Die Wohnungsfrage

Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande,
speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut
noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in
der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn,
in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr.
Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten
eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf
seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines
Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der
Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte
der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer
Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so
wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige
Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er
ist also z. B. um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien
gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist.
Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage
meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich
ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig
ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien
zu arbeiten hat.

Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter
des nördlichen Europas hervor, der durch seine Berufsarbeit,
wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche
Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten
oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische
Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die
Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich
von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind
die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander
verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume,
erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau,
beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer
der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten
ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt;
am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer,
Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise
benutzt werden.

Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer
zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird
immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart,
welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige
Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein
Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel
in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die
Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen
Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute
Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar
nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“
Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter
„gute Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei,
dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende
Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine
ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische
Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.

Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur
die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer
Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen
wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst
dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation
verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen.
Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann
die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine
aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl
das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem
Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen,
wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose
Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss,
so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben
anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in
der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher
von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in
denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf
suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen
Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.

So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch
keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache
Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende
unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und
mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen.
Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden
Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift
dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten
neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft
werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche
Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den
Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen
mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen
davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern
aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht
unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und
im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei
offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher
eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss
leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen
Gefahren.

Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit
böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden
frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen
zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon
und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung,
hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach
über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch
kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser
Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten
Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die
Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in
Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt.
Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge
in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben
zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er
die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung
herausreisst.

Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres
stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar
und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht
einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen
wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es
führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen
Verhältnisse es gestatten.

Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich
bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder
herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den
Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die
journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft
auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem
täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit
gethan zu haben.

Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs
überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und
bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und
bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische
Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder
wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen
mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande
sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der
Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige
scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz
des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im
heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub
des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört
nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein
stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die
Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen
des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich
die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man
am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der
inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der
Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten
„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der
Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn-
und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was
diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich
in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder
bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht,
die gestellte Forderung zu verwirklichen.

Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist
ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder
ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne
Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie
des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen;
die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet
praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden
Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und
festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz
gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst
ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn
sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines
Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth
entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen
Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung
der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den
Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung
an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche
Verhältniss.

Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser
baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die
Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit
in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung
der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben
mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser
baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung
grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel
theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge
erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es
unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite
wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen
am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen,
trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund
liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei
Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume
von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation
beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben
von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden
Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch
rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut
wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern
derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der
Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen
unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone
anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und
Aussterben der Gärten.

Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den
letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich
desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen
und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie
konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie
sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften
aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei
Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei
Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue
Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren
und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in
ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite
zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist
nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht
ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer
auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor
retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler
zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in
verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig,
in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im
Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen,
dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten
zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung
erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und
welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit
aufdrängen wird.

Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen
wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren
Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben
gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.

Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis,
dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer
ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind.
Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern
eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen
einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel,
eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am
auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder,
der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese
Reisekosten spart.

Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen
Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich
vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde
Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das
Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das
Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert
und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger
werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern
fortwährend kleine abgelassen werden.

Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer
Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile
für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die
Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der
unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so
dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer
werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.

Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen,
dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer
Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune
näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige
Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel
zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter
Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.

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Die heutige Geselligkeit

1. Die Geselligkeit im Hause.

Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen,
d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den
Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die
meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause,
also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6
diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von
der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die
Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um
7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen
Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung
der Tageszeiten fortschreiten kann. Schon bei uns machen sich die
unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der
Geselligkeit.

Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den
Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden
sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf
die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten
passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden,
wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die
Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt
bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit
wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von
der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine
Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend
nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend
und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es
früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag
als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche
Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein
Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer
empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem
Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst
kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9
verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen,
so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr
Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen.
Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer
allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die man nur trägt,
weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.

In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit
nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der
Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren,
indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt,
d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird
zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer
sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische
Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens
abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit
nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber
die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das
Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der
Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte
geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen
und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit
vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander,
wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden
ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich
vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu
setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt
ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein
Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die
hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen
liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht
mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten
Nebenmahlzeit schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in
die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines
überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche
Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt
vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.

Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“
bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen
und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die
Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige
Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf
einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.

Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu
fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder
den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften
einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart
zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als
unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen
Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn
es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger
Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass
man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein
übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit
des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche
Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch
auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche
nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.

2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.

In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren
Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie
verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit
an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin
dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv
eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche
Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für
die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern
entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch
eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen
beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden,
dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen
Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die
besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen
Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden
wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die
Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite
durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden
dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung
der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren,
enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen
Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser
dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu,
dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer
Weise gestiegen war, welche es dem Mittelstand fast unmöglich machte,
häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die
häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz
auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative
„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende
Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen
hat.

So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem
demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge
unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der
Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den
angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen
Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht
hat. Beides muss leider verneint werden.

Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie
die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen
noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine
scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau,
welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht,
wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen.
Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit
der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie
im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat
nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu
suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die
Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene
Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein,
so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des Hauses und in der
täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den
Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst
entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden.
Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt
und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern,
so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie
dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die
frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen
Lebens sittlich geschädigt.

Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer
pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr
in Kaffeekränzchen u. s. w. eine gewisse Schadloshaltung zu suchen;
aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser
Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen
Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen
sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung
und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem,
die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das
Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch
schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur
der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem
gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und
veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen
Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles
Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der
ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen
zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Befriedigung
des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit
Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der
geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung
gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen
und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten
und verfeinertsten Genussfähigkeit.

Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich
zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung
der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter
besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch,
Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein
Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen!
Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel
das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz
allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel
und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den
unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den
modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen
Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch
enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch
ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften
einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede
mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der
eignen Gruppe.

Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben
an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht
und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls
etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche
Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige
Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau
erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der
Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben,
als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder
mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte
Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und
Bedienung hätten gestatten können.

Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich
der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie
trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder
kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels
in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren
Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb
nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt
und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der
vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo
der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung,
dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig
überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in
letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes
zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes
einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der
Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und
bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen
und steigern. Man wage doch nur, seinen Gästen dasselbe zu bieten,
was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der
ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt.
Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete
Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht;
sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen
zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens
in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit
Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche
Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene
Kneipe zurückkehren.

Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener
sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen
Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem
Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem
Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit
gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der
sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die
Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der
Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung
abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden.
Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und
unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die
Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen
rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere
Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den
Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu
dürfen.

Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden
Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem
Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch
in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für
die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer
Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus
Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im
Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem
sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft
erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst
sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung
steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen,
und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit.
Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben
des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung
als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der
Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für
den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale
für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut
wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird
sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen
früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter
ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene
Familiengeselligkeit suchen.

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Die Lebensfrage der Familie

Unter aller Verhältnissen ist die Lebensdauer der Familien oder
Geschlechter in den höheren Ständen durchschnittlich kürzer als in den
mittleren und niederen; aber wohl selten hat es eine Zeit gegeben,
in welcher das Missverhältniss einen solchen Grad erreicht hat, wie
gegenwärtig. Es dürfte schwer sein, für diese Behauptung den exakten
Beweis zu erbringen, da die mittlere Lebensdauer der Familien oder
Geschlechter in einem Stande nicht unmittelbar abhängig ist von der
mittleren Lebensdauer der Individuen, welche sie zusammensetzen, und
von den Lebensläufen der Familien oder Geschlechter in den mittleren
oder niederen Ständen meist nur kurze Bruchstücke zu verfolgen sind.
Trotzdem wird man dieser Behauptung beistimmen dürfen, wenn man erwägt,
dass die drei hauptsächlichen Ursachen, von welchen der Unterschied
der mittleren Lebensdauer eines Geschlechts in höheren und niederen
Ständen abhängt, in der letzten Zeit sehr zugenommen haben, nämlich
der grössere Procentsatz an Unverehelichten, das spätere mittlere
Heirathsalter und die kleinere durchschnittliche Kinderzahl, die auf
eine Ehe kommt.

Neben diesen drei Ursachen spielt noch eine vierte mit, welche in
ihren Wirkungen noch weit schwerer abzuschätzen und der statistischen
Aufnahme bis jetzt entzogen ist, welche aber darum nicht weniger
einschneidend wirkt: es ist diess der Umstand, dass gegenüber der
stärkeren Inanspruchnahme von Muskelkraft und individueller Lebenskraft
in den Berufsarten der niederen Stände die intensivere Geistesarbeit
und das intensivere Genussleben der höheren Stände mehr Nervenkraft
konsumirt und dadurch die Lebenskraft des Geschlechts rascher
verzehrt. Durch Verbrauch von Nervenkraft wird nämlich mehr als durch
irgend etwas anderes das Fortpflanzungsvermögen alterirt und zwar
in doppeltem Sinne, erstens in Bezug auf die Zahl und Tüchtigkeit
der unmittelbaren Nachkommenschaft, zweitens aber auch noch ganz
besonders in Bezug auf die Nervenkraft und Fortpflanzungsfähigkeit
der nächsten Generation, von welcher die Zahl und Tüchtigkeit der
Nachkommenschaft in späteren Generationen mehr als von irgend einem
anderen Umstande abhängt. Insoweit sich die fragliche Wirkung in der
Durchschnittszahl der auf eine Ehe entfallenden Kinder ausspricht, ist
sie bereits in der dritten der vorangestellten Ursachen in Rechnung
gestellt; insoweit sie aber die Tüchtigkeit, Fortpflanzungsfähigkeit
und durchschnittliche Kinderzahl der unmittelbaren Nachkommen betrifft,
muss sie als ein vierter Factor in Ansatz gebracht werden, was freilich
erst dann ziffermässig möglich wäre, wenn wir eine vergleichende
Familienstatistik der verschiedenen Stände und Berufsarten besässen.

Man könnte nun meinen, dass in der kürzeren durchschnittlichen
Lebensdauer der Familien und Geschlechter in den höheren Ständen
ein billiger Ausgleich liege für die längere Durchschnittsdauer des
Individuallebens, und dass es vom Standpunkt des Ganzen betrachtet
gerade ein tröstlicher Gedanke sei, dass die Familien der höheren
Stände, auch wenn sie sich in ihrem Stande behaupten, doch allmählich
durch Aussterben für ein Nachrücken der niederen Stände Raum machen.
Indessen die Genugthuung über diesen Ausgleich wäre doch nur eine
kurzsichtige im Interesse des Ganzen. Denn es würde dabei übersehen,
dass es vor allem im Interesse des Ganzen liegt, die ererbten und
generationsweise gesteigerten Anpassungen an höhere sociale und
kulturelle Aufgaben, durch welche die Mitglieder der höheren Stände
denen der niederen durchschnittlich überlegen sind, möglichst voll
auszubeuten und auch für die Zukunft des Processes nach Möglichkeit
durch Weitervererbung zu verwerthen. So wünschenswerth es ist,
dass strebsamen und ausnahmsweise günstig veranlagten Individuen
und Familien das Aufrücken in die höheren Stände offen stehe, um
diesen immer frisches Blut zuzuführen und sie zur Selbstbehauptung
durch überlegene Leistungen zu zwingen, so zweckmässig es ferner
ist, die untüchtigen, arbeitsscheuen und ungünstig veranlagten
Individuen der höheren Stände durch keine socialen Einrichtungen vor
dem Wiederhinabsinken in die niederen Stände zu bewahren, ebenso
unzweckmässig wäre es, den kapitalisirten Gewinn der Arbeit vergangener
Generationen, wie er in den ererbten Vorzügen der höheren Stände
vorliegt, leichtsinnig vergeuden zu lassen, wenn man etwas zu seiner
Erhaltung für künftige Generationen thun kann. Aus diesem Grunde lohnt
es sich wohl, der Erwägung der Ursachen näher zu treten, durch welche
die zunehmende Verkürzung der durchschnittlichen Lebensdauer der
Familien höherer Stände bedingt ist, und sich umzusehen, welche Mittel
der Abhülfe für diese wachsende Kalamität unseres socialpolitischen
Lebens zur Verfügung stehen.

Es kommt noch eine zweite Folge der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung
hinzu, welche als ein socialer Uebelstand von der grössten Tragweite
allgemein anerkannt ist, dessen symptomatische Behandlung aber bis
jetzt nur das Uebel verschlimmert hat, und der so lange fortdauern
wird, bis er durch Abstellung seiner Ursachen an der Wurzel erfasst
wird. Es ist dies die sogenannte Frauenfrage, richtiger Jungfernfrage,
d. h. die Frage, welchen Beruf man den Weibern anweisen soll, die
ihren natürlichen Beruf als Frau verfehlt haben. Bekanntlich ist die
Personenzahl beider Geschlechter in der Jugendblüthe gleich, während
im Kindesalter das männliche Geschlecht ein wenig, im reiferen Alter
das weibliche beträchtlich und in wachsendem Maasse überwiegt. Hieraus
folgt, dass keine Jungfern übrig bleiben würden, wenn Jedermann in
seiner Jugendblüthe eine Lebensgefährtin wählte. Eine Jungfernfrage
entspringt erst daraus, dass die Zahl der Mädchen in der Jugendblüthe
grösser ist als die Zahl der Männer in demjenigen reiferen Lebensalter,
in welchem sie in den höheren Ständen zur Ehe zu schreiten pflegen,
und dass ein Theil dieser Männer es vorzieht, unverheirathet zu
bleiben. Die Ausbildung der Mädchen für selbstständige Berufsarten,
welche zur symptomatischen Lösung der Jungfernfrage vorgeschlagen ist
und vielfach angestrebt wird, macht das Uebel nur ärger, weil sie
die Mädchen weniger anziehend für die Männer macht und dadurch die
Zahl der unverheirathet bleibenden Männer, also auch die Zahl der
sitzenbleibenden Mädchen vermehrt, was wiederum eine Verschärfung
der Dringlichkeit der Jungfernfrage und vergrösserte Anstrengungen
zur selbstständigen Erwerbsthätigkeit zur Folge hat. Aus diesem
fehlerhaften Kreislauf, der sich in sich selbst steigert, ist nur
herauszukommen, wenn man die alleinige Ursache der Jungfernfrage in der
zunehmenden Ehelosigkeit und Heirathsverspätung der Männer erkennt,
und die Bemühungen zur Abhülfe an diesem Punkte einsetzt.

Was zunächst die vierte Ursache der Verringerung der mittleren
Lebensdauer der Familien, die stärkere Abnutzung der Nervenkraft durch
intensivere geistige Arbeit und geistigen Genuss, betrifft, so ist sie
in der Hauptsache nicht zu beseitigen. Die höheren Berufsarten haben
eben ihr Wesen darin, eine höhere und angespanntere geistige Arbeit
zu verlangen, und selbst dann, wenn man bestreiten wollte, dass die
intensivere Arbeit auch intensiveren Genuss als Gegengewicht fordert,
würde man doch nicht leugnen können, dass die Genüsse und Erholungen
der gebildeten Stände selbst vergeistigter Art sind und darum auch
wieder eine geistige Anspannung, wenn auch in anderer Art als die
Arbeit, nöthig machen. Da alle höhere Geisteskultur der Menschheit
in dieser Steigerung der geistigen Arbeit und des geistigen Genusses
liegt, so wird keine menschliche Schlauheit jemals ein Mittel ersinnen,
um die kulturtragenden Minderheiten der Völker vor einer rascheren
Abnutzung zu bewahren, und es bleibt in dieser Hinsicht nichts übrig,
als sich mit der Mauserung der Aristokratie durch allmählichen
Nachwuchs von unten zu trösten. Um so dringender aber muss den höhern
Ständen ans Herz gelegt werden, dass sie sich vor jeder Uebertreibung
in Arbeit und Genuss hüten und die unvermeidlichen gesundheitlichen
Nachtheile ihrer socialen Stellung nach Möglichkeit dadurch
auszugleichen suchen, dass sie im Uebrigen ein gesundheitsgemässeres
Leben führen, als es den niederen Ständen durch ihre pekuniäre Lage
gestattet ist.

Vor allem gilt es, den die Nervenkraft ersetzenden Schlaf der Nacht
heilig zu halten, demnächst nicht nur auf nahrhafte, sondern auch
auf reizlose Kost zu achten, so viel als möglich sich Bewegung zu
machen und frische Luft zu athmen, den ersten Theil des Tages der
Arbeit, den zweiten der Erholung zu widmen, regelmässig zu leben und
in allen Dingen Maass zu halten. Eine grosse Gefahr liegt darin,
dass die nervenerregende Wirkung der Gehirnarbeit irritirend auf die
Genitalsphäre wirkt und leicht zu einer vorzeitigen Vergeudung des
Fortpflanzungsvermögens verleitet; diese Gefahr wird um so grösser, je
länger sie Zeit hat zu wirken, d. h. je später das durchschnittliche
Verheirathungsalter der Männer in den höheren Ständen fällt. Hier
müssen alle hygienischen, ästhetischen und moralischen Hebel angesetzt
werden, um den socialen Schäden vorzubeugen, die aus der Verbindung
der verstärkten Irritation mit der verlängerten Entbehrung erwachsen
können; am wirksamsten im Grossen und Ganzen wird sich auch hier
die Abschwächung der nervösen Irritation durch gesundheitsgemässe
Lebensweise und Vermeidung diätetischer Reizmittel erweisen.

Es ist nicht schwer zu sehen, dass diese Ursache in Wechselwirkung
steht mit den drei andern. Es ist für einen jungen Mann um so leichter,
zeitweilige Selbstbeherrschung zu üben, je näher und gewisser ihm das
Ziel der Ehe vorschwebt, um so schwerer, je ferner und aussichtloser
dasselbe nach Lage der socialen Verhältnisse für ihn ist; umgekehrt
rückt nichts die Neigung zur Verheirathung so sehr in den Hintergrund,
als die Gewöhnung an ein zügelloses Junggesellenleben, und es müssen
dann meist schon nebensächliche Motive sein, welche den Entschluss
zur Verheirathung doch noch reifen lassen. Ebenso stehen die drei
andern Gründe untereinander in Wechselwirkung. Wer wenig Aussicht
hat, zur Verheirathung zu gelangen, macht sich von vornherein mit
dem Junggesellenleben vertraut und entzieht sich der Gelegenheit zur
Anknüpfung bräutlicher Verhältnisse, so dass schon der Zufall sein
Spiel treiben muss, wenn er ihn doch noch in Hymens Fesseln schlagen
soll. Wer erst in reiferen Jahren ans Heirathen denken kann, der
verpasst die Zeit der jugendlichen Eindrucksfähigkeit, innerhalb deren
so manches weibliche Wesen sein Herz hätte gewinnen können, und wenn er
endlich soviel vor sich gebracht hat, dass er eine Familie zu gründen
wünscht, so sieht er sich vergebens nach einem Mädchen um, in das er
sich verlieben könnte, und wartet entweder, bis es ganz und gar zu spät
ist, oder er schliesst aus äusserlichen Gründen eine Ehe ohne Liebe.

Heirathet ein Mann erst in reiferen Jahren, so wird er durchschnittlich
ein älteres Mädchen zur Frau wählen, als wenn er jünger geheirathet
hätte: es wird demnach die Zahl der Kinder in seiner Ehe schon um des
Alters der Frau willen geringer sein; ausserdem aber tritt er nach
kürzerer Ehedauer in ein Lebensalter ein, in welchem die Ehe ihre
natürliche Bedeutung zu verlieren pflegt, auch wenn die Frau noch
nicht aufgehört hat, fortpflanzungsfähig zu sein, so dass hier ein
zweiter Grund für Verkürzung der natürlichen Kinderzahl zu Tage tritt.
Da es nicht bloss auf die Zahl, sondern auch auf die Beschaffenheit
der Kinder, auf die Schonung der Mutter für ihren weiteren Beruf,
und auf die genügende Ausbildung derselben für die Erziehung der
Kinder ankommt, so würde ich es keineswegs für einen idealen Zustand
halten, wenn die Töchter der höheren Stände unmittelbar nach
erreichter Pubertät in die Ehe träten; aber auch die Hinausschiebung
des durchschnittlichen Heirathsalters der Mädchen auf das 26. bis
28. Lebensjahr ist unnatürlich, weil es ohne weitere Förderung ihrer
Ausbildung ihre jugendliche Anpassungsfähigkeit verringert und mehrere
Kinder, welche vom 21. bis zum 26. Jahr der Mutter hätten das Licht der
Welt erblicken können, für immer ungeboren lässt.

Dieselben Motive, welche die Männer gar nicht oder erst in reiferen
Jahren zum Entschluss der Verheirathung gelangen lassen, bewirken
auch eine Scheu vor reichem Kindersegen. Wir sind bereits zu einem
solchen Grade der Verwirrung und Verkehrung der Begriffe gelangt, dass
unsern höheren Ständen die naturgemässe Kinderzahl einer normalen Ehe
von jugendlich verbundenen gesunden und kräftigen Gatten als eine
„kaninchenartige Fruchtbarkeit“ anstössig erscheint.[7] Wo solche
Ansichten Platz gegriffen haben, müssen sie selbstverständlich eine
Rückwirkung auf das mittlere Heirathsalter üben, insbesondere auf
dasjenige der Frau; denn je länger ein Mädchen mit der Verheirathung
wartet, oder ein je älteres Mädchen ein Mann zur Frau wählt, desto
weniger Sorge vor allzu reichem Kindersegen brauchen sie zu hegen. Für
den Mann ist die grössere oder geringere Kinderzahl wesentlich nur eine
pekuniäre Frage, da die Frau doch allein die Lasten derselben zu tragen
hat; für die Frau aber ist es eine Kardinalfrage des Leibes und der
Seele.

Wo nun durch einen widernatürlichen Spiritualismus und abstrakten
Idealismus verschrobene Ansichten in der Frauenwelt gewisser Stände
grossgezogen werden, welche trefflich als Deckmantel der egoistischen
Bequemlichkeit, Leistungsscheu und Genusssucht verwendbar sind, da
bildet sich ein Geschlecht pretiöser und überspannter Egoistinnen,
welche allenfalls wohl noch ein oder zwei Mal die Lasten der
Mutterschaft auf sich nehmen wollen, weil sie anders auch der Freuden
derselben nicht theilhaft werden können, welche dann aber auch nicht
weiter von den Naturpflichten des Frauenberufs belästigt sein, sondern
ungestört ihrer Behaglichkeit und ihren Amüsements leben wollen.

Nichts kann geeigneter sein, die Männer energisch von der Ehe
abzuschrecken, als die Verbreitung solcher ebenso unsittlichen wie
unnatürlichen Ansichten; denn wenn sie doch nur für wenige Jahre die
Aussicht haben sollen, in einer naturgemässen Ehe zu leben, so ist
dieser Preis wahrlich das Opfer ihrer Freiheit nicht werth, und wenn
sie nachher doch nur ein naturwidriges Verhältniss mit einem aus
Egoismus unsittlichen Weibe fortsetzen sollen, so können sie sich auch
gleich mit unsittlichen Verhältnissen zu egoistischen Weibern begnügen,
die wenigstens nicht mit pretiöser Ehrbarkeit und tugendhafter
Ueberspanntheit prunken. Mädchen, welche zwar alle Vortheile der
Frauenstellung durch die Ehe zu erlangen wünschen, aber nicht mehr
die ehrliche und rückhaltslose Opferwilligkeit für alle ihnen von der
Natur und dem socialen Gesammtinteresse auferlegten Pflichten besitzen,
wollen den Mann, der sie heirathet, einfach im Handel betrügen, und es
geschieht ihnen persönlich nur ihr Recht, wenn sie dabei die Betrogenen
sind, d. h. sitzen bleiben.

Leider geschieht nur mit dieser nächstliegenden Lösung dem socialen
Ganzen nicht sein Recht, und deshalb können solche überspannte
egoistische Ansichten nicht entschieden genug zur rechten Zeit
bekämpft werden. Die Mädchen können nicht früh genug lernen, dass sie
ebensowenig wie die Männer geboren sind, um zu geniessen, sondern um zu
dienen, nicht den Männern, sondern gleich diesen ihrem Beruf, und dass
ihr einziger unmittelbarer Beruf darin liegt, dem Vaterlande möglichst
viel möglichst tüchtige und wohlerzogene neue Bürger zuzuführen, um
es im Kampf ums Dasein der Nationen konkurrenzfähig und siegreich zu
erhalten.

Ist es denn nicht ein tief beschämender Gedanke, dass in allen
modernen Kulturvölkern die bisherige Durchschnittszahl der ehelichen
Geburten nicht ausreichen würde, um dieselben vor Rückgang und
allmählichem Aussterben zu bewahren, dass z. B. das deutsche Volk seine
Vermehrung seit dem Jahre 1815, durch welche allein es in den Stand
gesetzt wurde, seine Existenz gegen Frankreich siegreich zu behaupten,
lediglich den Opfern verdankt, welche die Mütter der unehelichen Kinder
auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben? Ist es denn nicht
ebenso beschämend für die höheren Stände, dass sie, die am ehesten in
der Lage wären, für die Volksvermehrung ein Uebriges zu thun, in der
Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht hinter dem Durchschnitt
weit zurückbleiben, dem Proletariat zu andern Lasten auch noch die
Last aufbürden, den Ausfall ihrer Leistungen zu decken und dadurch
eine umgekehrte natürliche Zuchtwahl, eine Erhaltung des mindest
Entwickelten, inauguriren?

In dem unnatürlichen egoistischen Widerwillen vieler Mädchen der
höheren Stände gegen eine opferbereite Erfüllung des Frauenberufs ist
ein zwar verborgenes und sorgsam verhülltes aber doch hinreichend
durchscheinendes Motiv aufgedeckt, welches die Männer von der Ehe mit
Standesgenossinnen abschreckt, sobald sie klar genug blicken, um zu
merken, dass es darauf abgesehen ist, sie im Handel zu betrügen, und
dass sie in einer solchen Ehe vor die Wahl gestellt sind, entweder
unter dem Druck pekuniärer Motive sich mit guter Miene in die Lage des
Betrogenen zu finden, oder die Frau zur Erfüllung ihrer Pflichten zu
zwingen auf Kosten des ehelichen Friedens und häuslichen Behagens. Es
giebt aber auch offener zu Tage liegende Gründe, welche die Zunahme
der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung erklären, nämlich der immer
allgemeiner werdende Hang, über seinen Stand hinaus zu leben.

Es ist unbestreitbare Thatsache, dass trotz einer rascheren Vermehrung
der Bevölkerung die Lebenshaltung aller Stände in den letzten 150
Jahren ausserordentlich gestiegen ist. Unsere heutigen Arbeiter,
welche über Unzulänglichkeit der Löhne klagen, können sich kaum einen
Begriff davon machen, in welchem Elend ihre Urgrosseltern lebten; aber
unser Mittelstand bis in die höchsten Berufsarten hinauf kann sich in
seinen älteren Gliedern noch sehr wohl entsinnen, welche puritanische
Einfachheit in den Häusern seiner Grosseltern nach den Mittheilungen
der Eltern in deren Jugend geherrscht hat. Die Möglichkeit einer
besseren Lebenshaltung aller Stände trotz schneller Volksvermehrung
liegt ausschliesslich darin, dass jetzt die aufgespeicherte Sonnenkraft
vergangener Jahrtausende, die wir mit den Steinkohlen aus der Erde
graben, vermittelst unsrer Maschinen unverhältnissmässig viel mehr
Gebrauchswerthe producirt, als dieselbe Volkszahl durch eigne Kraft
und Handarbeit liefern könnte, und dass wir gegen einen überschüssigen
Theil dieser Fabrikate die Bodenprodukte andrer Länder und Welttheile
eintauschen können. Der Grund dafür, dass der Drang nach Steigerung
des Wohllebens gegenwärtig so viel intensiver geworden und theilweise
in eine krankhafte Genusssucht ausgeartet ist, liegt einerseits darin,
dass die bedeutend vermehrte Klasse der sehr Reichen in dem produktiven
Raffinement unsrer Zeit die Mittel zu einem höchst verfeinerten
Wohlleben vorfindet und durch ihr Beispiel die andern Stände zur
Nacheiferung anreizt, andrerseits darin, dass der demokratische
nivellirende Zug unsres Zeitalters sich mehr als je gegen die
Unterschiede des Komforts verschiedener Stände als gegen eine sociale
Ungerechtigkeit auflehnt, und die Genüsse der Bevorzugten als das
gleiche Recht für Alle fordert.

Wie überall sind auch hier Vortheile und Nachtheile verbunden. Die
Intensität des Emporstrebens in eine günstigere Lebenslage, welche der
Haupthebel des Kulturfortschritts durch Steigerung des Wettbewerbs
und des Arbeitseifers ist, hängt selbst wieder wesentlich von der
Intensität ab, mit welcher von jedem Stande die Theilnahme an den
Genüssen und Vorzügen der über ihm stehenden Stände ersehnt wird und
insofern ist diese Intensität ein Vorzug unsrer Zeit. Andrerseits
liegt in ihr eine Steigerung der Gefahr, dass man die Zukunft, d.
h. die reellen Chancen des socialen Emporsteigens der Familie, um
der Gegenwart willen, d. h. um des vermehrten augenblicklichen
Behagens willen preisgiebt, dass man die erstrebte Sache, d. h. die
Gewinnung einer behaglicheren Lebenslage, dem blossen Schein ihres
Besitzes opfert. In diesem Sinne wird dasjenige, was Hebel eines
beschleunigten Kulturfortschritts sein sollte, zum Hinderniss des
Fortschreitens der Familie, nämlich wenn der Leichtsinn, welcher die
Mittel des Emporklimmens in momentaner Genusssucht verzehrt, und die
Eitelkeit, welche den gleissenden Prunk und die hohle Prahlerei an die
Stelle des wirklichen Besitzes einer günstigeren Lage setzen, sich
hinzugesellen. Darum ist der Drang nach Emporsteigen nur insoweit
wirthschaftlich gesund und social berechtigt und zweckmässig, als er
die Kräfte zum Erwerb grösserer Mittel anspornt, aber verderblich,
wo er mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln das Ziel des
Wunsches vorwegnimmt, d. h. zu unverhältnissmässigen Luxus führt. Wie
ein unverhältnissmässig geringes Luxusbedürfniss zum Hemmniss des
Kulturfortschritts wird und ein Volk zum Stillstand verurtheilt, so
muss ein übermässiges, d. h. über die verfügbaren Mittel hinausgehendes
Luxusbedürfniss zum kulturgeschichtlichen Rückschritt und endlich zum
Ruin führen.

Was für ganze Völker gilt, das gilt nicht minder für einzelne Stände
und Familien. Nichts muss so unfehlbar den Ruin des Grundadels
beschleunigen, als dessen krankhafte Sucht, sich an Luxus nicht von
dem Geldadel überflügeln zu lassen, und ein grosser Theil der Klagen
über die zunehmende Verschuldung des Grossgrundbesitzes ist allein
darauf zurückzuführen, dass die rasche Steigerung der Gütererträge doch
noch weit überholt ist durch die Steigerung der Lebensgewohnheiten der
unmittelbar und mittelbar von ihnen lebenden Familien. Der Dienstadel
oder Beamtenstand klagt in den meisten Beamtenkategorien mit Unrecht
darüber, dass die Steigerung der Gehälter mit der Entwerthung des
Geldes nicht gleichen Schritt gehalten habe; seine sociale Stellung ist
nur dadurch relativ ungünstiger geworden, weil die Lebensgewohnheiten
des Geldadels und des mit ihm wetteifernden Grundadels seit einigen
Menschenaltern sich ausserordentlich gesteigert haben, so dass er
im Vergleich zu diesen ihm verwandten Ständen sich in derselben
Lage höchst unzufrieden fühlt, mit welcher er früher sehr zufrieden
war. Sogar der Officierstand, der am meisten Anlass hätte, jede
Verweichlichung zu scheuen und in spartanischer Bedürfnisslosigkeit
seine Ehre zu suchen, ist mehr und mehr in einen thörichten Wettstreit
mit dem Geldadel gerathen, und hier wirkt jede Verirrung des
Standesgeistes um so schlimmer, als der Einzelne weit weniger die
Möglichkeit hat, sich gegen erkannte Unsitten aufzulehnen. Weil in
allen Ständen mit Ausnahme des Geldadels die Ansprüche an das Leben
schneller gewachsen sind als die Mittel ihrer Befriedigung, nur darum
ist die Unzufriedenheit und die Klage über unauskömmliche Mittel jetzt
so weit verbreitet.

Dieselben Stände, welche früher bei bescheidener Lebensweise Mittel
genug übrig hatten, um eine reichliche Kinderzahl anspruchslos aber gut
zu erziehen und noch einen Nothgroschen für die Familie zurückzulegen,
verbrauchen jetzt bei gestiegenen Lebensansprüchen ein Einkommen
von mindestens gleicher Kaufkraft entweder für sich allein oder für
eine viel kleinere Familie, erziehen wenige, aber anspruchsvolle und
verwöhnte Kinder und lassen ihre Hinterbliebenen in einer hilflosen,
mit ihrer Verwöhnung um so bitterer kontrastirenden Lage zurück, weil
die luxuriösere Lebenshaltung für Sparrücklagen zur Selbstversicherung
nichts übrig lässt. Die so über ihren Stand hinaus gewöhnten Kinder
sind dann die Heirathskandidaten der nächsten Generation. Ist es da ein
Wunder, wenn die Söhne Bedenken tragen, sich zu verheirathen und ihren
Arbeitsertrag für sich allein verbrauchen, und wenn die mittellosen
Töchter dem Loose einer traurigen Jungfernschaft und oft genug dem
Kreise der verschämten Armuth verfallen?

Auch in der Familie, ebenso wie im Stande und im Volke, ist der Tod,
d. h. das Aussterben, der Sold der wirthschaftlichen Sünde. Wo noch
ein natürliches sociales Solidaritätsbewusstsein herrscht, wirkt diese
Erkenntniss als ein Gegenmotiv gegen die wirthschaftliche Verirrung;
aber das ist gerade das Gefährlichste an der individualistischen
Atomisirung und dem abstrakt-idealistischen Nivellement unserer Zeit,
dass jedes Individuum nur an sich und seine Rechte auf das Leben, aber
nicht an seine Gliedschaft in socialen Individuen höherer Ordnung und
an seine Pflichten gegen diese denkt. Après nous le déluge! ist der
Wahlspruch der selbstsüchtigen Genusssucht; mag die Welt hernach ohne
mich weiter gehen, wie sie kann und will, wenn ich nur mein Leben
genossen habe, so gut ich konnte! Hier enthüllt sich die sittliche
Verirrung und Verkehrtheit als Wurzel der wirthschaftlichen. Familien,
die ihre Mitglieder in diesem unsittlichen Egoismus sich verhärten
lassen, verdienen auch aus sittlichem Gesichtspunkt, unterzugehen und
durch neuaufstrebende Elemente ersetzt zu werden.

Glücklicher Weise sind solche extreme Erscheinungen noch keineswegs
allgemein verbreitet, wenn auch in geringerem Maasse die Tendenz zu
luxuriöseren Lebensgewohnheiten schon den ganzen socialen Körper
inficirt hat. Es steckt auch in unsern höheren Ständen noch ein
überwiegend gesunder Kern, und an ihn wende ich mich, um ihn durch die
Erkenntniss, wohin die Verirrung der Zeit führen muss, zum Widerstande
gegen einen bethörten Zeitgeist und Standesgeist zu ermuthigen und
diesen Geist durch eine energische Reaktion in gesundere Bahnen
zurückführen zu helfen.

Wenn ich vorher darauf hingewiesen habe, dass es vorzugsweise das
weibliche Geschlecht ist, dessen Egoismus sich gegen die vorbehaltlose
und opferwillige Erfüllung der ihm auferlegten Berufslasten zu sträuben
in Gefahr ist, so erfordert die Gerechtigkeit die Anerkennung, dass es
vorzugsweise das männliche Geschlecht ist, welches aus finanziellen
Bedenken vor der Ehe zurückscheut. Denn wie das Weib den schwereren
Theil der natürlichen Lasten zu tragen hat, so der Mann den schwereren
Theil der socialen Lasten, d. h. die Beschaffung des Unterhalts für
die ganze Familie. Das Mädchen, das sich verheirathet, muss dem Manne
soweit vertrauen, dass er für den Unterhalt der Familie sorgen wird;
sie hat mit darunter zu leiden, wenn sie sich geirrt hat, aber sie
trägt keine Verantwortung dafür. Der Mann dagegen, der sich zur Ehe
entschliesst, übernimmt die ganze Verantwortung für die Erhaltung
der Familie und scheut vor dem Gedanken zurück, dieser Verantwortung
nicht gewachsen zu sein. In finanzieller Hinsicht schreiten deshalb
die meisten Mädchen geradezu leichtsinnig zur Ehe, auch wenn sie in
andrer Hinsicht gar nicht leichtsinnigen Temperaments sind; sie werden
dabei von einem gewissen Fatalismus der Pflichterfüllung getragen und
von der beruhigenden Gewissheit, alle Verantwortlichkeit in dieser
Hinsicht auf den Mann abwälzen zu können. Es liegt ihnen so viel daran,
zur Erfüllung ihres natürlichen Berufs und zu den socialen Vortheilen
der Frauenstellung zu gelangen, dass sie ihre kritische Besonnenheit
bereitwillig zurückdrängen und sich gern einer Täuschung über die
Zukunft hingeben, die sie bei jeder ihrer Freundinnen ohne Zweifel
durchschauen würden. Sie sind demgemäss stets bereit, die Sorgen und
Bedenken eines sonst willkommenen Bewerbers zu beschwichtigen und
denselben ihrer Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Arbeitslust und
Opferwilligkeit zu versichern, um ihm den Entschluss zu erleichtern.
Diese Versicherungen sind auch keineswegs Lügen, sondern gute Vorsätze,
deren Erfüllung sie sich wirklich zutrauen; zumal wenn ein Mädchen
liebt, so hält sie keine Beschränkung für zu gross, um als Hinderniss
der Vereinigung mit dem Geliebten gelten zu dürfen.

Leider pflegt die gehobene Stimmung der Braut nicht für die Dauer
vorzuhalten und oft sind alle die guten Vorsätze bloss Pflastersteine
auf dem Wege zu einer ehelichen Hölle. Die alten Gewohnheiten behaupten
ihr Recht, und wenn auch die Vernunft so weit die Oberhand behält,
um die unvermeidlichen Entbehrungen zu ertragen, so fehlt dabei doch
nicht bloss die Freudigkeit, sondern oft genug auch die blosse Geduld,
und die mangelnde Zufriedenheit der Frau lässt auch die häusliche
Behaglichkeit des Mannes nicht aufkommen. Bald ist es die Kleidung und
der Putz oder Schmuck, bald der Charakter des Wohnorts, bald die Grösse
der Wohnung, bald die Bedienung, bald die Kost, bald die Beschaffenheit
des Umgangskreises, bald die Zerstreuungen und Vergnügungen, welche
bei der neuen Lebensweise mit den früheren Gewohnheiten der Frau im
Widerspruch stehen und durch welche ihre Unzufriedenheit erregt wird.
Manchmal werden die alten Gewohnheiten durch neue verdrängt, aber meist
behauptet die Erinnerung an die früher besessenen Annehmlichkeiten ihr
Recht und verhärtet und verbittert sich in Bezug auf den einen oder den
andern Punkt je länger je mehr. Schlimmer noch als offne Klagen und
Vorwürfe wirkt auf den Gemüthsfrieden des Mannes die unausgesprochene
ständige Unzufriedenheit der Frau, sowohl der mürrischen wie der
sanft duldenden, und am schlimmsten ist die hysterisch angehauchte
Bedrücktheit und Melancholie, welche stets mit dem Uebergange in
wirkliches Gemüthsleiden droht, wenn ihr nicht der Wille geschieht
und sie durch Zerstreuungen abgelenkt wird. Ist dem unbefriedigten
Anspruch durch Geld abzuhelfen, so soll der Mann wo möglich seine
schon voll angespannte Arbeitskraft überspannen, um demselben genug zu
thun; will er aber gar das Geld, welches zu diesem Zwecke ausreichen
würde, zur Selbstversicherung der Familie zurücklegen, so betrachtet
die Frau das einfach als einen Raub an dem ihr Gebührenden. Reichen
die Mittel ohnehin schon nicht aus, um irgendwelche Ansprüche der Frau
zu befriedigen, so muss natürlich einer solchen Frau jeder Gedanke
an weitere Vergrösserung der Familie als ein von dem rücksichtslosen
Manne gegen sie geplantes Verbrechen erscheinen; denn nun verbinden
sich in ihr der Egoismus in natürlicher und in wirthschaftlicher
Hinsicht, um den Zweck der Ehe zu vereiteln. Ebenso staunenswürdig
wie die Opferwilligkeit, die Energie und die Ausdauer der Leistungen
sind, zu denen das Weib als uneheliche Mutter oder als Wittwe unter
dem eisernen Zwang der Nothwendigkeit, für ihre Kinder zu sorgen,
sich aufschwingen kann, ebenso grausam und unbarmherzig kann die
egoistische Rücksichtslosigkeit sein, mit welcher dasselbe Weib alle
Lasten dem Manne aufbürdet, so lange sie noch einen hat.

Das hier gezeichnete Bild ist glücklicher Weise nicht die Regel,
sondern nur die Ausnahme, wenn auch keine ganz seltene; aber irgend
etwas von den hier zusammengestellten Zügen wird man bei einiger
Aufmerksamkeit häufiger entdecken als man denkt. Jeder Mann, der mit
Heirathsgedanken umgeht, muss daran denken, dass eine solche Zukunft
auch ihm blühen kann, und dass wenigstens die guten Vorsätze und
Versicherungen seiner Erkorenen ihm ganz und gar keine Bürgschaft
dagegen gewähren.

Bewunderungswürdig erscheint mir stets das Durchschnittsweib aus dem
Volke, das ohne Dienstboten ihr ganzes Hauswesen allein besorgen, ihre
Wochenbetten unter dem Beistand gefälliger Nachbarinnen erledigen,
ihre Kinder selbst warten und pflegen, dabei noch oft die Rohheiten
eines rücksichtslosen und zeitweise betrunknen Mannes ertragen und
durch eignen Arbeitsverdienst zur Einnahme der Familie beisteuern
muss, und das alles mit der Aussicht, im Falle der Wittwenschaft für
ihre Erhaltung und für die Erziehung der Kinder mit ihren zwei Händen
aufkommen zu müssen. Dieses Weib aus dem Volke trägt entschieden den
schwereren Antheil an der Last des Lebens, und die Art, wie sie ihn
meistens trägt, nöthigt uns volle Hochachtung vor ihrem sittlichen
Werthe ab, welcher dem des Mannes meist ebenso überlegen ist, wie er
in den höheren Ständen hinter diesem zurücksteht. An den unglücklichen
Ehen und Scheidungen in den niederen Ständen trägt meist der Mann, an
denjenigen in den höheren Ständen überwiegend die Frau die Schuld; in
den ersteren ist entschieden die Frau, in den letzteren gewöhnlich der
Mann der liebenswürdigere und innerlich gebildetere Theil.

Den Grund davon sehe ich wesentlich darin, dass die Mädchen und
Frauen der höheren Stände durch geschäftigen Müssiggang systematisch
verdorben, von dem Gedanken, dass Arbeiten und Dulden der natürliche
Zustand des Menschen sei, entwöhnt und darauf hingedrängt werden,
in der Bequemlichkeit und Vergnüglichkeit den Zweck ihres Daseins
zu suchen. Ein fünfstündiger Mädchenschulunterricht mit zwei- bis
dreistündiger häuslicher Arbeitszeit, einhalb- bis einstündigem
Schulwege und nebenherlaufenden Privatstunden verbietet es, die Mädchen
während der Schulzeit zu häuslichen Arbeiten heranzuziehen; wenn sie
dann mit 15 bis 17 Jahren die Schule verlassen, so haben sie bereits
gelernt, sich als Damen zu fühlen, welche für häusliche Arbeiten
zu vornehm und zu gebildet sind, und wenn sie auch wirklich anders
dächten, so sind in einem Hauswesen mit der entsprechenden Zahl von
Dienstboten keine nennenswerthen Arbeiten da, welche die Hausfrau ihnen
anweisen könnte. Vom 16. Jahre bis zur Verheirathung in den 20er Jahren
sind sie somit zum Müssiggang förmlich gezwungen, wenn sie sich nicht
zu einem wissenschaftlichen oder künstlerischen Studium entschliessen,
durch welches sie dem Beruf als künftige Hausfrauen immer mehr
entfremdet werden. Das einzige, was sie im Durchschnitt lernen, das
ist, ihre nutzlose Zeitvergeudung mit mehr oder minder Grazie zu
verschleiern, sei es durch das Lesen der allerneuesten englischen und
französischen Schundromane (der einzigen Frucht ihrer Sprachstudien),
sei es durch Klavierklimpern, sei es durch zwecklose augenverderbende
Handarbeiten.

Jeder Arbeitseifer, jedes Gefühl des Verpflichtetseins zu
volkswirthschaftlichen Leistungen, jede Scham vor einer blossen
Schmarotzerexistenz und unverdientem Wohlleben wird dabei systematisch
ertödtet, und man kann sich nicht wundern, wenn die so erzogenen
Mädchen vor dem Gedanken zurückschaudern, als Frau in ein Hauswesen
eintreten zu sollen, wo ihnen zwar die grobe Arbeit durch eine Magd
abgenommen wird, aber das eigentliche Kochen, das Schneidern ihrer
eigenen Kleidung und derjenigen für die Kinder, und, was am schwersten
wiegt, die tägliche und nächtliche Kinderpflege auf ihre eignen
Schultern fallen würde. Das Höchste, wozu sie sich aufschwingen
wollen, ist die Last der Leitung eines Hauswesens mit mehreren
Dienstboten, deren Ansprüche an Gedankensammlung und wohlüberlegte
Anordnung schon grell genug von der in der Mädchenzeit gewohnten
passiven Bummelei abstechen; aber einen Mann zu nehmen, der nicht
im Stande ist, ihnen Köchin und Kindermädchen zu halten, und alle
Familiengarderobe durch fremde Hände anfertigen zu lassen, darin sehen
sie mindestens ein so grosses Opfer, dass es durch ein lebenslängliches
Aufhändengetragenwerden vom Manne nicht aufgewogen werden kann.

In der Regel denkt ein Mädchen beim Heirathen nur an den Brautstand,
die Hochzeitkleider und die Honigmonde, und alle +damit+ gegebenen
Lasten ist sie willig, auf sich zu nehmen. Kommen nachher die Kinder
hinzu, welche eine Kinderwärterin, Kinderkleider, vergrösserte Wohnung
und Tafel verlangen, nun so ist das eben bloss Schuld des Mannes,
für die er aufzukommen hat. Kann er das nicht in dem Maasse, wie das
Behagen und die Bequemlichkeit der Frau es verlangen, so macht er
dadurch diese zur Märtyrerin, oder er vergrössert vielmehr nur das
Martyrium, welches die Frau durch die wiederholten Schwangerschaften,
Entbindungen und Wochenbetten „um seinetwillen“ tragen muss. Dass in
den höheren Ständen der Beruf des Mannes, durch welchen er die Mittel
für die Erhaltung der Familie beschafft, ein viel grösseres Martyrium
ist als derjenige einer alle ihre Pflichten erfüllenden Frau, dass er
namentlich die Lebensdauer in viel höherem Grade abkürzt, das kommt
dabei natürlich nicht in Betracht. Wie der Beruf den Mann allmählich
aufreibt und seine Gesundheit untergräbt, entzieht sich in den
früheren Stadien meistens der Beobachtung, wird auch wohl vom Manne
geflissentlich ignorirt; wie dagegen der Beruf der Frau vorübergehende
und später sich meist völlig wieder ausgleichende Störungen des
Wohlbefindens hervorruft, das liegt auf der Hand, und die Frauen
ermangeln selten, es in das rechte Licht zu stellen, wie „leidend“
sie durch Erfüllung ihres Berufs geworden sind, zumal wenn sie dabei
„nervös“ oder gar „hysterisch“ sind.

Und wie viele Frauen der höheren Stände giebt es, die nicht nervös
sind? Wie viele, welche körperlich der Erfüllung ihres Berufes noch
vollauf gewachsen und im Stande sind, die Vereinigung von Arbeit und
Kinderwartung am Tage mit jahrelanger nächtlicher Ruhestörung ohne
unerträgliche Steigerung ihrer Nervosität zu ertragen? Durch das
sinnlose Aderlassen der vorhergehenden Jahrhunderte sind wir zu einem
blutarmen, bleichsüchtigen Geschlechte, durch das städtische Leben mit
seinen künstlichen Erregungen und seinem Mangel an frischer Luft und
Bewegung im Freien zu einem nervösen Geschlecht geworden, und in Folge
der unvernünftigen Ueberanstrengung des zarter gebauten weiblichen
Gehirns vom 6. bis zum 16. Jahr durch unsre höheren Töchterschulen
und weiterhin durch die weiblichen Berufsstudien haben wir den durch
das gesundheitswidrige Schnüren der letzten Generationen schon aus
dem Gleichgewicht gerückten weiblichen Organismus der höheren
Stände dahin gebracht, dass er zu seinen natürlichen Zwecken immer
untauglicher geworden ist. Kein Wunder, wenn da der Geist anfängt,
sich gegen die Erfüllung der Naturzwecke aufzulehnen, zu denen er
den Körper unbrauchbar fühlt. Das nach Glück und Liebe sich sehnende
Herz des Mädchens geräth in Widerspruch mit der Natur und wird fast
unwillkürlich zu einem platonischen abstrakten Idealismus hingedrängt,
in welchem es wähnt, ein Männerherz ohne die Naturbasis der Liebe
sich dauernd zu eigen machen zu können; unsre ganze Mädchenerziehung,
welche auf ängstliche gewaltsame Verschleierung und Ignorirung dieser
Naturgrundlage und ihrer Weisheit und Würde ausgeht, unterstützt
diese ihrem Egoismus so angenehme Verirrung und der Mann hat nachher
die Kosten dieser künstlichen Selbsttäuschung zu tragen, indem sein
naturgemässes Verhalten ihm als sinnliche Rohheit und rücksichtslose
Barbarei in Rechnung gestellt wird. Wenn es so der Frau auch nicht
gelingt, den Mann von seinem Unrecht gegen sie zu überzeugen, so
überzeugt sie ihn doch hinlänglich von ihrer Naturentfremdung,
Untüchtigkeit und Selbstsucht, stumpft hierdurch wie durch die quälende
Unzufriedenheit mit ihrer Lage die anfängliche Liebe des Mannes für sie
mehr und mehr ab, und gelangt so an einen Punkt, wo der erkaltete und
ermüdete Mann dem Appell an seinen wirtschaftlichen Egoismus zugänglich
wird. Die Folge ist dann die geringere Kinderzahl der Ehen der höheren
Stände im Vergleich mit denen der niederen.

Die jungen Männer reflektiren wohl selten auf alle hier aufgeführten
Umstände, aber sie haben doch eine mehr oder minder deutliche
Kenntniss von der Naturentfremdung, körperlichen und geistigen
Berufsuntüchtigkeit, Arbeitsscheu, Verwöhnung und Selbstsucht der
Mädchen höherer Stände, denn sie kennen ja ihre Schwestern. Sie haben
deshalb eine instinktive Furcht vor der Ehe, und ziehen es vor, mit
Mädchenherzen +vor+ der Ehe zu spielen, anstatt mit ihrem Herzen +nach+
der Hochzeit spielen zu lassen. Sie fürchten mehr als in irgend einer
früheren Kulturperiode die Liebe, welche sie verblenden könnte gegen
das, was sie zu erwarten haben, schätzen ihre Junggesellenfreiheit um
so höher, und hoffen, dass ihnen der „Reinfall“ auf ein vermögensloses
Mädchen erspart bleiben wird. Wenn sich nun in dieser Hoffnung auch ein
grosser Procentsatz täuscht, so ist doch solche generelle Abneigung
der gebildeten Jugend gegen die Ehe mit einem vermögenslosen Mädchen
ein höchst bedenkliches Zeichen der Zeit, ein Symptom von einem auch
in der Männerwelt überwuchernden Egoismus, von Mangel an Familiensinn
und socialem Pflichtgefühl. Kein Mann kann bezweifeln, dass es auch
unter den vermögenslosen Mädchen seines Standes Ausnahmen genug giebt,
dass er, wenn er durchaus in seinem Stande heirathen will, den Muth
haben muss, nach diesen Ausnahmen zu suchen, dass es mit zu seiner
Pflicht gehört, im Falle der Enttäuschung in der Ehe den Kampf mit der
Selbstsucht der Frau aufzunehmen und die versäumte Erziehung derselben
nachzuholen, dass er endlich selbst bei Erfolglosigkeit dieses Strebens
seine Töchter anders erziehen und eine bessere sociale Zukunft
heraufführen helfen soll.

Das Verschanzen hinter die weiblichen Fehler ist leider nur zu oft ein
blosser Vorwand der männlichen Jugend, um ihrer Selbstsucht, d. h. dem
Verbrauch ihres gesammten Einkommens für ihre Person, ungestört weiter
fröhnen zu können. Wer seine ganze Einnahme für sich allein verbraucht,
der schreckt natürlich davor zurück, plötzlich den Haupttheil derselben
für eine Familie abgeben zu sollen; er verschiebt das Heirathen auf
eine Gehaltserhöhung, hat aber, wenn diese kommt, nicht gerade eine
bestimmte Frau in Aussicht und gewöhnt sich dann daran, auch das höhere
Einkommen ganz für seine persönlichen Bedürfnisse zu verbrauchen.
Uebermannt ihn eine wirkliche Liebe, so entschliesst er sich freilich
zu Opfern und Einschränkungen und findet nachher meistens, dass ihm die
Entbehrungen viel leichter geworden sind, als er sich vorher gedacht
hat, gerade umgekehrt wie bei der Frau. Fehlt es aber zu der Zeit, wo
sein Einkommen für eine Familie ausreicht, an einer rechten Liebe in
seinem Herzen, die ihn über die kleinliche Selbstsucht hinweghebt —
und diess ist nur zu oft der Fall — so wird die letztere bei vielen
stark genug sein, sie von der Erfüllung ihrer socialen Bürgerpflicht
durch Eheschliessung abzuhalten. Freilich giebt es noch junge Männer
genug, die auch ohne eigentliche Liebesleidenschaft ganz gern bereit
wären, sich erhebliche persönliche Einschränkungen aufzulegen, um des
Familienglücks und des häuslichen Behagens theilhaftig zu werden, wenn
sie nur noch den Glauben fassen könnten, dass dieses Glück ihnen mit
den verwöhnten und anspruchsvollen Mädchen ihres Standes wirklich noch
blühen könne, wenn sie nicht fürchten müssten, alle Opfer umsonst zu
bringen und sich durch Fesselung an eine unzufriedene und missvergnügte
Frau das Leben zu verbittern.

Die schonungslose Aufdeckung der Gründe, aus denen die vermehrte
Ehelosigkeit und Heirathsverspätung und die verminderte Kinderzahl
unserer höheren Stände entspringt, mag manchem Leser peinlich gewesen
sein, aber sie hat wenigstens den Vortheil, die Punkte erkennbar zu
machen, an welchen die Hebel zur Wiederherstellung gesunderer socialer
Zustände angesetzt werden müssen.

Zunächst kann die Gesetzgebung etwas thun, nämlich die Prämie aufheben,
welche auf der Ehelosigkeit steht in Folge des Umstandes, dass der
Familienvater von seinem Einkommen trotz der erhöhten Leistungen für
den Staat durch die Kindererziehung und trotz des höheren Beitrags zu
den indirekten Steuern und Zöllen doch noch dieselben direkten Steuern
zahlen muss, wie der Junggesell, und dass nach Intestaterbrecht ledige
und verheirathete Erben gleichen Erbanspruch haben. Wir betrachten
zunächst den ersten Punkt.

Ob ein Einkommen eine oder fünf Personen ernährt, müsste sich
doch in der Steuerquote ausdrücken, d. h. der unverheirathete
Steuerzahler müsste von dem gleichen Einkommen das Fünffache an
direkter Steuer entrichten, wie der Familienvater, um einen billigen
Ausgleich herzustellen. Wir können nicht zu dem Athenischen Gesetze
zurückkehren, nach welchem der gesunde Bürger mit zurückgelegtem
vierzigsten Lebensjahr zur „Zwangstrauung“ geführt wurde (wie bis
vor Kurzem bei uns die Kinder zur Zwangstaufe), aber wir können
unsern Bürgern die Eheschliessung dadurch als eine staatsbürgerliche
Ehrenpflicht einschärfen, dass wir die Entziehung von derselben ähnlich
wie diejenige von gewissen Ehrenämtern der Selbstverwaltung durch
Vervielfachung der direkten Steuern ahnden. Das Geschlecht kann hierbei
keinen Unterschied begründen; denn in den steuerpflichtigen Jungfern,
mögen sie im Einzelnen noch so unschuldig an ihrem Sitzenbleiben sein,
muss die Entartung ihres Geschlechts im Ganzen gestraft werden, da die
Gesetzgebung nicht individualisiren kann. Da die unteren Stufen der
Klassensteuer ohnehin schon bei uns aufgehoben sind, und weitere Stufen
der Aufhebung entgegen sehen, so würden die von ihrem Arbeitsertrag
lebenden Jungfern von einer solchen Massregel ebensowenig betroffen
werden, wie die niederen Stände überhaupt, und auf weiblicher Seite
nur die besser situirten Rentnerinnen darunter zu leiden haben, die
es vertragen können.[8] Da die Entziehung von der socialen Pflicht
der Familiengründung um so gemeinschädlicher und strafbarer ist, je
wohlhabender die ledigen Individuen sind, so wäre es sogar nicht
mehr als billig, den Coefficienten für die Vervielfachung der Steuer
progressiv zu machen; denn je grösser die Wohlhabenheit, desto
strafbarer ist die Entziehung von der Pflicht der Familiengründung und
desto nachtheiliger wirkt die durch sparsame Proliferation verursachte
Vermögensanhäufung. In den niederen Ständen, wo die Vermehrung schon
eher zu schnell als zu langsam ist, hat man durch Aufhebung aller
Erschwerungen und Unkosten der Eheschliessung und durch die theils
schon durchgeführte, theils in Aussicht stehende Aufhebung des
Schulgeldes alles gethan, um die Vermehrung noch zu befördern; in den
höheren Ständen, wo die Vermehrung erschreckend hinter dem Nothwendigen
zurückbleibt, scheut man bis jetzt vor der natürlichsten Forderung der
ausgleichenden Gerechtigkeit durch die Vervielfachung der direkten
Steuern der Ledigen zurück.

Wir kommen nun zu dem zweiten Punkt, nämlich zu der Unbilligkeit,
welche darin liegt, dass ledige und verheirathete Kinder gleichviel
erben. Die alten Jungfern, welche eine zwecklose Drohnenexistenz im
Staate führen, und die Junggesellen, welche ausser ihrer direkten
Berufsarbeit keine socialen Leistungen für den Staat aufzuweisen haben,
verdienen nicht, von der Rente des gemeinsamen Familienvermögens den
nämlichen Antheil zu verbrauchen, wie ihre verheiratheten Geschwister,
welche durch ihre Kinder gezwungen sind, für ihre Person bei gleicher
Einnahme viel beschränkter zu leben. Wenn auch die Vermögens-Antheile
der Ledigen später auf ihre Neffen und Nichten mitübergehen, so
gelangen sie doch meistens zu spät in deren Hände, um denselben noch
mit ihrem vollen volkswirthschaftlichen Nutzen zu gut zu kommen, und
was weit schlimmer ist, die Rente derselben ist für die Lebensdauer
der Erbonkel und Erbtanten dem social activen Theil des lebenden
Geschlechtes verloren gegangen und hat durch die unverhältnissmässige
Erhöhung des Wohllebens, des Komforts und des Luxus der Niessnutzer
als augenscheinliche Prämie ihrer Ehelosigkeit gewirkt. Umgekehrt
würde mancher egoistische Junggeselle sich eher zur Verheirathung
entschliessen und manches wohlhabende wählerische Mädchen vorsichtiger
in der Austheilung ihrer Körbe und maassvoller in ihren Ansprüchen
werden, wenn sie wüssten, dass die Hälfte der noch zu erwartenden
Erbschaften ihnen verloren geht, falls sie ledig bleiben. Um diess zu
erreichen, müsste das Intestaterbrecht dahin abgeändert werden, dass
unter verwandtschaftlich gleich nahe stehenden Erbberechtigten die
Ledigen nur den halben Erbanspruch von demjenigen der Verheiratheten
haben sollen. Diejenigen Ledigen, welche beim Erbfall noch nicht das
35. Lebensjahr zurückgelegt haben, müssten beanspruchen können, dass
ihnen die andere Hälfte ihres Erbtheils sichergestellt werde für den
Fall, dass sie sich bis zu dem genannten Alter verheirathen, wogegen
nach Ueberschreitung dieser Altersgrenze der sichergestellte Theil
unter die verheiratheten Miterben zur Vertheilung gelangen würde. Wem
diese Bestimmung missfiele, dem bliebe es unbenommen, testamentarisch
anders zu verfügen; da aber der Erbgang thatsächlich zum grossen Theil
nach Intestaterbrecht erfolgt, so würde eine Aenderung in diesem
immerhin einen beträchtlichen realen Einfluss haben.

Für wichtiger als den realen Einfluss würde ich übrigens die moralische
Wirkung solcher gesetzlicher Bestimmungen halten, insofern sie im Volke
das Bewusstsein wecken und stärken würden, dass die social passiven
und social aktiven Theile der Gesellschaft einen so verschiedenen
socialen Werth für die Gesammtheit haben, dass sie nicht mit gleichem
Maasse gemessen werden dürfen. Der Satz: „wer nicht arbeitet, soll
auch nicht essen“ muss wenigstens insoweit wieder zu Ehren kommen,
dass die sociale Berufslosigkeit der Missachtung preisgegeben wird,
wo sie verschuldet ist, dass kouponschneidende Müssiggänger und
Müssiggängerinnen nicht mehr der ehrlichen Arbeit zum Hohn ein
luxuriöses Wohlleben führen, sondern auf ein bescheidenes Auskommen
beschränkt werden, und dass diejenigen, welche die staatsbürgerliche
Ehrenpflicht der Familiengründung nicht erfüllt haben, auch nicht
gleiche Rechte wie ihre leistungsfähigeren und leistungswilligeren
Mitbürger zu besitzen verdienen. Der behaglich lebende Junggeselle muss
aufhören, sich vergnügt in die Hände zu reiben, sich seiner Pfiffigkeit
zu rühmen, und hohnlachend auf den dummen Tropf herabzusehen, der
sich im Schweisse seines Angesichts für seine zahlreiche Familie
plagt. Die spöttische Geringschätzung, welche schon jetzt wegen ihrer
Berufslosigkeit oft unverdient genug auf der alten Jungfer lastet, muss
auch auf den körperlich heiratsfähigen alten Junggesellen übertragen
werden, mit doppelter Wucht, weil er nicht auf das Gewähltwerden zu
warten braucht, sondern selber die Wahl frei hat; sie muss sich zum
sittlichen Unwillen steigern, wenn die Entziehung von der socialen
Ehrenpflicht der Familiengründung sich beim Junggesellen mit
berufsloser Unthätigkeit paart, aus welcher man der alten Jungfer
unter den heutigen Verhältnissen kaum einen Vorwurf machen kann.

Wenn auf diese Weise das Gefühl der Verpflichtung zur Familiengründung
in der männlichen Jugend wieder geweckt und die Entziehung von dieser
Ehrenpflicht wieder zu einem Gegenstande der Scham gemacht worden ist,
dann werden auch die jungen Männer mit ganz anderen Augen auf ihre
Zukunft blicken lernen und ihre Gegenwart mit Rücksicht auf diese
Zukunft zu gestalten suchen. Jetzt, wo sie für sich leben, halten sie
es so sehr für das Normale, ihre ganze Einnahme zu verbrauchen, dass
ihnen das Gegentheil gar nicht in den Sinn kommt; dann, wenn sie ihre
Junggesellenzeit nur als Vorstufe zu derjenigen des Familienvaters
ins Auge fassen, werden sie von vornherein ihre Gewohnheiten nach
Maassgabe der letzteren einzurichten haben. Von seelenmörderischen
Lastern, wie dem Spiel, werden sie sich viel leichter frei halten,
wenn ihnen die Perspektive des Familienlebens als Ziel vorschwebt;
die Kosten für Verhältnisse zweifelhaften Charakters werden sie sich
ebenfalls auf Grund des näher gerückten ehelichen Lebens lieber
ersparen, womit dann wiederum der Hauptantrieb zu kostspieligem
Kleiderluxus in Wegfall kommt. Je mehr sie das Bewusstsein haben, sich
für künftiges Familienleben vorzubereiten, desto mehr werden sie den
Familienverkehr der Kneipe vorziehen, desto mehr wird die Verführung
der Kneipe zur Gewöhnung an übermässige Fleischnahrung, Trinken und
Rauchen zurücktreten, desto weniger werden sie von ihrer Nachtruhe der
Erholung opfern und desto besser werden sie für ihre Gesundheit und
die Erhaltung ihrer Nervenkraft sorgen. Glücklicherweise beginnt das
Rauchen in der gebildeten Jugend jetzt ebenso aus der Mode zu kommen,
wie das Tabakkauen und Schnupfen es schon lange ist, und gegen das
sinnlose Trinken erhebt sich aus studentischen Kreisen selbst ebenso
eine Reaktion wie aus medicinischen Kreisen gegen den eine Zeitlang
begünstigten übermässigen Fleischgenuss. Wer aber an gesundheitsgemässe
gemischte Kost gewöhnt ist und weder raucht, noch trinkt, noch spielt,
der hat für seine Person kaum noch ein Opfer zu bringen nöthig, wenn
er zur Ehe schreitet, der wird auch vor der Ehe nicht in Versuchung
gewesen sein, sein ganzes Berufseinkommen für sich zu verbrauchen,
sondern wird zeitig angefangen haben zurückzulegen, sei es in Form von
Ersparnissen oder von Alters- und Lebensversicherung oder sonst wie.
Ein solcher Mann wird beim Uebergang zum Familienleben nur gewinnen,
vorausgesetzt, dass er ein gesundes, arbeitsfähiges, arbeitswilliges
und anspruchsloses Mädchen wählt.

Wenn es bei einem gesunden Zeitgeist und Standesgeist das Natürlichste
ist, ein solches Mädchen in seinem Stande zu suchen, so muss dies bei
einem korrumpirten Standesgeist, bei einem zur Unsitte gewordenen
Leben über den Stand hinaus, ebenso bedenklich erscheinen wie unter
normalen Verhältnissen das Heirathen über seinem Stande. Niemand darf
sich für einen Herzenskündiger halten, am wenigsten, wenn Amor ihm
die Binde um die Augen gelegt hat; deshalb wird Niemand sich zutrauen
dürfen, den Charakter seiner Erkorenen so zu durchschauen, dass er sich
auf Grund ihrer guten Vorsätze gegen jeden Rückfall in luxuriösere
Gewohnheiten, als sie bei ihm fortsetzen kann, gesichert halten dürfte.
Es bleibt also bei der Trüglichkeit der subjektiven Diagnose dem
Heirathskandidaten nur das objektive Merkmal übrig, ob die bisherigen
Gewohnheiten, welche seine Erwählte in der Lebenshaltung ihres
Elternhauses sich angeeignet hat, nicht über das Maass von Komfort
hinausgehen, welches er ihr gewähren kann. Ist dies der Fall, so muss
er sich darüber klar sein, dass auch die beste und bescheidenste Frau,
die sich willig in die ihr neuen, einfacheren Verhältnisse findet,
doch nie aufhören wird, ihr Herabsteigen als ein ihm dargebrachtes
Opfer zu empfinden, welches vorweg durch einen Ueberschuss an Liebe
über die sonst zu verlangende hinaus ausgeglichen werden muss. Für den
Mann ist es ein Leichtes, das Weib seiner Wahl zu sich emporzuheben,
da die meisten Frauen sich mit wunderbarem Geschick höheren Ansprüchen
anzupassen und in einem höheren Kreise heimisch zu machen verstehen;
dagegen fällt es dem Weibe unendlich schwer, sich zu dem Manne
ihrer Wahl so herabzulassen, dass er es nicht mehr als Herablassung
fühlt. Die Frau vergleicht niemals die Lage, in welche sie ohne die
geschlossene Ehe nach dem Tode ihrer Eltern gekommen sein würde, mit
der in der Ehe ihr zu Theil gewordenen, sondern immer nur diejenige,
welche sie als Mädchen thatsächlich im Elternhause durchlebt hat; denn
die Frau kümmert sich nicht um abstrakte Möglichkeiten der blossen
Vorstellung, sondern hält sich an die ihrem Gedächtniss anschaulich
eingeprägte Erfahrung als allein reell in Betracht kommendes
Vergleichsobjekt. Fällt dieser Vergleich für die Gegenwart ungünstig
aus, so hilft kein Hinweis auf das, was inzwischen vermuthlich an
deren Stelle getreten sein würde, denn die Möglichkeit bleibt ja
unbestreitbar, dass sie vielleicht auch noch eine bessere Partie hätte
machen können.

Will also der Mann sicher gehen, so muss er seine Wahl auf solche
Familien seines Standes beschränken, welche der Verirrung des
Zeitgeistes erfolgreich Widerstand geleistet und ihre Töchter so
einfach gehalten, so anspruchslos erzogen und so zur Arbeitsamkeit
gewöhnt haben, dass sie das ihnen dargebotene Loos an seiner Seite
ohne Herablassung und ohne Umlernen in ihren Gewohnheiten annehmen
könne. Ein Mann, dessen voraussichtliche Einnahme mit 30, 40, 50 und
60 Jahren die Höhe von 30, 40, 50 und 60 hundert Mark nicht übersteigt
(wie dies durchschnittlich bei unsern meisten höheren Berufsarten
thatsächlich nicht der Fall ist), kann schlechterdings nur mit einer
Frau zufrieden und behaglich leben, welche fähig und willens ist, ihre
eigene Köchin, Kinderwärterin und Schneiderin zu sein und sich nur
für die grobe Hausarbeit eine Hülfe zu halten. Eine solche wird er
aber nur in einem Hause suchen dürfen, das selber mit höchstens einem
Dienstboten oder womöglich ohne solchen mit einer blossen Aufwärterin
auskommt, und auch sonst in Kost, Kleidung, Wohnung, Reisen u. s. w.
sich der grössten Bescheidenheit befleissigt, keinesfalls aber in einem
solchen, wo die erwachsenen Töchter gewohnt sind, sich bedienen zu
lassen, statt selbst den Eltern und dem Ganzen der Familie zu dienen.
Findet er aber keine solche Familie in seinem Stande, oder doch keine,
deren Töchter sein Herz zu gewinnen vermögen, so soll er darum sich
nicht von seiner Pflicht entbunden erachten, sondern den einfachen
Ausweg einschlagen, so weit von seinem Stande herabzusteigen, als die
Gemüthserziehung und Charakterbildung der Töchter noch ausreichend
scheint, um seinen Kindern die nothwendige mütterliche Erziehung zu
sichern.

Würde das erstere allgemein unter der männlichen Jugend, so würden
alle über ihren Stand hinaus lebenden Familien damit bestraft, dass
ihre Töchter sitzen blieben, und nur die vernünftigen erhielten in der
ausnahmsweisen Verheirathung ihrer Töchter die Prämie für den Muth
und die Ausdauer ihres Schwimmens gegen den Strom. Würden an Stelle
aller Töchter der über ihren Stand hinaus lebenden Familien von den
jungen Männern Töchter aus geringerem Stande gewählt, so würde der
korrumpirte weibliche Theil der höheren Stände von der Fortpflanzung
ausgeschlossen, ohne dass darum die in dem männlichen Theil derselben
Stände niedergelegten erblichen Eigenschaften dem Kulturprocess mit
verloren gingen; an Stelle der Blutserneuerung des Standes durch
Einrücken von ganz neuen Elementen aus den niederen Ständen träte dann
eine halbseitige Blutsauffrischung durch Konnubium mit den minder
entarteten Töchtern der nächstniederen Stände. Diese halbseitige
Blutsauffrischung hat jedenfalls vor der gänzlichen Blutserneuerung
des Standes den Vortheil, dass die durch Vererbung angehäuften
Eigenschaften wenigstens des männlichen Theils für die weitere
Betheiligung des Standes an der Kulturarbeit konservirt werden; aber
sie macht die Forderung nicht überflüssig, dass man Mittel und Wege
aufsuchen müsse, um wo möglich auch die weibliche Hälfte der höheren
Stände vor einer solchen Ausschaltung zu bewahren.

Das bei weitem wirksamste Mittel würde jedenfalls das Bewusstsein
von der drohenden Ausschaltung durch Verheirathung aller Männer mit
Mädchen geringeren Standes sein; denn der letzte Grund für das Drängen
gerade des weiblichen Geschlechts nach Luxus ist doch schliesslich
nur die Hoffnung, durch solchen Schein einer Erhabenheit über das
Durchschnittsniveau ihres Standes die Männer zu blenden und für sie
anziehender und begehrenswerther zu werden. Sobald die Ueberzeugung
im weiblichen Geschlecht allgemein würde, dass dieses Streben den
umgekehrten Erfolg hat, würde dessen Nerv gelähmt sein. Der Irrthum
aber, durch welchen die Mädchen bisher zu diesem verkehrten Verfahren
sich haben verleiten lassen, entspringt aus der Verwechselung zwischen
der Anziehungskraft, die ein Mädchen auf einen Mann zur vorübergehenden
Unterhaltung ausübt, und derjenigen, welche sie auf einen solchen als
Heirathskandidaten ausübt. Nur die erstere macht sich den Mädchen in
jeder Gesellschaft und auf jedem Balle sinnlich wahrnehmbar, während
die letztere sich in ihren Ursachen dem Verständniss der Mädchen zu
sehr entzieht. Aber ein wenig Nachdenken könnte sie doch lehren,
dass die am meisten umschwärmten Löwinnen der Bälle und Landpartien
ebenso oft und noch öfter sitzen bleiben als die unbeachteten und
unscheinbaren Wegeblümchen. Eine grosse Schuld der Bestärkung in diesem
Irrthum tragen leider die Mütter, indem sie nach dem Eintritt in die
Ehe nicht aufhören wollen, auf die zum Theil dem Luxus der Erscheinung
zugeschriebenen gesellschaftlichen Erfolge zu verzichten, vielmehr
den Verlust der jugendlichen Reize durch Steigerung der Toilette zu
ersetzen suchen. Solchen Müttern geschieht dann ganz Recht, wenn sie
das ihren Töchtern gegebene Beispiel mit deren Sitzenbleiben büssen
müssen.

Man kann sagen, dass der letzte handgreifliche Grund unserer
verschrobenen Weiber in dem höheren Töchterschulwesen liegt, das
sich erst in dem letzten halben Jahrhundert entwickelt hat. Könnten
wir diese Entwickelung mit einem Streich rückgängig machen, und
unsere Töchter auf das Niveau der Volksschulbildung, mit dem unsere
Grossmütter sich begnügen mussten, zurückschrauben, so würden
sie ebensowenig, wie diese es thaten, sich für zu vornehm und zu
gebildet zur Erfüllung ihrer natürlichen und socialen Pflichten, zur
Kinderpflege und Hausarbeit halten. Hat doch selbst die Jungfernfrage
nur dadurch ihre Schärfe bekommen, dass die Jungfern der höheren Stande
nicht mehr wie früher in den Hauswesen ihrer Verwandten arbeiten und
dienen wollen. Alle Halbbildung ist ein Fluch und nicht ein Segen;
unsere höhere Töchterschulbildung aber ist Halbbildung der schlimmsten
Art und erzeugt naturgemäss auch die Folgen einer solchen.

Nun lässt sich aber eine fünfzigjährige geschichtliche Entwickelung
nicht so ohne Weiteres annulliren, und es sind ja auch in der
Töchterschule berechtigte und der Pflege werthe Elemente vorhanden,
welche man nicht mit der Wurzel ausreissen sollte, selbst wenn man
es könnte. Ich begnüge mich hier mit Aufstellung der Forderung, dass
der Unterricht bis zum 14. Jahre nur 4 Stunden täglich, nachher nur 3
Stunden (mit Ausschluss von Rechnen und Gesang) umfassen darf, dass
nur eine fremde Sprache (die französische) getrieben werden und dass
für die häuslichen Arbeiten nicht mehr als eine Stunde in Anspruch
genommen werden darf. Hierdurch würde die gesundheitsschädliche
Ueberanspannung der Mädchengehirne beseitigt und die Möglichkeit
einer zunehmenden häuslichen Nebenbeschäftigung der Schulmädchen
eröffnet. Eine fakultative Ausdehnung der Schulzeit auf 11-12 Jahre
mit nur 2 täglichen Unterrichtsstunden in den beiden letzten Jahren
würde den jetzt so schroffen Uebergang von der Schule zur häuslichen
Selbstthätigkeit allmählicher machen und der Schule erst Gelegenheit
geben, Disciplinen wie Kunstgeschichte mit wirklichem Nutzen zu
pflegen, die jetzt nur mehr als schöne Aushängeschilder in den
Schulprogrammen prangen und bloss den Mädchen mit dem Glauben an die
erlangte Bildung den Kopf verdrehen.

Sache der Mütter ist es, die Töchter sowohl in den Schuljahren mit
abnehmender Schulzeit wie nach beendigter Schulzeit mit Ernst und
Strenge zu geordneter und nützlicher häuslicher Thätigkeit anzuhalten,
Sache der Väter, ebensowohl den heranwachsenden Töchtern wie den
heranwachsenden Söhnen gegenüber die Hand auf den Beutel zu halten,
damit sich beide nicht frühzeitig an ein Maass von Ausgaben gewöhnen,
von dem nach der Verheirathung oder nach des Vaters Tode zurückstehen
zu müssen sie später als schmerzliche Entbehrung empfinden würden.
Wenn jeder Familienvater seiner Pflicht eingedenk bleibt, den Etat des
Hauswesens niemals blos nach den augenblicklich verfügbaren Mitteln
einzurichten, sondern immer zugleich die Zukunft der Familie im Auge
zu behalten, dann wird sich ganz von selbst eine Einrichtung des
Hauswesens ergeben, welche sowohl die Söhne wie die Töchter für ihre
künftige Aufgabe eigener Familiengründung vorbereitet.

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