Das Philosophie-Studium an den Universitäten

Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material
zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung
in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden
Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die
Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen
so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne
Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und
fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die
Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus
demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen
Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu
der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth
behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und
Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter
von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen
der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden
Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des
engeren Faches, z. B. der Mathematik, hört die Möglichkeit der
Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen
Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich
in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften
arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium
kleinkrämerischer Detailnotizen aus.

Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an.
Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa
ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen,
das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel
Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben
Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit
übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen
die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde
Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium
eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz
enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht
gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden
letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert
so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade
erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums,
Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen
wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der
Chinesen, Juden und Muhamedaner.

Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und
die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen
sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der
Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche
Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass
Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck,
sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber
bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich
zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren
Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den
Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem
grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren
mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur
weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das
Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der
Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil
ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen
Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und
singulären Erfahrung verloren gegangen ist.

Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur
in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für
alle Künste, hat die Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt,
wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von
dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck
zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten
Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche
Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein
Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo
die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau
von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben.

Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher
Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite
eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen
Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie
in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie
führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der
Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften
aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen,
so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder
Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, d. h. jede
Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth
gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt
schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die
höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu
beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese
ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit
die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
Einzelwissenschaften begriffen werden, vor allen Dingen erst wieder
alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein
der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin
der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften,
nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen
Erkenntnisssystems eingeräumt werden.

So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener
Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse
mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur
jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird
die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften
in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie
als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich;
die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung
bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein
Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird
ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der
Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse
im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals
anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein
müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die
unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande,
die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das
einheitliche System der Erkenntniss zu fördern.

Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die
allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so
grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener
sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun
gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je
zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin
auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es
gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der
Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu
umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder
auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt
möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung
zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit
die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und
geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen
könnte.

Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie
in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten
Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den
Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter
der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt
tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der
Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der
Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist,
doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete
phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth
ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die
Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen,
so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren
der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen
nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest
von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem
gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat.

Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur
zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar
nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung
unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen,
ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und
verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer
unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls
sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen
Sensualisten und Positivisten begnügen; d. h. sie plagen sich
ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst
überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig
schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil
sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der
heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die
Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu
philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem
sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem,
geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter
ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten
Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind
mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu
keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen
zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die
philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern
bewunderungswürdig waren, in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie
entsprechenden Weise umzubilden.

Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen
der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und
dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung
und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht
das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die
Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen
Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der
Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen
Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen
kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu
Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die
meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es
ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium
herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von
demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der
Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört
hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien
zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört,
obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar
kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder
Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen.

Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche
und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine
Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es
sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium,
sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres Bildungsganges
aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen
Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören
eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist
Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit
dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch
zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit
principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das
man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann
nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden
Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das
Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches
Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des
Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen,
Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch
philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher
weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu
hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur
die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch
unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs
dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist
man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung
in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange
Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss
der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit
Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist
deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der
Philosophie durch den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs
ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass
das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen
wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung
der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des
Besuchsattestes erspart wird.

Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das
wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu
werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten,
Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von
Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der
philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist?
Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie
zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst
man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse
als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in
der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht
auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse
Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das
Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter
und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder
Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit
bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen.
Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie
den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja
die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter
allen Akademikern zu sein!

Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen, wenn ich behaupte,
dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden
hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie
jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph,
wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte,
ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein
Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die
Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings,
Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt
hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses
Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle
bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige
metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse.
Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären,
ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt
ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht),
kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein,
von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im
günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was
aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat
hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen
und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im
ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss
angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand
die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften,
damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu
thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene
Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen Universitätsprofessoren
in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so
hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives
philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische
Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines
philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er
dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle
bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen
guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich
genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern
womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den
gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb
empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht
zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er
ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die
kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr
spekulativen Partien.

Diese Regeln sind nicht von mir aufgestellt, sondern sie sind unter
der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den
Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam
beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken
kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der
Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die
Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche
Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der
eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt
aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt
durch das unfehlbare Absprechen und die zur Schau getragene Verachtung
von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private
Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich
davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen,
wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen.
Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90-95% der Fall ist, kein
philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit
einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die
Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder
aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die
Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht,
ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen
Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung
mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem
philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird.
Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass
die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden
sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun
aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden
stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet
und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen
Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich
hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken.

Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen
Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum
Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig.
Entweder muss man mindestens vier Semester hindurch ein Kolleg mit
mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie
z. B. Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die
Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche
sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes
Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu
kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem
Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten
zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche
Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch
die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen
schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung,
wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine
aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die
Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen.

Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft,
so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern,
für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie
die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben
aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse
(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben
ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem
Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt.
Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen
Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener
werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird,
und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen
Staatsprüfungen der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall
dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich
sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der
Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum
allmählich wieder steigen.

Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge
hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur
erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar
Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren
waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer
akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur
Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung
der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und
Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten
(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen
philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen
bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der
Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2-6
officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit
die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche
Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der
zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu
verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten
Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der
Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel
mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht
mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“
heruntergekommen ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den
Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle
der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb
ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht
einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen.

Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen
Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen
ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache
leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen
(d. h. aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker)
zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der
staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf
auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung,
zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen
fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu
einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind.
Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz
aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und
philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so
wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie
nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr
genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger
deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und
mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der
Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile
gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation
das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu
gelangen, ihren philosophischen Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo
er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei
den grössten unter den deutschen Philosophen.

Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung
über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand
ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören
(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber
dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob
namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten
werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer
völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu
machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an
die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser
Reform getrennte Buchführung zu halten, d. h. die Befriedigung ihrer
philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der
Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen,
vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu
denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem
Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium
der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur
obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem
und echt deutschem Geiste zu erfüllen.

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Zur Reform des Universitätsunterrichts

Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr
die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den
ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen
neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und
sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung
so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum
ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach
ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies
Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen
liegt.

Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der
Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu
Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder
gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht
ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu
studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten
Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten,
so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für
allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig
bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der
Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum
das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen
aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und
gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen
Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen wir noch
studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit
wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen
darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass
aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern
erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige
sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung.

Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von
Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich
und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste
Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung
nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst
mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der
Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt
die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven
und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz
erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte
Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit
erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt
steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und
deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife
Individuen keine Rücksicht zu nehmen.

Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts,
bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag
sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche
Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt,
ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler
nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein
Student würde es sich einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er
bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten
eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten
Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug
des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die
Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent
ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde
den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten
Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem
Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies
nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern
geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich
scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue
Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen
Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so
selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen,
ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch
selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik
ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,[9] andrerseits durch solche
Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den
Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu
machen.

In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem
faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge
durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande
bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor,
wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, d. h. ein
gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen
ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes
Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der
Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose
Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts
unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend
zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den
Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat
des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts
daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn
seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen
ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie,
Hektographie u. s. w.), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die
Zeit für das Diktat zu ersparen.

Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem
sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit
Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische
Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem
+freien+ Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil wirkt
das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer als
die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe
sich bei letzterer von vornherein auf sich allein angewiesen weiss,
bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende
und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird.
Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der
Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den
Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte
die Ziffer sehr gering ausfallen.

Nimmt man noch hinzu, dass nur ein kleiner Theil unter den Vorlesenden
gut zu lesen versteht, einige sogar geradezu schwer zu verstehen sind,
so begreift man, dass das Hören der Vorlesungen bei den Studenten in
eben dem Maasse aus der Mode gekommen ist, als geeignete Lehrbücher der
verschiedenen Fächer sich dem Selbststudium durch Lektüre dargeboten
haben. Der fleissige Student arbeitet lieber zu Hause ein gangbares
Lehrbuch durch, das in der Regel besser ist als die Vorlesungen
seines Professors, und erspart sich damit den Besuch der Kollegia. Er
verbessert also auf eigne Hand den Fehler, den die Universität mit dem
Ignoriren der Buchdruckerkunst begangen hat; aber er vollzieht diese
Verbesserung nur dadurch, dass er das Universitätsstudium zum leeren
Schein verflüchtigt und das Privatstudium an dessen Stelle setzt. Er
muss nach wie vor die Kollegia, die er nicht hört, bezahlen und der
Professor muss, um nicht seine Einnahmen zu gefährden, den Besuch der
Wahrheit zuwider bezeugen. Der Student ist ferner genöthigt, sich die
Diktathefte des nicht gehörten Professors zu verschaffen, und sie
durchzuarbeiten, um im Examen bei ihm bestehen zu können, weil der
Examinator ja nicht merken darf, dass der Examinand sein Wissen aus dem
Lehrbuch eines Konkurrenten geschöpft hat.

So führt der Fehler im Universitätsunterricht und dessen eigenmächtige
Verbesserung von Seiten der Studenten zur Unwahrheit auf beiden
Seiten, zu einem in sich unsittlichen Zustand, der den Misskredit der
Vorlesungen zu einer wirklichen Missachtung steigern muss. Dieser
Zustand erfordert dringend Abhülfe und diese ist auf keinem anderen
Wege möglich, als dadurch, dass der Universitätsunterricht seinen
Grundfehler: das Ignoriren der Buchdruckerkunst, ablegt. Entweder ist
das Heft, welches ein Professor vorliest, werth gedruckt zu werden,
dann soll es auch als gedrucktes Lehrbuch den Studenten zugänglich
sein; oder es ist nicht werth, gedruckt zu werden, dann ist es auch
erst recht nicht werth, vorgelesen zu werden, und die Studenten haben
dann ganz Recht, wenn sie sich gegen den Besuch solcher Vorlesungen
sträuben und den direkten oder indirekten Zwang dazu als ein ihnen
angethanes Unrecht empfinden. Ein direkter Zwang zu einem Kolleg
besteht aber da, wo der Besuch eines Kollegs über den Gegenstand
obligatorisch ist und nur ein Lehrer über den Gegenstand liest; ein
indirekter Zwang besteht überall, wo ein Examinator das Kolleg über
einen Prüfungsgegenstand liest. Daraus folgt, dass kein Professor
ständiger Examinator in einem Fache werden darf, über das er nicht
entweder ein Lehrbuch herausgegeben hat, oder das er nicht nach dem
Lehrbuche eines Dritten behandelt und prüft.

Hiergegen wird man nun einwenden, dass eine solche Bestimmung erst
recht dazu führen würde, die Hörsäle zu veröden, und dass mit ihr der
Universitätsunterricht in der Hauptsache seine Abdankung legalisiren
würde, wofern er nur zu der Konsequenz fortginge, anstatt der unwahren
Atteste über den Besuch der Zwangskollegien wahrhafte Quittungen
über den Ankauf der betreffenden Lehrbücher zu fordern. Insoweit
als dieser Einwand richtig ist, kann man nur darauf antworten, dass
insoweit allerdings der mündliche Universitätsunterricht das Recht zu
existiren verloren hat, und dass es nicht gerechtfertigt werden kann,
einen innerlich unhaltbar gewordenen Zustand durch ein künstliches
System konventioneller Unwahrheiten als hohles Scheinbild konserviren
zu wollen. Insoweit muss also jede Maassregel willkommen geheissen
werden, welche den äusseren Zusammenbruch eines innerlich hohlen und
unwahren Zustandes beschleunigt. Aber es ist nicht richtig, dass mit
der vorgeschlagenen Maassregel der mündliche Universitätsunterricht
noch weiter herunterkommen würde; im Gegentheil würde dieselbe geeignet
sein, ihm einen neuen Aufschwung zu verschaffen, wofern derselbe
nur die durch die veränderten Umstände gebotene Umwandlung mit sich
vornimmt.

Allerdings kann der Lehrer nicht erwarten, dass man seine Vorlesungen
mit anhöre, wenn er doch nur sein Lehrbuch vorliest, das man zu Hause
bequemer und schneller lesen kann. Der Hauptvortheil der mündlichen
Belehrung, die Möglichkeit von Frage und Antwort, bleibt ja ohnehin
bei solchem rein einseitigen Vortrag unbenutzt, und doch wird erst in
der lebendigen Wechselrede der Lehrer gezwungen, frei zu produciren
und dadurch die eigentlichen Vorzüge des mündlichen Vortrages über
die Lektüre zu entfalten. Andrerseits hat der Lehrer nicht mehr
nöthig, seinen Schülern dasjenige mündlich zu sagen, was sie in dem
betreffenden Abschnitt seines Lehrbuchs schon zu Hause hatten lesen
können, sondern er hat nun den Vortheil, diesen Abschnitt auf Grund
der vorausgesetzten Lektüre frei mit ihnen durchsprechen zu können,
ähnlich wie es schon jetzt in den Privatissimis und Seminarien
mit philologischen oder philosophischen Klassikern geschieht. Die
Studenten könnten ihren Zweifel und ihre Unklarheit über bestimmte
Punkte fragend zur Sprache bringen, und dadurch ihr Studium unendlich
viel fruchtbarer machen, als es durch einsame Lektüre oder durch
Besprechung unter lauter Lernenden werden kann. Die Kollegien würden
sich gegen jetzt merklich füllen, weil viel mehr aus denselben zu
holen wäre, und die Repetition von gedruckten Leitfaden würde wirklich
zur Wiederholung eines rationell verarbeiteten Gedankenmaterials
werden. Die Arbeit der Lehrer würde sich dabei verringern, da die
Hälfte derjenigen Stundenzahl, welche jetzt der Vortrag erheischt, zur
Besprechung ausreichen würde; die Arbeit der Studenten aber würde sich
trotz des viel grösseren Gewinns nicht wesentlich vergrössern, da man
in zwei ganzen Stunden zu Hause bequem so viel lesen kann, wie man in
vier mal dreiviertel Stunden im Colleg hört.

Wenn die Examinatoren gezwungen würden, diese veränderte Unterrichtsart
anzunehmen, so würden dadurch indirekt alle nicht examinirenden
Lehrer mit gezwungen werden, dasselbe Verfahren zu beobachten, soweit
dieselben die gleichen Gegenstände lehren. Denn grade der persönliche
Verkehr mit den Examinatoren, welcher durch die Besprechung der
Lehrbücher eröffnet ist, würde den schon jetzt bestehenden Vorsprung
der Examinatoren gegen die nicht examinirenden Konkurrenten so sehr
vergrössern, dass die Konkurrenz der letzteren völlig aussichtslos
werden müsste, wenn sie im alten Schlendrian der „Vorlesungen“
verharren wollten. Schon jetzt ist der Vortheil der Examinatoren so
gross, dass gegen diesen Vorsprung der Stellung keine Ueberlegenheit
in den Leistungen aufkommen kann; wenn dieser Vorsprung durch die
veränderte Unterrichtsart noch vergrössert wird, so ist das ein
schwerwiegender Uebelstand, der leider mit in den Kauf genommen werden
muss. Der einzig mögliche, aber auch von der Gerechtigkeit geforderte
und darum unerlässliche Ausgleich ist darin zu suchen, dass die
Examinatoren aufhören, für den durch ihre Stellung und nicht durch
ihre Tüchtigkeit bedingten stärkeren Zuspruch zu ihren Kollegien
diejenige Prämie zu erhalten, welche nur als Prämie überlegener
Tüchtigkeit einen Sinn hat, nämlich die Kollegiengelder ihrer Zuhörer.

Es giebt eine Anzahl Kollegien, deren Gegenstand von hohem
wissenschaftlichen Werth, aber nicht gerade Gegenstand einer
Berufsprüfung ist. Solche Kollegien haben naturgemäss auch bei der
grössten Tüchtigkeit des Lehrers nur wenige Zuhörer, während andre von
unentbehrlichem Nutzen oder allgemeinerem Interesse auch bei geringerer
Tüchtigkeit des Lehrers auf stärkeren Zuspruch rechnen dürfen.
Hieraus erhellt wiederum, wie wenig die Zuhörerzahl geeignet ist, als
Maassstab für die Tüchtigkeit des Lehrers oder gar für eine demselben
zu gewährende Extravergütigung zu dienen. Wenn es doch einzelnen
Professoren von anerkannt hervorragender Bedeutung in einem Fache
von geringer praktischer Verwendbarkeit und specialisirtem Interesse
gelingt, eine grössere Zahl von Hörern um sich zu versammeln, so
erzielen sie die ihnen dadurch zufliessenden höheren Einnahmen wiederum
nur dadurch, dass sie die Erfindung der Buchdruckerkunst ignoriren
und somit jeden, der ihre Arbeiten kennen lernen will, zwingen, zu
ihnen zu kommen und ihre Vorlesungen zu hören. Man wird zugeben, dass
eine solche Monopolisirung der Wissenschaft ein in der Gegenwart
nicht mehr zu duldender Rest mittelalterlicher Zunft- und Bann-Rechte
ist, und dass die Honorarverhältnisse, welche einen Gelehrten zu
solcher Zurückhaltung treiben, selbst ein unwürdiges Ueberlebsel
überwundener Zeiten sind. Sobald der Bezug von Kollegiengeldern ein
Ende hat, hört auch das Interesse an der Nichtveröffentlichung der
Forschungsergebnisse auf, da das blosse Eitelkeitsinteresse an der
Zahl der Zuhörer denn doch wohl zu tief steht, um den Fortschritt der
Wissenschaft in seiner stets wachsenden Beschleunigung zu hemmen.

Für Forscher solcher Art ist überhaupt das Lehren gar keine Bedingung
ihrer Wirksamkeit, sollte für sie vielmehr nur Mittel der eigenen
Anregung und Erfrischung sein. Ihr Platz ist nicht sowohl im Lehrkörper
einer Universität als in einer Akademie mit der Berechtigung,
aber ohne die Verpflichtung zum Abhalten von Vorträgen an den
Staatsuniversitäten. Man kann ein vorzüglicher Lehrer und ein sehr
untergeordneter Forscher sein; man kann aber auch ein hervorragender
Forscher und dabei sehr schlechter Lehrer sein. Der Staat hat ein
ebenso grosses Interesse, sich Forscher, als sich Lehrer zu sichern;
aber er fasst die Sache am unrechten Ende an, wenn er beides vermengt,
also von jedem Lehrer als unentbehrliche Zuthat seiner Stellung den
Nimbus eines bedeutenden Forschers und Förderers der Wissenschaft
verlangt, und jedem Forscher eine Lehrthätigkeit als Bedingung für
die Gewährung eines Staatsgehaltes zumuthet. Die Bedeutung der
Akademien für die Gegenwart ruht ausschliesslich darin, dass sie den
Forschern eine sorgenfreie Existenz zur Fortsetzung ihrer Forschungen
mit ungetheilten Kräften gewähren; dieses Ziel haben ursprünglich
die meisten Akademien sich vorgezeichnet, und es ist nicht der
Fehler ihrer Gründer, wenn die mit der Mitgliedschaft verknüpften
Gehälter in Folge veränderten Geldwerthes ihrem Zwecke nicht mehr
genügen. Wenn die Regierungen sich entschliessen könnten, die
Mitgliedschaften der Akademien durch zeitgemässe Erhöhung der Gehälter
zu Forscher-Sinekuren zu erheben, so würden sie damit den höchsten
Spitzen des Kulturfortschritts einen ebenso grossen Dienst erweisen als
den Universitäten, welche dadurch von Lehrern entlastet würden, die nur
aus Noth lehren, um nebenbei als Forscher leben zu können. Das Gehalt
eines Mitglieds der Akademie müsste eben höher sein als das höchste
Professorengehalt, womit aber selbstverständlich auch eine Kumulation
beider Gehälter ausgeschlossen wäre.

Es ist bekannt, dass es gegenwärtig zum grossen Theil andre Kollegien
sind, welche der Student besucht, als die, welche er bezahlt; er
bezahlt diejenigen, welche er direkt oder indirekt gezwungen ist, zu
belegen, und hat in der Regel wenig Neigung, nebenbei auch diejenigen
noch zu bezahlen, welche er bloss aus Interesse an der Sache besucht.
Die Folge davon ist, dass er auch die sein Interesse erweckenden
Collegien nur unvollständig, weil mit bösem Gewissen, hört, ohne dass
er im Stande ist, die Lücken durch Lektüre des Lehrbuchs zu ergänzen.
Den nicht examinirenden Lehrern raubt dieser Missbrauch des Hospitirens
noch einen grossen Theil derjenigen Kollegiengelder, welche ihnen durch
den Vorsprung ihrer examinirenden Kollegen allenfalls noch hätten
übrig bleiben können. Wollte man unter den Verhältnissen, wie sie sich
entwickelt haben, auf strenge Ordnung halten, und jeden Studenten,
der nicht belegt hat, hinausweisen, so würde die Wirkung davon in der
Hauptsache nur die sein, dass die Hörsäle noch mehr veröden und die
Studenten noch mehr sich dem Privatstudium durch Lektüre zuwenden.

Wenn eine statistische Erhebung darüber vorgenommen werden könnte, wie
viel wirklich besuchte Vorlesungsstunden auf den Kopf der deutschen
Studentenschaft in einem Semester kommen, so würde man darüber staunen,
wie wenig der Nutzen der Vorlesungen in ihrer jetzigen Art im Ganzen
von den Studenten anerkannt wird, und wie sehr das studentische Leben
(mit Ausnahme der medicinischen Fakultät) zwischen Nichtsthun und
Privatstudium schwankt. In der That konnte aber auch ein fleissiger
Besuch der Collegien bei dem System der Kollegiengelder nur so lange
möglich bleiben, als die Gelegenheit zum Erwerb der dort zu erlangenden
Kenntnisse auf privatem Wege fehlte. Gegenwärtig ist die Forderung
der Universitäten, dass der Student jedes einzelne Kolleg bezahle,
nichts weiter als eine Prämie auf die Faulheit und das Privatstudium
und eine gewaltsame Zurückscheuchung der Studenten von allen nicht
obligatorischen Kollegien. Der Besuch der Vorlesungen würde sich
sofort verdoppeln und verdreifachen, wenn von jedem Studenten ein
Fixum pro Semester erhoben würde, durch dessen Bezahlung er das Recht
erwirbt, jedes Kolleg zu belegen, dessen Plätze nicht schon sämmtlich
an früher angemeldete Reflektanten vergeben sind. Der Andrang zu den
interessanteren Vorträgen würde dadurch so wachsen, dass es nöthig
werden könnte, diejenigen nummerirten Plätze, welche von ihren
ursprünglichen Inhabern ohne ausreichende Entschuldigung durch drei
Stunden unbenutzt gelassen werden, an nachbemerkte Bewerber weiter zu
begeben.

Die Kollegiengelder bilden nach Ablösung der Stolgebühren den letzten
Rest des mittelalterlichen Sportel- und Gebühren-Wesens, und es ist
endlich Zeit, mit dieser Ruine aufzuräumen, welche ein Haupthinderniss
für einen neuen Aufschwung des Universitäts-Unterrichts bildet. Den
ursprünglichen Sinn einer Prämie für anziehende Vorträge hat die
Ueberweisung der Kollegiengelder an die Professoren längst eingebüsst,
und gegenwärtig ist sie lediglich eine unverdiente Gehaltszulage für
die ohnehin schon begünstigten Examinatoren. Werden die Einzelhonorare
für jedes Kolleg in ein festes Studienhonorar für das ganze Semester
umgewandelt, so fällt jede Versuchung fort, diese Honorare dem
Lehrerkollegium zu überweisen, anstatt derjenigen Behörde, welche
die Universität erhält und die Gehälter der Professoren zahlt.
Diese Aufhebung der Gebühren müsste natürlich mit einer Ordnung der
Professorengehälter Hand in Hand gehen, welche ohnehin dringendes
Bedürfniss ist; auch müssten Uebergangszustände zugelassen werden,
deren Erörterung hier zu weit führen würde.

Worüber am meisten öffentlich geklagt wird, ist die Aussichtslosigkeit
der akademischen Laufbahn und die Uebelstände, welche bei der Berufung
von Professoren hervortreten. Abgesehen von den Uebertreibungen und
ungerechtfertigten Verallgemeinerungen, die bei solchen Klagen fast
unvermeidlich mit unterlaufen, begehen die Warnungsstimmen dieser
Art meistens den Fehler, dass sie allgemein menschliche Uebelstände,
wie Cliquenwesen, Weiberregiment, Nepotismus und dergleichen für
funkelnagelneue Erscheinungen speciell unsres Universitätslebens
halten, während diess doch nur die überall und zu allen Zeiten
gangbaren Abweichungen von vorurtheilsloser Sachlichkeit sind. Man
mag solche Dinge zur Sprache bringen, um den betreffenden Kreisen
das Gewissen zu schärfen und sie an den Ernst ihrer Berufspflicht
und die Forderungen der guten Sitte zu erinnern; aber man wird nicht
hoffen dürfen, dadurch mehr Wirkung auszuüben als mit Moralpredigten
irgend welcher andren Art. Alle Kooptation führt zur Inzucht, alle
Stellenbesetzung durch die Regierung zur Begünstigung politischer
Streber; Intrigue und persönliche Begünstigung spielt hier wie
dort ihre Rolle, wenn auch in verschiedener Weise. Beide Quellen
unsachlicher Entscheidung müssen einander beschränken, und jeder
Versuch, der einen auf Kosten der andren das Uebergewicht zu
verschaffen, ist nach der einen wie nach der andern Seite gleich
fehlerhaft. Deshalb liegt kein Anlass vor, an den bestehenden Zuständen
wesentliche Aenderungen in dieser Hinsicht zu verlangen.

Das Widerwärtige an den akademischen Zuständen liegt vor allem
darin, dass die Erlangung einer ausserordentlichen Professur noch
keinerlei Einkommen gewährt, und dass selbst der Eintritt in eine
ordentliche Professur nicht dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht das
Thor verschliesst. Der Grund dafür ist aber ausschliesslich in den
ungeordneten Gehaltsverhältnissen zu suchen, welche die einer Berufung
voraufgehenden Verhandlungen nicht selten zu einem Markten und
Feilschen herabwürdigen wie bei dem Engagement eines Schauspielers,
und das Spiel der Intriguen zur Erlangung von wirklichen oder
Scheinberufungen nicht enden lassen. Der Professorenstand wird
nicht eher sein moralisches und sociales Gleichgewicht und die ihm
gebührende wissenschaftliche Würde gewinnen, als bis er durch eine
feste Gehaltsskala mit Altersascension und örtlich verschiedenen
Wohnungsgeldern und durch gesicherte Pensionsverhältnisse den
andern Staatsdienern an Solidität und Stabilität der pekuniären
Lebens-Grundlagen gleichgestellt wird. Wer von einer kleinen
Universität an eine grosse berufen wird, der soll nicht um materieller
Vortheile willen dort hin gehen, sondern im freudigen Stolz auf den
erweiterten Wirkungskreis; zieht er aber das Verbleiben im gewohnten
und lieb gewordenen Kreise vor, so mögen die grossen Universitäten aus
dem eignen Nachwuchs ihre Vakanzen besetzen. Es ist unwürdig, dass
müde Greise bis an ihr Ende weiter lehren müssen, weil sie durch ein
ganzes Leben voll Arbeit keinen Pensionsanspruch erworben haben, und
ebenso unwürdig, dass sie sich im Falle vollständiger Unfähigkeit ihr
Gehalt für die schuldig gebliebenen Leistungen müssen schenken lassen.
Es ist unwürdig, dass die längste Dienstzeit keinen Anspruch auf
Gehaltssteigerung verschafft, und dass letztere erst auf dem Umwege
künstlich inscenirter Scheinberufungen erpresst werden muss. Es ist
ungehörig, dass viel umworbenen Berühmtheiten Einnahmen von der Höhe
einer Primadonnengage und luxuriöse Dienstwohnungen bewilligt werden,
und ebenso ungehörig, dass die Berufung an grosse Universitäten
zur Nationalbelohnung für abgediente Invaliden des Katheders
herabgesetzt wird. Mit der Gleichstellung aller Professorengehälter in
demselben Staat, oder wo möglich im ganzen Reich würden alle solche
Ungehörigkeiten ganz von selbst wegfallen.

Der Unterschied zwischen ordentlichen und ausserordentlichen
Professoren kann bestehen bleiben; denn wer einmal zum ordentlichen
Professor ernannt ist, der rückt damit auch von selbst in alle
höheren Gehaltsstufen nach seinem Dienstalter auf, während
der ausserordentliche Professor bei dem höchsten Gehalt für
ausserordentliche Professoren stehen bleibt, wenn ihm die Beförderung
zum Ordinarius versagt bleibt. Nur das scheint mir unbillig, dass man
Docenten zu ausserordentlichen Professoren ernennt, sie dadurch mit der
trügerischen Hoffnung, in der akademischen Laufbahn ihr Fortkommen zu
finden, ködert, und dann ohne Gehalt bis an ihr Ende sitzen lässt. Die
Gehaltlosigkeit der Extraordinarien wird so nicht ohne Grund zu einer
Hauptquelle der Bitterkeit für alle, welche nicht zu einer ordentlichen
Professur gelangen können, und nun ihr Leben für ein verfehltes, ihre
akademische Laufbahn für eine gescheiterte, und ihre Lebensarbeit für
eine völlig unentlohnte ansehen müssen. Das Gehalt der Extraordinarien
müsste wenigstens für einen Junggesellen auskömmlich und zugleich
pensionsberechtigt sein; die zeitweilige gnadenweise Gewährung von
Unterstützungen kann niemals als Ersatz für ein pensionsfähiges, wenn
auch noch so bescheidenes Gehalt gelten. Selbstverständlich würde
die Behörde für das von ihr gewährte Gehalt auch ein Minimum von
wöchentlichen Lehrstunden von jedem Angestellten verlangen müssen, das
beim Extraordinarius geringer bemessen sein müsste als beim Ordinarius.
Andrerseits haben auch die Extraordinarien, sobald sie ein festes
Gehalt beziehen, keinen Grund mehr, den Wegfall der Collegiengelder zu
bedauern.

Die Stellung als Privatdocent ist eine Vorbereitungsstufe und
Probezeit für den akademischen Beruf. Es ist wünschenswerth, dass
dieselbe möglichst zahlreichen Bewerbern möglichst leicht zugänglich
sei, damit die Behörden ein reichliches Material zur Ernennung von
ausserordentlichen Professoren zur Auswahl haben; aber es ist nicht
wünschenswerth, das längere Verbleiben in dieser Stellung für solche
Aspiranten angenehm und behaglich zu machen, welche nach mehrjähriger
Probezeit nicht zur ausserordentlichen Professur geeignet befunden
worden sind. Man muss den Privatdocenten den Austritt aus der
akademischen Carriere ebenso leicht machen wie den Eintritt, und
muss eine Frist setzen, etwa von zehn Jahren, nach deren Ablauf ein
nicht beförderter Privatdocent eo ipso die venia docendi verliert.
Nur auf diesem Wege ist die Existenz eines Kreises von verbitterten
lebenslänglichen Privatdocenten zu vermeiden, oder dem noch schlimmeren
Fehler vorzubeugen, dass man alte Privatdozenten endlich einmal zu
Professoren ernennt, blos weil man das unverdiente Scheitern in ihrem
Lebenslauf als gar zu grausames Schicksal mitempfindet.

Damit den Docenten, welche trotz mehrjähriger Probezeit nicht zur
ausserordentlichen Professur gelangt sind, das Verbleiben in ihrer
Stellung erschwert wird, ist es nothwendig, dass denselben keinerlei
Remuneration oder Honorar zufällt. Die Zulassung zum Dociren an einer
Hochschule ist an und für sich ehrenvoll genug, um auch einige Jahre
als blosse Ehrensache geübt werden zu können, zumal kein Docent
nöthig hat, mehr als einige Stunden wöchentlich dieser freiwilligen
akademischen Lehrthätigkeit zu widmen. Nur solche Docenten, welche zur
Beförderung für einen späteren Termin in sichere Aussicht genommen
sind, dürfen durch Remunerationen aus Dispositionsfonds an die
akademische Laufbahn gefesselt werden; bei jedem andern müsste eine
solche Gewährung als eine grausame Erweckung unbegründeter Hoffnungen
verurtheilt werden. Die gehaltlose Zeit eines jungen Mannes, welcher
sich der akademischen Laufbahn widmet, wird danach im Durchschnitt
nicht wesentlich länger zu rechnen sein als beispielsweise in der
juristischen Carriere. Der Unterschied bleibt freilich bestehn, dass
der Jurist nach Ablauf dieser Frist, innerhalb deren er aus seinen
eigenen Mitteln oder aus denen seiner Familie sich erhalten muss,
ziemlich sicher auf Anstellung rechnen darf, der Docent aber nicht, und
es wird nicht zum Ausgleich genügen, dass die juristische Laufbahn in
erster Reihe dem Broterwerb, die akademische Laufbahn dagegen in erster
Linie der Befriedigung theoretischer Neigungen und idealer Bedürfnisse
dient. Dieser Ausgleich ist deshalb ungenügend, weil die Furcht,
spätestens zehn Jahre nach der Habilitation vor dem niederdrückenden
Misserfolg einer völlig gescheiterten Carriere zu stehen, die Zahl
der Reflektanten auf das Docententhum bei gleichzeitigem Wegfall der
Kollegiengelder unter das erforderliche oder doch wünschenswerthe Maass
herabdrücken könnte, trotzdem dass die Hoffnung auf frühere Beförderung
zum besoldeten Extraordinarius einen gegen die heutigen Verhältnisse
verstärkten Anreiz zur Habilitation gewähren würde.

Die akademische Laufbahn ist nur dann im Stande, viele Probekandidaten
anzulocken, ohne durch Wiederausscheidung der Mehrzahl der
Bewerber eine tiefe Verbitterung zu säen, wenn von vornherein
darauf gesehen wird, dass die Docenten zugleich auf irgend einen
andern, als den akademischen Ruf vorbereitet sind, und diesen wo
möglich gleichzeitig verfolgen, jedenfalls aber nach dem Scheitern
ihrer akademischen Laufbahn den Rücktritt in denselben sich offen
halten. Mit andern Worten: die Universitätsbehörden sollten mit
Ausnahme von Persönlichkeiten, die sich bereits durch hervorragende
schriftstellerische Leistungen als ausnahmsweise befähigt erwiesen
haben, den höchsten Werth darauf legen, nur solche Kandidaten zur
Habilitation zuzulassen, welche sich durch die erforderlichen
Staatsprüfungen den Eintritt in eine anderweitige Laufbahn bereits
gesichert haben; die Staatsbehörden aber sollten in Anbetracht der
hohen Wichtigkeit des Universitätsunterrichts für die nationale
Geisteskultur den Staatsdienern aller Berufsarten, welche Neigung
spüren, sich eine Zeitlang als akademische Docenten zu versuchen, die
Erfüllung dieses Wunsches durch das bereitwilligste Entgegenkommen
erleichtern, anstatt denselben im Interesse des Specialdienstes
Schwierigkeiten oder unüberwindliche Hindernisse zu bereiten.

In der Hauptsache besteht der von mir verlangte Zustand schon heute
in der medicinischen und theologischen Fakultät; jeder medicinische
Docent ist nebenbei praktischer Arzt, und jeder theologische
Docent ist nebenbei wenigstens Licentiat und kann, wenn er von der
Universität zurücktritt, eine Predigerstelle annehmen. Immerhin wäre
es wünschenswerth, dass mehr angestellte jüngere Geistliche, als
bisher nebenbei den Beruf als Docenten ausübten, wenn sie in einer
Universitätsstadt oder deren unmittelbarer Nähe leben: dagegen
scheint mir eine dauernde Verknüpfung von Seelsorge und akademischem
Lehramt, wie sie jetzt ausnahmsweise vorkommt, nicht empfehlenswerth,
vielmehr nach ausreichender Probezeit die Entscheidung für die eine
oder die andere Berufsart geboten. In der juristischen Fakultät wäre
es nicht mehr als billig, dass man von einem Docenten die vorherige
Erlangung der Richterqualität forderte; dagegen müssten auch Richter,
Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Gerichts- und Regierungs-Assessoren und
-Räthe, die an Universitätsplätzen leben, in liberalster Weise zur
Habilitation zugelassen werden, und ihre vorgesetzten Gerichts- und
Verwaltungsbehörden von den Ministerien darauf hingewiesen werden, dass
diese Zulassung im dringenden Interesse des Staates liege, und dass
solche Neigungen und Bestrebungen für die wissenschaftlichen Interessen
der Bewerber ein ehrenvolles Zeugniss ablegen.

Dasselbe gilt für die Schulbehörden in Bezug auf die Lehrer an
staatlichen und städtischen Schulen; hier ist sogar der innere
Zusammenhang des höheren und Hochschulwesens ein so enger, dass
es durchaus gerechtfertigt erscheint, die Zahl der wöchentlichen
Kollegstunden (wenigstens bis zur Höhe von fünf) auf die Zahl der
gesammten Wochenstunden, zu deren Ertheilung der Lehrer verpflichtet
ist, in Anrechnung zu bringen, also einem Lehrer, der zugleich
Universitätsdocent ist, statt 24 nur 19 Schulstunden wöchentlich zu
übertragen. Die Universitätsbehörden aber sollten bei Habilitationen
in der philosophischen Fakultät die Bewerber, welche die facultas
docendi für die höheren Gymnasialklassen erworben haben, entschieden
bevorzugen, damit den Docenten, welche zur Beförderung in eine
ausserordentliche Professur nicht in Aussicht genommen sind, seinerzeit
der Rath ertheilt werden könne, ins Schulamt überzutreten. Gegenwärtig
gilt der Eintritt ins Schulfach als fast gleichbedeutend mit dem
Verzicht auf die akademische Laufbahn, und darum bemühen sich die
Aspiranten auf letztere, die Annahme einer Lehrersstellung, selbst in
einer Universitätsstadt, wenn irgend möglich zu vermeiden, und sei es
auch unter den grössten Anstrengungen und Entbehrungen. Diess würde
aufhören.

Wer nicht hinreichend mit Gütern gesegnet ist, um nach absolvirtem
Staatsexamen sich ganz dem theoretischen Studium zu widmen, der würde
zunächst eine Lehrersstellung an einer Schule in einer Universitätsstadt
zu erlangen suchen und die 120 Sonntage, Feiertage und Ferientage
im Jahre der Vorbereitung für ein Kolleg widmen; wer aber einige
Zubusse hätte, der würde am liebsten eine halbe Lehrersstellung mit
halbem Gehalt annehmen, um noch mehr freie Zeit zu gewinnen. Die
Schulbehörden würden nur dem Interesse des nationalen Unterrichts
im Ganzen dienen, wenn sie die Habilitationsreflektanten bei der
Anstellung in Universitätsorten bevorzugten und wie in der Schweiz
die Verleihung halber Lehrersstellen (wenigstens für die ersten zehn
Dienstjahre) genehmigten. Die Versuchung, zu viel Kollegien neben
einander zu lesen, fällt für die Privatdocenten mit dem Aufhören
der Kollegiengelder ohnehin fort, so dass die Behörden keine
erhebliche Störung der dienstlichen Interessen von einer solchen
Nebenbeschäftigung zu befürchten haben. Es ist nun einmal unerlässlich,
die Docententhätigkeit auch in der philosophischen Fakultät mit
irgend einem anderweitigen Broterwerb zu verknüpfen, wenn nicht die
akademische Laufbahn immer mehr ein Vorrecht der Wohlhabenden werden
soll; es liegt aber im dringenden Interesse des Ganzen, dass die
Verknüpfung der Docenten-Thätigkeit mit dem journalistischen Broterwerb
verhütet werde, und schon darum ist es nöthig, dass der Verbindung des
Lehramtes an einer höheren Schule mit demjenigen an einer Hochschule
die Wege gebahnt werden. Selbstverständlich muss diese Verkoppelung von
Aemtern mit der Ernennung zum besoldeten ausserordentlichen Professor
ein Ende finden.

Ich bilde mir nicht ein, dass mit den vorgeschlagenen Aenderungen
in der Einrichtung der Vorlesungen, in den Gehaltsverhältnissen der
Professoren und in der Stellung der Docenten alle Klagen über unser
Universitätswesen verstummen würden; aber ich glaube, dass damit
eine gründliche Abhilfe für die offensten Schäden und dringendsten
Uebelstände geschaffen werden würde, denen auf anderem Wege schwer
oder gar nicht beizukommen ist, und dass das Ansehen und die
Zufriedenheit der Professoren, die Würde ihres Berufs und der Nutzen
der Universitäten in unserem öffentlichen Leben sehr gewinnen würden,
ohne dass dabei wesentlich höhere Aufwendungen als jetzt erforderlich
wären.

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Moderne Unsitten

1. Der Blumenluxus.

Der Strauss, den ich gepflücket,
Grüsse Dich viel tausend Mal!
Ich habe mich oft gebücket
Ach, wohl ein tausend Mal,
Und ihn an’s Herz gedrücket
Viel hundert tausend Mal.

+Goethe.+

Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen,
sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine
symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet
damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch,
sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen;
wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch
aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung
ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der
Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf
den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die
beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf
Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das
Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken
der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man
eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass
man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu
sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und
gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die
Theure zu zieren.

Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie
ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen
Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen
tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein
ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner
Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo
die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung
hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur
da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem
Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede
kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von
der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert
damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit
Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche
Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als
die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane
Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in
ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was
man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten
gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr
sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth
des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld
ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte,
welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet,
sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende
Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe ist der
Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium
affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches
und der aufgewandten Mühe proportional ist.

Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders
als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des
Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen
Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren.
Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz
verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen
bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte
Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind,
und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger
und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter.
Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab,
als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth
derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je
anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint,
je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die
Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern
auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung
der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt
nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering
ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des
Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen
Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden
kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth
eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur
durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen
von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der
Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und
Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das
Beschenken mit Vasen, Nippsachen u. dgl. etwas einwenden kann, wenn die
Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte
das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll
arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern u. s. w.; aber es müssen dann
eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen u. dgl. schenken
dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss
für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth
für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht
fällt.

Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten;
man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf
Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen,
und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble
Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt,
der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein
Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage
mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt,
wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen
überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem
Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und
die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden
Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus,
die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu
werden, dass die Sitten, aus denen diese Ausschreitungen hervorgehen,
selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit
wird, die bessernde Hand anzulegen.

Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er
sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die
Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen,
oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen
schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei
der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag
ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s
Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch
Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem
Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen
anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen.
Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt
wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz
wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die
Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz
wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare
Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die
Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der
Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige
Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz
für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.

So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur
Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene
feineren Bedenken schweigen, welche sofort in ihr Recht treten, wo
die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt
so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm
und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter
Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, — ein noch
lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist.
Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter,
verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem
das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen
und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose
am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht
schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat
und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des
Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die
Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht
eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen
Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet
hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den
unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen.
Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen
die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte
Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im
Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen
gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das
Herz verletzt.

Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet
wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese,
Feld und Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat,
oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz
sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer
aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am
schönsten ist, d. h. in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren
naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im
Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu
bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei,
einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht
gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus
Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen
Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch
zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt,
dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter
verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des
vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung
und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da
feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.

2. Das Rauchen.

Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum
Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von
rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche
Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb
darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und
den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren
Jünglinge wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher
Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass
im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen
Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz
der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es
schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu
rauchen.

Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und
anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese
Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu
vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher
unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus
gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten,
sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege)
leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen
aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein
eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche
Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben,
kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen
Nachahmungstriebes.

Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über
ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen
Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen
mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der
Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese
Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich
Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls
ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen-
und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.

Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein
werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee,
Kaffee, Cacao u. s. w. besitzen in diesen Reizmittel genug, als
dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte.
Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der
Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden
nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich
viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.

Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit
ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer
Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen
kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss;
die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung
(Spinalirritation, Amblyopie u. s. w.) sind aber zum Theil noch so
wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug
von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.

Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen
Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte
beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur
die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen
dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten
Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen
Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter
gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des
Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.

Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des
Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch nicht der physiologische
Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an
anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.

Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens
wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine
Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine
Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern
zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn
einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die
Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem
jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.

Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks
beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung
der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die
jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von
Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu
dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also
ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde
die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören
des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.

Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls
allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe
durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen,
denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies
Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und
Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach
Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine Steuer
bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.

Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch
von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich
erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen
würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden
Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die
erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen
die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend
werden könnte.

Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr
in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise,
insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um
erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen
desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken
trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das
Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde,
ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.

3. Die Politik und die Jugend.

Ein Hauptunglück der Zeit nach d. J. 48 in Deutschland ist das
Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern
politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen,
gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder
Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche
an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen
auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit erschöpfter und
erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur
weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um
sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung
zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik
den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische
Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit
des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an
socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit
zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit
der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille
des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben
aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen
und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der
Reformationszeit der konfessionelle Hader.

Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten
Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung
und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen
erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen,
und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde
das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier
und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.

Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren
politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für
die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten,
wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis
24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur
in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen
gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also
etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre
Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits
das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten
verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt
verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so
versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie
unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica
bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die
Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen
Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch
vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt
haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige
politische Urtheilsbildung erst möglich wird.

4. Puder und Schminke.

Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der
nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und
Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle
sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und
Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur,
der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu
heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten
schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober.
Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten
kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle
Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum eintönigen
Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel
zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen
Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt,
gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und
Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht
sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben
spielen will.

Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die
„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn
an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und
Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen
Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher
als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.

Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der
Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass
in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und
Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des
Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth
thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist
eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer
Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem
Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im
vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem
der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung
von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die
socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur
liefern sollte.

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