Die Gleichstellung der Geschlechter.

Niemand wird der excentrischen Ansicht einiger Physiologen beistimmen,
dass der männliche wie der weibliche Organismus nur ein Appendix der
bezüglichen Fortpflanzungswerkzeuge, ein zur Sicherstellung ihrer
Funktionen unentbehrlicher Hülfsapparat sei; aber dennoch liegt in
dieser Uebertreibung eine Wahrheit, die von allen Denjenigen übersehen
wird, welche für Gleichheit der Geschlechter schwärmen. In dem
physiologischen Geschlechtscharakter des Mannes und Weibes ist nicht
nur ein Unterschied, sondern geradezu ein Gegensatz anzuerkennen,
und dieser auf keine Weise aus der Welt zu schaffende Gegensatz ist
bestimmend für das gesammte natürliche und geistige Leben der Menschen.
Dieser Gegensatz ist derjenige von Aktivität und Passivität, von
Begehren und Gewähren, Werben und Umworbensein; er besteht nicht nur
in der Gesellschaft der Unverheiratheten, sondern setzt sich auch
im ehelichen Leben fort. Ein Mann von geschlechtlicher Passivität
erscheint als ein hinter seiner natürlichen Aufgabe zurückbleibender,
unmännlicher Mann; ein Weib von geschlechtlicher Aktivität erscheint
als ein ihre Sphäre überschreitendes, unweibliches Weib. Wären beide
aktiv, so würde das Geschlechtsleben alle übrigen Seiten des Lebens
überwuchern; wären beide passiv, so würde der Naturzweck nicht mehr
hinlänglich gesichert sein. Darum erscheint es als eine teleologische
Einrichtung der Natur, dass das eine Geschlecht seinem normalen
Instinkte nach aktiv, das andere passiv ist, und es heisst die
Zweckmässigkeit dieser Natureinrichtung verkennen, wenn man dem einen
oder dem andern Geschlechte aus seiner Naturanlage einen Vorwurf macht,
oder wenn man dahin strebt, die socialen Folgen und Erscheinungsformen
dieses Gegensatzes künstlich abzustumpfen und auszugleichen. Wenn
dieses Bestreben in weiterem Umfange von Erfolg gekrönt wäre, so müsste
es das männliche Geschlecht unmännlich, oder das weibliche unweiblich
machen, oder beides zugleich in gewissem Grade, und die üblen Folgen
für die Erhaltung der Bevölkerung könnten nicht lange ausbleiben.

Wäre der Mann nicht begehrend, so hätte das Weib nichts zu gewähren,
was dem Manne werthvoll schiene, so hörte damit auch die Macht des
weiblichen Geschlechts über das männliche auf. Denn diese Macht beruht
lediglich darauf, dass das Weib etwas zu gewähren hat, was der Mann
begehrt, und dass die geschlechtliche Passivität dem Weibe das Versagen
leichter macht, als dem Manne das Entsagen. Diese Macht ist aber
auch so gross, dass überall und in allen Völkern die thatsächliche
Beherrschung des männlichen Geschlechts durch das weibliche trotz
des äusseren Scheines vom Gegentheil die Regel bildet; das durch sie
hergestellte Verhältniss überdauert gewohnheitsmässig die Periode der
geschlechtlichen Bethätigung und drückt dem ganzen socialen Leben sein
Siegel auf. So lange man diese auf dem Geschlechtsgegensatz beruhende
geheime Uebermacht des weiblichen Geschlechts nicht brechen kann,
muss als nothwendiges Gegengewicht gegen dieselbe eine rechtliche
Vorherrschaft des männlichen Geschlechts aufrecht erhalten werden, um
das Gleichgewicht nur einigermassen wieder herzustellen. Gelänge es
dagegen den Vorkämpfern für Geschlechtergleichstellung, alle Vorrechte
der Männer in Staat und Gesellschaft, in Recht und Sitte zu beseitigen,
so würde damit eine Periode der reinen Weiberherrschaft inaugurirt
werden, wie nicht die Geschichte, nur die Sage sie bisher kennt.
Die Schwärmerei für abstrakte Gleichstellung schlägt also praktisch
mit Nothwendigkeit in ihr Gegentheil um, weil sie die wirksamsten
Thatsachen ignorirt, sofern dieselben sich der Regelung durch
gesetzliche Schablonen entziehen.

Erst in zweiter Reihe kommt die Erwägung in Betracht, dass die
Gefühlsmässigkeit des weiblichen Handelns, welche in der Familie und
der Geselligkeit so wohl am Platze ist, schlechterdings ungeeignet
ist zur Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten, in denen es auf
Alleinherrschaft der Vernunft ankommt. Gerechtigkeit und Billigkeit
würde nach dem Eintritt der Frauen ins öffentliche Leben noch weit
weniger anzutreffen sein, als jetzt, dagegen würde der Nepotismus
und die Intriguenwirthschaft noch mehr Boden gewinnen, und das ganze
öffentliche Leben würde sich immer mehr zu dem vermittelungslosen
Gegensatz zwischen einem pfäffisch gegängelten Gefühlskonservatismus
und einem demagogisch verhetzten, fanatischen Radikalismus zuspitzen.
Statt einer Stimme würde jede Frau über zwei verfügen, es sei denn,
dass ihr Mann bereit wäre, den häuslichen Frieden und das Familienglück
seiner politischen Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. In allen
katholischen Ländern wäre der Sieg der klerikalen Partei besiegelt und
für die Dauer gesichert, und die Gesammtheit der unter ultramontanen
Ministerien stehenden, d. h. von Rom aus geleiteten Staaten würden
eine Macht darstellen, die ausreichte, den allmählichen Triumph des
jesuitischen Papstthums auf der ganzen Erde zu verbürgen; Niemand hätte
also mehr Anlass auf politische Gleichstellung der Frauen hinzuwirken,
als die Ultramontanen, und für Niemand arbeiten die Vorkämpfer der
Frauen-Emancipation in höherem Maasse als für die katholische Kirche.

Weil die Fortpflanzungsfunktion, die vom Manne nur gelegentlich und
nebenbei ausgeübt wird, ohne ihn in seinem sonstigen Berufe zu hindern,
dem Weibe die schwersten Lasten auferlegt und als der Höhepunkt
und Angelpunkt des weiblichen Lebens erscheint, darum ist auch der
weibliche Organismus in weit höherem Grade als der männliche auf diese
Funktion hin veranlagt und durchgebildet, und findet in ihr seinen
Schwerpunkt, wie der männliche in den Funktionen des Gehirns und der
willkürlichen Muskeln. Ein Maass an körperlicher oder geistiger Arbeit,
das der männliche Organismus ganz wohl ohne Nachtheil verträgt, richtet
den weiblichen Organismus bald zu Grunde, oder nutzt ihn wenigstens
in viel kürzerer Zeit ab. Schwere körperliche Arbeit konsumirt die
weibliche Leistungskraft viel rascher, als die männliche, führt zu
vorzeitigem Alter und Erschöpfung, setzt die Widerstandsfähigkeit
gegen Krankheitseinflüsse herab und kürzt durch alles dies die
Lebensdauer ab. Noch weit schädlicher wirkt angestrengte geistige
Arbeit auf den weiblichen Organismus, denn das weibliche Gehirn und
Nervensystem verträgt lange nicht soviel, wie das männliche, weshalb
schon die Erziehung und geistige Ausbildung beider Geschlechter stets
eine verschiedene bleiben muss. Am ehesten verträgt der weibliche
Körper eine Berufsthätigkeit, in welcher leichte körperliche und
leichte geistige Arbeit gemischt ist, und dem Körper nur mässige
Bewegung zugemuthet wird. Diese Berufsarten (Schneiderei, Gärtnerei,
Kleinhandel, Küche und Hauswirthschaft, Kinder- und Krankenpflege)
sind aber doch zu beschränkt, um jemals eine Gleichstellung des Lohnes
der weiblichen Arbeit mit der männlichen zu ermöglichen. Selbst bei
dem Klassenunterricht kleinerer Kinder nutzt die weibliche Lehrkraft
sich soviel schneller ab, dass die Ersparnisse am Lehrergehalt durch
Mehrbelastung des Pensionsfonds in Folge früherer Pensionirung
aufgewogen werden. Das weibliche Geschlecht bleibt darum in der
Hauptsache — und ganz besonders in den die Kultur tragenden und
fördernden Gesellschaftsschichten — doch immer auf die Ernährung durch
die Arbeit des männlichen angewiesen, wofür seine sociale Gegenleistung
in der Hauswirthschaft, Fortpflanzung und Kinderpflege besteht.

Auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Sitte ist die Schwärmerei für
Gleichstellung und gleiche Beurtheilung der Geschlechter nicht minder
verkehrt, wie auf demjenigen der Politik und der Berufsarbeit. Entweder
gehen die Emancipationsbestrebungen dahin, dass auch dem Weibe alles
erlaubt sein müsse, was dem Manne von der Sitte gestattet ist —
dann führen sie zu einer alles Familienleben zerrüttenden und das
Volkswohl untergrabenden Libertinage; oder der Gleichheitsformalismus
tritt moralisirend auf und verbietet dem Manne jede Freiheit, die dem
Weibe durch die Sitte versagt ist, dann führt er zu einem lächerlichen
Rigorismus, welcher der Natur Unmögliches zumuthet und den Rückschlag
in sein Gegentheil oder in heuchlerischen Pharisäismus unvermeidlich
macht.

Nur in einem Punkte ist die Forderung, dass der Mann ebensowenig
Freiheit haben dürfe, wie die Frau unbedingt zuzugeben, nämlich in
der monogamischen Ehe, deren Wesen gleiche Treue von beiden Seiten
und gleiche sittliche Beherrschung etwaiger instinktiver Velleitäten
zur Untreue erheischt. Aber selbst hier bleibt die Wahrheit bestehen,
dass die Verletzung der Treue von Seiten des Mannes und von Seiten
der Frau einen ganz verschiedenen Grad der Missbilligung hervorruft,
weil sie ganz verschiedene sociale Folgen nach sich zieht, weil die
eine sich ausserhalb, die andere innerhalb der Familie vollzieht, weil
die eine das Verhältniss der Kinder zu den Eltern und Geschwistern
unberührt lässt, die andere es völlig zerstört oder doch durch Zweifel
untergräbt. Der Mann einer notorisch untreuen Frau hat nur die Wahl,
entweder Vaterpflichten gegen untergeschobene Bastarde zu üben, oder
seine eigenen Kinder durch Scheidung mutterlos zu machen; kann er
die Untreue nicht juridisch beweisen, so bleibt ihm nicht einmal
diese Wahl, sondern er muss sich der empörenden Nothwendigkeit fügen,
Kindern, die er nicht für die seinigen halten kann, Kindesrechte
gegen sich einzuräumen. Schon der blosse Verdacht vergiftet das
Familienleben, weil es immer das eigene Nest ist, das die etwaige
Untreue der Frau beschmutzt. Dagegen lässt die Untreue des Mannes, weil
sie ausserhalb des Kreises der Familie fällt, den Familienstand und
die Stellung der Frau als Mutter und Hausherrin intakt, wenn sie auch
den Rechten und Gefühlen der letzteren eine moralische, und möglicher
Weise auch dem Familienwohlstand eine materielle Schädigung zufügt.
Darum hat die gekränkte Frau freie Wahl, ob sie unversöhnlich auf ihrem
formellen Recht der Scheidung bestehen, oder ob sie vergeben und ihren
Kindern das gemeinsame Familienleben erhalten will; das Vergeben ist
ohne Beeinträchtigung ihrer Würde möglich, was bei dem gekränkten Manne
nicht der Fall ist, und darum hat allein die Frau das Vorrecht, sich
mit der göttlichen Milde des Verzeihens zu schmücken, welche den Mann
in gleicher Lage verächtlich macht.

Viel durchgreifender, als in der ehelichen Treue sind die aus dem
Geschlechtsgegensatz abfliessenden Unterschiede in Bezug auf das
Leben vor der Ehe. Ein Mann, welcher gegen das geschlechtliche
Vorleben des zu wählenden Weibes gleichgültig ist (wie gewisse
spekulative Heirathsannoncen es verkünden) macht sich verächtlich;
ein Weib dagegen, welches ohne Zweifel an der Ehrenhaftigkeit eines
Bewerbers daran Anstoss nimmt, dass er schon vor der Bewerbung um
sie geschlechtlich aktiv war, macht sich lächerlich (so z. B. die
Heldin in Björnson’s Schauspiel: „Der Handschuh“). Wäre der Mann
nicht geschlechtlich aktiv, so würde er sich an der Freundschaft mit
Frauen genügen lassen, und höchstens noch aus äusserlichen, nicht
zur Sache selbst gehörigen Motiven zur Ehe sich entschliessen; jedes
feinfühlige Weib sträubt sich aber mit Recht dagegen, bloss aus
solchen äusseren Motiven zur Ehe begehrt zu werden. Kann also das
Weib nur bei einem seiner Natur nach geschlechtlich aktiven Mann
erwarten, um ihrer selbst willen geheirathet zu werden, so ist es
eine naturwidrige und unverständige Forderung, dass diese Aktivität
bis zur Bekanntschaft mit ihr habe latent bleiben und erst bei ihrem
Anblick erwachen sollen. Umgekehrt dagegen hat der Mann das Recht,
ein weibliches, das heisst geschlechtlich passives Weib in seiner
Erkorenen vorauszusetzen, mit anderen Worten eine Jungfrau, die auf
den Mann ihrer Wahl gewartet hat, um sich von ihm aus dem träumenden
Schlummer zum wachen Liebesleben wecken zu lassen. Es liegt der höchste
Reiz für das männliche Liebeswerben darin, ein noch unbeschriebenes
Blatt vorzufinden, in das er seine Schriftzüge eingraben kann, eine
noch reine Passivität, d. h. eine noch potentielle Gegenliebe, die
er erst durch seine Aktivität zur Aktualität erhebt. Darum gilt die
Jungfräulichkeit der Braut als selbstverständliche, stillschweigende
Voraussetzung der Eheschliessung, und jede Täuschung über dieselbe
als gesetzlicher Ehescheidungsgrund, ebensogut wie Ehebruch. Wollte
man aber dem entsprechend auch die Jungfräulichkeit der Bewerber zur
Bedingung gültiger Ehen machen, so würden in der Hauptsache nur noch
solche Männer legitime Familien gründen, deren physiologischer Defekt
die Fortpflanzung ihrer Naturanlage nicht wünschenswerth macht, und es
würde durch die Zuchtwahl mehrerer Generationen bei schnell abnehmender
Bevölkerung eine Sorte von Männern producirt werden, die gar nicht mehr
an Verheirathung denkt.

Ein Mädchen, das sein Lebensglück ihrem Bewerber anzuvertrauen im
Begriff steht, thut freilich wohl, alle thatsächlichen Anhaltspunkte
in Betracht zu ziehen, welche zur Erschliessung seines Charakters
beitragen können, und zu solchen gehört zweifellos in erster Reihe
die Art seines Verhaltens gegen andere Frauen, zu denen er bereits
in Beziehung gestanden hat; aber es kommt dabei nicht sowohl auf die
Thatsache an, dass er schon vorher andere Verhältnisse angeknüpft
hatte, als vielmehr darauf, wie er sich in denselben benommen hat,
und vor allen Dingen, wodurch dieselben gelöst worden sind. Einen als
schuldigen Theil geschiedenen Ehemann zu heirathen, ist mindestens ein
Wagniss, über dessen üblen Ausfall sich kein Weib nachher beklagen
kann. Auch bei Vermeidung jeder Unehrenhaftigkeit treten oft genug die
bedenklichsten Charakterzüge, wie Leichtsinn, Selbstsucht, Genusssucht,
Rücksichtslosigkeit, Unverträglichkeit, Hartherzigkeit, Undankbarkeit,
Frivolität u. s. w. zu Tage, welche jedes besonnene Mädchen davon
abschrecken müssen, sich einem solchen Charakter anzuvertrauen. Aber
es ist dies offenbar etwas ganz anderes, als die Forderung, dass der
Mann keine andern Verhältnisse angeknüpft haben solle, und darf mit ihr
nicht verwechselt werden. War das Verhalten desselben vorwurfsfrei, so
bietet vielmehr ein so in den Prüfungen des Lebens bewährter Bewerber
eine ungleich grössere Bürgschaft als ein gleichaltriger Unerprobter.
Wenn es auch zweifelhaft sein mag, ob der Mann zwei Frauen zugleich
wahrhaft lieben könne, so ist es doch unzweifelhaft, dass er mehrere
nach einander mit ganzem und vollem Herzen lieben könne, und die
Behauptung, dass nur Eine Liebe die wahre sei, ist eine unstatthafte
Verallgemeinerung eines für die weibliche Empfindungsweise wahren
Satzes auf den Menschen als solchen.

Der Organismus des Mannes bleibt davon völlig unberührt, wenn derselbe
aus einem Junggesellen zum Gatten und Vater wird; er empfängt nichts
zu dem Seinigen hinzu und wird durch das, was er giebt, nicht ärmer.
Das Weib hingegen verhält sich nicht gebend, sondern empfangend
und tritt dadurch in ein ganz neues physiologisches Lebensstadium,
das ihren Organismus bis in seine kleinsten Theile alterirt. Eine
Mutter hat überdiess Monate lange mit einem zweiten Organismus in
Blutaustausch gelebt, dessen Blutbereitung nur zur Hälfte durch die
ererbten mütterlichen, zur andern Hälfte durch die ererbten väterlichen
Eigenschaften bestimmt war, sie hat also ihre Gewebe theilweise mit
einem Blute ernährt, das zur Hälfte durch ihren Gatten bestimmt war,
und hat dadurch Eigenschaften des letzteren in gewissem Grade in
sich aufgenommen, welche zwar in ihr latent bleiben, desto mehr aber
in Kindern einer späteren Ehe wieder zu Tage treten können (was man
ungenau so ausdrückt, dass diese Einflüsse in ganz besonderem Maasse
auf die Fortpflanzungssphäre wirken). Der Gatte einer Wittwe findet
also kein unbeschriebenes Blatt mehr vor, sondern einen in gewissem
Grade durch seinen Vorgänger mitbestimmten Organismus, mit dessen
Vererbungstendenzen die seinigen erst den Kampf aufzunehmen haben.
Ein Weib giebt sich demnach in der That ihrem Gatten mit Seele +und
Leib+ hin, ein Mann seiner Gattin bloss mit der Seele, und mit dem
Leibe nur insofern, als er die Verpflichtung übernimmt, für sie mit
zu arbeiten. Mit diesem physiologischen Unterschiede der Rückwirkung
der Ehe auf beide Geschlechter hängt der Gegensatz im Instinkt beider
Geschlechter auf das engste zusammen. So lange die Schwärmer für
Gleichstellung der Geschlechter jenen physiologischen Unterschied
nicht wegdekretiren können, werden sie vergeblich an dem Gegensatz der
Instinkte rütteln und werden mit einer beide Unterschiede ignorirenden
socialen Gleichmacherei nur widernatürliche Zerrbilder liefern, die an
ihrer inneren Absurdität scheitern.

Hiermit soll keineswegs auf die Wiederverheirathung der Wittwen ein
Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser
Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird,
des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder
geschiedene Frau, oder eine solche, die nicht selbst in der Erziehung
ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die
allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise
gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen,
insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht
durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der
Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und
wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben,
nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen.
Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht
von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich
darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den
er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche
persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt
hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat
sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen,
kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin
erzogenen und gezähmten Mann bekommt.

Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal
Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der
erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung
der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn
sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare,
die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken
ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl
bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität
aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der
Duft von den Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das
Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den
Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl
treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone
empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so
entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor
der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht
breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe
ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft.

Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch
schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche
das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume
greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen
Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen
tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume
den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und
noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle
Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte
kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem
ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen
fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden
Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und
einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur
dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe
stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und
Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen
Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen
oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, d. h. mit dem
Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe
Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor
der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit,
in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen
werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine
gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie
ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der
Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher
Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen
Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit
dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von
vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit
ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein.

Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und
bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und
liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische
Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele
für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit
schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der
Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren
Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte
Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von
Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften
sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen
den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem
realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die
phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis
zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit der
letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut,
die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu
wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen
ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses
Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte
Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf
Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben,
so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit
hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine
Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und
womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben,
sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“
Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der
stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten
Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift.
Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines
Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde
der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen,
die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen
Männern reizend zu finden.

Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede
des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich
ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden
beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung
und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten
Reize zur Verehelichung, d. h. zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten
der nächsten Generation, aufhören würden, und damit der Kulturprocess
den schwersten Schaden leiden würde.

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Unsere Stellung zu den Thieren

Die Thiere sind mit uns gleichen Geschlechts, wenn auch nicht gleicher
Art, unsere Vettern älterer Linie, gleichviel ob man in diesem
Ausdruck nur ein Bild oder die treffende Bezeichnung einer wirklichen
genealogischen Verwandtschaft sehen will. Sie sind nach gleichem
Grundtypus gebaut, und ihr natürliches Leben verläuft in den gleichen
natürlichen Verrichtungen wie das unsrige; aber auch ihr Seelenleben
zeigt dieselben Grundfunktionen (Vorstellung und Wille nebst Gefühl),
denselben Widerstreit zwischen Selbstsucht und socialen Instinkten,
und dieselbe geistige Grundanlage für Geberden- und Wortsprache,
wie die relative Verständnissfähigkeit aller höheren Thiere für die
menschliche Wortsprache und die Fähigkeit einiger zur Nachahmung
keineswegs unverstandener Worte beweist. Der Unterschied zwischen
Thier und Mensch ist nur ein solcher des Grades; er wird nur dadurch
scheinbar zu einem Unterschiede der Art, dass alle Säugethiere ausser
dem Menschen stumm sind und darum in ihrem geistigen Leben auch nur
mit stummen Menschen verglichen werden dürfen. Ein Stummer, der nicht
künstlich und mühsam zum Verständniss und Gebrauch der Schriftsprache
erzogen ist, findet sich ebenso wie das Thier auf unartikulirte
Laute und Geberden beschränkt; sein Denken ist allemal anschaulicher
als dasjenige Redender von sonst gleicher Bildungsstufe, aber es
entbehrt doch nicht der Begriffe, wenn es sie auch nicht mit Worten
bezeichnen kann, und vollzieht ebensogut eine logische Verknüpfung der
(anschaulichen und begrifflichen) Vorstellungen wie dasjenige Redender.
In demselben Sinne können wir auch dem anschaulichen Vorstellungsleben
der Thiere weder Begriffe noch logische Verknüpfung der Vorstellungen,
d. h. eigentliches Denken, absprechen, so dass man hier vergeblich
eine scharfe Grenzlinie zwischen Mensch und Thier sucht. Nur weil
die Menschen allmählich eine Wortsprache ausgebildet und den so
entwickelten Wortsprachsinn auf ihre Nachkommen vererbt haben, sind
stumme Menschen soviel bildungsfähiger als Thiere, denen sie sonst auch
der Art nach gleich stehen würden, wogegen der blödsinnige Mensch tief
unter dem normalen Thiere steht.

Dass wir zu den Thieren in moralischen Beziehungen stehen, ist
hiernach zweifellos; die sittliche Verpflichtung, Niemanden zu
verletzen, vielmehr jedem nach Kräften zu helfen, bezieht sich
auf alle empfindenden Lebewesen ohne Ausnahme, gleichviel ob man
dieselben als Mitgeschöpfe desselben Herrgotts, als Kinder desselben
Vaters im Himmel, als natürliche Vettern älterer Linie, oder als
objektive Erscheinungen desselben Einen Weltwesens betrachtet. Die
moralischen Beziehungen des Menschen zu den Thieren bestehen auch
unabhängig davon, ob das einzelne Thier seinerseits zu einer mehr
oder minder vollkommenen oder unvollkommenen Auffassung dieser
Beziehungen im Stande ist, und ob es fähig und gewillt ist, die
Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft des Menschen zu erwidern; das
wäre eine traurige Sorte von Moralität, die von der Gegenseitigkeit
der Leistungen abhängig gemacht würde, und nur da gäbe, wo sie auf
Entgelt oder Lohn von der andern Seite hoffen dürfte. Damit ist aber
nicht ausgeschlossen, dass die moralischen Beziehungen befestigt und
mit reicherem Inhalt erfüllt werden, wo beide Theile zu einander
in ein gemüthliches Verhältniss oder in ein stillschweigendes
Vertragsverhältniss gegenseitiger Leistungen eintreten; denn in solchem
Falle würde das einfache Unrecht einer Verletzung durch Verwickelung
mit Untreue, Undank, Unbilligkeit u. s. w. erschwert. Diese Erschwerung
tritt auch dann ein, wenn die Thiere kein Bewusstsein davon haben, dass
sie dem Menschen durch ihren erzwungenen Gehorsam Dienste leisten; es
genügt, dass der Mensch die Dienste der Thiere annimmt, beziehungsweise
erzwingt, um ihn zu den entsprechenden billigen Gegenleistungen
moralisch zu verpflichten.

Das Thier ist somit moralisches Rechtssubjekt, d. h. das Subjekt
derjenigen moralischen Forderungs-Rechte, welche den moralischen
Pflichten des Menschen ihm gegenüber korrespondiren, und deren
Verletzung für den Menschen ein moralisches Unrecht ist; dagegen kann
der Mensch an das Thier keine höheren moralischen Ansprüche stellen,
als insoweit dessen Fassungsvermögen ihm das Verständniss seiner
moralischen Beziehungen zum Menschen gestattet, hat aber dafür das
moralische Befugniss-Recht, das Thier zwangsweise zu den ihm dienlichen
Leistungen zu verwenden.

Alle bisherigen Rechtssysteme lassen als juridische Rechtssubjekte nur
menschliche Individuen oder statutenmässig festgestellte menschliche
Zwecke (moralische Personen) zu. Es ist kein begrifflicher Grund
abzusehen, warum ein Rechtssystem nicht auch Thiere als juridische
Rechtssubjekte zulassen sollte, da doch blödsinnige Menschen als solche
gelten. Es ist aber ein Missverständniss des Unterschiedes zwischen
moralischen und juridischen Rechten und Pflichten, zu behaupten, dass
von Rechtswegen (d. h. aus dem Gesichtspunkt eines eingebildeten
und seinem eigenen Begriff widersprechenden Naturrechts oder
Vernunftrechts) eigentlich die Thiere auch juridische Rechtssubjekte
sein müssten. Das juridische Recht ist immer positiv, d. h. historisch,
und kann seiner Natur nach immer nur einen Theil der Sphäre des
moralischen Rechts umfassen; welche Theile der Sphäre des moralischen
Rechts in das juridische Rechtssystem, d. h. in die positive
Rechtsordnung durch die Gesetzgebung aufzunehmen seien, kann niemals
selbst wieder von juridischen Erwägungen abhängen, sondern nur durch
Rücksichten der Zweckmässigkeit und Opportunität bedingt sein.

Dass aber ein dringendes Bedürfniss aus Zweckmässigkeitsgründen
bestände, durch Gesetzgebung die juridische Rechtsfähigkeit der Thiere
in unser Rechtssystem einzuführen, das ist entschieden zu bestreiten.
Vor allem würde die Lage der Thiere durch eine solche Aenderung ihrer
formalen Stellung zur Rechtsordnung inhaltlich gar nicht berührt
werden, da ihre Rechte doch immer nur durch Vertretung von Menschen
würden wahrgenommen werden können, wie sie es jetzt nöthigen Falls auch
schon werden (wenn z. B. eine alte Dame eine Summe für die Pensionirung
ihres Lieblingshundes ausgesetzt hat). Die einzige wünschenswerthe
Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Thiere ist die, dass Rohheit
oder Bosheit in deren Behandlung nicht bloss straffällig sein muss,
wenn sie öffentliches Aergerniss giebt, sondern auch, wenn sie als
eine insgeheim erfolgte, oder als eine vor zustimmenden Zuschauern
stattgehabte nachgewiesen werden kann. Diese Abänderung hat aber mit
der Erhebung der Thiere zu juridischen Rechtssubjekten gar nichts zu
thun, denn die Gemeingefährlichkeit des in solcher Handlungsweise
sich offenbarenden Charakters genügt für sich allein schon, um
den Staat in diesem Falle ähnlich wie bei anderen Verbrechen, wo
keinem Rechtssubjekt ein Unrecht geschieht, an seine Pflicht des
Schutzes der Gesellschaft durch rechtzeitige Bekämpfung derartiger
gemeingefährlicher Charaktereigenschaften zu erinnern.

Unser juridisches Verhältniss zu den Thieren ist somit nur indirekter
Art; unser Rechtssystem zieht die moralischen Beziehungen der Menschen
zu den Thieren nur so weit in seine Sphäre, als die Interessen der
+menschlichen Gesellschaft+ durch dieselben berührt werden, zu deren
Sicherstellung und Schutze die Rechtsordnung allein errichtet ist.
Es ist also unrichtig, unser juridisches Verhältniss zu den Thieren
darum als ein direktes aufzufassen, weil unser moralisches Verhältniss
zu denselben ein solches ist; es ist aber auch ebenso unrichtig, die
Unmittelbarkeit des letzteren darum zu bezweifeln oder zu bestreiten,
weil das erstere ein bloss mittelbares ist. Wir haben nicht deshalb
uns der Verletzung der Thiere zu enthalten, weil eine solche unsrer
Menschenwürde nicht gemäss, oder unserem pflichtmässigen Streben nach
Selbstvervollkommnung hinderlich, oder von anderweitigen ungünstigen
Rückwirkungen auf den Handelnden und die menschliche Gesellschaft
sein würde, sondern zuerst und vor allem deshalb, weil wir das
moralische Recht jedes empfindenden Lebewesens ohne Ansehen von Stand
oder Person, also auch ohne Ansehen von Rasse, Species und Genus zu
respektiren haben. Diese Achtung vor allen lebendigen und fühlenden
Mitgeschöpfen (mag man sie nun auf die Achtung vor dem Schöpferwillen
oder auf die Wesenseinheit der verschiedenen Erscheinungsindividuen
gründen) ist einfach eine Forderung der (moralischen) Gerechtigkeit;
denn „Gerechtigkeit“ besagt in letzter Instanz nichts andres als die
Anerkennung der „Gleichgültigkeit des empfindenden Subjekts“.[4]

Wie die moralischen Beziehungen unter Menschen, so müssen
auch diejenigen zwischen Thier und Mensch vor allem auf dem
unerschütterlichen Grunde der (moralischen) Gerechtigkeit ruhen; nur
aus diesem rationalistischen Moralprincip ist eine deutliche und
scharf bestimmte Grenzlinie des Verhaltens abzuleiten, nicht aus den
schwankenden Principien der Gefühlsmoral. Letztere sind unentbehrlich,
theils um die Motivationskraft des gerechten Verhaltens zu verstärken,
theils um innerhalb des von der Gerechtigkeit gelassenen Spielraums
dem positiven Wohlwollen zur Geltung zu verhelfen; aber sich selbst
überlassen sind sie gerade die stärksten Verführer zu ungerechtem und
unbilligem Verhalten, und es ist ganz unmöglich, die Gerechtigkeit
aus einem einzelnen Gefühlsmoralprincip (z. B. dem Mitleid) oder aus
der Summe derselben abzuleiten. Wer sich in seinem Verhalten zu den
Thieren von der Gerechtigkeit leiten lässt, der wird so wie so, ob er
mitleidig ist oder nicht, dem Thiere nichts Unbilliges zumuthen oder
zufügen, und das Mitleid käme bei ihm nutzlos hintennach gehinkt,
wenn es mitsprechen wollte; wer aber sich von dem Mitleid, der
Gutmüthigkeit und Weichherzigkeit bestimmen lässt, der wird in seinem
Verhalten nur durch Zufall mit den Forderungen der Gerechtigkeit
gelegentlich übereinstimmen, und oft genug dieselben verletzen. Wenn
der weichherzige Thierfreund eine arme Familie keuchend einen schwer
belasteten Handwagen ziehen und schieben sieht, so neigt er stets dazu,
sich zum Anwalt des mitangespannten überbürdeten Hundes aufzuwerfen und
zu Gunsten desselben die überbürdeten Menschen noch mehr zu überbürden;
er vergisst dabei nur, dass der gut behandelte Familienhund es als sein
Recht und seine Ehre betrachtet, sich mit seinen Herren mitzuplagen,
und dass die Menschen bei ihrer scheinbar freiwilligen Quälerei oft
weit mehr unter der Geissel eines zwingenden Schicksals stehen und weit
schwerer unter diesem harten Zwange leiden, als das vom Menschen zur
Arbeit gezwungene Thier. So lange die Menschen noch im Schweisse ihres
Angesichts ihr Brod verdienen und zeitweilig über ihre Kräfte sich
anstrengen müssen, wird es eine Ungerechtigkeit bleiben, ihnen jede
auch nur zeitweilige Ueberanstrengung der Arbeitsthiere zu verwehren.
Eine Ueberanstrengung der Arbeitsthiere aus unzureichenden Gründen
ist dagegen ebenso ungerecht wie unvernünftig und bedarf zu ihrer
Verurtheilung nicht erst des Mitleids.

Das Mitleid ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert: insoweit es
Unlust ist, drängt es ebensosehr dazu, den Anblick der Gelegenheiten
seiner Entstehung durch Ausweichen zu meiden als diejenigen
abzustellen, deren Anblick man auf keine Weise aus dem Wege gehen
kann; soweit es aber ein Gefühl ist, das dazu anlockt, seine Anlässe
aufzusuchen, ist es ein Lustgefühl und als solches verleitet
es zugleich dazu, die zu bemitleidenden Leiden nicht nur nicht
abzustellen, sondern geradezu erst recht herbeizuführen. Das Mitleid
ist der Grausamkeitswollust eng verwandt, und es ist ganz irrthümlich
zu glauben, dass Giftmischer oder Thierquäler aus Passion kein Mitleid
mit ihren Opfern empfinden, da sie ohne eine starke Emotion des
Mitgefühls gar keine so starke Lust aus dem fremden Leid schöpfen
könnten. Deshalb geht man fehl, wenn man glaubt, den passionirten
Thierquäler durch Erweckung seines Mitleids von seiner verworfenen
Neigung abbringen zu können; erst wenn man ihn nöthigt, sich selbst als
das von einem andern in gleicher Weise gequälte Wesen vorzustellen und
durch diese Vorstellung sein Gerechtigkeitsgefühl zur Reaktion bringt,
wird man hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen. Denn selbst von einem
andern gequält zu werden, empfindet jeder als ein angethanes Unrecht,
so dass es nur der Abstraktion von der Individualität des Gequälten und
des Quälers bedarf, um das Unrecht auch bei der Umkehrung einzusehen.

Auf der andern Seite schiesst das Mitleid mit den Thieren über das
Ziel hinweg, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob wir uns mit
denselben im Kriegs- oder Friedenszustande befinden. Nun befindet
sich aber die Menschheit mit allen Thierarten im Kriegszustande,
denen gegenüber sie sich im Kampfe ums Dasein zu behaupten hat, und
nur mit denjenigen im Friedenszustande, welche im Kampf ums Dasein
mit der übrigen Thierwelt entweder helfende Bundesgenossen oder doch
wenigstens Neutrale sind. Die Religion des Mitleids, der Buddhismus,
verlangt, dass man sich ruhig von Tigern fressen, von Giftschlangen
und Scorpionen stechen, von Läusen peinigen lässt, wenn man kein
Mittel besitzt, sich ihnen auf friedlichem Wege zu entziehen,
stempelt aber die Tödtung eines dieser Thiere zu einem todeswürdigen
Verbrechen, durch das man allen sonst etwa erworbenen Anspruch auf
Heiligkeit wieder einbüsst. Die Absurdität dieser Folgerung zeigt die
Unhaltbarkeit des Princips, von dem sie richtig abgeleitet ist.

Der Kampf ums Dasein ist nicht minder ein Krieg aufs Messer, wo er ein
indirekter, d. h. Wettbewerb um die Mittel des Lebens ist; deshalb ist
es ebensosehr eine Existenzfrage für die Menschheit, dass sie das Wild
und die Schmarotzer des Feldes und Hauses (Mäuse, Ratten, Ameisen) bis
zur Vernichtung bekämpft. Jedes Stück Nahrungsmittel, dessen sich ein
Thier bemächtigt, obwohl es zur Ernährung eines Menschen hätte dienen
können, verschlimmert die Situation der auf der Hungergrenze lebenden
Glieder der Menschheit; jedes Mitleid auf diesem Gebiet opfert einen
Menschen, um ein Thier zu retten, wenn sich auch der dabei geopferte
Mensch nicht mit dem Finger zeigen lässt. Aus diesem Gesichtspunkt ist
jeder Luxus in der Erhaltung überflüssiger Thiere mit Nahrungsmitteln,
die für Menschen hätten dienen können, ein Unrecht an der Menschheit;
dabei ist es gleichgültig, ob die betreffenden Nahrungsmittel den
Menschen direkt oder indirekt, d. h. durch Ernährung von nützlichen
Thieren hätten dienen können. Nicht als unnütz dürfen solche Thiere
gerechnet werden, welche der Belehrung (in zoologischen Gärten) oder
der Befriedigung von Gemüthsbedürfnissen dienen (Stubenhunde, -Katzen,
-Vögel etc.); noch weniger sind es die Thiere, welche dem Menschen
bei der Jagd, beim Kampf gegen Schmarotzer, bei der Bewachung seines
Eigenthums, bei seiner Ortsbewegung oder seinen sonstigen Arbeiten
Beistand leisten, oder welche zur Produktion von Nahrungsmitteln und
Bekleidungsstoffen gezüchtet werden. Aber auch solche Thierarten
müssen in ihrer Vermehrung so weit beschränkt werden, dass ihre
Zahl nicht über die zum Nutzen des Menschen erforderliche Grösse
hinauswächst, weil der Ueberschuss zu den überflüssigen Verzehrern von
Nahrungsmitteln gehören würde.

Der Kampf gegen die schädlichen und unnützen Thierarten so wie
derjenige gegen eine schädliche Vermehrung der relativ nützlichen
Thierarten ist eine Pflicht des Menschen gegen die Menschheit; da die
Menschheit höhere sittliche und Kulturaufgaben zu lösen hat als das
Thierreich, so steht auch die Pflicht gegen die Menschheit der Pflicht
gegen die Thiere voran, und die mitleidige Gutmüthigkeit, welche sich
im gegebenen Falle nicht zur Tödtung der Thiere entschliessen kann, ist
ebenso unsittlich wie die Weichherzigkeit eines Familienvaters, der
seinen Kindern das Brod wegnimmt, um es dem an seiner Thüre bettelnden
arbeitsscheuen Landstreicher zu reichen, oder wie die Empfindsamkeit
einer alten Jungfer, die ihren fetten Mops mit Braten und Zuckerbrod
füttert, während ihre Dienstboten sich mit Kochfleisch und Schwarzbrod
begnügen müssen.

Jede Gattung im Naturhaushalt braucht einen Regulator, der ihr
Ueberwuchern verhindert; einer der wichtigsten dieser Regulatoren
ist der Mensch und seine bezüglichen Pflichten im Naturhaushalt
sind um so ausgedehnter und dringlicher geworden, je mehr er die
übrigen Regulatoren (die Raubthiere) von der Erde verdrängt hat. Wenn
er jetzt, wo er in Kulturländern für die meisten Arten grösserer
pflanzenfressender und allesfressender Thiere sich zum einzigen
Regulator gemacht hat, sich durch mitleidige Regungen abhalten lässt,
seines Amtes zu walten, so verletzt er nicht nur seine Pflichten gegen
die Menschheit sondern auch seine Pflichten gegen die gesetzmässige
Ordnung des irdischen Naturhaushaltes und die Erhaltung ihres
Gleichgewichts. Ueberall wo es an regulirenden Raubthieren fehlt,
führt solche Sentimentalität sich sehr bald praktisch ad absurdum, wie
die Frösche der Abderiten beweisen, oder die 49 Katzen, welche der
gemüthvolle junge Dichter ein Jahr nach seinem Verbot der Tödtung des
ersten Wurfes besass. So gelangt die Sentimentalität gegen die Thiere
gar leicht dazu, sich lächerlich zu machen, nämlich überall da, wo zwar
ihre absurden Konsequenzen in die Anschauung fallen, wo aber nicht ihre
indirekte Schädlichkeit und principielle Unsittlichkeit zum Bewusstsein
kommt (deren Ernsthaftigkeit den komischen Eindruck der ersteren
verhindern würde).

Die empfindsame Weichherzigkeit ist in sittlicher Hinsicht eine höchst
bedenkliche Eigenschaft[5], und man darf sich darum auch nicht wundern,
wenn man diesen ihren bedenklichen Charakter auch in ihrem Einfluss auf
unsre Verhältnisse zu den Thieren bestätigt findet. Ueberall wo man
einem Menschen begegnet, der sich durch übermässige Zärtlichkeit und
ostentative Weichherzigkeit gegen Thiere auszeichnet, ist der Verdacht
gerechtfertigt, dass man es mit einem Individuum zu thun habe, welches
für seinen Mitmenschen nicht viel übrig hat und welches die aus seiner
mangelhaften Pflichterfüllung gegen letztere auf seinen Charakter zu
ziehenden Schlussfolgerungen durch ein Uebermaass von Rücksichtnahme
und Wohlthätigkeit gegen die Thiere vor sich selbst, oder auch nur
vor Andern, zu entkräften sucht. Oft ist es nur das instinktive
Streben nach einer Herstellung des sittlichen Gleichgewichts, was
die zu wenig Gerechtigkeit in sich fühlenden Menschen dahin drängt,
ein übertriebenes Gewicht auf ihr „gutes Herz“ zu legen; oft ist es
geradezu die Lieblosigkeit des angeborenen Charakters, welche zum
Gegengewicht gegen den unklar gefühlten Mangel, zu einer gewaltsamen
Pflege des Mitleids und der Barmherzigkeit führt; nicht selten aber
ist es gradezu der Menschenhass und die Missachtung des eignen
Geschlechts, welche gleichsam eine gewaltsame Zusammendrängung aller
verfügbaren Gefühlswärme in das Verhältniss zu den Thieren zur Folge
hat. Die versauerte alte Jungfer, der verbitterte Misanthrop, der
Menschenverächter auf dem Throne, der kalt-grausame Ketzerrichter,
der blutdürstige Revolutionsheld, das sind die Typen, bei denen die
Ueberzärtlichkeit für die Thiere ihren Gipfel zu erreichen pflegt.

Wer sein Verhältniss zu den Thieren aus dem Gesichtspunkt der
Gerechtigkeit regelt, der wird auch dann die Inferiorität des Thieres
niemals vergessen, wenn er mit einem bestimmten thierischen Individuum
in ein engeres Freundschaftsverhältniss tritt; nur ein solcher wird
fähig sein, dem Thiere die grösste Wohlthat angedeihen zu lassen,
welche der Mensch ihm erweisen kann: die Erziehung, während das gute
Herz nur zu verziehen, d. h. zu verderben versteht. Wer sich zu den
Thieren nicht hingezogen fühlt und sich damit begnügt, ihnen kein
Unrecht zu thun, der kann darum doch das warmherzigste und wackerste
Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein; wer aber für die Thiere
eine empfindsame Ueberzärtlichkeit entwickelt, dessen Charakter möge
man nicht minder mit Misstrauen begegnen wie einem, der sie zu seinem
Vergnügen martert. Freilich können auch traurige Erfahrungen und
unverschuldetes Unglück den Menschen zur Vereinsamung geführt haben,
und einem solchen wird man es gerne gönnen, wenn sein verödetes Herz
die letzte Zuflucht zu der Thierwelt nimmt; aber in der Regel liegt der
gemüthlichen Vereinsamung eine Schuld zu Grunde, eine Missachtung und
Nichterfüllung der Ansprüche, welche die menschliche Gesellschaft an
jedes ihrer Glieder zu stellen berechtigt ist.

Die vorstehenden Bemerkungen dürften genügen zum Erweise, dass das
Mitleid kein brauchbares Princip zur Feststellung der ethischen
Grenzlinie des Verhaltens gegen die Thiere ist, dass vielmehr diese
Grenzlinie nur durch die Gerechtigkeit gezogen werden kann, welche
dem Thiere giebt, was des Thieres ist, aber auch dem Menschen giebt,
was des Menschen ist, und welche die Pflichten gegen die Menschheit
und den Naturhaushalt der Erde als die höheren im Vergleich mit den
Pflichten gegen die Thiere anerkennt. Wir alle ohne Ausnahme sind nicht
nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, den Kampf ums Dasein der
Menschheit gegen die Thierwelt mitzukämpfen, also die schädlichen und
unnützen Mitbewerber um die irdischen Bedingungen des Lebens zu tödten;
wir sind aber ebenso verpflichtet, bei diesem Kampfe jede unnütze Härte
und Grausamkeit zu vermeiden. Das nämliche gilt für unsre Benutzung
der Thiere zur Förderung der menschlichen Kulturzwecke, sowohl was
die Verwendung thierischer Arbeitskraft, also auch was die Förderung
der Wissenschaft und Heilkunst durch Anstellung von Experimenten
anbetrifft.

Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rang als exakte Wissenschaft
wesentlich durch die experimentelle Grundlage ihres induktiven
Verfahrens gewonnen, und kann das Experiment nicht aufgeben, ohne
vom Range einer exakten Wissenschaft wieder herunter zu steigen. Nun
können Experimente über physiologische und pathologische Processe nur
an lebenden Körpern gewonnen werden, und jeder Arzt muss fortwährend
an seinen Patienten experimentiren. Jedes neue Heilmittel, jedes
neue Gift, jeder neu entdeckte chemische Stoff muss auf seine
physiologische Wirkung am lebenden Körper experimentell geprüft werden,
jede neue kühne chirurgische Operation muss ein Mal zum ersten Mal
an einem lebenden Organismus versucht werden. Die Erforschung der
Krankheitsursachen, insbesondere der organischen Krankheitsträger kann
nur durch ausgedehnte Impfversuche mit den Züchtigungsergebnissen der
Reinkulturen fortschreiten; die Ergründung der Funktionen verschiedener
Theile des centralen Nervensystems kann nur durch experimentelle
Eingriffe in den normalen Lebensprocess gefördert werden. Oft genug
schon hat die Begeisterung für den Fortschritt der Wissenschaft junge
Aerzte dahin geführt, an sich selbst solche Versuche anzustellen, die
manchmal mit dem Leben bezahlt wurden; den Steinschnitt verdanken
wir einem französischen Arzte, der vom König die Erlaubniss erhielt,
einen zum Tode verurtheilten, steinleidenden Verbrecher zum ersten
Versuchsobjekt zu nehmen.

Solche physiologischen Versuche können für ihre Objekte mit gar
keinen oder geringfügigen Unbequemlichkeiten verbunden sein (wie
z. B. manche Fütterungsversuche); sie können äusserst lästig sein,
ohne dass irgend ein Eingriff in den Organismus stattfindet (z. B.
die dauernde Einsperrung in eine enge Glasglocke zur Bestimmung der
Ausathmungsgase); sie können endlich schweres Siechthum und mehr
oder minder sichern Tod herbeiführen (wie z. B. die Impfungsversuche
mit Krankheitsträgern, oder die quantitative Feststellung der
Giftwirkungen). Wer irgend mit der modernen Physiologie, Pathologie und
Medicin vertraut ist, der weiss, dass die Zukunft dieser Wissenschaften
ganz und gar von einer rationellen Fortführung solcher Versuche, und
zwar im ausgedehntesten Maassstabe abhängt; wer einer andern Ansicht
huldigt, befindet sich im Widerspruch mit der erdrückenden Mehrheit
der Vertreter jener Fächer. Selbst dann, wenn die entgegengesetzte
Ansicht, dass alle Thierversuche überflüssig und nutzlos für die
Wissenschaft seien, im Rechte wäre, und selbst dann, wenn es gelänge,
die gesetzgeberischen Konsequenzen dieser Ansicht zu ziehen, d. h.
alle Thierversuche zu verbieten, würde doch dieses Verbot wirkungslos
sein; die Forscher, welche oft genug muthig genug sind, an sich selbst
gewagte Versuche anzustellen, würden heimlich die Thierversuche um
so eifriger fortsetzen, als ihnen eventuell von Seiten einer nach
ihrer Meinung unvernünftigen Gesetzgebung das Martyrium zu Ehren der
Wissenschaft in Aussicht stände.

Anstatt den alten Grundsatz „fiat experimentum in corpore vili“
der Thierwelt gegenüber ausser Kraft setzen zu wollen, sollte man
vielmehr ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht rathsam und
geboten sei, Verbrecher als corpora vilia zu benutzen; d. h. den zur
Todesstrafe Verurtheilten freizustellen, ob sie statt der Hinrichtung
ein lebensgefährliches Experiment an sich vornehmen lassen wollen,
und den zu geringeren Strafen Verurtheilten anheimzugeben, ob sie
ihre Strafe durch Preisgebung zu mehr oder weniger schmerzhaften
und quälenden Versuchen abbüssen wollen. Die Wissenschaft und die
Gefängnissverwaltungen würden davon gleichmässig Vortheil, das Recht
und das Publikum keinen Nachtheil haben, und den Verbrechern würde
nichts geschehen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Ein solches Gesetz
würde mit einem Schlage alle sentimentalen Klagen über ungerechte
Behandlung der Thiere durch die Naturforscher gegenstandlos machen,
indem sie dem Thierversuch den Menschenversuch anreihte; denn wenn man
den Thieren nichts anthun dürfte, wozu man nicht ihre Zustimmung vorher
eingeholt hätte, so dürfte man sie auch nicht gegen ihren Willen tödten
oder zu Arbeiten anhalten.

Dass keine Gesetzgebung im Stande ist, Missbräuche zu verhüten,
liegt ebenso auf der Hand, wie dass eine Sache um so mehr dem
Missbrauch ausgesetzt ist, je edler und je wichtiger sie ist. Die
beste und wirksamste Vorkehrung gegen missbräuchliche Behandlung
der Thierversuche liegt in einer sorgfältigen Unterweisung der
Studierenden über die zweckmässige technische Anstellung derselben,
über ihre Leistungsfähigkeit und Tragweite; das gesetzliche Verbot,
die Thierversuche in die Lehrvorträge aufzunehmen, würde nur die
entgegengesetzte Wirkung haben, d. h. der unverständigen und
ungeschickten Pfuscherei auf diesem Gebiete Vorschub leisten. Die
inhaltliche Erwägung, ob der eventuelle Nutzen bestimmter Versuche
wichtig genug ist, um die den Versuchsthieren zugefügten Leiden
zu rechtfertigen, liegt selbstverständlich ganz ausserhalb der
gesetzgeberischen und richterlichen Zuständigkeit und kann nur durch
Sachverständige festgestellt werden, d. h. sie muss letzten Endes doch
dem Takt und Gewissen der in ihren Fachkreisen tonangebenden Forscher
anheimgestellt bleiben. Die öffentliche Meinung hat die Aufgabe,
durch ihre Stimme das Gewissen der Forscher in dieser Richtung zu
schärfen und ihren Takt zu verfeinern; sie kann aber diese Aufgabe
nicht schlechter erfüllen, als wenn sie das Kind mit dem Bade
ausschüttet und durch ihren Unverstand die Forscher an den Gedanken
gewöhnt, dass sie sich um die jedenfalls unmögliche Zufriedenstellung
einer irregeleiteten öffentlichen Meinung überhaupt nicht mehr zu
bekümmern brauchen. Das jetzt so beliebte Schlagwort „Vivisektion“
benutzt das Grauen der meisten Laien vor dem chirurgischen Messer
und dem fliessenden Blut als Schreckgespenst zur Verwirrung der
Urtheilsfähigkeit; nur der kleinste Theil der Thierversuche bedient
sich chirurgischer Eingriffe, und diese brauchen gar nicht besonders
schmerzhaft zu sein und sind mindestens durchschnittlich nicht
diejenigen unter den Thierversuchen, welche mit den schwersten Leiden
für die Objekte verknüpft sind.

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Was sollen wir essen?

In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich
von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät
stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als
es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen
Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe,
rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer
religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem
Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig
genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.

Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen
zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen
Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung
unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise
auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des
Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen
von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine
bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost
angewiesenen katzenartigen Raubthieren. Das menschliche Gebiss
ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen
und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur
den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein
Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des
Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin,
dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen
Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren
zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass
die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb
verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den
schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger
zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen
zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der
Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt
auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung
zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach
pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.

Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich
bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung
und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer
Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist,
wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher
Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei
vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst
bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt;
in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung
erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige
Assimilation aus vegetabilischer Kost zu vollziehen. Der äquatorialen
Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von
Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren
Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von
höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran
etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in
gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier
nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer
Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder
der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen.
Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des
Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive
Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung
hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem
gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein
Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.

Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als
zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter,
Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen.
Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem
stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche
und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr
schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren
„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch
ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es
scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die
durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich
durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben.
Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein
beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich
war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf
reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person
als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird
doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des
Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen
empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden
je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen
des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz
ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche
weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie
gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen
des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch
physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage
können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft
perverse Instinkte sein.

Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in
gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit
der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, d. h. so, dass der
grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der
kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.

Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern
der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt,
wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus
erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren
Thieren überkam, auf den achten Theil rohen Fleisches berechnet ist,
der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den
Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht
der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn
die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.

Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-,
noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den
Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht
der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich
der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte
Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und
Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den
Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“,
als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu
sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so
wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im
Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt
geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen
Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er +das+
Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu
proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss
er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein
widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt
sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache,
dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle
Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man
sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im
Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen,
aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem
Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so
ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche
nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die
Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder
auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der
Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten
für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit
des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf
einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis
jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die
menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des
Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht
zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls
diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der
seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen.
Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die
menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft
sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch
durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns
bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst
deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den
naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.

Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung
+rationeller+ sei, d. h. dem Menschen mehr Vortheile oder weniger
Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten
liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige zu
halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur
im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den
Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen
bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb
kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals
das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste
Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits
etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer
Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und
steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen
Bedürfnissen modelt.

Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im
Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache
als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen,
dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten
Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger
gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost
unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt,
dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand
befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung
des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist,
sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen,
weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in
Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch
die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze
der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei
manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und
dass in solchen Fällen die Betreffenden den Uebergang zur reinen
Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene
Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger
weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass
in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten
Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der
durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der
Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse
Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche
Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so
ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das
demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren,
so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei
überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die
vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in
naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung
von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden u. s. w.) gesucht werden, welche
mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen
sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden
zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung
zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter
völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa
eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe,
gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der
Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines
Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses
Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der
Betreffende eine hinreichend gute Verdauung hat, um erheblich mehr
essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der
richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen
Pflanzenkost lag.

Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie
diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine
Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über
diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die
Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen,
dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich,
die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung
der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer
an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die
Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese.

Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische
Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es
ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen
Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr
durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische
Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass
der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten
Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung
der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen
Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin,
dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen
chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei
der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere
Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional
der bei normaler Verdauung assimilirbaren Quote desselben +abzüglich+
desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent der bei der
Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom Organismus
vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der Verdauung
wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen gleiche
Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter, der
anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer
Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; d. h. die
Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je
weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch
übrig und verfügbar hat.

Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen
Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen
Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische
Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die
Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen
Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht
ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten
der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil
schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens
mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit
Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und
benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches
Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich
geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für
einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich
als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost
sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch
schwerverdaulicher als diese, so dass die vegetarianische Behauptung,
dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht
widerspricht.

Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut
gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann,
ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von
ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den
Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber,
die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe
Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide
ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt
und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh
Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische
Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich
beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der
Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders
auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man
jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die
Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter,
Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck
ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie
gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel
gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben,
und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem
Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass
ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit
„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos
ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch von
Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen
ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen
Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden
Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker
stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an
Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer
sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als
gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das
Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken,
so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel
hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich
bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln
war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er
gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die
gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des
Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises,
dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als
die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden
Theilen als missglückt gelten.

Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf
den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell
sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem
Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat,
dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer,
dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen
und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der
ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass
nichts so sehr den Neid der Armen erregt, als die Fleischtöpfe der
Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, d. h. dass die sociale
Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies
spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe
die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht
nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch
wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu
Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern
sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits
würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus
diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es
nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende
Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn
der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen
und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem
Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“
ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der
Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der
vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel
in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst
eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe.

Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in
einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht
bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht
wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne
Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles
Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker
werden, von dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren
müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich
einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es
heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint,
dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter,
unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen,
unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz,
passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und
dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben
(Somnambulismus u. dergl.) sind, welche durch dieselben begünstigt
werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens,
wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag
Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen
an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte,
insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt.
Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk
auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet
auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse
Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über
die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche
religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch
mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in
sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen
realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben
der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen
Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus
befangen sind.

Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie
naturgemäss; sie ist vielmehr ebenso kulturwidrig wie naturwidrig.
Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus
durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine
angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas
zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist;
wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman,
wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität
ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht
der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und
könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung
anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur
auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt
aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein,
welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt
wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und
Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein
Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die
Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses
inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung
jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die
Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als
solchen bekämpft.

Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus
Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen
und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist
aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine
zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische
Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost
die allein naturgemässe und rationelle Diät ist, richtig, so müsste
die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von
lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell
sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des
Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit
verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen
herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst,
dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder
vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die
näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere
Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem
ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da
die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger
schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren
Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten
und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen
diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht
von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen
seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist
inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter
dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom
Vegetarianismus unterscheiden.

Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten
Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, d. h. dem Kannibalismus,
gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens
zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil
es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche
Volksmeinung, dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht
ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein
Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere
Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber
nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das
Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich
zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese
Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen
Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den
übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den
übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven
Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus
letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen
denen man zu wählen hat.

Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und
anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber
zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen
Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, d.
h. lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime
und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch
Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind,
und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht
mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon
abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche
Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen
Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen
beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen
Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes
Thier frisst ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen
(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren
von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das
Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob
die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder
Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des
Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen
Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an
und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns
durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs
vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht
schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene
Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite
der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der
Inhumanität des Fleischgenusses zu reden.

Dass die Jagd ein inhumanes Handwerk ist, kann gar nicht bestritten
werden; denn ihre Art, zu tödten, ist bei Treibjagden grausam,
immer unsicher und oft qualvoll für verwundetes und entkommenes
Wild. Die Jagd ist aber in den Kulturländern ohnehin auf den
Aussterbeetat gesetzt, und auch bei uns, wo der Grundadel sie noch
künstlich als Ueberbleibsel aus roheren Zeiten kultivirt, ist doch
der Procentsatz des gejagten Wildes ein sehr kleiner unter allem
getödteten Vieh. Dass auch das Schlächterhandwerk noch nicht auf der
Höhe unserer heutigen Humanitätsanforderungen steht und in dieser
Richtung verbesserungsbedürftig ist, kann man ebenso zugeben und
nur wünschen, dass der Vegetarianismus an diesen beiden Punkten die
berechtigten Thierschutzbestrebungen unterstütze. Der Einwurf, dass das
Schlächterhandwerk verroht, fällt weg, wenn nur noch mit zweckmässigen
Schlachtmasken geschlachtet, und eventuell das Eintreiben des Stiftes
von einer durch blossen Fingerdruck auszulösenden mechanischen Kraft
bewirkt wird; zu entbehren ist jedes Schlächterhandwerk auch dann
nicht, wenn man das Fleisch der getödteten Thiere wegwirft, so lange
überhaupt noch Zuchtvieh gehalten wird. Wenn man nun annähme, dass
nur Zuchtvieh zur Verzehrung gelangte, das auf rationelle Weise
geschlachtet wäre, so könnte eine Inhumanität nicht mehr zugegeben
werden. Sterben müsste ja jedes Schlachtthier doch einmal, und wenn
der Mensch ihm einen Tod bereitet, der schneller und schmerzloser
als der natürliche ist, so ist das eher eine positive Humanität zu
nennen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichteten und statt dessen
Milch und deren Ableitungsprodukte genössen, so würde man mindestens
ebensoviel Vieh wie jetzt züchten müssen, müsste aber, falls man das
Schlachten für inhuman hielte, für die nicht mehr milchenden Kühe
Alterversorgungsanstalten und für alle männlichen Kälber Asyle anlegen,
in denen sie bis zu ihrem natürlichen Tode zwecklos verpflegt würden.
Wenn dagegen alle Menschen zur reinen Pflanzenkost übergingen, so würde
gar kein Vieh mehr gezüchtet werden; nach der üblichen optimistischen
Auffassung muss es aber ein positiver Gewinn für die Lustbilance der
Welt sein, dass der Mensch im allgemeinen Kampf ums Dasein Thieren das
Leben gönnt, die sich bis zu ihrem schnellen schmerzlosen Tode des
Lebens freuen können, und selbst vom pessimistischen Standpunkt aus
würde man einen Menschheitsbeschluss, die Hausthierrassen gänzlich
auszurotten, mindestens nicht seiner Humanität wegen rühmen können.
Wenn man übrigens ohne Milchkühe nicht auskommt und vernünftigerweise
die ausgedienten Milchkühe und die männlichen Kälber nicht zwecklos
weiter füttern kann, sondern schlechterdings tödten muss, so ist
nicht abzusehen, warum man deren Fleisch fortwerfen soll, statt es zu
verzehren. Solange man ferner noch Wollschafe hält, gilt das nämliche
für den zu reichlichen Nachwuchs der Schafherden. Damit ist aber ein
Zustand als human und vernünftig anerkannt, der ganz mit dem heute
bestehenden zusammenfällt, und das Princip des Mitleids hat damit
jedes auch nur scheinbare Recht zum Mitsprechen in der Ernährungsfrage
eingebüsst.

Der Versuch, die Inhumanität des Fleischgenusses mit objektiven
Gründen nachzuweisen, ist hiernach als gescheitert zu betrachten und
es bleibt dem Vegetarianismus nur die letzte Zuflucht offen, sich auf
das Gefühl zu berufen. Wenn jemand erklärt, es sei gegen sein Gefühl,
das Fleisch von einem Thier zu essen, nicht nur von einem solchen, das
er lebend geliebt oder doch lebend gekannt oder gar selbst getödtet
hat, sondern auch von einem solchen, das er nicht gekannt hat und das
von einem anderen getödtet ist, so ist darüber nicht zu streiten,
und man kann jedem seine Gefühle und die Berücksichtigung derselben
gönnen, so lange er dadurch anderen nicht unbequem, also namentlich
gegen anders Fühlende nicht intolerant und agressiv wird. Niemand
wird einem Tischnachbarn Braten aufdrängen, wenn derselbe erklärt,
der Fleischgenuss widerstrebe seinem Gefühl; wenn mir aber mein
vegetarianischer Nachbar vorwirft, mein Fleischessen sei inhumaner,
barbarischer Kannibalismus, so weise ich ihn mit der Entgegnung zurück,
sein vegetarianisches Gefühl sei eine verschrobene, zimperliche
Sentimentalität ohne objektive Begründung.

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