eine andere, und bei demselben Individuum je nach
seinem Befinden und seiner Stimmung (Frische oder Ermüdung, Sättigung
oder Nüchternheit, intellektuelle Freiheit oder Gemüthsbeklommenheit)
erheblichen Schwankungen (etwa von 2 bis 1/12 Sekunde) schon im
wachen normalen Bewusstseinszustand unterworfen. Die Schwankungen
bewegen sich in noch weiteren Grenzen im Schlaf und den abnormen
Zuständen des Nervensystems. In Fieberdelirien, in maniakalischen
Delirien, im Haschischrausch und im Todeskampf (insbesondere der
Ertrinkenden) erreicht die Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
Phantasie einen Grad, der mit Ideenflucht bezeichnet wird, den man aber
bei der sinnlich-anschaulichen Beschaffenheit solcher unwillkürlich
vorüberziehenden Vorstellungsgebilde vielmehr „Bilderflucht“ nennen
sollte. Indessen sind die Berichte über das Vorüberziehen des gesammten
Lebens von dem Bewusstsein Ertrinkender denn doch nur auf typische
Hauptmomente des Lebens zu beziehen, und deren können in 60 bis 180
Sekunden allerdings eine beträchtliche Zahl (720 bis 2160) auf einander
folgen, ohne die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs
auch nur zu überschreiten.[18]

Ein weiteres psychisches Symptom, welches dem Somnambulismus
(und dem Traum) mit Fieberdelirien, Haschischträumen und
Geistesstörungen gemeinsam ist, ist die dramatische Spaltung.
Wenn eine Gedächtnissvorstellung zwar reproducirt wird, aber ohne
Wiedererkennung, d. h. ohne Erinnerung, so nimmt das wache, besonnene
Bewusstsein dieselbe hin als eine aus dem Unbewussten auftauchende,
deren Herkunft zunächst problematisch bleibt, vermuthet aber von
vornherein, dass sie aus dem Gedächtniss stammen werde; oft hat man
auch das Gefühl, sie schon gehabt zu haben, also das Bewusstsein, dass
sie Gedächtnissvorstellung ist, ohne ihr doch in der Vergangenheit
durch Verknüpfung mit Ort, Zeit und näheren Umständen ihres früheren
Auftretens einen bestimmten Platz anweisen zu können (284). Das
träumende Bewusstsein, das dieser Besonnenheit ermangelt und statt
dessen allen Gedankengehalt in sinnlich-anschauliche Formen giesst
(33), verbildlicht (50), symbolisirt (70) und personificirt (99),
projicirt eine Gedächtnissreproduktion, die es nicht als solche zu
rekognosciren vermag, gern nach aussen, und legt sie Traumgestalten
in den Mund; das irre Bewusstsein verfährt bei höheren Graden
der Phantasieerregung ebenso, bei geringeren Graden, die zur
Gestaltenprojektion (Gesichtshallucination) nicht ausreichen, verlegt
es wenigstens den Gedankengehalt in von aussen kommende Stimmen
(Gehörshallucination).

Die Bruchfläche dieser dramatischen Spaltung ist also die Scheidelinie
zwischen Gedächtnissreproduktion und Erinnerung (291); was das
Traumbewusstsein als sein Eigenthum rekognoscirt, nimmt es auch
als solches, als geistigen Besitz und Zubehör seines Ich für sich
in Anspruch, was es nicht zu rekognosciren vermag, aber trotzdem
als seinen Bewusstseinsinhalt vorfindet, lässt es auch nicht als
das Seinige gelten und projicirt es auf andre Traumgestalten.
Aus dem Unbewussten stammt also gleichmässig aller Inhalt des
Traumbewusstseins, sowohl der dem Ich als der dem Nichtich zugetheilte,
und Alles gehört gleichmässig dem Inhalt des Traumbewusstseins
an; auch das Ich des Träumers umfasst nur einen kleinen Theil des
Gesammtinhalts des Traumbewusstseins, und auch dieser dem Ich
zugewiesene Theil ist ein ebenso unwillkürlicher Ausfluss aus dem Quell
des Unbewussten, wie der in’s Nichtich (Aussenwelt und Traumgestalten)
hinausprojicirte Theil. Deshalb ist es unzulässig, wenn du Prel die
Bruchfläche der dramatischen Spaltung für zusammenfallend erklärt
mit der psychophysischen Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem
(96, 101), oder wenn er behauptet, dass alle Verstandesprocesse,
die den Charakter eines Einfalls haben, im Traume zur dramatischen
Spaltung führen (106). Gerade die produktiven Einfälle vertheilen sich
auf das Ich des Träumers und die bereits gegebenen Traumgestalten,
je nachdem die Situation des Traumes es verlangt, d. h. je nachdem
sie einem Vorstellungskomplex associativ zugehören, welcher dem
Traum-Ich oder anderen Traumfiguren bereits zugetheilt ist. Aber wohl
niemals werden solche produktive Einfälle zur Abspaltung +neuer+
Traumfiguren veranlassen; denn bei ihnen fehlt ja eben die Scheidelinie
zwischen Reproduktion und Erinnerung, welche allein massgebend als
Bruchfläche der Spaltung ist, und welche etwas ganz Anderes ist als
die „psychophysische Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem“ im
Allgemeinen.

Es ist die niedrigste Form der dramatischen Spaltung, wenn ein
reproducirter Gedächtnissvorrath, der nicht als solcher wiedererkannt
ist, in fremde Traumgestalten hinausprojicirt wird; man sollte in
diesem Falle, streng genommen, noch nicht von dramatischer +Spaltung+,
sondern von dramatischer +Vertheilung+ des Bewusstseinsinhalts auf das
Ich und das Nichtich des Traumbewusstseins sprechen. Dies Verhältniss
bleibt auch dann noch dasselbe, wenn die einer Traumfigur in den Mund
gelegte Gedächtnissvorstellung nach der Aeusserung derselben dann als
eigenes, nur zeitweilig vergessenes Wissen in’s Ich zurückgenommen
wird. Interessanter sind jene Spaltungen, bei welchen nicht mehr das
reproducirte Vorstellungsmaterial, sondern die eigene Traumfigur, das
Traum-Ich gespalten und in mehrere Ichs zertheilt wird, etwa als Acteur
auf der Bühne und als Zuschauer im Parterre; derartige Verdoppelungen
kommen auch bei Todtkranken und bei Irrsinnigen vor, welche letztere
manchmal lange Disputationen mit ihrem visionär vor ihnen stehenden
Doppelgänger halten. Aber nicht immer weiss man sich im Traum identisch
mit seinem zweiten Ich, und das Selbstbewusstsein kann zwischen beiden
schwanken, wobei dann immer das jeweilige eigentliche Ich das zweite
Ich als sein „anderes“ Ich oder als „den Andern“ betrachtet; beide Ich
können auch wieder in eins zusammenfliessen, wie wenn das Zuschauer-Ich
auf die Bühne springt, um nun selbst weiter zu agiren. Dem analog ist
es eine gewöhnliche Erscheinung, dass das somnambule Bewusstsein sich
als das eigentliche Ich des somnambulen Zustandes von dem „anderen“ Ich
des wachen Zustandes, dessen Bewusstseinsphäre es doch umspannt, wie
von einer fremden Person unterscheidet, und diese Neigung, die eigene
Persönlichkeit des wachen Lebens als eine andere, fremde, obwohl doch
mit dem Ich wie ein Doppelgänger zusammengekoppelte anzusehen, wächst
mit der Tiefe des Somnambulismus.

Die Scheidelinie zwischen Reproduktion und Erinnerung reicht zwar
aus zur Feststellung der Bruchfläche für die einfache dramatische
Spaltung zwischen Ich und Nichtich, aber nicht für die Feststellung
der Bruchfläche für die Spaltung des Ich in ein doppeltes Ich, das
„eigentliche“ Ich und „das andere“; die psychophysische Schwelle
zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die schon für den ersteren Fall
nur irrthümlicher Weise mit der Bruchfläche der Spaltung verwechselt
werden konnte, passt auf den letzteren Fall noch viel weniger, da der
Bewusstseinsinhalt des „anderen“ (normalen) Ich für das Bewusstsein des
„eigentlichen“ (somnambulen) Ich nichts weniger als unbewusst, sondern
völlig bewusst, ja sogar in seiner Einordnung in die Erlebnisse der
Vergangenheit klar durchschaut und doch nicht als eigener Besitz, als
Zubehör des „eigentlichen“ Ich anerkannt wird. Man könnte sich denken,
dass das einer fremden Traumfigur geliehene Gedächtnissmaterial in dem
Falle, wenn es eine grössere zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen
ausmacht, dahin neigt, das Traumbewusstsein zu der Ahnung zu führen,
dass das scheinbar Fremde doch nur sein verliehenes Eigenthum,
somit die fremde Traumfigur nur ein Spaltungsprodukt des eigenen
Geisteslebens sei, was sich dann bildlich in dem widerspruchsvollen
Gleichsetzen und Ungleichsetzen der anderen Figur mit dem Traum-Ich
ausdrückt; aber dabei bleibt doch die Hauptbedingung unerwähnt, dass
die abgetrennte Vorstellungsmasse ausreichend und geeignet sein muss,
einem Ich als Unterlage zu dienen, was psychologisch nicht zu erklären
ist.

Begrifflich streng zu sondern von dem subjektiven Phänomen der
dramatischen Spaltung des Ich ist das objektive Phänomen des
alternirenden Bewusstseins. Ein solches kommt dann zu Stande, wenn
verschiedene Bewusstseinszustände, welche die Eigenthümlichkeit haben,
nach stattgehabter Unterbrechung die Kontinuität des Bewusstseins
aufrecht zu erhalten und ein in sich geschlossenes bewusstes
Lebensganze zu bilden, mit einander abwechseln. Ein solcher Zustand ist
das normale wache Bewusstsein, ein zweiter das somnambule Bewusstsein,
ein dritter der Hochschlaf des somnambulen Bewusstseins, ein vierter
und fünfter kann endlich in verschiedenen Formen periodischer
Geistesstörung auftreten, in welchen die Erinnerung an das bisherige
wache Leben erlischt und ein von demselben völlig abgetrenntes neues
Leben begonnen und fortgeführt wird. Auch die Reiche der natürlichen
Träume würde ein alternirendes Bewusstsein konstituiren, wenn sie sich
ebenso wie die Abschnitte des wachen Lebens, oder wie die Reihe der
somnambulen Krisen oder die Reihe der bezüglichen Irrsinnsanfälle zu
einem stetig zusammenhängenden Erinnerungsganzen konsolidirten. Die
periodische Geistesstörung producirt für sich allein manchmal mehr
als ein abgetrenntes Bewusstseinsleben, das mit dem wachen alternirt;
wechseln zwei getrennte Bewusstseinszustände des Irrsinns mit dem
normalen wachen Bewusstsein ab und tritt zu diesen dreien noch der
somnambule Zustand, so haben wir es mit einem vierfachen alternirenden
Bewusstsein, d. h. mit einem vierfachen Geistesleben desselben
Individuums zu thun (337-343).

Streng genommen kann von einem alternirenden Bewusstsein nur da
gesprochen werden, wo weder der Zustand a vom Zustand b, noch der
Zustand b vom Zustand a etwas weiss; diese Bedingung ist aber im
Somnambulismus nur einseitig erfüllt, da das somnambule Bewusstsein
den Gedächtnissinhalt des wachen nicht nur umspannt, sondern sogar in
erleichterter Weise reproducirt (308, 312). Im Traum findet dieses
Umspannen des wachen Bewusstseinsinhalts durch das Traumbewusstsein
der Regel nach ohne Spaltung des Ichs statt, und die Verdoppelung des
Ich im Traume gehört zu den seltensten Ausnahmen, bei denen vielleicht
schon eine Uebergangsform zwischen Traum und Somnambulismus oder Traum
und Wahnsinn[19] anzunehmen ist. Im alternirenden Bewusstsein des
Irrsinns fehlt in der Regel jede Umspannung der Vorstellungen des
einen Zustandes durch das Bewusstsein des anderen und jeder der beiden
Bewusstseinszustände weigert sich, die ihm von aussen dargebotenen
Vorstellungen, sofern sie dem anderen angehören, als die seinigen
anzuerkennen, oder überhaupt kennen zu wollen. Nur wenn der Irrsinn
dem Traum sich annähert, d. h. Hallucinationen erzeugt, kommt es vor,
dass das wahnsinnige Bewusstsein als ein anderes Ich aus der Person
des Kranken (meist mit veränderter Stimme) redet und sich von dieser
unterscheidet, womit dann die Illusion der Besessenheit gesetzt
ist. Im Somnambulismus weigert sich nur das wache Bewusstsein, die
Vorstellungen des somnambulen kennen zu wollen; das letztere aber
kennt die Vorstellungen des ersteren wohl, erkennt sie aber nicht
als die seines „eigentlichen“ Ichs, sondern als die des „anderen“
an. So nimmt ersichtlich der Somnambulismus in dieser Hinsicht eine
Mittelstellung zwischen Traum und Irrsinn ein, halb dem einen, halb
dem andern gleichend, und bemüht, die Unterschiede beider durch die
dramatische Spaltung des Ich zu vermitteln, insofern durch dieselbe
das alternirende Bewusstsein des Irrsinns in fingirter Weise trotz der
Umspannung des alternirenden Bewusstseinszustandes aufrecht erhalten
wird.

Es wird die Vermuthung nahe liegen, dass nicht nur hier, sondern
überall, wo wir der dramatischen Spaltung und Verdoppelung des Ich
begegnen, dieser phantastische optische Dualismus eine symbolische
Personifikation der physiologischen Thatsache ist, dass die
physiologischen Hauptbedingungen zu einem alternirenden Bewusstsein
vorhanden sind, wenn auch dasselbe wegen des Fehlens gewisser
Nebenbedingungen meistens im latenten oder potentiellen Zustande
verharrt. Andrerseits werden wir annehmen dürfen, dass überall, wo ein
alternirendes Bewusstsein besteht, auch die physiologischen Bedingungen
für die dramatische Spaltung und Verdoppelung des Ich gegeben sind,
und nur das umspannende Uebergreifen des einen Bewusstseins über das
andere hinzuzutreten braucht, um die Verdoppelung des Ich wirklich
herbeizuführen; die Richtigkeit dieses Satzes wird bestätigt in
denjenigen Fällen des alternirenden Bewusstseins bei Geisteskranken, in
denen die beiden Zustände nicht plötzlich wechseln oder durch trennende
Bewusstlosigkeit geschieden sind, sondern allmählich in einander
übergehen, wo sich dann stets im Uebergangsstadium das Gefühl der
doppelten Persönlichkeit einstellt. —

Nach allem vorher Angeführten sollte man es für unzweifelhaft halten,
dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen,
sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun
hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache
nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch
nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische
Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als
eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im
Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen
beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit
durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht
allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und
Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit
(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des
spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit
hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der
sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung (Hypermnesie),
erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und
Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng
begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs
oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche,
reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle
psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in
dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die
Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen,
dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch
wahr oder moralisch untadelig seien; z. B. wenn die pathologische
Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und
unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein
verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen
durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes
von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande
entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen
Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für
sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278).
Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische
Zustände, Sensitivität, Irrsinn u. s. w. gelegentlich richtige und
ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen
Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur
des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn
unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die
menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das
Uebergewicht des zu beseitigenden Uebels und seine Beseitigung durch
das gewählte Mittel zweifellos sind.

Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem
Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in
jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die
Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig
kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse
zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen.
Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in
tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur
eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der
Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51),
droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs
noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen
Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde
deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen
solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den
Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der
Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch
nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche
Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die
Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien
einer Erkrankung eingreifen kann.

Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme
psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des
spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig
halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente
zu machen, welche doch nur ihren Körper vorübergehend schädigen,
als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst
bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann
aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.[20] Da der durch
künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine
zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische
Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist,
so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus
zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich
denselben +erklären+ kann oder nicht (237); denn die vorläufige
Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat
noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind
es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des
Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch
praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus
ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich
die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische
Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft
bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei
erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen
Fahnestock’s[21] alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich
durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so
wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete Schaden
unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren
Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien u. s. w. der auf
Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen
Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch
wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine
Versuche angestellt.

Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel
viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso
wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es
ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu
schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr
Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu
wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam
ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber
gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so
wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass
der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer
sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss
auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung
des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht, dass
selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine +krankhafte+ Vertiefung
desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem gesunden
Schlaf, selbst solchem von +geringerer+ Tiefe, messen kann. So ist
z. B. der durch Chloral, Morphium u. s. w. erzeugte Schlaf tiefer
als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen Schlafes
erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich erzeugten;
wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift schliesslich
doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen rühmen, dass sie
nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt haben. So mögen
auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das Erquickende des
somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen Ersatz gewährt;
ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder quälenden Zuständen
und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit Recht dem Hypnotismus
wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven Empfinden einen Vorzug
vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso wie sie ihm oft den
Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande geben (493). Aus
dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen Zustandes durch die
Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu schliessen, wäre ebenso
voreilig, als wenn man aus dem Verlangen eines Morphiumsüchtigen nach
neuer Narkose auf die Heilsamkeit der Morphiumnarkose schliessen
wollte. Dass der somnambule Zustand nicht erquickender sein kann,
als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch objektiv erwiesen, dass
er den letzteren nicht überflüssig macht, vielmehr bei andauerndem
Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem Schlaf ganz ebenso
eintritt, wie im wachen Zustande (332).

Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die
Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen
gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles
vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand
herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der
letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts,
während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass
der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des
subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres wird dadurch
erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven
Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu
tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so
müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung
Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der
Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer,
intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je
tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil
davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen
Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu
lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet
(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über
wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus
ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254),
und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den
Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel.

Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf
specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs
entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen
hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so
ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die
äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst
ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie
Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste
Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum
verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeusserung
der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit
nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der
spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe
der Natur aufzufassen ist, z. B. um durch Analgesie dem Organismus
eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um
einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form
verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer
Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus
stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus
und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben
zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte
dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder
Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein
Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden.

Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist
darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu
übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass
der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der
natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan
herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten
Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der
mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches
Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur
in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein
Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der
Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule
Schlaf jedesmal wiederkehren soll, sobald er eines von einer Anzahl
wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen
bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen
werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre
Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des
Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig.
Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso
gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten
ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer
Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist
und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth
der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne
anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen u. s. w.) darf
nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine
Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie
nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass
nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der
Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung
besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische
Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche
Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische
Praxis eine Zukunft haben.

Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du
Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie
vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art,
wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in
Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu
vergegenständlichen; erst der in Anschauungsbilder umgewandelte,
d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in
Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der
relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und
bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein
Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren
in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule
an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so
dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren
ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich
auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen
Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder
verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist
dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige
Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus
oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche
Magnetisirung (179)[22], um die totale, beziehungsweise lokale
Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen.

Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198)
und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten
Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren
Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann
nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder
ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch
erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen
anatomischen Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen
eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der
Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist,
sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm
erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder
dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch
den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen,
wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur
vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane
Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er
nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr
unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss
er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule
und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder
Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer
ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen
den sie sich mit Recht sträuben (204-205). Wäre die Ausnutzung der
somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich
Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine
Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling u. s. w.) unterhält, nicht
ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen
Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und
ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370).

Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel
werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als
der Leichenbefund und +allein+ werthvolle Aufschlüsse über die
physiologische und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im
Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit
zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen
Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit,
sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten
her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von
Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen
ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf
dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal
eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende
Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine
Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen
Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu
erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen
im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das
objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des
Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe
würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem
Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider
nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei
Menschen nicht angeht.

Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau
der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung
zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute
Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns
nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige
Medicin ebenso weit vorgeschritten ist, als sie in der Heilung innerer
Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht
gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der
Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine
Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender
Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige
Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den
chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da
die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die
gelegentliche Unterstützung durch die Somnambule! —

Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht
gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler
Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben
äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will,
denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte
Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten
des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils
übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen,
und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen,
sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das
von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch
die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel
Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel
der Heilinstinkt dabei mitspricht.

Erstens haben die meisten Laien mehr Kenntniss von Heilmitteln als
von Anatomie, insbesondere Nervenleidende, an denen schon viel herum
kurirt worden ist, und die oft eine Masse unverdauter medicinischer
Kenntnisse aufgelesen haben (309); es ist daher kein Wunder, dass
auch die Somnambulen die therapeutischen Systeme ihrer Zeit wenigstens
den Grundzügen nach widerspiegeln (264), wenn ihre Aeusserungen
auch mit dem Glauben und Aberglauben der Volksmedicin mehr oder
weniger gemischt sind. Ebenso wie die vermeintlichen Intuitionen der
Somnambulen über metaphysische und religiöse Dinge nur phantastisch
gemodelte unbewusste Reminiscenzen aus dem ihnen geläufigen religiösen
Vorstellungskreise sind (185), ebenso sind auch die vermeintlichen
Intuitionen des somnambulen (oder träumenden) Heilinstinkts in
der allergrössten Mehrzahl der Fälle nichts als erinnerungslose
Reproduktionen von früher einmal Gehörtem, Gelesenem oder Probirtem,
welche durch die Hyperästhesie des Gedächtnisses dem Bewusstsein
zur Verfügung gestellt werden ohne jedes Merkmal, dass sie aus dem
reflexiven discursiven Wissen stammen (229). Zweitens kreuzen sich bei
der Somnambulen, als einer Kranken, die perversen krankhaften Instinkte
mit dem Heilinstinkt, und man kann nie wissen, welcher im gegebenen
Falle die Oberhand hat; das Verlangen nach den unverdaulichsten
Dingen (217), nach kolossalen Dosen stark wirkender Medikamente (270
bis 272), nach Fortdauer und Wiederholung des somnambulen Zustandes
gehören ohne Zweifel den ersteren an. Drittens schützt der Verzicht
des Magnetiseurs auf Fragestellung bei engem magnetischem Rapport
keineswegs davor, dass nicht schon dessen unausgesprochene bewusste
und unbewusste Vorstellungen und Wünsche in die Somnambule übergehen
und aus ihr zurücktönen. Viertens kann die somnambule Traumphantasie
sich in einem Spiel mit ebenso sinnlosen wie unschädlichen Verordnungen
ergehen (171), denen vom Magnetiseur und demgemäss auch von der Kranken
irrthümlich eine hohe Wichtigkeit beigemessen wird. Berücksichtigt man
endlich, dass Zurückhaltung in der Fragestellung bei den registrirten
Krankheitsgeschichten von Somnambulen zu den Ausnahmen gehört, so wird
man ermessen können, einen wie geringen Antheil an den berichteten
Selbstverordnungen man dem Heilinstinkt zuschreiben darf.

Betrachtet man die berichteten Fälle von günstiger Wirkung der
somnambulen Verordnungen, so bleibt nach Ausscheidung der schlechthin
unzuverlässigen Angaben und nach Abzug der Fälle, in denen bekannte
Heilmittel von anerkannter Wirksamkeit verordnet sind, in der That noch
genug Material übrig, um das Erstaunen des Laien zu erwecken. Aber
ganz dasselbe ist der Fall bei den zahllosen irrationellen Systemen
der Heilkunst, welche auf der Erde im Schwange gehen, ja sogar bei
Schäfern und wunderthätigen Heiligenbildern; sie alle haben eine Menge
zweifellos glücklicher Kuren aufzuweisen, insbesondere in Fällen von
Nervenkrankheiten, die jeder rationellen Behandlung spotten, und bei
denen noch immer das Wort gilt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wenn
nun eine Somnambule den festen Glauben gewinnt, dass sie in Folge der
getroffenen Verordnungen sich bessern oder genesen werde, so kann
dieser Glaube sehr wohl eine vorübergehende oder dauernde Veränderung
der Krankheit herbeiführen, ganz abgesehen davon, ob den verordneten
Mitteln objektiv genommen irgend welche Wirksamkeit zukommt. Aus der
objektiven Gleichgültigkeit des Inhalts der Verordnung erklärt sich
die Vorliebe der Somnambulen für anscheinend indifferente Mittel
oder für homöopathisch kleine Gaben (272), zugleich aber auch die
Thatsache, dass die Mittel immer nur ihnen selbst helfen, aber in
anscheinend gleichen Fällen jede Wirkung versagen und zur Abstraktion
von allgemein giltigen Regeln nicht brauchbar sind (269-270); ebenso
erklärt sich aus der grösseren Kraft des Glaubens an eigene als an
fremde Verordnungen die Thatsache, dass die Wirkung der somnambulen
Verordnungen für dritte mit ihnen in Rapport gesetzte Personen soviel
unsicherer ist, als die Wirkung der Selbstverordnungen.

Hätten die Verordnungen der Somnambulen irgend welche objektive
Wirksamkeit, so müsste doch unbeschadet der grössten Individualisirung
der einzelnen Fälle irgend welcher greifbare Gewinn für die Therapie,
wenn auch nur der allerbescheidensten Art, nachweisbar sein; da dies
trotz aller Bemühungen der Magnetiseure nicht der Fall ist, muss man
schliessen, dass die Wirkung der Verordnungen, soweit letztere nicht
von bereits bekannter objektiver Wirkung sind, nur subjektiver Art
ist, und zwar nicht nur bei den Somnambulen selbst, sondern auch bei
denen, welche ihre Hülfe in Anspruch nehmen und an deren Wirksamkeit
glauben. Darum ist aber auch die Hoffnung abgeschnitten, auf diesem
Wege jemals einen Fortschritt der medicinischen Wissenschaft zu
erzielen; die Befolgung der somnambulen Verordnungen, soweit keine
objektive Wirksamkeit derselben bekannt ist, wird ein verständiger
Arzt nur zu dem Zwecke zugeben, um von dem aufrichtenden Einfluss des
Glaubens und Vertrauens Nutzen zu ziehen, welcher durch das Vergessen
der somnambulen Verordnung im wachen Zustande nicht beeinträchtigt
wird. Aber kein verständiger Arzt wird den künstlichen Somnambulismus
herbeiführen in der ungewissen Aussicht, eine Selbstverordnung der
Kranken zu erzielen, die vielleicht einen günstigen subjektiven
Einfluss auf das Nervenleiden haben könnte. Ganz unstatthaft aber ist
das Provociren von Verordnungen für dritte Personen; will man einmal
Hokus-Pokus treiben, so giebt es andere Mittel genug, um medicinisch
nützliche Einbildungen in den letzteren hervorzurufen, als dass
man zu dem Zwecke durchaus mit der Gesundheit eines ohnehin schon
Nervenkranken ein frevelhaftes Spiel treiben müsste.

Bei alledem bin ich weit entfernt, die Existenz eines Heilinstinkts
und seine erleichterte Aeusserung im somnambulen Zustande zu leugnen;
ich behaupte nur, dass diese Aeusserungen unter einem solchen Wust von
werthlosen und schädlichen Einfällen und Einbildungen vergraben liegen,
dass es ein praktisch aussichtsloses und bei seinen unvermeidlichen
Irrwegen gefährliches Unternehmen wäre, auf dieselben eine indirekte
hypnotische Behandlung der Kranken gründen zu wollen. Es ist auch die
Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Hyperästhesie der Gefühls-
und Vorstellungsfunktion im somnambulen Zustande das Auftauchen
hellsehender Intuitionen über allerlei andere als medicinische Dinge,
ja sogar über transcendent metaphysische Thatsachen erleichtert, und
trotzdem müssen, wie du Prel zugiebt (184-185), alle Versuche, „aus
den Somnambulen Wahrsager zu machen oder gar über metaphysische Fragen
von ihnen Aufklärungen zu erhalten, als +ganz werthlos+ angesehen
werden“. Dieselben Gründe, welche diese Versuche auf dem einen Gebiet
praktisch werthlos machen, thun es im gleichen Masse auch auf dem
andern.

Noch unzulässiger als die medicinische Verwerthung ist die pädagogische
Ausnutzung des Somnambulismus im moralischen Interesse, welche du
Prel der wohlbegründeten Besorgniss vor unmoralischen Missbrauch der
Macht des Magnetiseurs über die somnambule Person entgegengestellt
(357-358). Das somnambule Bewusstsein ist ein widerstandsloser und
willenloser Geisteszustand, in welchem blindlings jeder Befehl des
Magnetiseurs befolgt wird und die Consequenzen des einmal erhaltenen
Thätigkeitsimpulses wie bei einem mechanischen Automaten abschnurren;
die somnambule Widerstandslosigkeit gegen den Willen des Magnetiseurs
greift aber — und darin liegt eine furchtbare Gefahr — auch in
das wache Leben über, so dass die wache Person die unglaublichsten
Vorwände aufsucht, um einen im somnambulen Zustande erhaltenen
Befehl des Magnetiseurs zu rechter Zeit zu erfüllen, obwohl sie
keine Erinnerung an diesen Befehl hat, sondern nur den dunklen,
unmotivirten Trieb zum Vollziehen der fraglichen Handlung empfindet.
Der pathologische Charakter des Somnambulismus und seine Verwandtschaft
mit der Geistesstörung offenbart sich hier mit voller Deutlichkeit,
indem die unbewusst fortwirkenden Rückstände des somnambulen Lebens
bei ihrem Hineinragen in’s normale Leben sich genau so verhalten,
wie die unmotivirten und doch unwiderstehlich wirkenden Triebe bei
Wahnsinnigen. Beide Arten von decentralisirten Impulsen kommen aus
derselben Region des Centralnervensystems, nur dass sie im ersteren
Fall durch den Magnetiseur, im letzteren Fall durch innere krankhafte
Reize des Organismus bestimmt sind.

Es ist klar, dass dieses Verhältniss der Somnambule zum Magnetiseur
den Begriff der Besessenheit objektiv verwirklicht, von dessen
Verwirklichung in wachen Irrsinnsfällen die blosse Illusion besteht; es
ist ebenso klar, dass die mit solcher Besessenheit gegebene Aufhebung
der Selbstbestimmung des Willens das psychologische Fundament der
Sittlichkeit ganz ebenso wie der spontane Irrsinn zerstört. Ob der
Inhalt des infiltrirten Willens gut oder böse ist, erscheint relativ
gleichgiltig, da seine Ausführung dem Handelnden doch nicht mehr
moralisch zugerechnet werden kann; aber das rein Formelle an diesem
Verhältniss ist einem Meuchelmord der sittlichen Persönlichkeit
gleich zu achten, und muss als solcher immer sittlichen Abscheu
erwecken. Das Hinüberspielen des blinden Automatengehorsams aus
dem somnambulen in den wachen Zustand kann niemals Früchte von
sittlichem Werth, sondern höchstens eine maschinenmässige Legalität
der impulsiven Handlungen erzielen; aber die Legalität ist hier
nicht, wie in der echten Pädagogik, eine Vorstufe zur Bethätigung
sittlicher Autonomie, sondern mit dem Preise ihrer Zerstörung bezahlt.
Nur da, wo durch Geistesstörung ohnehin die psychische Grundlage der
sittlichen Persönlichkeit aufgehoben ist, kann die Herbeiführung des
somnambulen Zustandes und die Aenderung der krankhaften Willensimpulse
und Einbildungen unbedenklich erscheinen; so z. B. wenn man einem
Irrsinnigen im somnambulen Zustand befiehlt, hinfort nicht mehr von
einem bösen Dämon sondern von einem guten Genius besessen zu sein,
oder ihn selbst die Person wählen lässt, mit der er die Vertauschung
seines wahnsinnigen Ich vornehmen will. Auch die Möglichkeit Somnambule
auf Befehl bestimmte Vorstellungen für die Dauer vergessen zu lassen,
könnte zur Bekämpfung von fixen Ideen und Zwangsvorstellungen
verwerthet werden, obschon die aus einer Wahnvorstellung verscheuchte
Krankheit sich dann sehr bald in einer andern Wahnvorstellung ein neues
Ventil zu öffnen pflegt.

Es giebt keine launischeren, selbstsüchtigeren, anspruchsvolleren,
herrschsüchtigeren, empfindlicheren, kurz, für ihre Umgebung
unerträglicheren Individuen, als jene Art von Nervenkranken, die
zum Somnambulismus prädisponirt sind, und die öftere Wiederholung
des Somnambulismus steigert die nervöse Gleichgewichtsstörung, aus
der diese Unliebenswürdigkeit des Benehmens entspringt, hat also
eine entschieden ungünstige Rückwirkung auf die sittliche Haltung
der Person, ebenso wie auf ihr Gedächtniss und ihre intellectuellen
Fähigkeiten. Nur in der somnambulen Krise selbst, wo der störende
Druck des Nervenleidens auf die Stimmung der Kranken durch die
Analgesie aufgehoben ist und alle Gedächtnissvorstellungen nur mit
den ihnen in der Vergangenheit (also in gesunden Tagen) anhaftenden
moralischen Gefühlswerthen reproducirt werden (317, 319), erscheint
auch das aus diesen begleitenden Gefühlswerthen abfliessende moralische
Urtheil wieder so, wie es in gesunden Tagen war. Dieser Zustand
kann also relativ, d. h. im Vergleich mit der krankhaften Entartung
des sittlichen Gefühls im wachen Zustande, als eine Steigerung
und Reinigung des moralischen Gefühls erscheinen (434); aber der
Somnambulismus erzeugt diese nicht, sondern lässt nur die reineren
Gefühlswerthe der gesunden Vergangenheit durch das Gedächtniss wieder
aufwachen, während er die Störungen des gegenwärtigen wachen Lebens
zeitweilig verdunkelt.

Nach alledem ist der Nutzen des Somnambulismus ebenso problematisch wie
die Schädlichkeit desselben für Leib und Seele zweifellos ist; alle
Versuche, aus demselben Nutzen zu ziehen, sind (mit Ausnahme einzelner
Fälle von Behandlung der Hysterie und des Irrsinns) nicht nur praktisch
werthlos, sondern befinden sich auf einem gefährlichen Irrwege. Es ist
praktisch höchst wichtig, daran festzuhalten, dass der Somnambulismus
ein rein pathologischer Zustand mit ausschliesslich pathologischen
Funktionen ist, der vor anderen pathologischen Nervenzuständen nichts
voraus hat und keine einzige neue Funktion des menschlichen Geistes
enthüllt, sondern nur bekannte Funktionen in anderer Zusammenstellung
zeigt. Selbst das eigentliche Hellsehen ist eine Funktion, die bei
wachem Bewusstsein unter Umständen auch vorkommt, und die nur beim
Somnambulismus wegen der Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
Phantasie leichter eintritt; aber noch nie hat die Menschheit in
ihrem Kulturprocess vom somnambulen Hellsehen irgend welche Förderung
erfahren, weil solche abhängig ist von der Verbindung des Hellsehens
mit der zielbewussten Besonnenheit der Geistesthätigkeit, die eben im
Somnambulismus unterdrückt ist.

Die willenlose, decentralisirte, automatenartige Passivität des
somnambulen Bewusstseins (124) stellt dasselbe tief unter das
wache Bewusstsein, ebenso wie das gewöhnliche Traumbewusstsein,
dem gleichfalls das zielbewusste Wollen und die Richtung gebende
Aufmerksamkeit fehlen (33). Die Geistigkeit und bewusste Vernünftigkeit
des wachen Lebens bekundet sich eben formell in der Erhebung über die
anschauliche Bildlichkeit der Vorstellungen zu abstrakten Begriffen
und zur Gedankenreflexion, inhaltlich in der zielbewussten Leitung
des Vorstellungs- und Motivationsprocesses, durch welche auch die
autonome Selbstbestimmung des Willens ermöglicht ist. Ein bloss
bildliches Bewusstsein, dessen Vorstellungsbilder mechanisch von aussen
aufgezwungen werden oder ebenso mechanisch nach zufällig entstandenen
Associationen abschnurren, und dessen Handlungen ebenso mechanisch aus
den aufgezwungenen oder zufällig aufgetauchten Bildern entspringen,
entbehrt der Finalität im Vorstellungsablauf und damit der specifisch
geistigen Vernünftigkeit. Je tiefer der natürliche oder somnambule
Schlaf ist, desto mehr nimmt diese Lähmung der Spontaneität, diese
teleologische Vernunftlosigkeit der Bilderfolge und Handlungen zu, und
nur die wachsende Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie
bewirkt, dass längere Bilderreihen im Zusammenhang verlaufen. Beim
normalen Traum, der schon im Halbschlaf oft längere zusammenhängende
Episoden zeigt, mag bei der Schlafvertiefung der zunehmende Abschluss
von den Sinnesreizen die Häufigkeit solcher störenden Unterbrechungen
vermindern und dadurch zur Verlängerung der zusammenhängenden Episoden
beitragen (32); im Somnambulismus giebt umgekehrt bei gesteigerter
Tiefe und damit zunehmendem Aufschluss der Sinne an die Aussenwelt
der Magnetiseur den spiritus rector ab, welcher den mechanischen
Bilderfluss im Zügel hält und von unwillkürlichen Abschweifungen aus
dem Zusammenhang zurückholen kann.

Alles Vernünftige im gewöhnlichen und somnambulen Traum hängt aber doch
lediglich von der Vernünftigkeit des wachen Bewusstseins ab, nämlich
bei beiden von der Vernünftigkeit der im Gedächtniss niedergelegten
Associationen, durch welche die Reihenfolge der Reproduction bestimmt
wird, und beim Somnambulismus ausserdem von der Vernünftigkeit des den
Traum der Somnambule leitenden Magnetiseurs. Je tiefer der Schlaf wird,
desto tiefer versinkt das Traumbewusstsein in mechanische Passivität,
in gedankenlose Bildlichkeit und in die Neigung zu symbolischer
Personifikation (99), desto weiter entfernt es sich von der
vernünftigen Geistigkeit des wachen Bewusstseins; je tiefer und fester
der Schlaf, desto tiefer wird die Seele in das organische Treiben der
Natur versenkt (215). Je weiter sich aber der Seelenzustand von der
vernünftigen Geistigkeit entfernt und je tiefer er in das organische
Treiben des blossen Naturdaseins versenkt wird, desto mehr steigt er
auf der Stufenleiter der organischen Entwickelung +abwärts+, desto
unähnlicher wird er dem specifisch Menschlichen und desto ähnlicher dem
thierischen und pflanzlichen Leben. Das wache Bewusstsein der Thiere
von den Amphibien abwärts gleicht zweifellos mehr dem somnambulen
Bewusstsein als dem wachen Bewusstsein des Menschen, und die
Sensitivität des somnambulen Zustandes für unorganische und organische
Einflüsse, für chemische, elektrische und meteorologische Eindrücke
gleicht mehr dem thierischen und pflanzlichen Verwachsensein mit dem
Naturganzen als der menschlichen Aussonderung aus demselben.

Wenn man demnach vor die Alternative gestellt wäre, ob der
Somnambulismus sammt seiner sensitiven Einfühlung in den
Naturzusammenhang als eine atavistische Gestaltung, d. h. als ein
Ueberlebsel überwundener biologischer Entwickelungsstufen, oder ob
er als keimartige Anticipation einer auf Erden noch unerreichten
höheren biologischen Entwickelungsstufe zu deuten sei, so müsste
die Antwort zweifellos zu Gunsten des atavistischen Rückfalles in
niedere Lebensstufen lauten, und die Erörterung, ob die eventuell dem
Somnambulismus entsprechende höhere Entwickelungsstufe noch hier auf
Erden, oder in einem besseren Jenseits oder auf anderen Weltkörpern
erreicht werden wird (387, 125), ist völlig bodenlos. Aber selbst
die Frage, die jener Alternative zu Grunde liegt, ist schon falsch
gestellt: denn sie ist nur zulässig bei normalen physiologischen
Zuständen, die in der gradlinigen Entwickelung liegen, aber unzulässig
bei pathologischen Zuständen, die aus derselben seitlich heraustreten.

Niemand zweifelt daran, dass ein Irrsinniger mit alternirendem
Bewusstsein, trotz seines zwiespältigen Bewusstseinslebens,
und trotzdem er in dem einen Zustand als eine andere geistige
Persönlichkeit wie in dem andern erscheint, doch nur eine einzige
geistige Persönlichkeit mit einem einzigen Bewusstsein, aber mit
wechselnden Zuständen und demgemäss wechselndem Inhalt dieses
Bewusstseins ist. Nicht das Bewusstsein ist bei solchen Kranken
doppelt, auch nicht das Vorstellungsmaterial, über das sein
Bewusstsein insgesammt verfügt, sondern nur in zwei Gruppen ist das
Vorstellungsmaterial getheilt, so zwar, dass jede Vorstellung einer
Gruppe mit jeder derselben Gruppe sich leicht associirt, mit irgend
welcher Vorstellung aus der anderen Gruppe aber gar nicht oder doch
sehr schwer associirt. Der Vorrath der einen Gedächtnisskammer scheint
in zwei Kammern vertheilt (298), weil er in zwei Haufen getheilt ist,
die untereinander sich nicht berühren. Dass nur ein leerer Raum, aber
keine Scheidewand zwischen ihnen steht, erhellt daraus, dass manchmal
beim Uebergang des einen Zustandes in den anderen beide Gruppen doch in
einander übergreifen, aber sich wegen ihrer Fremdartigkeit abstossen.

Man kann das Bewusstsein mit einer Blendlaterne vergleichen, welche
durch ihren Lichtkegel immer nur einen engbegrenzten Ausschnitt der
Umgebung auf einmal beleuchtet; dreht sich die Laterne langsam, so
rückt der Lichtkegel stetig weiter und die Continuität des wechselnden
Bewusstseinsinhalts bleibt gewahrt, — dreht sie sich aber plötzlich
mit einem Ruck um mehr als den Scheitelwinkel ihres Erleuchtungskegels,
so sind ganz von einander getrennte Ausschnitte der Umgebung
beleuchtet, welche bei der Dunkelheit der sie thatsächlich verbindenden
Brücke als zwei getrennte Bewusstseine erscheinen. Dass dieser Schein
trügt, ist daraus empirisch zu erweisen, dass die Uebergangsbrücke
unter Umständen, bei langsamer Drehung der Laterne, wirklich
beobachtet, also das Vorhandensein des objektiven Zusammenhanges beider
Gruppen erfahrungsmässig konstatirt wird. Denn wo die Vergleichung
von Vorstellungen aus den verschiedenen Bewusstseinszuständen
überhaupt möglich ist, da ist sie es nur unter der Voraussetzung der
Einheitlichkeit des Bewusstseins in beiden Zuständen; wo sie aber gar
nicht beobachtet wird, liegt in dieser Nichtwirklichkeit doch noch
kein Beweis für ihre Unmöglichkeit oder gar (wie du Prel meint —
438) für die Doppelheit des Bewusstseins, da auch dann immer noch ein
identisches Bewusstsein bestehen kann, dem nur die Handhabe dazu fehlt,
seine Identität mit in seinen Inhalt aufzunehmen.

Nun kennen wir innerhalb desselben menschlichen Organismus keine
Bewusstseinszustände, zwischen denen nicht wenigstens ausnahmsweise
ein Uebergang, eine wenn auch nur schwache Grenzberührung stattfände.
Das wache Bewusstsein erinnert sich vieler Träume und mancher Vorgänge
aus dem somnambulen Traumleben, besonders wenn für associative
Erinnerungsbehelfe Sorge getragen wird; ebenso erinnert sich das
Traumbewusstsein mancher Vorgänge aus dem somnambulen Leben, und das
somnambule Bewusstsein ausnahmsweise der Vorgänge aus dem Hochschlaf
(347-356). Nach den neueren französischen Berichten, ist der
entschiedene Befehl des Magnetiseurs an die Somnambule, sich nach dem
Erwachen an bestimmte Vorgänge des somnambulen Zustandes oder die ganze
Reihe derselben zu erinnern, ausreichend, um die Erinnerungsbrücke
mit Sicherheit herzustellen.[23] Diese Thatsachen genügen zum
strengen Beweise des Satzes, dass wir es in allen diesen Fällen nicht
mit verschiedenen Bewusstseinen innerhalb desselben organischen
Individuums, sondern mit verschiedenen, physiologisch bedingten
Zuständen desselben einen und einzigen Bewusstseins zu thun haben, und
es bedarf dazu kaum noch des Hinweises darauf, dass das Umspannen
des einen Bewusstseinszustandes durch den andern nicht die Ausnahme,
sondern die Regel ist, wenn wir vom Hochschlaf durch das somnambule und
Traumbewusstsein zu den verschiedenen normalen und abnormen Zuständen
des wachen Bewusstseins fortschreiten.

Diese Sätze sind so selbstverständlich, dass wohl Niemand darauf
verfallen wäre, sie in Frage zu stellen, wenn nicht der optische
Dualismus (148) der phantastischen Spaltung (38) des Ich in manchen
abnormen Bewusstseinszuständen mit einer Mehrheit relativ gesonderter
Bewusstseinszustände zusammenträfe. Nun ist aber klar, dass die
hallucinatorische Deutlichkeit eines Trauminhalts gar nichts für
dessen Realität beweist, dass es dem Aberglauben verfallen heisst,
wenn man die Traumfiguren des gewöhnlichen oder somnambulen Traumes
für wirkliche Personen nimmt (210, 186), und dass die Neigung zur
Verbildlichung und symbolisch-phantastischen Personifikation mit der
Tiefe des Traumbewusstseins wächst (99), also z. B. die Zahl der
Schutzengel und Interlocutoren mit der Steigerung des Somnambulismus
zunimmt. Wie ist es unter solchen Umständen möglich, die symbolischen
Personifikationen des Traumbewusstseins ausnahmsweise als Realitäten
zu behandeln, sobald sie sich auf einen anderen, relativ gesonderten
Bewusstseinszustand desselben Individuums beziehen, falls nicht schon
+auch ohnedies+ ein genügender Grund vorliegt, eine Mehrheit von
Bewusstseinen oder Personen innerhalb desselben organisch-psychischen
Individuums anzunehmen? Da wir gesehen haben, dass dazu nicht nur kein
Grund vorliegt, sondern eine solche Annahme entschieden unstatthaft
ist, so ist es auch schlechthin unstatthaft, in der Anerkennung des
phantastisch-illusorischen Charakters aller dramatischen Spaltungen
des Ich eine Ausnahme zu Gunsten der Personifikation des normalen
wachen Bewusstseinszustandes durch den irrsinnigen (343) oder durch den
somnambulen zu machen (438, 189, 127).

Wäre das statthaft in Bezug auf die somnambule Traumpersonifikation
des normalen wachen Zustandes durch das somnambule Bewusstsein, so
wäre es nicht minder geboten in Bezug auf die Personifikation der
abnormen wachen Bewusstseinszustände durch das somnambule Bewusstsein
und in Bezug auf die Personifikation des somnambulen Zustandes
durch das Bewusstsein des Hochschlafs; wir würden also durch diese
Art, zu schliessen, doch niemals auf zwei, sondern sofort auf fünf
bis sechs getrennte Bewusstseine und Personen innerhalb desselben
organisch-psychischen Individuums geführt werden. Die verschiedenen
abnormen Bewusstseinszustände sind von einander in nicht geringerem
Grade relativ abgesondert als der normale Bewusstseinszustand von
den abnormen; es ist also ganz unzulässig, wie du Prel thut, die
Absonderung des normalen Zustandes von den abnormen zur Scheidegrenze
zwischen zwei Bewusstseinen oder Personen im Individuum zu stempeln,
die Absonderung der abnormen Zustände unter einander aber zu
ignoriren und alle diese Bewusstseinszustände kurzweg als „die zweite
Person“ im Individuum zusammenzufassen. Der optische Pluralismus der
Personen ist überall, auch als Dualismus der Personen im somnambulen
oder Traumbewusstsein, eine phantastische psychologische Illusion
oder Fiktion, und wenn auch die Thatsache dieser Illusion keine
illusorische, sondern eine reelle Thatsache ist (114), so darf man
aus diesem Satze doch unter keinen Umständen zu Schlüssen, welche
die Realität des Inhalts dieser Illusion unvermerkt voraussetzen,
fortschreiten (112).

Das wache Bewusstsein und das somnambule Bewusstsein sind also nicht
zwei Bewusstseine, sondern zwei Zustände eines Bewusstseins, die durch
Schwellenverschiebung in einander überfliessen können, und von denen
der erste vom zweiten zwar durch regelmässige Erinnerungslosigkeit,
der zweite vom ersten aber nur durch die phantastische illusorische
Personifikation desselben abgesondert ist. Wenn die Blendlaterne des
Bewusstseins sich vom wachen zum Traumzustand oder zum hypnotischen
Zustand hin dreht, so erweitert sich der Lichtkegel nach der Seite
der sensitiven Gefühlseindrücke, verengt sich aber nach der Seite
der Sinneswahrnehmungen und der bewussten Zwecke und Interessen des
Tageslebens; wenn dann der hypnotische Zustand in den somnambulen
übergeht, so wird die vorherige Verengerung in Bezug auf die
Sinneswahrnehmungen wieder rückgängig gemacht.

Das Organ der Willkür, der Spontaneität, der Aufmerksamkeit, der
Besonnenheit, der zielbewussten Leitung des Vorstellungsablaufs, der
absichtlichen Hervorrufung von Vorstellungen und Motiven und damit der
Selbstbestimmung des Willens wird beim Uebergang aus dem wachen in den
träumenden oder somnambulen Zustand gelähmt oder ausser Thätigkeit
gesetzt; damit hört auch die zügelnde und hemmende Thätigkeit auf,
welche dieses Organ auf die äussere und innere Reflexthätigkeit der
übrigen Centraltheile des Nervensystems ausübt und durch welche es
deren decentralisirende Impulse centralistisch beherrscht. Weil diese
reflexhemmende, regulirende und leitende Thätigkeit des höchsten
Geistesorgans am meisten anstrengt und am schnellsten ermüdet, so ist
auch dieses Organ, das wir der Kürze halber hinfort mit „Willkürorgan“
bezeichnen wollen, am meisten der Erholung bedürftig, und es ist
deshalb offenbar als eine teleologische Einrichtung aufzufassen, dass
es beim Einschlafen zuerst depotenzirt wird.

Nun ist es aber ein allgemeines physiologisches Gesetz, dass
die gehemmte Innervationsenergie des Nervensystems eine gewisse
Beständigkeit besitzt, und wenigstens keinen plötzlichen Schwankungen
ausgesetzt ist. So z. B. ist die hysterische Anästhesie der einen
Körperhälfte allemal mit einer entsprechenden Hyperästhesie der andern
Körperhälfte verbunden, welche beiden Zustände durch einen die gesammte
Innervationsenergie wieder gleichmässig vertheilenden galvanischen
Strom in gleichem Masse (wenn auch nur vorübergehend) beseitigt
werden können. Dem entsprechend muss die plötzliche Anästhesirung des
Willkürorgans beim Einschlafen eine Hyperästhesirung anderer Theile des
Nervensystems als unvermeidliche Ausgleichungserscheinung im Gefolge
haben, und diese theilweise Kompensations-Hyperästhesie wird um so
intensiver auftreten, auf je beschränktere Theile sie koncentrirt
ist. Daraus entspringen die lebhaften Träume unmittelbar nach dem
Einschlafen, wenn die gesammte Innervationsenergie des Organismus
noch nicht Zeit gehabt hat zu sinken, und vor dem Erwachen, wenn sie
durch die Kräftigung des genossenen Schlafes sich wieder bis zur
Höhe des Tageslebens erhoben hat. Dagegen ist anzunehmen, dass die
erholende Wirkung des tiefes Schlafes um so grösser ist, je tiefer
die gesammte Innervationsenergie des Organismus allmählich nach dem
Einschlafen unter das Niveau des Tageslebens gesunken ist, so dass im
gesunden tiefen Schlaf eine Hyperästhesie irgend welcher Theile des
Nervensystems nicht stattzuhaben braucht.

Dem Somnambulismus als einem krankhaften Zustand ist es im
Unterschiede vom gesunden tiefen und ruhigen Schlaf eigenthümlich, die
Innervationsenergie des wachen Lebens und mit ihr die Hyperästhesie
gewisser Theile des Nervensystems festzuhalten, und dies ist der Grund
dafür, dass einerseits das Traumbewusstsein in ihm niemals erlischt,
und dass andererseits er nicht wie der Schlaf das Schlafbedürfnis
befriedigt, sondern bei längerer Dauer geradezu hervorruft. Je höher
die Hyperästhesie der im Somnambulismus funktionirenden Theile steigt,
auf einen desto engeren Bezirk muss die gesammte Innervationsenergie
koncentrirt sein, desto mehr Theile müssen also der Anästhesie
verfallen sein; es muss also z. B. das Bewusstsein des Hochschlafs auf
einem beschränkteren funktionirenden Gebiet des Centralnervensystems
beruhen, als das gewöhnliche somnambule Bewusstsein. Da die
Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie im Somnambulismus
diejenigen des gewöhnlichen Traumes nach dem Einschlafen übersteigen,
trotzdem dass im ersteren die Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen
in Funktion, in letzterem anästhetisch sind, so lässt sich daraus
entnehmen, dass (wenn man von der unwahrscheinlichen Annahme einer
Steigerung der gesammten Innervationsenergie im Somnambulismus gegen
den wachen Zustand absieht) entweder im Traum schon eine gesunkene
Gesammtenergie sich bethätigt, oder aber im Somnambulismus ein
beschränkteres Gebiet des Centralnervensystems funktionirt als im
Traum. Vielleicht findet beides zugleich statt.

Jetzt erst erhält der obige Vergleich des Bewusstseins mit einer
Blendlaterne eine bestimmte physiologische Bedeutung. Die Umgebung,
auf welche der verschiebbare Beleuchtungskegel fällt, ist nicht als
die äussere Umgebung des Organismus zu verstehen, sondern als die
Gesammtheit des den Bewusstseinsfunktionen zur organischen Unterlage
dienenden Centralnervensystems; es zieht immer derjenige Theil den
Beleuchtungskegel des Bewusstseins auf sich, auf welchen jeweilig
das Maximum von Innervationsenergie koncentrirt ist, während die
zeitweilig anästhetischen Theile im Dunkel bleiben. Je nachdem die
funktionirenden Theile der einen oder der anderen Art von sensiblen
und sensorischen Nerven näher oder ferner liegen, sinkt oder steigt
die Empfindungsschwelle für die betreffende Art von Empfindungen
und Wahrnehmungen; allen abnormen Bewusstseinszuständen gemeinsam
aber ist die Hyperästhesie des Gedächtniss- und Phantasieorgans,
welche deshalb (neben jenen variablen Compensationserscheinungen)
als die +konstante+ Compensationserscheinung zur Anästhesie des
Willkürorgans anzusehen ist. Wenn im wachen Bewusstseinszustände
Vorstellungen aus dem Vorstellungskreise der somnambulen Krisen berührt
werden, und dabei ausnahmsweise eine Wiedererkennung stattfindet, so
heisst das mit anderen Worten: der Beleuchtungskegel des Bewusstseins
hat diejenigen Theile des Centralnervensystems gestreift, in welchen
die somnambule Vorstellung sich vollzogen hatte, und in welchen
demgemäss auch ihr Gedächtnisseindruck niedergelegt ist; der Beweis
dafür liegt in der Thatsache, dass jede solche Wiedererkennung den
Wiedereintritt des damals bestehenden Vertheilungszustandes der
gesammten Innervationsenergie, d. h. den Rückfall in den somnambulen
Zustand begünstigt und nicht selten wirklich hervorruft (363-364).

Es ist für die Psychologie ohne Bedeutung, wenn auch von hohem
psychologischen Interesse, welche Theile des Centralnervensystems im
Traum und Somnambulismus ausgeschaltet, und welche in gesteigerter
Thätigkeit sind. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass die Anästhesirung
im Schlaf und Somnambulismus ebenso wie in der Chloroformnarkose
von der Peripherie des Centralnervensystems nach dessen Centrum
fortschreitet (55); doch hilft uns dieser Satz nicht viel, da wir
nicht überall genau wissen, welchen von zwei Hirntheilen wir als
den centraleren ansehen sollen, und da er ausserdem ohne Zweifel
beträchtliche Ausnahmen erleidet. Nur soviel ist gewiss, dass das
Willkürorgan in der Rindenschicht der Grosshirnhemisphären zu suchen
ist, und deshalb im physiologischen Sinne eine peripherische Stellung
zum Mittelhirn einnimmt, trotz seiner Hegemonie im Gebrauch der
Leistungsfähigkeit des gesammten Organismus. Als die am meisten
centralen sind jene Theile zu betrachten, die auch im völlig traumlosen
tiefen Schlaf noch funktioniren müssen, um den Fortbestand des
Lebens zu sichern; während diese Theile im gesunden tiefen Schlaf
besonders günstig funktioniren (wie der stärkende und regenerirende
Einfluss dieses Zustandes auf den Organismus beweist), scheinen sie
im somnambulen Hochschlaf (wahrscheinlich wegen fortbestehender
Hyperästhesie der Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen trotz
gesunkener Gesammtenergie) bereits in ihrer Funktion bedroht, als ob
sie im Begriff wären, von Lähmung und Anästhesie befallen zu werden;
so dass der eigentliche Hochschlaf schon als ein nicht ungefährlicher
Zustand zu betrachten ist, dessen künstliche Herbeiführung als ein
durch nichts zu rechtfertigendes Wagniss verurtheilt werden muss.

Der Schwerpunkt des physiologischen Problems liegt in der Frage:
wo sind im somnambulen Zustande die Perceptionscentra für
Sinneswahrnehmungen, das Ausführungscentrum für Handlungs- und
Sprachbewegungen und die Centra für Sach- und Wortgedächtniss, sowie
für gestaltende Phantasiethätigkeit zu suchen?

Dass sie im Sonnengeflecht nicht zu finden sind, unterliegt keinem
Zweifel. Das Sonnengeflecht kann höchstens als reflektorisches und
instinktives motorisches Centrum für einen Theil der vegetativen
organischen Processe, als Perceptionscentrum für Gefühlseindrücke
der eigenen Eingeweide und allenfalls noch für Gefühlseindrücke, die
aus den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Natur stammen,
angesehen werden, aber nur soweit die letzteren von gefühlsmässiger
Unbestimmtheit, d. h. nicht zu Sinneswahrnehmungen differenzirt sind;
denn eben weil das Sonnengeflecht nicht mit Sinnesnerven in directer
Verbindung steht, und nicht darauf eingerichtet ist, +deren+
specifisch differenzirte Reize in sich aufzunehmen und zu verarbeiten,
kann es sich die allgemeine Perceptionsfähigkeit der Ganglien für
undifferenzirte Gefühlsreize in um so höherem Grade bewahrt haben,
also wohl geeignet sein, die innere Selbstschau der Somnambulen, ihre
Diagnosen fremder Krankheiten und ihre Sensitivität für chemische,
meteorologische und andere Einflüsse zu vermitteln. Um aber die
so percipirten Reize in Bilder umzusetzen oder zu symbolisiren,
und um die Bilder wieder in Worte zu übertragen und gar die Worte
auszusprechen, dazu müssen nothwendig die etwaigen Gefühlsperceptionen
des Sonnengeflechts zu Hirntheilen hingeleitet werden, welche mit den
Sinnes- und Sprachbewegungsnerven in unmittelbarer Verbindung stehen.
Die Aussagen der Somnambulen über ihre Perception durch den Magen
oder die Herzgrube deuten allerdings auf eine gesteigerte sensitive
Thätigkeit des Sonnengeflechts und auf einen krankhaft gesteigerten
Rapport zwischen ihm und dem Gehirn (190, 142); aber mehr lässt sich
aus denselben sicherlich nicht entnehmen (188, 397-398), und du Prel’s
Ueberschätzung des Gangliensystems im Allgemeinen (141, 187, 211)
entbehrt der thatsächlichen Begründung.

Es bleibt sonach bloss die Wahl zwischen den verschiedenen
Bestandtheilen des Gehirns. Dass das Willkürorgan nur einen Theil der
Grosshirnhemisphärenrinde beansprucht, ist als sicher anzunehmen;
es ist demnach wohl möglich, dass der ganze übrige Theil der
Grosshirnhemisphären im Traum und Somnambulismus weiter funktionirt,
insbesondere das Sprachcentrum, das Gedächtniss und die Phantasie.
Wenigstens liegt kein zwingender Grund zu der Annahme vor, dass
die Phantasie des Traumes eine schlechthin und specifisch andere
als die des wachen Bewusstseins sei, wie du Prel meint (55, 180);
denn wenn z. B. Walter Scott seinen Ivanhoe im Fieber komponirte,
ohne nachher von dieser Ausführung seiner allgemeinen Idee etwas
zu wissen (328), so spricht das dafür, dass die Traumphantasie des
Fieberdeliriums mit der künstlerischen Phantasie identisch ist. Dass es
streckenweise Funktionslähmungen des Grosshirngedächtnisses giebt ohne
Funktionslähmung desselben im Allgemeinen, zeigen eine Menge Beispiele
(335); es wäre daher auch dann, wenn wir das somnambule Gedächtniss
als identisch mit dem wachen Gedächtniss des Gehirns betrachten, die
Erklärung von Erscheinungen nicht ausgeschlossen wie derjenigen, dass
das wache Gedächtniss die willkürlich eingeprägten und die zu den
wachen Lebensinteressen in Beziehung stehenden Vorstellungen leichter
reproducirt, das somnambule Gedächtniss dagegen die unwillkürlich
percipirten Vorstellungen und Vorstellungsreihen (308). Auch die
verschiedene Färbung, welche das somnambule und Traumbewusstsein im
Vergleich zum wachen Bewusstsein seinem Inhalt verleiht, und welche
besonders beim Wechsel beider Zustände durch den Kontrast spürbar wird,
würde nach dieser Hypothese erklärbar bleiben; denn wenn in einem
Orchester auf der einen Seite eine Anzahl Instrumente wegfallen, auf
der anderen Seite eine Anzahl neuer Instrumente hinzutreten, so muss
die Klangfarbe des Gesammteindrucks nothwendig eine andere werden.
Endlich würde die Annahme, dass das somnambule und Traumbewusstsein auf
einem Zusammenwirken von Theilen des Grosshirns mit dem Mittelhirn und
Kleinhirn beruht, den Vortheil haben, noch ein weiteres Gebiet übrig zu
lassen, innerhalb dessen eine neue Verschiebung des Beleuchtungskegels,
wie sie im somnambulen Hochschlaf eintritt, geringeren Schwierigkeiten
der Erklärung begegnet.

Andererseits liegt aber auch keine Nöthigung vor, dass Theile des
Grosshirns beim Zustandekommen des somnambulen Bewusstseins betheiligt
sein müssen. Wir wissen, dass die einzelnen Hirntheile relativ
selbstständige Centralorgane mit selbstständigen Perceptions- und
Motionscentra, selbstständigem Gedächtniss und selbstständigen Reflexen
zwischen Empfindung und Bewegung, zwischen Bewusstsein und Handlung
sind, und wir wissen nicht, ob nicht schon die Phantasie des wachen
Bewusstseins ihr materielles Substrat ausserhalb des Grosshirns
liegen hat, da sie weniger als andere Geistesfähigkeiten von der
Willkür beherrscht wird. Sicher ist, dass das Kleinhirn im Traum und
Somnambulismus eine erhöhte Thätigkeit entfaltet, womit die Behauptung
Reichenbachs übereinstimmt, dass die odische Insensität (d. h. die
Innervationsenergie) im Wachen im Grosshirn, im Schlaf im Kleinhirn
überwiegt (57).

Das Kleinhirn ist in erster Instanz Gehörs- und Gleichgewichts-Centrum,
und demgemäss ist die Fähigkeit der Gleichgewichtsbehauptung im
somnambulen Zustand entschieden gesteigert, so wie das Gehör der erste
der oberen Sinne ist, durch welchen die Somnambule mit der Aussenwelt
in Beziehung tritt, und immer derjenige Sinn bleibt, durch welchen der
Magnetiseur die Somnambule am leichtesten und sichersten beherrscht
und leitet. Das Kleinhirn besitzt zweifellos ein Gedächtniss für
Gehörseindrücke, also auch ein Wortgedächtniss, und wahrscheinlich auch
ein Centrum der musikalischen Phantasie und ein motorisches Centrum
für reflektorische Sprachbewegungen. Vermuthlich ist es das Kleinhirn,
welches die mit dem Ohr, aber nicht mit dem wachen Grosshirnbewusstsein
aufgefassten Worte eines Dritten percipirt und aufbewahrt und uns
ermöglicht, sie nachträglich, nachdem sie im Ohr längst verklungen
sind, mit dem Grosshirnbewusstsein percipiren zu können, wenn wir
veranlasst sind, unsere Aufmerksamkeit auf dieselben zu richten (363).

Aber was dem Kleinhirn fehlt, ist die nähere Verbindung mit dem
Sehnerv, und demgemäss die Aufnahmefähigkeit für Gesichtseindrücke
und Phantasiebilder; diese besitzen dagegen die Vierhügel, und mit
ihr das Bildergedächtniss und die Fähigkeit, auf Gesichtseindrücke
reflektorisch zu reagiren. Kleinhirn und Vierhügel zusammen dürften
demnach für sich allein schon genügen, um die Art des somnambulen
Verkehrs mit der Aussenwelt und das mechanische Fortspinnen
somnambuler Träume zu erklären, womit indess keineswegs behauptet
werden soll, dass keine anderen Hirntheile bei den betreffenden
Funktionen betheiligt seien. Eine exakte Lösung würde die Frage nach
der physiologischen Grundlage des somnambulen Bewusstseins und nach
dem Mass der funktionellen Betheiligung des Sonnengeflechtes und der
einzelnen Hirntheile nur durch Vivisektionsversuche an somnambulen
Menschen finden können; indess lässt sich nicht in Abrede stellen,
dass die Schmerzlokalisationen bei den mehrfach erwähnten Versuchen
von Binet und Féré auf Theile des Grosshirns als materielle Grundlage
der somnambulen psychischen Funktionen mit grosser Wahrscheinlichkeit
hinweisen.

Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass wir keinen Grund haben,
die abnormen Bewusstseinszustände von der physiologischen Grundlage
des Centralnervensystems abzulösen (187), so lange wir an der
Unentbehrlichkeit einer solchen für das wache Tagesbewusstsein
festhalten; denn die psychischen Funktionen dieser abnormen Zustände
sind, wie wir gesehen haben, weit geistloser, sinnlicher, mechanischer
und inniger mit dem organischen Naturleben verwachsen als diejenigen
des normalen Bewusstseinszustandes, und sind es um so mehr, je weiter
sie sich von dem letzteren entfernen, d. h. je tiefer der Schlaf, je
gesteigerter der Somnambulismus wird. Will man mit du Prel das normale
wache Bewusstsein „das sinnliche“ in der engeren Bedeutung des Wortes
nennen, so sind die abnormen Bewusstseinszustände als „untersinnliche“
zu bezeichnen, und sie sind um so „untersinnlicher“, je weiter sie
sich vom normalen sinnlichen Bewusstsein entfernen. Wenn es ein vom
leiblichen Organismus und seinem Zerfall unabhängiges „leibfreies“
Bewusstsein hinter dem „sinnlichen“ gäbe, so wäre solches jedenfalls
in der entgegengesetzten Richtung zu suchen, als in derjenigen,
welche wir mit der Untersuchung der abnormen „untersinnlichen“
Bewusstseinszustände beschritten haben, denn es wäre nur als ein dem
organischen Treiben der Natur entrücktes, „übersinnliches“, dem wachen
Bewusstsein an teleologisch-vernünftiger Geistigkeit überlegenes zu
denken. Will man mit du Prel dieses hypothesische leibfreie Bewusstsein
mit dem metaphysischen „Unbewussten“ des betreffenden Individuums
gleichsetzen (395, S. VI), so ist jedenfalls der Somnambulismus eine
schlechtere Eingangspforte zu dieser Region als das ihr näher stehende
wache Bewusstsein, und am allerwenigsten die einzige Eingangspforte zu
derselben, wie du Prel meint (158); denn es ist eine Eingangspforte nur
zu einem Theil des physiologischen oder untersinnlichen Unbewussten,
welches von dem metaphysischen oder übersinnlichen Unbewussten streng
unterschieden werden muss.

Sowohl die normalen wie die abnormen Bewusstseinszustände sind
Zustände des Hirnbewusstseins, wenn auch der Brennpunkt seiner
Lage wechselt; sie alle zusammen bilden also das eine sinnliche
Bewusstsein im weiteren Sinne des Wortes und konstituiren mit dem
leiblichen Organismus zusammen die Persönlichkeit des Menschen.
Will man hinter diesem sinnlichen Bewusstsein ein übersinnliches
annehmen, das in ähnlicher Weise, wie das sinnliche sich auf den
leiblichen Organismus stützt, sich auf eine materielle Basis von
unvergleichlich feinerer, ätherischer Beschaffenheit (403, 393), auf
einen vom Tode des Leibes nicht alternirten Metaorganismus stützen soll
(522, 523), so würde man damit allerdings eine zweite übersinnliche
Persönlichkeit hinter der sinnlichen Persönlichkeit des Menschen
annehmen. Aber dieser hypothesische Dualismus von übersinnlicher und
sinnlicher Persönlichkeit im Menschen wäre geradezu entgegengesetzter
Art wie der oben als unhaltbar nachgewiesene hypothetische
Dualismus zwischen normalem sinnlichen Bewusstsein einerseits und
der vermeintlichen Mehrheit abnormer untersinnlicher Bewusstseine
andererseits, und dürfte keinenfalls mit demselben verwechselt oder
durcheinander gemengt werden, wie du Prel beständig thut[24]. Wäre
der Dualismus von normal-sinnlichem und abnormem Bewusstsein, wie
du Prel meint, erwiesen, und die Hypothese einer übersinnlichen
Persönlichkeit anderweitig genügend begründet, so hätten wir doch
immer keinen Dualismus, sondern einen Trialismus von übersinnlicher,
normal-sinnlicher und abnorm untersinnlicher Persönlichkeit, oder
genauer einen Septualismus zwischen einer übersinnlichen, einer
normal-sinnlichen, einer träumenden, zwei somnambulen und zwei bis drei
irrsinnigen Personen in demselben Menschen. Der verfehlte Dualismus
zwischen der normal-sinnlichen und der abnorm-untersinnlichen
Persönlichkeit, die beide gleichmässig mit dem organischen Leibe zu
Grunde gehen, könnte keinesfalls etwas dazu beitragen, den ebenso
verfehlten Dualismus zwischen der sterblichen sinnlichen und der
unsterblichen übersinnlichen Person im Menschen zu begründen oder
auch nur annehmbarer zu machen. Der Versuch du Prels, die uralte,
aber in keiner Weise zu begründende metaphysische Weltanschauung des
„transcendentalen Individualismus“ auf die Erscheinungen des abnormen
Seelenlebens und insbesondere des Somnambulismus zu stützen, erscheint
hiernach ebenso misslungen, wie der ihm voraufgegangene Versuch
Hellenbachs, dieselbe auf die Erscheinungen des Spiritismus zu stützen.

Man würde mich missverstehen, wenn man glaubte, ich wolle du Prel
einen Vorwurf aus seiner Behauptung machen, dass die psychischen
Funktionen des Individual-Subjekts nicht mit der sinnlichen
Bewusstseinsthätigkeit erschöpft sind, sondern dass dasselbe ausserdem
noch vor und jenseits alles organisch vermittelten Bewusstseins
liegende Funktionen hervorbringt und trägt, durch welche es einerseits
den Organismus producirt und erhält (145, 412) und andererseits die
Bewusstseinsfunktionen sowohl des normalen wie der abnormen Zustände
durch Inspirationen unterstützt (194, 278). Ich tadle ihn nur deshalb,
weil er erstens in der offen stehenden Frage nach der Bewusstheit
oder Unbewusstheit der fraglichen Functionen den Beweis zu Gunsten
der Bewusstheit einfach durch die Konfusion zwischen untersinnlichem
und übersinnlichem, somnambulem und leibfreiem Bewusstsein geliefert
zu haben glaubt, und zweitens, dass er das so eingeschmuggelte
übersinnliche Bewusstsein wiederum mit dem dasselbe tragenden
Individualsubjekt verwechselt; denn dieses letztere muss doch als das
zwei Bewusstseine oder Personen gemeinsam tragende Subjekt (376) beiden
gleich fern und gleich nahe stehen, d. h. der unbewusste Producent und
Träger beider sein, und es ist unmöglich, demselben dadurch näher zu
kommen, dass man von der Erscheinungswelt des einen dieser Bewusstseine
in diejenige des anderen hinüberschreitet. Gäbe es also auch hinter der
sinnlichen Person im Menschen noch eine zweite übersinnliche, so müsste
man doch, um von der Flächenausdehnung dieses zweiten Bewusstseins
zum unbewussten gemeinsamen Subjekt beider Personen zu gelangen, ganz
ebenso in die metaphysische Tiefendimension hinabsteigen, als wenn man
von dem Bewusstsein der ersten Person ausgeht; denn das Subjekt selbst
ist niemals empirisch im Inhalt seiner Funktion zu finden, sondern
nur aus der Funktion durch einen nach rückwärts gehenden Schluss
intellectuell zu erreichen, weshalb eben Kant es das intelligible
Subjekt nennt (415).

Wenn es also schon unrichtig ist zu sagen, dass die
Bewusstseinssteigerung nach der Seite des abnormen Bewusstseins durch
Anleihen beim übersinnlichen Bewusstsein zu Stande komme (401), so
ist es doppelt unrichtig zu sagen, dass das im normalen Bewusstsein
zurückgetretene gemeinsame Subjekt der übersinnlichen und sinnlichen
Person in abnormen Bewusstseinszuständen „aus dem Unbewussten
hervortrete“ (139). Alle etwaigen übersinnlichen Einwirkungen des
Individualsubjekts auf das organisch vermittelte Bewusstsein können
von diesem letzteren nur aufgefasst werden, insofern sie zugleich
in dessen eigene sinnlich-bildliche Form eingekleidet werden (70),
und wenn auch eine abnorme Hyperästhesie des Gedächtniss- und
Phantasieorgans in untersinnlichen Bewusstseinszuständen diese
Auffassung und Einkleidung bis zu einem gewissen Grade erleichtert,
so beweist doch der Fortbestand des visionär-bildlichen Charakters
der Eingebungen, dass auch bei den äussersten Graden der somnambulen
Hellsichtigkeit die organisch-sinnliche Basis des Bewusstseins nicht
verlassen wird (117-118) und keineswegs ein direkter Uebergriff oder
Uebertritt in’s übersinnliche Bewusstsein stattfindet. Ein solcher
bleibt auch dann ausgeschlossen, wenn durch abnorme Hyperästhesie
des Gedächtniss- und Phantasieorgans die gewöhnliche Geschwindigkeit
des Vorstellungsablaufes zur Bilderflucht gesteigert wird, und es
ist unzulässig, in solchem Falle von „transcendentalen Zeitmass“ zu
reden (86), oder gar die krankhafte Bilderflucht eines überreizten
Gehirns mit Kants Lehre von der Idealität der Zeit und des Raumes
zusammenzurühren (93, 147), da zur Erklärung solcher seltener Beispiele
nicht einmal die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs
überschritten zu werden braucht (vgl. oben).

Die allen unsern heutigen Ansichten widersprechende Annahme du Prel’s,
dass das „transcendentale“ Bewusstsein ein leibfreies, d. h. ohne das
Substrat von Nervencentralorganen zu Stande kommendes Bewusstsein
sei, ist als der +physiologische+ Grundfehler seines Standpunktes zu
bezeichnen; die Verwechselung dieses „transcendentalen Bewusstseins“
mit dem (unbewussten) „transcendentalen Subjekt“ dagegen ist der
+logische+ Grundfehler seines Standpunktes. Du Prel hat in seinen
späteren Arbeiten leider keinen Versuch gemacht, meine Kritik
dieser beiden Grundfehler zu widerlegen, sondern hat unbeirrt auf
diesen beiden unhaltbaren Voraussetzungen weitergebaut, die bei ihm
ebenso unbegründet dastehen als sie ihrer Natur nach unbegründbar
sind. Man kann hiernach ermessen, welcher Werth einer so fundirten
„transcendentalen Psychologie“ beizulegen ist. —

Die Genauigkeit verlangt zu erwähnen, dass du Prel noch auf
einem vom Somnambulismus unabhängigen Wege die Bewusstheit der
übersinnlichen Funktionen des Subjekts zu erweisen sucht. Er verwirft
nämlich die physiologische Erklärung des Gedächtnisses, wonach
dasselbe in hinterlassenen Spuren der Vorstellungsfunktion in den
funktionirenden Gehirntheilen bestehen soll, und setzt an deren
Stelle eine metaphysische Erklärung, nach welcher alle vom sinnlichen
Bewusstsein zeitweilig vergessenen Vorstellungen im übersinnlichen
leibfreien Bewusstsein als aktuelle Vorstellungen fortbestehen, und
bei der Reproduktion oder Wiedererinnerung aus diesem von Neuem
in’s sinnliche Bewusstsein hinübertreten (371-375). Da die abnormen
Bewusstseinszustände thatsächlich keine gleichzeitige Aktualität aller
jemals gehabten Vorstellungen aufweisen, da vielmehr das zeitweilige
Vergessen und Wiedererinnern der Vorstellungen, d. h. das Problem des
Gedächtnisses, für die abnormen Bewusstseinszustände +ganz ebenso+
besteht wie für den normalen, so kann dasjenige Bewusstsein welches
den aktuellen Gedächtnissvorrath enthalten und erhalten soll, nur als
das übersinnliche, in +keiner+ Erfahrung anzutreffende, leibfreie
Bewusstsein verstanden werden, welchem dann gleichmässig die Aufgabe
zufiele, als Gedächtnissvorrathskammer sowohl für das normale
sinnliche, als auch für das abnorme untersinnliche Bewusstsein zu
dienen (346).

Ich halte diesen Erklärungsversuch aus zwei Gründen für verfehlt.
Erstens würde das übersinnliche Bewusstsein, wenn es alle jemals am
Menschen vorübergezogenen Vorstellungen und Gefühle in gleichzeitiger
Aktualität als seinen Inhalt umfasste, ein sinnverwirrendes
chaotisches Durcheinander sein, in welchem eben so wenig noch
bestimmte Vorstellungen enthalten wären, wie in der gleichzeitigen
Aufführung aller bisher geschriebenen Musikstücke noch Musik wäre; ein
solches Bewusstsein könnte niemals für irgend welche Erscheinung als
Erklärungsprincip dienen, auch ganz abgesehen davon, dass die Auswahl
einer bestimmten Vorstellung aus diesem chaotischen Bewusstsein und
die Art ihres Ueberganges aus demselben in das sinnliche Bewusstsein
doch immer noch unerklärlich bliebe. Zweitens aber soll der indirekte
Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung doch lediglich in der
Unannehmbarkeit der gewöhnlichen physiologischen Erklärung des
Gedächtnisses durch Gehirnspuren liegen; der Nachweis der Unhaltbarkeit
dieser letzteren scheint mir aber entschieden misslungen. Indem
nämlich du Prel einerseits die Wiederholung gleicher Vorstellungen,
die Verdichtung ähnlicher zu einem gemeinsamen Gedächtnisseindruck
ausser Acht lässt und das allmähliche Vergessen der nicht wieder
aufgefrischten Spuren bis zum absoluten Verschwinden nach einer
kürzeren oder längeren Zeit leugnet (314, 320), rechnet er grosse
Zahlen von Gehirnspuren heraus, denen jede Berechtigung fehlt;
andererseits unterschätzt er die ausserordentliche Feinheit der
organischen Materie und deren Fähigkeit, eine ungeheure Menge von
Spuren nicht nur nebeneinander, sondern geradezu ineinander geschoben
und verschränkt in sich aufzunehmen, wie ja auch eine unglaubliche
Zahl aktueller Bewegungen in jedem Massentheilchen gleichzeitig vor
sich gehen. Hätte er aber in seinen Bedenken gegen die Feinheit
der organischen Hirnmasse Recht, so würde doch dieses Bedenken
in noch weit höherem Grade für die ungleich geringere materielle
Dichtigkeit des Aetherleibes oder Metaorganismus zutreffen, auf dessen
Molekularbewegung die Summe aller im übersinnlichen Bewusstsein
gleichzeitig aktuellen Gedächtniss-Vorstellungen und Gefühle sich
ebenso stützen muss, wie die Summe der im sinnlichen Bewusstsein
aktuellen Vorstellungen und Gefühle auf die Molekularbewegungen der
Hirnmasse. Diese verfehlte Theorie des Erinnerungsvermögens würde du
Prel schwerlich in den Sinn gekommen sein, wenn er nicht vorher schon
die Existenz eines übersinnlichen Bewusstseins durch die Verwechselung
mit dem untersinnlichen erwiesen zu haben geglaubt hätte. —

Die Behauptung, dass die für uns unbewussten übersinnlichen psychischen
Funktionen unseres an und für sich unbewussten Individualsubjekts
doch ihrerseits von einem übersinnlichen Bewusstsein begleitet seien,
ist bis jetzt durch nichts erwiesen, und doch liegt die Beweislast
dem Behauptenden ob; man wird demnach auch ferner logisch im Rechte
sein, wenn man sie bis auf Weiteres (d. h. bis zur Erbringung des
Beweises vom Gegentheil) als an und für sich unbewusst betrachtet.
Es scheint denn doch eine sehr viel einfachere und natürlichere
Annahme, dass hinter den bewussten Funktionen des Individualsubjects
ohne Störung der Einheit der bewussten Persönlichkeit noch unbewusste
Funktionen desselben verlaufen, als dass in jedem Individuum zwei
Personen verkoppelt sind, deren eine (die sinnliche) durch die andere
(die übersinnliche) dämonisch besessen ist, ohne etwas davon zu
ahnen! Insbesondere ist zu beachten, dass die höchst bedenkliche,
aber schlechthin unentbehrliche Hülfshypothese eines unsterblichen
Aetherleibes oder Metaorganismus mit dem Wegfall des übersinnlichen
Bewusstseins fortfällt; denn bewusste psychische Funktionen brauchen
zwar ein materielles Substrat, an dem sie erst sich selbst empfindlich
werden, aber unbewusste psychische Funktionen sind allemal rein
immaterieller Natur. Alle unbewussten psychischen Funktionen,
welche sich auf einen individuellen Organismus beziehen, sind durch
dieses Ziel zu einer individuellen psychischen Gruppe von relativer
Beständigkeit geeint, ebenso wie sie rückwärts ihren Einheitspunkt an
dem sie gemeinsam tragenden Subjekt haben.

Auch ich will keineswegs den Individualgeist oder die individuelle
Psyche überspringen,[25] aber wenn du Prel die Frage, ob dieselbe
eine substantiell von ihres Gleichen und vom Absoluten getrennte
Monade, oder eine blosse Einschränkung oder funktionelle Konkretion
(dramatische Spaltung) des absoluten Subjekts sei, offen lässt
(72), so habe ich geglaubt, dieselbe zu Gunsten der letzteren Seite
der Alternative entscheiden zu müssen.[26] Gerade das Problem der
Inspiration des sinnlichen Bewusstseins durch unbewusste Funktionen
der Individualseele zwingt in allen Fällen, wo es sich um hellsehendes
Ahnen von räumlich oder zeitlich weit entfernten Vorgängen handelt, zu
der Lösung durch den konkreten Monismus überzugehen, weil hier eine
rückwärtige Verbindung aller Individualsubjekte im absoluten Subjekt
(gleichsam ein centraler Telephon-Anschluss für die Inspirationen
der unbewussten Individualseele in’s Bewusstsein) existirt,
während der monadologische Individualismus nur die Wahl hat, die
bezüglichen Thatsachen zu leugnen, oder auf eine ganz gewaltsame
oder unwahrscheinliche Art als Gefühlswahrnehmungen durch materielle
Vermittelung zu erklären (198, 421).

Hätte du Prel nicht den pathologischen Charakter des Somnambulismus
verkannt, und in Folge dessen nicht das untersinnliche Bewusstsein mit
einem übersinnlichen (transcendentalen) verwechselt, so würde sich
schwerlich eine Differenz zwischen unseren metaphysischen Deutungen
der fraglichen Erscheinungsgebiete herausgestellt haben. Von den
metaphysischen Konsequenzen seiner irrigen Theorien aber werden nur
zwei Richtungen Nutzen ziehen: der Spiritismus und die christliche
Apologetik. Die neueren Veröffentlichungen du Prel’s zeigen leider nur
zu sehr, dass er sich dem Spiritismus nicht zu entreissen vermocht
hat, nachdem er einmal durch die aufgezeigten Grundfehler demselben
eine Handhabe geboten hat. Der Mangel an kritischer Vorsicht in der
Benutzung der Berichte, welcher schon in seiner „Philosophie der
Mystik“ gerügt werden musste, macht sich in diesen späteren Schriften
theilweise in einem solchen Maasse geltend, dass dieselben dadurch
einer wissenschaftlichen Kritik entrückt erscheinen.

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Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit.

Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht
wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich
selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne,
Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu
spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich
sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie
es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien
die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und
beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben
vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine
Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen
gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist.

Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne
davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger
Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit
schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher
schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der
Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt,
auf welche er durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er
wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen.
Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich
nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er
sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird
der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch
unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern
selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen
vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung,
die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs
zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie
ihn missgönnen und beneiden.

Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres
Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen
besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen
gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem
Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie
erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung
glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben
besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden
doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem
missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner
Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil
behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer
vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und
vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt
werden. So legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen
erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht
verdienen.

Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich
befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den
unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten
Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein
„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich
zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich
derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen
können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient,
doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre
ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle
menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt
dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie
mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und
still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem
Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die
Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen,
durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für
die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie
in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein
Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor
dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu
retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es
nicht gegen die Belästigungen zu Hause.

Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn
sie konstatirt haben, dass der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht;
aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen
gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten
wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der
Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen
Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und
Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen
Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich
zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch
Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums
facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit
haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus
Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen
eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen;
wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige
Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb
wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, z. B. durch
fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der
Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der
Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden
Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen
nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter
denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen,
selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so
viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten,
was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu
machen.

Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt
sich noch über den mündlichen hinaus auf den brieflichen. Der
widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im
umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des
sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private
Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem
Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus
den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er
sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in
Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz
auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die
Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens
bitter empfinden.

Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen
verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall — sein
sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und
der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand
ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und
Stichworte (wie z. B. Grillparzer während eines ganzen langen Lebens
ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen
von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht
zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm
nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch,
die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen
und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen.
Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm
begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in
der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf
hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne
(man denke z. B. an Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der
Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit
auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser
Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser
eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare
Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe
geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher
Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und
deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist
ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten
erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige
Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und
Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem
eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber
auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem
Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das
mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit
und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der
Welt fühlen.

Ist der Berühmte ein ausübender Künstler, dessen Leistungen zugleich
dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine
Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht
viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und
kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel
ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie
dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig
Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss
der Autor riskiren, dass sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von
ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf
nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt.
Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst
eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter
der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte
Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein
hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach
seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich
an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (z.
B. Homer), oder ob er, wie z. B. bei dem Nibelungenliede, namenlos an
den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten, für
seinen +Namen+ nach Nachruhm zu streben, von dem man selber gar nichts
hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle Jubiläen
rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit ebenso
strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen, also des
Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte in Empfang
nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und echter Ruhm,
so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den Zeitströmungen
entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen falschen Ruhm
geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen des wahren
Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt verdienten,
mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche Verwickelung
des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler oder
Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen
möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke
an Goethes Werther, Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und
ähnliche Beispiele).

Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst,
für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens
den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu
streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du
seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst.
Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen
Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre
überhaupt auf, nach +Ruhm+ zu trachten, und trachte statt dessen +nach
werthvollen Leistungen+, ganz unbekümmert darum, ob und wann denselben
die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge.

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Der Bücher Noth

Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung
ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für
ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und
Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen
Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner
Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner
wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction
Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England
zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl
hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden
werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen
Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig
in Betracht kommen.

In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche
Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in
Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen
und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch
der wirklich werthvollen wissenschaftlichen Bücher, die nicht gerade
Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer
geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in
Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger
zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum
mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug,
dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches
überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit
und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene
Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft
und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen
Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher
nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert,
während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum
Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im
Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als
diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und
die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger
klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.

Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und
schöner Literatur in Folgendem:

1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit,
dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur,
welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche,
die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.

2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an
Wissenschaft, Kunst u. s. w. in den Hintergrund und die zerstreuende
und aufreibende Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in
Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.

3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende
Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer
immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut,
während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen
Büchern aufkommen lässt.

4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der
Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt
und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger
erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises,
weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.

5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch
billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke,
populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche
Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt;
meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben
erschöpft.

6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der
eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben,
durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane,
meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre
wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt.

7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack
und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt
auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als
eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen gilt und in ein
Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird.

Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der
Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der
politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre
Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf
fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt
und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter
Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis
der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der
Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s
Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen
staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem
Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das
Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für
die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur
ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken
lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von
den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die
Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die
Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen.
Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum
Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier
gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste
der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern
abgenommen werden.

Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit
den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen
zu ersparen, wenn es keine Bemühungen des Distributeurs
(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch
Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung
in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die
wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher
freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition
wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen
Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem
Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung
von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete.
Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim
Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl
möglich sein, und nur die +unverlangten+ Büchersendungen zur Ansicht
würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden
Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des
Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch
die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen.
So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen
vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel
durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der
Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene
Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen
sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger
Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer
nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der
Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu
sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter
für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu zahlen. Soll
der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung
des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine
Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen,
d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für
Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits
mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder
Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr
für Auskunftsertheilung (etwa 5-10 Pfennig) begnügen. Ein solcher
Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den
lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa
die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen
in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers
hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein
hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende
Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf
eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus
den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des
Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an
das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth
wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung
kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden,
das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die
gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte.

Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und
Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend
muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz
dieser Lektüre ihre Seele verkauft, d. h. auf die gründliche und
allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber
müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit
einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein
nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der
gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den
Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit
zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig
Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre
verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen
Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern.
Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die
Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten
auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch
fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je
zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten,
je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je
mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer
sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen
bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar
um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr
sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und
die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu
registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus
kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu
erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur
hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste
Mann nicht unterlassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten
persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der
nationalen Kultur sich verjüngt, d. h. zu den Originalwerken der
Forscher, Denker und Dichter.

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Der Streit um die Organisation der höheren Schulen.

Wohl noch zu keiner Zeit war das Bewusstsein einer Reformbedürftigkeit
unseres höheren Schulwesens so allgemein verbreitet wie jetzt, und
das Gefühl, dass die preussische Reform vom 31. März 1882 nur eine
unzulängliche Abschlagszahlung gewesen ist, verschärft sich zusehends.
Leider besteht nur noch immer kein Einverständniss über das, was
geschehen soll, um die Einrichtungen unserer höheren Schulen den
Ansprüchen der modernen Bildung anzupassen. Die Regierungen haben
deshalb einen schweren Stand, weil sie beim besten Willen zur Abhülfe
nicht wissen, auf wen sie hören sollen.

Ohne Zweifel gibt es eine Anzahl denkender Männer, besonders in
Schulkreisen, welche den gegenwärtigen Zustand für einen allen
Bedürfnissen entsprechenden und durchaus keiner Aenderung bedürftigen
halten; aber solche bilden doch wohl eine sehr kleine Minderheit,
während die Mehrzahl Aenderungen bald in diesem, bald in jenem Sinne
für wünschenswerth oder gar nothwendig erachtet. Insbesondere richten
sich die Bedenken gegen die Verschiedenartigkeit unserer höheren
Schulen, und selbst diejenigen, welche nicht eine vollständige
Einheitsschule als Ziel hinstellen, geben doch zu, dass es sich
empfehle, womöglich eine Einheit in dem unteren Theil der Klassen
herzustellen. Für Gymnasien und Realgymnasien hat die preussische
Reform diesem Wunsche insoweit Rechnung getragen, dass der Beginn
des Griechischen von Quarta nach Tertia verlegt ist und die früheren
Unterschiede im Lehrplan der unteren Klassen wenigstens annähernd
ausgeglichen sind. Es ist in der That nicht abzusehen, warum diese
Verähnlichung nicht zu einer vollständigen Gleichheit von Sexta
bis Quarta werden sollte, damit der Uebergang von der Quarta eines
Realgymnasiums zur Tertia eines Gymnasiums sich fortan ebenso leicht
bewerkstelligen lasse, wie jetzt der umgekehrte; dann erst würden
wir eine wirkliche Bifurcation oder Gabelung für die letzten sechs
Schuljahre haben.

Ein Theil der Anhänger der Gabelung geht aber weiter und fordert,
dass auch die zweijährige Tertia noch einheitlichen Lehrplan erhalte
und das Griechische erst in Sekunda beginne. Eine solche Beschränkung
der Gabelung auf die letzten vier Schuljahre würde allerdings eine
beträchtliche Beschränkung des Griechischen in der Gymnasialabtheilung
einschliessen. Diese Beschränkung des Griechischen wird von den
Einen als bedauerliche Folge mit in den Kauf genommen, während diese
Aussicht den Anderen so erwünscht scheint, dass sie geradezu als Motiv
zur Aufstellung der Forderung wirkt. Noch Andere wollen sogar das
Griechische ganz auf die Prima beschränken, also die Gabelung erst
dort beginnen lassen, doch sind dies bis jetzt vereinzelte Stimmen.
Wer soweit zu gehen bereit ist, der geht gewöhnlich auch gleich noch
weiter und weist das Griechische ganz aus der Schule hinaus auf
die Universität, sei es, dass er das Realgymnasium mit verstärktem
lateinischen Unterricht als Einheitsschule proklamirt, sei es, dass er
für Abschluss der höheren Schule mit der Obersekunda und Verlängerung
des Universitätsstudiums um zwei Jahre plaidirt.

Alle diese Bestrebungen haben noch das Gemeinsame, dass sie an
der lateinischen Sprache als einem Hauptunterrichtsgegenstand des
Einheitslehrplanes, wie weit der letztere nun auch hinaufreichen möge,
festhalten, also die lateinlose Oberrealschule entweder als höhere
Schule aufgehoben wissen wollen, oder aber als eine zweite Art von
höherer Schule neben dem gegabelten Realgymnasium bestehen lassen.
Dieser Gruppe stehen aber andere Tendenzen gegenüber, welche die
Oberrealschule mit in den Einheitslehrplan hineinziehen wollen. Wenn
doch das Griechische erst in Sekunda oder Prima beginnt, so scheint
es nicht unthunlich, das Lateinische erst zwei Jahre früher, also in
Tertia, beziehungsweise Sekunda beginnen zu lassen und den Lehrplan
der Unterklassen auf die Muttersprache und neuere Fremdsprachen zu
stützen. Ein solcher Lehrplan gestattet dann eine Trifurcation,
indem sich von Tertia (bezw. Sekunda) an die realistische und die
humanistische Richtung scheidet, von Sekunda (bezw. Prima) an aber
die letztere sich noch einmal in den Lehrplan mit und ohne Griechisch
spaltet. Auf der andern Seite kann der realistische Lehrplan sich
in den letzten Jahren noch einmal in eine neusprachliche und eine
mathematisch-naturwissenschaftliche Abtheilung sondern, so dass wir
eine Quadrifurcation erhielten, falls nicht das Griechische ganz von
der Schule ausgeschlossen wird.

Die Vertreter der Ansicht, dass der altsprachliche Unterricht erst
in mittleren Klassen beginnen sollte, berufen sich dabei auf das
Vorbild des schwedischen Schulwesens, in welchem die deutsche Sprache
aus praktischen Gründen zum Hauptgegenstand der Unterklassen erhoben
ist.[10] Sie stützen sich aber ausserdem noch auf politische und
sociale Erwägungen, insofern ein solcher Lehrplan es sehr erleichtert,
alle Schüler zuerst durch die Volksschule als Unterstufe, dann
durch eine Bürgerschule als Mittelstufe und endlich durch die
höhere Schule gehen zu lassen. Die sozialdemokratische Forderung
der allgemeinen Aufhebung des Schulgeldes und der Versetzung aller
Kinder bloss nach den Leistungen hat eine derartige Organisation des
Schulwesens zur logischen Voraussetzung. Dass eine solche Stufenfolge
nicht undurchführbar ist, zeigt ihre annähernde Verwirklichung im
schweizerischen Schulwesen. Alle politisch radikalen und social
nivellirungssüchtigen Elemente werden früher oder später diese
Forderung in ihr Programm aufnehmen, und es wäre nicht unmöglich, dass
die Schulreformfrage letzten Endes nicht nach pädagogischen Rücksichten
und kulturellen Masstäben, sondern im Gegensatz zu diesen durch die
politische und sociale Demokratisirungstendenz unserer Zeit entschieden
würde.

Es ist nämlich klar, dass die Masse bei einer solchen Schulorganisation
ebensoviel gewinnen würde, als die gebildeteren Stände Einbusse
erleiden müssten, und da die Masse an Zahl weit voransteht, so muss
der Verlust, den die geistige Aristokratie erleidet, aus socialen
dämonistischen Gesichtspunkt nothwendig gegen den Gewinn der breiteren
Volksschichten zurückstehen. Ob das geistige Kulturniveau des Volkes
als Ganzes bei einer solchen Schädigung des Bildungsgrades seiner
Aristokratie zurückgeht, das kümmert ja die Demokratie nicht, bereitet
ihr eher Schadenfreude. Die Interessenpolitik der kapitalistischen
Bourgeoisie oder der Liberalismus fürchtet die Verwirklichung des
demokratischen Programms in diesem Punkte nicht, weil die Wohlhabenden
überzeugt sind, dass sie in solchem Falle hinreichende Mittel haben
würden, um ihre Kinder durch Unterricht in theuren Privatschulen
besser, leichter und schneller als in der öffentlichen Volks- und
Mittelschule für die höhere Schule vorbereiten zu lassen. Diese
Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen wäre die liberale Geldaristokratie
und der utilitarisch denkende Gewerbestand gern bereit, wenn dadurch
nur das für ihre Zwecke Nützliche, d. h. der neusprachliche und
mathematisch naturwissenschaftliche Lehrplan, in die Höhe kommt und
die vom Nützlichkeitsstandpunkt zwecklose Quälerei ihrer Kinder
mit alten Sprachen aufhört. Deshalb erhält die demokratische
Nivellirungstendenz aus dem Lager des Liberalismus mächtigen Vorschub,
wobei selbstverständlich alle Gabelung des Lehrplanes nur als
vorläufiges Zugeständniss gilt, in der Hoffnung und mit der Absicht,
dass es gelingen werde, den Beginn der Gabelung allmählich immer
weiter hinauszuschieben, bis endlich als allgemeine Einheitschule die
Oberrealschule oder eine ähnlich organisirte Anstalt ohne alte Sprachen
übrig bleibt. Das Ideal einer solchen Schule wird schon jetzt von
verschiedenen radikalen Schulreformern als Ziel hingestellt, als der
vollständige Bruch mit der Reaktion und den Schatten des Mittelalters
gepriesen und auf die geschichtlich naturwissenschaftliche Bildung
unserer Zeit gestützt.

Fragen wir uns nun, woher es kommt, dass das Gefühl der
Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens gerade in dem letzten
Menschenalter so intensiv geworden ist, so ist die Antwort: weil alle
Eltern fühlen, dass ihre Kinder mit Lernstoff überbürdet werden und
in Folge dessen die wirklich durch die Schule erzielte Bildungsstufe
der Zöglinge zurückgeht. Blickt man auf die Geschichte des höheren
Schulwesens zurück, so sieht man, wie an die ursprüngliche Lateinschule
ein Unterrichtsgegenstand nach dem anderen angehängt wird, deren
jeder mit gutem Rechte einen Theil der nothwendigen allgemeinen
Bildung auszumachen beansprucht. Sollen unsere Kinder sich nicht
vollends dumm lernen, so ist eine Verminderung der vom Lehrplan an
dieselben gestellten Ansprüche unbedingt erforderlich. Jede intensivere
Gestaltung des Unterrichts hat die entgegengesetzte Wirkung, ist also
nur statthaft, wenn die Unterrichtszeit entsprechend verringert wird,
steigert aber bloss die vorhandenen Uebelstände, wenn sie dazu benutzt
wird, um entgegengesetzte Ansprüche vereint zu befriedigen. Sobald
die obligatorische Einfügung des griechischen Unterrichts in den
Gymnasiallehrplan in Preussen durchgeführt war, begann auch das Gefühl
sich geltend zu machen, dass dem altsprachlichen Unterricht ein zu
grosser Antheil der verfügbaren Zeit eingeräumt sei, und dieses Gefühl
fand theils in der Entstehung der Realgymnasien und Oberrealschulen,
theils in kleinen Korrekturen des Gymnasiallehrplans seinen Ausdruck.
Aber die Unbefriedigung blieb bestehen.

Das Bewusstsein ist allgemeiner geworden, dass die Oberrealschule keine
den Konkurrenzanstalten ebenbürtige höhere allgemeine Bildung zu bieten
habe; nach der neuesten Einschränkung ihrer Berechtigungen scheint es
fast unvermeidlich, dass dieselbe sich wieder in die Bestandtheile
auflöst, welche in ihr verquickt sind und in dieser Vereinigung den
falschen Schein einer höheren Schule sich angemasst haben, nämlich
in die höhere Bürgerschule einerseits und in die mittlere Fachschule
andererseits. Dass das Gymnasium mit dem Lehrplan von 1882 im Grossen
und Ganzen eine höhere allgemeine Bildung vermittelt, wird nicht
bestritten, doch werden immer noch in einzelnen Punkten Lücken in
derselben gefunden und wird vor Allem beklagt, dass diese noch
lückenhafte Bildung nur auf Kosten einer wirklichen Ueberbürdung der
Jugend erlangt werde. Das Realgymnasium endlich ist ein unglückliches
Zwitterding zwischen der alten Lateinschule und der modernen
Oberrealschule; ohne Latein würde es kein Gymnasium sein, aber was
sie an Latein gibt, daran hat doch wieder kein Schüler rechte Freude
und es ist zu wenig, um eine humanistische Bildung zu vermitteln.
Das Schlimmste aber ist die durch die Entwickelung der Realschulen
neben den Gymnasien entstandene Spaltung unseres Schulwesens,
welche die einheitliche Bildung der Nation zerreisst und auf dem
Widerspruch beruht, als ob es +zwei+ beste Methoden zur Gewinnung
einer zeitgemässen allgemeinen höheren Bildung geben könnte. Dieser
Widerspruch kann auch durch keine Gabelung gehoben werden, sondern nur
durch die volle Einheitsschule. Alle gefühlsmässige Antipathie gegen
den altsprachlichen Unterricht als gegen einen unzeitgemässen Rest des
Mittelalters hat eine historische Grundlage nur gegen das Lateinische
als Unterrichtsgegenstand der alten Lateinschule, schliesst aber nur
aus Unkenntniss das Griechische mit ein, welches im Mittelalter gar
keine Rolle spielte. Man sieht sich in dem Widerspruch befangen, dass
man gern los möchte von dem unzeitgemäss gewordenen Lateinischen und
doch fühlt, aus der des altsprachlichen Unterrichts beraubten Schule
keine rechte höhere Bildung schöpfen zu können.

Der entscheidende Punkt liegt im Griechischen, und hierauf spitzt sich
neuerdings in der Diskussion der Fachkreise die Schulreformfrage mehr
und mehr zu. War es ein Fehler, die Lateinschule, welche sich ohnehin
den Realdisciplinen öffnen musste, auch noch mit dem Griechischen
zu belasten? Müssen wir diesen falschen Schritt zurückthun, d.
h. zur Lateinschule zurückkehren und deren Lehrplan bloss um die
Realdisciplinen erweitern? Müssen wir den verminderten Bildungswerth
der lateinischen Literatur für die heutige Zeit geduldig in den Kauf
nehmen, und immerhin noch das Beste daraus machen, was daraus zu
machen ist, um nur nicht ganz der humanistischen Bildung verlustig
zu gehen? In der That, wir müssten uns dabei bescheiden, wenn es
keinen anderen Ausweg gäbe. Wir müssten dann die Einheitsschule
dadurch herstellen, dass wir auf dem Realgymnasium das Lateinische
auf Kosten der Realdisciplinen bedeutend verstärken, und auf dem
Gymnasium die Zahl der griechischen Stunden an das Lateinische und
die Realdisciplinen vertheilten. Das Beste, was unser heutiges
Gymnasium an humanistischer Bildung bietet, würde einer so gewonnenen
Einheitsschule freilich fehlen, die Kenntniss der griechischen Dichter,
Geschichtsschreiber und Redner, und die Unzulänglichkeit der durch
die lateinischen Schriftsteller vermittelten Weltanschauung würde mit
jedem Menschenalter schärfer zum Bewusstsein gelangen, bis endlich
das Missverhältniss zwischen Ertrag und aufgewendeter Arbeit einem
künftigen Geschlecht allzu schreiend däuchte, um es noch länger zu
ertragen. Die Antipathie gegen das Lateinische und die schon jetzt
unsere reifere Schuljugend durchziehende spöttische Missachtung gegen
dessen Literatur würde mit jedem Jahrzehnt wachsen, bis über kurz oder
lang das nackte Realprincip, unterstützt durch die oben angeführten
politischen und socialen Interessen über den fadenscheinig gewordenen
Humanismus den Sieg davon trüge.

Die Frage ist nur, ob wirklich die Wiederausscheidung des Griechischen
das einzige Mittel zur Vereinfachung des gymnasialen Lehrstoffes
ist, ob nicht die Männer, welche das Griechische als obligatorischen
Unterrichtsgegenstand in das deutsche Gymnasium einführten, doch
auf dem rechten Wege waren, und ob nicht die dadurch entstandene
Ueberbürdung mit zwei alten Sprachen bloss eine Uebergangskrisis
ist, wie sie bei jedem Umschwung tiefgreifender Organisationen fast
unvermeidlich ist. Das Lateinische hat der abendländischen Kultur
über die Nacht des Mittelalters hinweggeholfen und ist die Brücke
geworden, auf welcher sie in der Zeit der Renaissance und Reformation
zu den echten Quellen ursprünglicher Klassicität, zu den Griechen,
zurückzusteigen begann. Sollte dieser geschichtliche Process nicht
auch in der Schule sein entsprechendes Nachspiel finden? Sollte nicht
auch hier die Latinität wesentlich +der Erzieher zum Hellenismus+
sein, und +abgedankt+ werden können, wenn er als solcher seine
Schuldigkeit gethan und ausgedient hat?

Die Völker romanischer Rasse sind leider nicht in der glücklichen
Lage wie die Germanen und Slaven, das Lateinische ohne Weiteres
abschütteln zu können, weil sie durch ihre eigene Vergangenheit und
Sprachentwickelung zu eng mit demselben verknüpft sind. Ausserhalb
Deutschlands ist entweder (wie z. B. bei den slavischen Völkern) der
Sinn für die bildende Kraft der Klassicität überhaupt noch nicht
genügend in’s Volksbewusstsein eingedrungen, oder man klebt noch, wie
die Engländer, an der Bewunderung der lateinischen Afterklassicität
fest. Gerade in Deutschland aber bemühen sich seit hundert Jahren die
Besten der Nation, derselben klar zu machen, dass Hellenismus und
Latinität sich verhalten wie Sonne und Mond, und das Verständniss
dieser Wahrheit ist tief in die öffentliche Meinung eingedrungen.
Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Konsequenzen daraus
für unsere Schule zu ziehen? Erscheint es nicht wie eine Verhöhnung
dieser Wahrheit, dass man die Realgymnasiasten mit dem Lateinischen
quält, anstatt die gleiche Unterrichtszeit auf Griechisch zu
verwenden und dadurch mit einem Schlage das Realgymnasium zu einem
wahrhaft humanistischen zu erheben? Wäre es nicht rationeller, in dem
Gymnasium, wo eine gewisse Pflege des Lateinischen aus praktischen
Gründen vorläufig unentbehrlich scheint, doch den Löwenantheil des
altsprachlichen Unterrichts dem Griechischen zuzuwenden, d. h.
einen +Rollentausch+ zwischen beiden alten Sprachen vorzunehmen
und in Sexta gleich mit dem Griechischen zu beginnen, während der
Anfang des Lateinischen auf Tertia verschoben wird? Das Griechische
ist auch in rein sprachlicher Hinsicht eine viel vollkommenere
und schönere Sprache, und muthet uns dabei viel verwandter und
heimischer an, als das artikellose Latein mit seinem ablativus
absolutus, seinem accusativus cum infinitivio und seiner verzwickten
Wortstellung im Satze. Die lateinische Literatur aber hat gerade
nur insoweit einen Werth, als sie griechische Muster durchschimmern
lässt, und die eklektische Aufklärungsphilosophie eines Cicero, die
im Aufklärungszeitalter des vorigen Jahrhunderts gerade noch als
Bildungsmittel der Jugend genügen konnte, kann es heute schlechterdings
nicht mehr, weder aus dem Gesichtspunkt philosophischer Spekulation,
noch aus demjenigen eines philosophieverachtenden Positivismus.

Zwei Grundsätze, mögen sie nun als solche hingestellt werden, oder
mögen sie als unbestimmt gefühlte den Reformtendenzen zu Grunde
liegen, sind gegenwärtig kaum noch zu bestreiten: 1. +zwei+ alte
Sprachen sind +des Guten zu viel+, und man muss +eine opfern+, um die
+andere zu retten+, und 2. das Lateinische ist als Bildungsmittel
+veraltet+ und nicht mehr die darauf verwendete Zeit und Mühe werth.
Eine wahrhaft humanistische Bildung im Sinne der Einführung in die
ideale Klassicität kann nach dem Massstab der heutigen Ansprüche nicht
mehr das Lateinische, sondern nur noch das Griechische gewähren.
Wer auf eine solche humanistische Bildung keinen Werth legt, wird
die alten Sprachen überhaupt verwerfen müssen; wer sie der höheren
Schule gegen die anstürmende Amerikanisirung aller Werthmassstäbe
zu erhalten sucht, der kämpft auf einem verlorenen Posten, wenn er
seine Kräfte für die Erhaltung des Lateinischen in seinem heutigen
Besitzstande einsetzt. Wollen die Vertreter des humanistischen Princips
nicht durch Uneinigkeit ihre Sache zu Grunde richten, so müssen sie
sich alle ohne Ausnahme um die Fahne des Griechischen schaaren und an
Stelle der Lateinschule der Vergangenheit die +griechische Schule+ als
Zukunfts-Ziel in’s Auge fassen.

Die nähere Ausführung und Begründung dieser Ansichten würde hier zu
weit führen, und muss ich in dieser Hinsicht auf meine Schrift: „Zur
Reform des höheren Schulwesens“ verweisen. Uebrigens ist der von
mir daselbst als zweite Stufe der Reform befürwortete Beginn des
altsprachlichen Unterrichts mit dem Griechischen kein neuer Gedanke, z.
B. von Vittorino da Feltre (1378-1447), Heinrich Stephanus, Tiberius
Hemsterhuis, David Ruhnken, Franz Passow, Fichte, Herbart, Gervinus,
Thaulow u. A. m. vertreten worden. Neuerdings hat mein Standpunkt warme
Vertheidiger gefunden in Hans Müller („Griechische Reisen und Studien“,
Leipzig bei W. Friedrich, 1887) und Johannes Flach („Der Hellenismus
der Zukunft“, ebenda 1888), zwei Schriften, die trotz mancher über das
Ziel hinausschiessenden Uebertreibungen bestens zu empfehlen sind und
hoffentlich dazu beitragen werden, der Schulreformfrage neue Impulse zu
geben und manchen zwischen Latinität und Hellenismus noch Schwankenden
auf die Seite des letzteren hinüberzuziehen. Ebenfalls bekennt sich
zu meinen Zukunftszielen F. Hornemann, der Schriftführer und geistige
Mittelpunkt des „Deutschen Einheitsschulvereins“, allerdings nur in
demselben Sinne wie ich selbst, als zu +Zukunftszielen+, denen man
sich nur +schrittweise+ durch eine vorsichtige geschichtliche
Entwickelung nähern kann[11], während Flach meine drei Stufen der
Reform konfundirt und nicht beachtet, dass ich selbst in der dritten
und letzten dem Lateinischen noch zwei Stunden in den letzten sechs
Schuljahren bewillige.

Wenn es dem Philosophen freistehen muss, seinen Blick auch in eine
spätere Zukunft zu richten, um nach fernen Idealen die gegenwärtig
wünschenswerthen Schritte zu bestimmen, so haben doch alle unmittelbar
zur Ausführung bestimmten Reformvorschläge sich möglichst eng an die
gegebenen Zustände anzuschliessen, damit die +ruhige Stetigkeit+ der
Entwickelung gewahrt bleibt. In diesem Sinne habe ich selbst meine
+erste Stufe+ der Reform gestaltet, und in dieser Auffassung wurzeln
auch die Bestrebungen des deutschen Einheitsschulvereins und seiner
bisherigen Veröffentlichungen (3 Hefte), welche zu den besonnensten
und durchdachtesten Erzeugnissen der neueren Schulreformliteratur
gehören. „Der Zweck des Vereins ist, für die innere Berechtigung einer
Gymnasium und Realgymnasium verschmelzenden höheren Einheitsschule
mit Beibehaltung des +Griechischen+ für +alle+ Schüler einzutreten
und auf die Herbeiführung einer solchen hinzuwirken.“ Der Verein als
solcher hat sich noch nicht über einen Lehrplan geeinigt, wohl aber
hat F. Hornemann einen solchen aufgestellt (a. a. O. S. 108), der sich
ziemlich eng an den preussischen Gymnasiallehrplan von 1882 anschliesst
und dem badischen von 1869 am nächsten steht.

Nicht billigen kann ich in demselben die Verminderung der griechischen
Stunden in Tertia und Sekunda von sieben auf sechs, weil dieselbe dem
+idealen Ziel+ der ganzen Reform, der +Stärkung+ des Griechischen,
schnurstracks zuwiderläuft und statt dessen die vom preussischen
Ministerium im Jahre 1882 begonnene +Zurücksetzung+ des Griechischen
fortführt und verschlimmert. Ebensowenig kann ich es billigen, dass
die Zahl der obligatorischen Wochenstunden in Prima um zwei erhöht
ist, um das Englische unterzubringen; eine solche Erweiterung des
Lehrplanes ohne Verminderung anderen Unterrichtsstoffes darf höchstens
fakultativen Charakter haben. Soll das Englische obligatorisch werden,
so muss es auf Kosten des Lateinischen geschehen. Ich sehe aber
keinen Grund, warum man die hässlichste und formell armseligste aller
europäischen Sprachen allen Gymnasiasten +aufzwingen+ soll, bloss
weil sie die kaufmännische Geschäftssprache von fünf Erdtheilen, die
geschichtlich gewordene Volapük oder Weltsprache ist. Ein solcher
Schritt wäre höchstens dann zu rechtfertigen, wenn er der Kaufpreis
wäre, um den die Verschiedenheit von Realgymnasium und Gymnasium
wirklich endgültig beseitigt würde; so lange aber beide Schulen mit
und ohne Griechisch doch noch nebeneinander fortbestehen, hat das
Gymnasium auch gar keinen Grund, sich mit solchem gegen sein Princip
verstossenden Ballast zu belasten, und die fehlerhafte Zweiheit
der alten Sprachen durch eine ebenso fehlerhafte Zweiheit neuerer
Fremdsprachen zu verschlimmern. Die Hornemann’sche Erhöhung der
französischen Unterrichtsstunden auf vier in Tertia verliert ihre
Bedeutung, wenn der Beginn des Französischen in Quinta nach dem
preussischen Lehrplan beibehalten wird. Um der vierten französischen
Stunde willen in Tertia braucht das Griechische daselbst ebensowenig
beraubt zu werden, als um des Englischen willen in Sekunda. Im Uebrigen
trifft die Erhöhung der französischen Stunden in den oberen Klassen von
zwei auf drei, und die entsprechende Verminderung der lateinischen
Stunden mit meinen Vorschlägen zusammen, während die Vermehrung
der Mathematikstunden in Tertia von 2 auf 3 durch den Beginn des
geometrischen Unterrichts in Quarta entbehrlich geworden ist.

Als die Hauptfrage für den nächsten praktischen Reformschritt darf
die Berechtigung oder Nichtberechtigung des lateinischen Aufsatzes
gelten. In ihr können die Gegner aller alten Sprache mit den
Vorkämpfern des Hellenismus Hand in Hand gehen. Die Frage ist so
zu stellen: lohnt heute noch unter Voraussetzung einer +mittleren+
Lehrkraft bei durchschnittlichem Schülermaterial die auf den
lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe in ausreichendem Masse
oder nicht? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Der lateinische
Aufsatz liegt seit zwei Menschenaltern im Sterben; es handelt sich
nur darum, seine Euthanasie zu beschleunigen, d. h. ihm durch
Ministerialverfügung den letzten Todesstoss zu geben. Die Zahl der in
einem Jahre geschriebenen lateinischen Aufsätze ist bereits auf ein
Drittel, der durchschnittliche Umfang jedes einzelnen auf ein Viertel
des früher üblichen heruntergegangen; dem Rest wird Niemand eine
Thräne nachweinen. Einen vor hundert Jahren erschienenen beliebigen
Zeitungsartikel in’s Lateinische zu übersetzen ist im Durchschnitt
noch sehr viel leichter, als einen heute erschienenen; so sehr hat
sich unser Begriffsschatz und unsere Denkweise im Laufe des letzten
Jahrhunderts von denen des Lateinischen entfernt. Aufsätze kann man
nur in lebenden Sprachen schreiben; die lateinische Sprache ist
aber bereits +zweimal gestorben+, einmal als römische Volks- und
Staatssprache, das zweite Mal als internationale Gelehrtensprache;
sie lebt nur noch als römische Kirchensprache fort und fristet selbst
da bloss noch ein kümmerliches Dasein. Die hohe bildende Kraft des
Aufsatzschreibens in einer lebenden Fremdsprache lässt sich das
Gymnasium bis jetzt +gänzlich entgehen+. Deshalb ist die +Einführung+
des +französischen+ Aufsatzes ebenso wünschenswerth wie die Beseitigung
des lateinischen.

Fassen wir alles zusammen, was für den nächsten Schritt einer
preussischen Schulreform wünschenswerth und anzustreben ist, so sind es
folgende Punkte:

1. Die drei Unterklassen des Gymnasiums und Realgymnasiums müssen
identischen Lehrplan, und zwar den des Gymnasiums, erhalten, damit
wenigstens in ihnen die Einheitsschule zur vollen Wahrheit wird.

2. Der Geschichtsunterricht im Realgymnasium hat die alte Geschichte
in mindestens demselben Umfange zu berücksichtigen, wie derjenige
des Gymnasiums, wobei für eine stärkere Berücksichtigung der neueren
Geschichte in dem Ueberschuss der Geschichtsstunden genügende Zeit
verfügbar bleibt.

3. Die Nachprüfung der Realgymnasialabiturienten, welche die
Berechtigung eines Gymnasialabiturienten zu erlangen wünschen,
ist ausschliesslich auf das Griechische zu beschränken, indem die
Minderleistungen im Lateinischen als durch Mehrleistungen in den
neueren Sprachen aufgewogen zu erachten sind.

4. Die französischen Unterichtsstunden in Sekunda und Prima werden
im Gymnasium von zwei auf drei erhöht, die lateinischen entsprechend
vermindert; der lateinische Aufsatz wird durch den französischen
ersetzt.

5. Es sind Erwägungen darüber anzustellen, ob nach Verlegung des
griechischen Scriptums vom Abiturientenexamen in die Versetzungsprüfung
zur Prima die Pflege des griechischen Extemporales in Prima noch
erforderlich ist oder nicht; nach dem Ausfall dieser Erwägung ist
entweder das griechische Extemporale in Prima +streng zu verbieten+
oder dem Griechischen die siebente Stunde auf Kosten des Lateinischen
+zurückzugeben+, um welche es bei der Verlegung des Unterichtsbeginns
von Quarta nach Tertia gegen früher +verkürzt+ worden ist.

6. Die Prüfung in der Religion ist aus dem Abiturientenexamen
auszuscheiden.

7. Bei allen Versetzungs- und Abgangsprüfungen sind nur die
Hauptgegenstände als entscheidend zu behandeln, den Nebenfächern aber
kein besonderes Gewicht beizumessen.

8. Die häuslichen Arbeiten sind theils durch kursorische Lektüre,
theils durch Anfertigung von Aufsätzen u. s. w. in der Klasse erheblich
einzuschränken. Ausarbeitungen des Lehrvortrages sind entschieden zu
verbieten und durch gedruckte Leitfäden zu ersetzen.

9. Der philologische Grundzug unseres altsprachlichen Unterrichtes ist
durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu
dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den
Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen
kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische
Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der
Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt
haben.

Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss
massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme
der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie
auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne
haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt
demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung
der vollen Einheitsschule wird auf der +nächsten+ Stufe der Reform
überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst werden können, sondern erst
für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des
Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl
des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer
Beibehaltung des Griechischen für +alle+ Schüler scheint mir nur dann
erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der +einzigen+ in
der Schule getriebenen alten Sprache wird.

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Die preussische Schulreform von 1882

Durch die Circularverfügung des preussischen Unterrichtsministeriums
vom 31. März 1882 (Berlin bei W. Hertz), welche das Ergebniss
langjähriger behördlicher Erwägungen und Konferenzen darstellt, dürfte
für längere Zeit in unserem höheren Schulwesen ein stabiler Zustand
geschaffen sein, der erst nach Einsammlung langjähriger weiterer
Erfahrungen die Hoffnung auf weitergehende Reformen offen lässt. Es
liegt mir deshalb nahe, das bisher Erreichte mit den Forderungen zu
vergleichen, welche ich im Jahre 1875 in meiner Schrift: „Zur Reform
des höheren Schulwesens“ aufgestellt und begründet hatte.

Ich hatte dort eine mässige Aenderung des Gymnasiallehrplans zu
Gunsten der Realwissenschaften und des Französischen verlangt, ferner
eine officielle Anerkennung des Werthes der lateinlosen Realschulen
mit neunjährigem Kursus, die ich nicht als höhere allgemeine
Bildungsanstalten sondern als Mittelschulen (höhere Bürgerschulen) mit
angehängter Fachschule von dreijähriger Lehrdauer betrachte, und hatte
endlich gewünscht, dass die vorhandenen Realschulen mit Latein entweder
in reorganisirte Gymnasien oder in lateinlose Realschulen umgewandelt
würden. Diese Wünsche sind durch die fragliche Ministerialverfügung,
wo nicht erfüllt, doch ihrer Erfüllung näher gerückt. Wie die
Unterrichtsordnung von 1859 zum ersten Male die Realschulen mit
Latein officiell recipirte und einen Normallehrplan für dieselben
aufstellte, so sind jetzt die lateinlosen Realschulen mit neunjähriger
Lehrdauer officiell recipirt und mit einem Normallehrplan ausgestattet
worden; im Gymnasiallehrplan ist eine ausreichende Verstärkung
der Realwissenschaften und eine allerdings nicht ausreichende des
Französischen auf Kosten des Lateinischen angeordnet, und in dem
bisherigen Realschullehrplan ist durch Verstärkung des Lateinischen
auf Kosten der Naturwissenschaften wenigstens eine Annäherung an das
Gymnasium erzielt worden. Die Verfügung unterscheidet nunmehr folgende
Arten von Schulen: Gymnasien, Realgymnasien, (früher Realschulen
erster Ordnung), Oberrealschulen (früher neunklassige Gewerbe-
und Handelsschulen), Progymnasien, Realprogymnasien, Realschulen
(eigentlich Oberprorealschulen), alle drei mit siebenjähriger
Lehrdauer, und endlich höhere Bürgerschulen, d. h. sechsklassige
Schulen ohne Latein mit Französisch und Englisch, deren Lehrplan
sich von demjenigen der „Realschulen“ fast nur durch das Fehlen der
obersten Klasse unterscheidet, die aber eine in sich abgeschlossene
Bildung geben sollen. Betrachtet man die „Oberrealschulen“ als mittlere
Schulen mit aufgesetzter dreiklassiger Fachschule, so fällt der
innere Unterschied zwischen Oberrealschulen, Realschulen und höheren
Bürgerschulen fort und es bleibt nur die äussere Differenz in der
Lehrdauer bestehen.

Wenn schon in Bezug auf die Recipirung der „Oberrealschule“ und
in Bezug auf die gegenseitige Annäherung des Gymnasiums und
„Realgymnasiums“ die neueste Verfügung als ein wichtiger Fortschritt
in der Entwickelung unseres Unterrichtswesens angesehen werden darf,
so kann man auch den Geist, in welchem die beigegebenen Erläuterungen
abgefasst sind, nur mit Freuden begrüssen. Ueberall wird auf
Beschränkung im Lehrstoff, namentlich im Memorirstoff, gedrungen,
und vor mechanischer Beurtheilung der Schüler nach dem Ausfall der
schriftlichen Klassenarbeiten gewarnt; die übermässige Anspannung
der Schüler, besonders durch häusliche Arbeiten, wird nicht mit
Unrecht grossentheils auf eine Ueberspannung der Lehrziele der Schule
zurückgeführt, die zumeist aus der specialistischen Vorbildung der
Lehrer entspringt.

Was nun zunächst die Veränderungen im Gymnasiallehrplan betrifft,
so hat den äusseren Anstoss zu denselben der Wunsch gegeben, die
Entschliessung der Eltern über die Laufbahn ihrer Söhne um ein Jahr
hinauszuschieben; d. h. das Gymnasium und die bisherige Realschule
erster Ordnung haben durch Verlegung des Beginns des griechischen
Unterrichts nach Tertia eine nahezu übereinstimmende Quarta erhalten,
so dass die Wahl zwischen beiden Schulen erst mit dem Eintritt in die
Tertia erforderlich wird. Das Griechische würde dabei nichts verlieren,
wenn in allen mittleren und oberen Klassen sieben Wochenstunden
statt der bisherigen sechs für dasselbe angesetzt wären; es würde
dann vielmehr durch Koncentration des Unterrichts und Vermehrung der
Lektürestunden in Obersekunda und Prima geradezu gewinnen. Leider ist
aber die Zahl von sieben Stunden nur für Tertia und Secunda angesetzt,
während man es in Prima bei sechs Stunden belassen hat, von denen eine
nach wie vor (trotz des Wegfalls des griechischen Examenscriptums) den
Extemporalien und der grammatischen Repetition gewidmet bleiben soll.
In diesem Punkte ist die Veränderung unbedingt eine Verschlechterung,
ebenso wie in der Vermehrung des geographischen und geschichtlichen
Unterrichts in den drei untersten Klassen um je eine Stunde.

Ueber Unzulänglichkeit der geographischen und geschichtlichen Bildung
ist noch wenig Klage geführt, und wo eine solche bestände, würde eine
Vermehrung des Memorirstoffes in den untersten Klassen sich doch als
erfolglos erweisen, um auf sechs bis neun Jahr später das Wissen des
Abiturienten zu erhöhen. Dagegen kann die formale Bildung des Geistes
durch grammatische Schulung in den Unterklassen nicht gründlich genug
genommen werden, und so lange die lateinische Sprache diejenige ist, an
deren Grammatik diese Schulung vollzogen wird, kann dem lateinischen
Unterricht in den Unterklassen kaum eine zu hohe Stundenzahl überwiesen
werden. Es wäre deshalb wünschenswerth, diese Aenderung rückgängig
zu machen, d. h. dem Lateinischen die zu Gunsten der Geographie
und Biographien abgenommene Wochenstunde zurückzugeben. Geschähe
dies, so würde auch das Lateinische gegen solchen Zuwachs von drei
Jahres-Wochenstunden in den Unterklassen ohne Nachtheil einen Verlust
von zwei Jahres-Wochenstunden in Prima ertragen können, mit denen das
Griechische auf seinen bisherigen Stand zu ergänzen wäre.

Für den französischen Unterricht hatte ich von Quarta bis Prima die
Erhöhung der Wochenstunden von zwei auf drei verlangt; statt dessen ist
nur in Quarta die Erhöhung von zwei auf fünf erfolgt. Nimmt man an,
dass letztere einer Vermehrung in Quarta und Tertia von zwei auf drei
gleichkommt, so bliebe noch solche in Secunda und Prima zu wünschen
übrig, und zwar zu Gunsten einer Ersetzung des lateinischen Aufsatzes
durch den französischen. Die „Circularverfügung“ gibt zu, dass es
gegenwärtig ein unerreichbares Ziel wäre, den lateinischen Aufsatz zum
Ausdruck für die Gedanken der Schüler machen zu wollen, und beschränkt
denselben auf den durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreis und
Wortschatz (S. 20). Aber auch innerhalb dieser Beschränkung wird die
auf den lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe nur noch bei
einer mehr als mittleren Lehrkraft fruchtbar zu machen sein, während
die gleiche Zeit und Mühe, auf den französischen Aufsatz verwendet,
viel reichere Früchte tragen muss. Das Mindeste, was als Postulat
festgehalten werden muss, ist das, dass den Gymnasien je nach den
ihnen zur Verfügung stehenden Lehrkräften freigestellt wird, entweder
den lateinischen, oder den französischen Aufsatz zu pflegen, und im
letzteren Falle in Secunda und Prima eine lateinische Wochenstunde an
das Französische abzugeben.

Die Verstärkung des mathematischen Unterrichts ist in genügender
Weise erfolgt. In Secunda und Prima sind ihm vier Stunden wöchentlich
gesichert, und wenn die Stundenzahl in Tertia bei drei belassen ist,
so ist zum Ersatz dafür in Quinta und Quarta je eine Wochenstunde mehr
angesetzt. Da nunmehr der geometrische Unterricht schon in Quarta
beginnt, und in Quinta durch geometrisches Zeichnen vorbereitet wird,
so kann derselbe in Tertia und Untersecunda entsprechend beschränkt,
und dadurch die nöthige Zeit für gründlichere Durcharbeitung der
arithmetischen und algebraischen Klassenpensa gewonnen werden (S.
24-25). Dass die Stunde für geometrisches Zeichnen in Quinta durch
Verminderung der Religionsstunden von drei auf zwei gewonnen worden
ist, kann nur gebilligt werden, da zwei wöchentliche Religionsstunden
in allen Klassen der höheren Schulen ausreichend genannt werden müssen.

Der naturwissenschaftliche Unterricht litt bisher darunter, dass
ihm in Sekunda nur eine Stunde zugewiesen war, und es war deshalb
gerechtfertigt, ihm die zweite Stunde auf Kosten des Lateinischen
zuzutheilen. Die Naturkunde, deren Unterricht bisher in Quarta eine
Unterbrechung erlitt, in dieser Klasse ebenfalls mit zwei Stunden
auszustatten, dazu lag eigentlich kein Bedürfniss vor; man hat indessen
einer starken Zeitströmung Rechnung getragen, indem man von den sechs
durch Wegfall des Griechischen verfügbar werdenden Stunden zwei der
Naturkunde zuwies (wie drei dem Französischen und eine der Geometrie).

Im Grossen und Ganzen verfolgt die neueste Reform des
Gymnasiallehrplanes den rechten Weg, wenngleich die Beeinträchtigung
des Griechischen — mag sie an sich unerheblich scheinen — sehr zu
bedauern bleibt und früher oder später wieder gut gemacht werden muss.
Das wichtigste Merkmal der Reform ist, dass das Gymnasium wieder um
einen Schritt weiter geführt ist in der Abstreifung des Charakters
als „lateinische Schule“; die Einbusse von neun Jahres-Wochenstunden
wird die Leistungen im Lateinisch-Schreiben nothwendig immer mehr
herabsetzen, so dass in etwa einem Jahrzehnt nach der Verfügung die
Unhaltbarkeit des lateinischen Aufsatzes immer einleuchtender werden
muss. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, denselben durch den
französischen Aufsatz zu ersetzen, und das Griechische wieder in seine
ungeschmälerten Rechte einzusetzen.

Gehen wir nun zu dem Lehrplan des „Realgymnasiums“ über, so fällt
zunächst in die Augen, dass in demselben das Lateinische zehn
Jahres-Wochenstunden gewonnen hat, wie es im Gymnasiallehrplan deren
neun verloren hat. Die Differenz der lateinischen Jahres-Wochenstunden
zwischen Gymnasium und „Realgymnasium“, welche bisher 42 betrug, und
gegenwärtig auf 23 verringert ist, würde auf 18 sinken, wenn für die
drei untersten Klassen völlige Uebereinstimmung durch Uebertragung
des Gymnasiallehrplans auf die „Realgymnasien“ hergestellt würde;
warum diese Konformität nicht schon hergestellt ist, obwohl die
Versetzung der Schüler aus der einen Art von Anstalt in die gleichen
Klassen der anderen stattfinden soll, ist mir unerfindlich. Ebenso
wunderlich erscheint die Differenz im Geschichtsunterricht, wonach das
Gymnasium von den vier obersten Jahreskursen zwei, das Realgymnasium
deren nur einen der alten Geschichte widmet; das sieht so aus, als
sollte die Geschichte des Alterthums nicht zu den „Realwissenschaften“
gerechnet werden. Die gegenwärtige Zahl lateinischer Stunden, nämlich
sechs in Tertia und fünf in Sekunda und Prima, dürfte in der That
ausreichen, um auf Grund hinlänglicher grammatischer Schulung eine
fruchtbare Lektüre lateinischer Klassiker zu ermöglichen; da aber die
einseitige lateinische Lektüre ohne Ergänzung durch die griechische
nicht ausreicht, dem Geiste eine klassisch humanistische Bildung zu
gewähren (wie die griechische Lektüre allein es allerdings vermöchte),
so kann auch der revidirte Lehrplan der Realschule erster Ordnung
die Verleihung des Namens „Realgymnasium“ keineswegs rechtfertigen.
Jedenfalls ist anzuerkennen, dass auch diese Reform mit ihrer
Verstärkung des altsprachlichen Unterrichts bei gleichzeitiger
Ausscheidung der organischen Chemie und Beschränkung der Mineralogie
und der Mathematik (in Quarta und Tertia) sich auf dem rechten Wege
befindet und als vorläufige Abschlagszahlung, als Verwirklichung
des augenblicklich Erreichbaren mit Dank hinzunehmen ist. Zu
bedauern bleibt neben der Ungleichmässigkeit des Lehrplans in den
drei untersten Klassen der Uebelstand, dass die „Realgymnasiasten“
noch immer mit zwei Wochenstunden mehr belastet sind, als die
Gymnasiasten, was jedenfalls einer späteren Abstellung bedarf, da
die Gesammtleistungen der Realgymnasien keinesfalls eine stärkere
Inanspruchnahme des Schülers rechtfertigen.

So lange zwischen reformirtem Gymnasium und Oberrealschule noch
als dritte Gattung das „Realgymnasium“ besteht, so lange wird auch
das Streben der Realgymnasien dauern, die an ihre Abgangsprüfung
geknüpften Berechtigungen zu erweitern. Ohne das Gewicht der einer
solchen Erweiterung entgegenstehenden Bedenken zu unterschätzen,
wird man doch auch die Naturgemässheit eines solchen Strebens
anerkennen, und wird unter Beibehalt der bisherigen Bestimmungen den
Realabiturienten wenigstens für den nachträglichen Erwerb der an die
Gymnasialabgangsprüfung geknüpften Berechtigungen die möglichsten
Erleichterungen gönnen. Bis jetzt muss in solchem Falle eine
Nachprüfung im Lateinischen, Griechischen und in der alten Geschichte
abgelegt werden; es wäre nicht mehr als billig, die gegenwärtig sehr
verringerten Mehrleistungen des Gymnasiums im Lateinischen durch die
des Realgymnasiums im Französischen und Englischen als kompensirt
anzusehen, ebenso die Nachprüfung in der alten Geschichte fallen zu
lassen und ausschliesslich diejenige im Griechischen aufrecht zu
erhalten.

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